Kondukteur: Ein Dubeli-Job?
“Du, sag mal, wie schaut’s bei euch auf dem Lande eigentlich mit dem Ansehen der Kondukteure aus?”, fragte mich kürzlich ein Zugbegleiter aus Zürich. “Wie reagieren die Leute, wenn sie dich nach dem Beruf fragen?”
So begann dann eine ganz interessante Diskussion. Zuerst einmal: Dass man Chur gleichsetzt mit “bei euch auf dem Lande”, das finde ich eigentlich ganz schön frech! ;o) Aber lassen wir das mal beiseite, denn abgesehen von der Stadt ist ringsum wirklich viel ländliches Gebiet.
Meine Erfahrungen sind da ganz verschieden, habe ich ihm erklärt. Klar hört man hin und wieder Sätze wie “So äs bitzeli Billett knipse, das chan jedä Chindzgi-Gärtner.” Oder auch: “Wetsch du nöd mal än rechte Bruef mache? Häsch ja schliesslich au d’Bruefsmatura gmacht.”
Nun, das “bitzeli Billett knipse” macht nur rund die Hälfte unserer Arbeit aus. Natürlich müssen wir den Kunden auch betreffend Anschlüssen und mit Auskünften über das Bahnangebot zur Verfügung stehen. Überdurchschnittliche Geografie-Kenntnisse und ständige Weiterbildung über das Billettwesen (so sage ich der ganzen Geschichte rund um Billette, Abos, RailAway-Angebote und was die SBB sonst noch alles anbietet) sind da unabdingbar. Sprachen sind auch ganz schön wichtig. Von den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch muss man drei beherrschen. Da muss man dann auch entsprechende von der SBB anerkannte Sprachdiplome vorweisen können. (Ausnahme: Die Muttersprache)
Weiters gehört die ganze Zugsvorbereitung zu unseren Aufgaben. Die Züge werden über Nacht irgendwo abgestellt und am nächsten Morgen geht das Zugpersonal zum entsprechenden Abstellgleis, kontrolliert den Zug, die Bremsen, die Türen, erstellt die Bremsrechnung für den Lokführer, schaut, ob alles ordnungsgemäss gekuppelt ist und geht dann auch noch durch den Zug, um dort alles zu kontrollieren. (Licht, Toiletten, allfällige Schäden, Klima, sonstige Technik.) Bei internationalen Zügen kommt dann auch noch viel Papierkram hinzu, weil wir dort eine spezielle Liste schreiben und zu allen Waggons die Details notieren müssen: Länge, Wagennummer, Gewicht, Bremsgewicht, Plätze, technische Ausstattung (Notbremsüberbrückung, elektropneumatische Bremsen, etc…)
Der Job besteht also aus durchaus mehr als nur dem Billette kontrollieren und wird vermutlich schon von einigen Leuten unterschätzt.
Aber wie gesagt: Die Reaktionen sind erfahrungsgemäss ganz verschieden. Und deshalb antworte ich meistens, wenn ich im Ausgang oder einem anderen Ort nach meinem Job gefragt werde: “Ich habe bei der SBB das KV gemacht und arbeite seither bei der Bahn.” Mit einer schnellen Gegenfrage erspart man sich dann auch weiteres Nachhaken seitens des Gegenübers. :)
Viele Leute haben vom Beruf des Zugbegleiters ein völlig falsches Bild und das ist dann wohl auch der Grund, weshalb ich vorsichtig bin mit einem voreiligen Bekanntgeben meines Jobs.

Martin am 04.11.2008 um 14:52
Als SBB-Kunde kann ich die technischen Aspekte des Jobs nicht wirklich abschätzen; mir persönlich scheint im Kundenkontakt die grösste Herausforderung des Zugbegleiters zu liegen. Dieser gibt der SBB als grosses Unternehmen dem Kunden gegenüber ein Gesicht, und dafür, dass dieser Eindruck positiv ausfällt, braucht es wirklich noch viel mehr als das, was du eigentlich bereits in deinem Artikel geschrieben hast. Die Kunden kompetent, freundlich und herzlich (Keine gespielte Freundlichkeit) und effizient zu bedienen ist sicher eine grosse Herausforderung - der leider auch nicht ganz alle Zugbegleiter gewachsen sind.
Auch wichtig - sprachliches Können. Das ist wohl ein Punkt, zu dem ich wohl nicht nur positives sagen kann. Die Beherrschung der Englischen und Französischen Sprache durch die Zugbegleiter lässt mich immer wieder vor Peinlichkeit erschaudern. Neulich, im Zug von Bern nach Interlaken, war die gut gemeinte englische Ansage der Anschlusszüge in Interlaken derart unverständlich, dass ich die verwirrten Touristen (”Was that English?”) in meinem ICE-Abteil erstmal beruhigen musste. Dabei liegt es gar nicht unbeding nur am fehlenden Vokabular - die englischsprachigen Fahrgäste verstehen die Ansagen nicht, weil Aussprache häufig einfach schlecht ist. Gerade was englischsprachige Ansagen betrifft, ist die DB dabei weit besser.
Johannes Düring am 04.11.2008 um 17:59
Als deutscher nach 7 Jahren Schulenglisch kann ich aber über das meiste, was DB-Zubs so von sich geben (”Vor förser informaischns lissn to se laud spiiker informäischns on se platform - sänk juh for träwelling wiss Deutsche Bahn buud baih”) auch nur den Kopf schütteln… Zugegeben beschränkt sich meine Bahnfahr-Er-fahr-ung in der Schweiz auch auf eher wenige Regio-Fahrten im Grenzgebiet…
Grisu am 04.11.2008 um 19:59
Es gibt nichts nervigeres als die Englischen Zugsdurchsagen bei der DB. Die miesten Schweizer Kondukteure beherrschen diverse Fremdsprachen, wenn nicht geben sie sich aber Mühe, Englisch zu sprechen. Das schöne an den Schweizer Durchsagen: Sie fallen nie so lange aus wie die der DB.
Sandra-Lia am 04.11.2008 um 23:16
Ich würd den Beruf gern machen. Ich finds spannend. Allerdings muss ich mich darüber beschweren, dass man Raucher im Zug weniger hart Rannimmt, als jemand, der ohne Fahrausweis fährt.. Obwohl beide mindestens den gleichgrossen Schaden anrichten!
Andreas Hobi am 05.11.2008 um 00:39
@ Martin:
Ja, der Kundenkontakt steht natürlich im Fokus. Aber diesen Bereich unserer Arbeit sehen wohl die meisten Fahrgäste, deshalb habe ich ihn nicht erwähnt. Ich wollte in meinem Artikel mal die Dinge in den Vordergrund rücken, welche die Reisenden sonst nicht sehen. ;o)
@ Sandra-Lia:
Naja, 25 Stutz für eine Zigarette sind ja auch nicht ohne, oder? :)
Im Fernverkehr halten sich die Zuschläge fürs Fahren ohne Fahrausweis ja noch in Grenzen. Im Regionalverkehr ist es natürlich “leicht” teurer.
Sandra-Lia am 05.11.2008 um 11:42
Naja, letzens hat einer im Vorraum geraucht, und die Schaffnerin hat nix!!! gemacht! Da hab ich auch gedacht, jetzt sitz ich dann einfach mit nem 2kl. Ticket in die 1. Kl.
greezer am 10.11.2008 um 10:58
also deine Antwort ganz unten (KV bei der SBB und so) klingt irgendwie danach, als ob du dich schämen würdest *g*
Wobei dein Weblog ja dagegen spricht..
Du könntest ja - sofern genug Zeit vorhanden ist - denen mit der falschen Sichtweise, etwas von deinem Job erzählen (oder werbung fürs Blog machen) und diese Leute somit “korrigieren” ;)
just my 2cents
Andreas Hobi am 12.11.2008 um 13:50
@ Greezer:
Werbung für meinen Blog zu machen wäre ziemlich unklug, vorallem wenn dies während der Arbeitszeit geschehen würde. Es gibt da jemanden, der hierarchisch knapp über meinem Vorgesetzten steht und ziemlich allergisch auf mich reagiert. :)
Deshalb lasse ich das lieber sein oder warte zumindest, bis an dessen Person bessere Leute sitzen.