Die Welt verändert sich. Sie ist nicht mehr so friedlich, wie früher. Es gibt immer wieder Tätlichkeiten gegenüber Zugbegleitern. Deshalb trifft man in den Zügen ab und zu auf Sicherheitskräfte. Diesen Dienst will der ZVV nun ausbauen.

(Foto: SBB)
Ich bin im Depot Chur stationiert. Deshalb habe ich das Glück, nicht ganz so oft mit gewalttätigen Fahrgästen konfrontiert zu werden wie zum Beispiel meine Zürcher Kolleginnen und Kollegen. Aber auch mir sind diese schwierigen Fahrgäste nicht unbekannt.
Sturheit und Gewalt
Fahrgäste, die nicht oder nicht sofort bezahlen wollen, sind das eine. Manchmal führe ich Diskussionen, die sehr lange dauern, bis ich jemanden dann doch zum Zahlen überreden kann. Vor allem bei Menschen aus Kulturen, in denen man üblicherweise immer um Preise feilscht, merke ich es stark. Die wollen ihre Preise am liebsten selbst festlegen. “Für Zürich – Bern? Da bezahle ich maximal 8 Franken, mehr nicht!”
Diese sturen Fahrgäste sind das Eine. Völlig anders schaut es bei Reisenden aus, die zur Gewalt neigen. Die SBB rät uns, sich in solchen Situationen sofort zurück zu ziehen und den Schwarzfahrer gehen zu lassen. Gratis, versteht sich. Denn der Selbstschutz steht über allem und die SBB kostet es mehr, wenn ein Mitarbeiter für ein paar Tage krankheitsbedingt ausfällt, als wenn sie auf die Einnahmen eines Billettes verzichten muss.
Manche kennen ihre Rechte ganz gut…
Kürzlich hatte ich sogar einen Fahrgast, der weder in die eine, noch in die andere Kategorie fällt. Der sass da in einem Viererabteil und machte rasch klar, wie die Sache seiner Meinung nach ablaufen soll. Sinngemäss wurde ich in etwa so begrüsst:
“Grüezi Herr Kondukteur. Ich kenne meine Rechte und auch ihre. Sie dürfen mich weder anfassen noch dürfen sie mich nach einem Ausweis durchsuchen. Ich habe zwar Geld und einen Ausweis dabei, aber kein Billett. Brauche ich auch nicht. Denn ich fahre nur zwei Stationen weit. So rasch können Sie keine Polizei herbeirufen. Und sie dürfen mich nicht daran hindern, in Pfäffikon auszusteigen. Ich fahre also gratis; und sie können nichts dagegen machen. Es macht keinen Sinn, mit mir darüber zu diskutieren, gehen Sie einfach weiter und kontrollieren Sie die Fahrgäste, welche so dumm sind und ein Billett lösen. Auf Wiedersehen!”
Auf meinem Zug befanden sich an diesem Sonntagmorgen zwei Securitas-Mitarbeiter. Doch auch diese haben dürfen den Schwarzfahrer nicht wirklich anfassen, solange er nicht gewalttätig wird oder uns bedroht. Durchsuchen dürfen sie ihn auch nicht ohne sein Einverständnis. Das darf nur die Bahnpolizei / Transportpolizei. Diese dürften ihn übrigens auch bis zum Eintreffen der Kantons- oder Stadtpolizei vorübergehend festhalten. Doch die Securitas darf das nicht. Die ist nur dafür da, uns (das Zugpersonal) im Falle einer Tätlichkeit zu schützen. Die Securitas ist also sozusagen unser Personenschutz.
Und so mussten wir den gratis fahrenden Herrn aussteigen lassen. Auch dass wir zu dritt vor ihm standen, beeindruckte ihn nicht.
… Andere haben kaum Rechte
Tatsächlich ist es so, dass die SBB uns sehr wenige Rechte gibt. Wir müssen die Fahrgäste springen lassen, wenn sie nicht bezahlen. Festhalten dürfen wir sie nicht. Wir können immer nur darauf hoffen, dass die Leute freiwillig bezahlen oder dass wir rechtzeitig die Polizei auf dem Zug haben. Ab unserem Anruf dauert das aber meistens zwölf bis zwanzig Minuten. Leider.
(Sollte die Polizei aber rechtzeitig auf dem Zug sein und ich dadurch die Personalien des Schwarzfahrer doch noch feststellen können, wird es für ihn verdammt teuer. Und die Geschichte landet beim Rechtsdienst, was auch unangenehm sein kann. Es ist also günstiger, die Personalien freiwillig anzugeben. Und die meisten meiner Fahrgäste lassen sich mit dieser Argumentation von mir überzeugen.)
ZVV hat genug
Der Zürcher Verkehrsverbund ZVV ist sich dieses Problems bewusst. Und deshalb will der ZVV die Zugbegleitung ab Januar 2011 anders organisieren. Er schafft eine neue Sicherheitsorganisation für Bus und Bahn. Damit will er den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung tragen.
Das Zugpersonal habe nicht die notwendigen Kompetenzen, um die Billettkontrolle sinnvoll durchzuführen, sagt der ZVV. Mein oben stehendes Beispiel zeigt dies sehr deutlich. Und der ZVV kann uns nicht einfach entsprechende Kompetenzen verpassen; denn wir sind ja nicht beim ZVV, sondern bei der SBB angestellt…
“Es gibt Zugchefs oder Buschauffeure, die in solchen Situationen lieber auf Kontrollen verzichten, als es zu einer Eskalation kommen zu lassen.”
Franz Kagerbauer, Chef des ZVV, im Tagesanzeiger
Oder anders gesagt: Der ZVV ist unzufrieden mit der Billettkontrolle und hat gemerkt, dass die Mitarbeiter der SBB zu wenig Rechte haben. Deshalb müssen jetzt andere ran, die von ihrem Arbeitgeber besser “mit Rechten ausgestattet” sind: Private Sicherheitskräfte. Nicht auszuschliessen, dass sich das wieder ändert, wenn das SBB-Personal mehr zu sagen hat und nicht mehr einfach darauf hoffen muss, dass die Schwarzfahrer freiwillig zahlen oder freiwillig ihre Personalien angeben oder die Polizei rechtzeitig vor Ort ist.
Neu wird es im ZVV einen speziell ausgebildeten Sicherheitsdienst, Präventionsassistenten und entsprechendes Kontrollpersonal geben. Die bisherige durchgehende Zugbegleitung aller S-Bahn-Züge nach 21 Uhr wird dafür abgeschafft.
Im TagesAnzeiger beschreibt der ZVV die Änderungen an einem konkreten Beispiel:
Statt eine Zweierpatrouille in der leeren S 29 spätabends durchs Weinland rattern zu lassen, steigt die Patrouille in Winterthur aus. Dafür wird eine S 12 zwischen Zürich und Dietikon bei Bedarf von acht Sicherheitskräften kontrolliert.
TagesAnzeiger Online, 1. September 2010
In Zukunft werden nicht mehr einfach zwei, drei S-Bahn-Zugbegleiter die Kontrollen durchführen, sondern ein Team zusammengesetzt aus S-Bahn-Zugbegleitern, Sicherheitsleuten und je nach Situation auch Transportpolizei. Vorallem auf den problematischen Linien S3, S5, S9 und S12 dürfte es inskünftig zu schärferen Kontrollen kommen. Und so sieht das Sicherheitskonzept des ZVV in Zukunft aus:
- Transportpolizei: 85 ausgebildete Polizisten in blauen Uniformen mit gelbem Gilet, Handschellen, Schlagstock, Pfefferspray und der Kompetenz, Personen vorläufig festzunehmen.
- Sicherheitsdienst: 250 ausgebildete Securitas-Mitarbeiter in blauen Uniformen, die für Ruhe und Ordnung sorgen, aber unbewaffnet sind. Sie treten tagsüber in Zweier-, nachts in Vierer- oder Sechserpatrouillen auf.
- Ticketkontrolleure: 140 SBB-Angestellte, die zu viert oder zu acht stichprobenweise Tickets kontrollieren. Sie sind per Handy mit Transportpolizei und Sicherheitsdienst verbunden.
- Präventionsassistenten: 30 Angestellte der Transportpolizei in violetten Gilets suchen früh mit Gesprächen den Kontakt zu Problemgruppen.
Gemäss der Eisenbahnergewerkschaft SEV werden dadurch einige SBB-Mitarbeiter ihren bisherigen Job nicht mehr ausüben können. An ihre Stelle treten nun die oben beschriebenen Sicherheitskräfte. Die SBB ist aber darum bemüht, für diese Mitarbeiter entsprechende Lösungen zu suchen. Meine Vermutung: Sie kommen nach einer Weiterbildung zu uns Fernverkehrs-Zugbegleitern, was mich natürlich sehr freuen würde.
Mein Fazit
Ich finde es toll, dass der ZVV etwas für mehr Sicherheit auf den S-Bahnen unternimmt. Die Fahrgäste dürfen sich in Zukunft sicherer fühlen.
Gleichzeitig bedauere ich, dass dadurch einige Kolleginnen und Kollegen ihren bisherigen Arbeitsplatz verlieren und sich umorientieren müssen. Glücklicherweise hilft ihnen die SBB und verspricht, dass es zu keinen Entlassungen kommt. Die Mitarbeiter finden also innerhalb des Unternehmens eine andere Stelle.
Die Aufteilung in Transportpolizei, Sicherheitsdienst und Präventionsassistenten begrüsse ich. Für letztere durfte die SBB ja in Zusammenhang mit dem Projekt RailFair sehr gute Erfahrungen machen.
Last but not least: Ich hoffe, dass die SBB uns in Zukunft die Möglichkeit geben wird, auch solche Leute dingfest zu machen, die “ihre Rechte ganz gut kennen”. Denn für mich als Zugbegleiter ist es ganz schön peinlich, wenn dann rund um diesen Fahrgast herum Leute sitzen, die für ihre Fahrt bezahlt haben.
(Gleichzeitig muss ich natürlich auch gestehen, dass solche Fahrgäste sehr, sehr selten vorkommen. Noch! Es betrifft vielleicht einen unter 10’000. Denn die meisten lassen sich durch gute “Argumente” und entsprechendes Auftreten zum Zahlen überreden.)
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