In meinem Job läuft auch mal etwas schief. Manchmal läuft auch zweimal etwas schief. Dreimal, das ist dann schon eher selten der Fall. Doch genau einen dieser seltenen Tage erlebte ich kürzlich. Wer wissen möchte, wie es innert weniger Minuten zu einem verzweifelten Elvetino-Angestellten mit einer Küche im Abstellfeld, einer mindestens so verzweifelten Reisenden mitten in einem Berg von Gratiszeitungen und einer jungen Dame unter dem Zug kommen konnte, der liest jetzt weiter. ;-)

Bild © (cc) Dom Dada (flickr.com)
Und plötzlich fährt die Küche davon…
Von Zürich her kommt eine Zugkomposition bestehend aus zwei ICN in Chur an. Es ist ein schöner Dienstagmorgen, die Sonne scheint, in den Bergen liegt viel Schnee und so strömen die Wintersportler nur so aus dem angekommenen Zug.
- Grüezi! Nach St. Moritz? Gleich hier nebenan auf Gleis 10.
- Guten Tag! Der Bus in die Lenzerheide? Da oben auf dem Postautodeck.
- Good morning! For Ilanz? On platform eleven.
- Hallo! Nach Arosa? Ab Gleis Zwo beim Bahnhofplatz.
- Ja? Einen Bancomat? Unten in der Unterführung.
Irgendwann legt sich der Ansturm und ich bespreche mit dem Zugchef die Einteilung für die Kontrolle, als sich der Elvetino-Mitarbeiter zu uns gesellt. Wir plaudern ein wenig, als er plötzlich einen spitzen Schrei ausstösst. Der Grund: Die vordere ICN-Einheit fährt davon.
Ich und der Zugchef haben das erwartet, schliesslich steht in unseren Unterlagen, dass diese Einheit in Chur weggestellt wird und im Abstellfeld auf einen Einsatz am Abend wartet. Doch anscheinend hat die Elvetino ihren Mitarbeiter darüber nicht in Kenntnis gesetzt, beziehungsweise er hat sich nicht genügend informiert.
Das Problem: Er hat alle seine Unterlagen und das gesamte Geld in der ICN-Einheit, deren Schlusslichter wir gerade noch erkennen können, bevor sie aus unserem Blickfeld verschwindet.
Die Panik ist in seinen Augen sichtbar. “Was soll ich jetzt tun? Was soll ich jetzt tun?!” Wir können ihm nicht weiterhelfen. Weder wissen wir, wo genau die Einheit abgestellt wird, noch, wie er am schnellsten dorthin gelangt. Deshalb verweisen wir ihn an die Aufsicht der Betriebsführung.
Wenn die Nadel ein Billett ist und der Heuhaufen ein Sack voller Gratiszeitungen…
Nur wenige Minuten, nachdem der Elvetino-Mitarbeiter von dannen gezogen ist, um zu seiner Küche zu gelangen, springt eine ältere, gut ernährte deutsche Reisende aus dem Zug, welcher bald nach Zürich und Basel fahren wird.
“Mein Fahrschein! Hilfe, Sie Herr Schaffner, hören Sie, mein Fahrschein ist weg! Können Sie mir sagen, wo mein Fahrschein ist bitte!”
Ich verstehe nur Bahnhof. “Ähm, grüezi. Haben Sie ihr Billett verloren?”
“Ja wo denken Sie denn hin, Herr Schaffner! Ich war doch nur auf der Toilette! Und als ich zurück kam, da war alles weg!”
Das hört sich für mich nach einem Diebstahl an. “Wollen Sie damit sagen, Sie wurden beklaut als Sie auf der Toilette waren? Was ist denn alles weg gekommen?”
“Ach was beklaut! Die Zeitungen sind weggekommen, die Zeitungen!”
“Jemand hat sich Ihre Zeitung genommen? Was für eine Zeitung? Und was hat das mit dem Ticket zu tun?”
“Jetzt hören ’se mal: Ich sass da, fing an die Zeitung zu lesen, so eine Schweizer 20er-Zeitung, und legte den Fahrschein bereit. Dann musste ich auf die Toilette. Also legte ich den Fahrschein als Lesezeichen in die Zeitung. Legte die Zeitung fein säuberlich auf das Tischchen und ging zur Toilette. Als ich zurück kam, waren die Zeitung weg. Und mit ihr alle anderen Zeitungen im Wagen. Und damit auch mein Ticket.”
“Sch….ön. Nun gut, vermutlich haben die Wagenreiniger die Zeitung eingesammelt. Aber die hätten ihr Ticket eigentlich sehen müssen, wenn Sie es als Lesezeichen benutzten… Sie haben doch Ihren Fahrschein so in die Zeitung gelegt, dass er ein wenig aus der Zeitung herausragt, oder??”
“Ehrlich gesagt nicht… Ich dachte, dann wird er wo möglich noch geklaut…”
“Kommen Sie mit. Wir suchen jetzt die Wagenreiniger und schauen dann nach Ihrem Fahrschein.”
Zusammen gehen wir also nach vorne, wo wir die beiden Wagenreiniger gleich abpassen, als diese den Zug verlassen. Ich erkläre ihnen die Situation und so kommt es, wie es kommen musste. Wir leeren den gesamten Inhalt der beiden Abfallsäcke auf dem Perron in Chur aus…
Die Kundin sprach von einer “Schweizer 20er-Zeitung”, also muss es wohl die “20 Minuten” gewesen sein. Und von der hat es viele. SEHR viele.
Zu viert stehen wir nun also rund um einen Haufen Zeitungen und durchwühlen alle Exemplare der Tamedia-Gratiszeitung. Irgendwann kommt dann nebenan auch der Zug aus St. Moritz an. Einige Touristen schauen uns mit einer Mischung aus Erstaunen und Belustigung an. Die werden sich wohl denken: “Jaja, die Schweizer. Die sind schon ein komisches Völkchen…” ;-)
Und was wir alle nicht für möglich hielten, das geschah nun wenige Minuten später: Einer der Railclean-Mitarbeiter hält das Billett in die Höhe wie ein Fussballspieler nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft. Wir haben die Nadel im Heuhaufen gefunden. Beziehungsweise das Billett im Zeitungshaufen.
Und dann lag sie unter dem Zug…
Es bleiben uns noch etwa zwei Minuten bis zur Abfahrt, als eine junge Dame in rieeesigen Highheels auf das Perron stürmt. Sie hat es eilig, das sieht man. “Hey Mädel, nur die Ruhe, haste ja noch Zeit”, denke ich mir noch, doch dann geschieht es: Beim Einsteigen macht sie einen falschen Tritt und verliert ihren rechten Schuh. Der liegt nun auf dem Gleisbett unter dem Zug. Ich gehe strammen Schrittes in ihre Richtung, um ihr den Schuh wieder hervor zu holen. Doch entweder sieht sie mich nicht oder sie will nicht warten. Denn soeben steigt sie selbst unter den Zug. Mutig, mit einem Stöckelschuh am linken Fuss. Und brandgefährlich! Auch ohne Stöckelschuhe.
Es dauert nur etwa 10 Sekunden, bis ich bei ihr bin. Den Schuh hat sie inzwischen wieder, doch ihr schönes Kleid hat ein wenig gelitten. Begeistert schaut sie nicht aus. “Scheiss Treppe!”, ruft sie aus. “Steht da nicht normalerweise ein Doppelstöcker?”, will sie nun von mir wissen.
Tatsächlich war es in der letzten Fahrplanperiode so, dass die meisten Direktverbindungen Chur – Landquart – Sargans – Zürich – Basel mit Doppelstöckern geführt wurden. Seit Dezember aber ist das ein wenig anders. Jetzt sind nicht mehr alle Züge so Highheels-freundlich.
Viel zu tun…
Die drei Personen hielten mich ganz schön auf Trab. Und das in nicht mal ganz 20 Minuten. Langeweile kommt bei diesem Job definitiv selten auf. :)
Was schlussendlich bleibt:
- Ein Elvetino-Mitarbeiter ohne Geld und Unterlagen (die Zeit reichte nicht mehr, um die Sachen zu holen)
- Eine glückliche Dame, die ihr Billett garantiert nie mehr in eine Zeitung stecken wird
- Eine junge Dame, die wohl in Zukunft mehr Zeit einplanen wird, wenn sie mit Stöckelschuhen auf den Zug muss
- Und ein Kondukteur, der mal wieder etwas zu erzählen hat ;-)