Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2011 kann man die Fernverkehrszüge der SBB nur noch benutzen, wenn man über ein gültiges Billett verfügt.
Genau so, wie man nicht einfach in ein Kino stürmen und ohne zu bezahlen an der Kasse vorbei rennen kann, um den Anfang des Films nicht zu verpassen, so kann man auch nicht mehr ohne gültiges Billett in einen Zug steigen, um den Zug nicht zu verpassen.
Sie herr kondukteur ich hab kein billet, ich bin einfach in diesen zug gestolpert. ..
— La Lena (@froelein_lena) Januar 23, 2012
Nicht alle Fahrgäste sind glücklich über diese Lösung.
Diejenigen Reisenden, welche schon bis anhin immer mit Billett reisten, profitieren. Denn nun müssen sie mit dem Billettkauf nicht auch noch die Schwarzfahrer mitfinanzieren.
Weniger glücklich über die Lösung sind jene, welche bisher darauf spekulierten, nicht kontrolliert zu werden und somit gratis durch die Schweiz fahren zu können.
Zwischen diesen beiden Extrempolen, die ich ein wenig überspitzt dargestellt habe, gibt es noch eine dritte Sorte an Fahrgästen.
Auch diese haben beim Einsteigen kein gültiges Billett, dafür aber mal mehr, mal weniger gute Gründe für diesen Umstand.
Und genau für diese Sorte Fahrgäste wurde dem Zugpersonal die Möglichkeit gegeben, in bestimmten, nachvollziehbaren Fällen Kulanz walten zu lassen.
Grundsätzlich ist dies eine super Sache! Denn ich hätte es schon ein wenig brutal gefunden, hätten wir Zugbegleiter einfach jeden, der ohne Billett einsteigt, gleich mit 90 Franken bestrafen müssen.
Nun gibt es aber 1’001 (wenn nicht mehr) Gründe, weshalb man ohne Billett reist. Unmöglich für die SBB, bei dieser Komplexität für jeden vorstellbaren Fall ihren Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern vorzuschreiben, welchen Fahrgast sie wie büssen und welche Reisende sie ohne Zuschlag fahren lassen sollen.
Deshalb gibt es einfach ein paar grundsätzliche Regeln und Beispiele von Situationen, die auftreten können, und wie wir diese Situationen beurteilen sollten. In einem obligatorischen Kurs im 2011 haben wir diese Beispiele behandelt.
So weit, so gut.
Wer nun in den letzten Wochen die Tagespresse ein wenig verfolgte, hat die Schlagzeilen vielleicht gesehen:
- Wer kein Billett hat, zahlt – vielleicht!
- Lotterie bei der SBB
- Test: Wie kulant ist die SBB?
- und so weiter…
Bemängelt wird von einigen Medien, dass wir in manchen Fällen Kulanz gewähren, in anderen nicht. Und dass man im Voraus nie sicher weiss, ob im eigenen Fall nun ein Entgegenkommen stattfinden wird oder nicht.
Doch genau das ist es, was die SBB von uns erwartet. Sie will, dass wir im Grundsatz die Billettpflicht umsetzen und jene Leute aufschreiben, welche kein gültiges Billett haben. Es liegt in unserem Ermessen, in einem Einzelfall auf diese 90 Franken / 70 Franken zu verzichten und eine andere Lösung zu suchen.
Täglich nach unserer Tour werden dann die Daten von unseren roten Zugpersonalgeräten (ZPG) an die Zentrale übermittelt. Auf diese Daten haben unter anderem auch unsere Vorgesetzten Zugriff, und die sehen dann genau, wer wann und wie oft einen Fahrgast ohne Zuschlag fahren liess und ihm ein “normales” Billett ausstellte. Eine Kontrolle unserer Arbeit findet auf diesem Weg durchaus statt und wir können nicht einfach in jedem Fall auf den Zuschlag verzichten oder gar nie kulant sein.
Doch bei rund 2’000 Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern der SBB wäre es illusorisch zu glauben, jeder Mitarbeiter würde in einem bestimmten Fall genau gleich vorgehen. Der eine entscheidet sich nach reiflichem Überlegen für den Zuschlag, der andere dagegen. Das lässt sich nicht verhindern. (Falls jemand von euch anderer Meinung ist und meint, das liesse sich definitiv verhindern, bin ich dankbar für jeden Vorschlag unten in den Kommentaren!)
Wie schon erwähnt, gibt es SBB-Kunden, die mit diesem System nicht einverstanden sind. Zu ihnen gehört auch @vinschger. Er findet dies nicht nachvollziehbar und sieht viel Konfliktpotenzial:
@vinschger Da es tausende verschiedene Situationen gibt, die auftreten können, wäre die einzige Alternative: Strikt nach Tarif.
— Andreas Hobi (@andreashobi) Januar 15, 2012
@vinschger Ich sag’s mal so: Es würde uns definitiv die Arbeit erleichtern. ;-) Aber die Kunden (und vor allem Medien) hätten keine Freude.
— Andreas Hobi (@andreashobi) Januar 15, 2012
Tatsächlich wäre es für uns am einfachsten, es gäbe nur grün oder rot, Billett vorhanden oder Billett nicht vorhanden.
In Anbetracht dessen aber, dass es durchaus nachvollziehbare Fälle gibt, weshalb jemand im Zug kein Billett hat, und in welchen ich dann auch gerne Kulanz gewähre, wäre das keine praktikable Lösung.
Ein Beispiel…
Mal angenommen, @vinschger hätte ein GA und fährt damit jeden Tag von seinem Wohnort in Bern an seinen Arbeitsplatz in Zürich und zurück. Tag für Tag.
Auch heute wieder, und irgendwann auf der Fahrt kommt Zugbegleiter Hobi und kontrolliert ihn.
Hobi stellt fest, dass das GA gestern abgelaufen ist. Darauf hat @vinschger nicht geachtet.
Statt ihm nun eine Busse in der Höhe von CHF 90.- auszustellen, gibt Hobi ihm eine zweite Chance. @vinschger hat die Möglichkeit, sein GA an einem Bahnschalter nahtlos zu verlängern und kommt dann mit einer Bearbeitungsgebühr von nur fünf Franken davon.
So sind dann alle glücklich. Die SBB, weil sie einen Kunden behält, Hobi weil er nicht den bösen Mann spielen muss und @vinschger weil er eine Menge Geld spart.
Ein anderes Beispiel, welches sich letzte Woche so zugetragen hat…
Ein Fahrgast sitzt im stark besetzten Pendlerzug zur Hauptverkehrszeit, als er von Zugbegleiter Hobi kontrolliert wird. Er weist eine Mehrfahrtenkarte für eine sehr kurze Strecke vor, welche zum zweiten Mal durch einen Handeintrag (kurz vor der Kontrolle?) selber entwertet wurde. Ähnlich dem Fall, welchen ich schon im Mai 2008 auf schweizweit.net beschrieb: Handeintrag auf Mehrfahrtenkarte führt zu Busse
Noch bevor ich gross zu Wort komme, sagt er, ich solle jetzt auf keinen Fall ein Theater machen deswegen. Offenbar weiss er, dass eine von Hand entwertete Mehrfahrtenkarte nicht gültig ist.
Auf der Rückseite der Karte steht dann auch sinngemäss geschrieben: Eine Handentwertung ist nur erlaubt, wenn kein Entwerter vorhanden ist. Im Hauptbahnhof aber gibt es definitiv einen Entwerter. Sogar mehrere. Mindestens 40, würde ich mal sagen. Und entwertet ist eine Mehrfahrtenkarte schnell.
Der Kunde zeigt sich uneinsichtig und ziemlich frech.
Ich erwähne, dass auf der Rückseite der Karte die geltenden Bestimmungen klar und deutlich beschrieben seien. Er meint nur: “Quatsch, das hätte ich gesehen!” Nun bitte ich ihn, doch die Karte mal zu wenden und zu lesen, was dort stehe, woraufhin er erwidert: “Behandeln Sie mich nicht wie einen Schulbuben!”
Später meint er: “Ich werde einen scharfen Verriss über Sie schreiben!” Ob er nun Journalist ist oder Leserbriefschreiber, sei dahingestellt. Meistens aber gilt für Fahrgäste dieser Sorte: Barking dogs seldom bite.
Und er erwähnt noch, dass ich mein blaues Wunder erleben werde. Aber das überlasse ich dann doch lieber dem Churer Ernst Bromeis-Camichel.
Die Sache endete damit, dass er demnächst eine Rechnung in der Höhe von neunzig und ein paar zerquetschten Franken erhält, und ich – punktgenau vor meinem Personalqualifikationsgespräch in dieser Woche – eine Beschwerde beim Kundendienst erhalten werde. Das Timing dieses Schwarzfahrers kommt mir sehr ungelegen. Aus strategischen Gründen hätte ich ihn wohl besser gratis fahren lassen, aber damit hätte ich meinen Job nicht gemacht. Ein schönes Dilemma.
Schlussendlich gilt…
Wer stets versucht, vor Abfahrt des Zuges ein Billett zu kaufen, rechtzeitig zum Bahnhof kommt (beim Kino kommt man ja auch nicht erst 5 Minuten vor Filmbeginn), seinen iPhone-Akku genügend aufgeladen oder das A4-Online-Ticket eingepackt hat, der hat im Zug auch kaum etwas zu befürchten.

{ 16 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Naja.. ein leidiges Thema..
Also ich findes es sehr wohl OK, wenn die SBB Leute büsst, welche ohne gültigem Ticket unterwegs sind. Aaaaaber….
Der ständige Vergleich mit dem Kino Ticket hinkt gewaltig. Jeder Bewohner bezahlt bereits durch die Steuern einen Teil der Kosten, welche für den öffentlichen Verkehr anfallen. Dies ist oftmals mehr als man schliesslich noch durch das Zugsticket oder Abo noch dazubezahlt.
Es ist vorallem auch für ältere Menschen immer schwerer, innert vernünftiger Frist an ein Ticket zu gelangen. Die SBB selber schliesst nach und nach Schalter und ersetzt sie durch Automaten, an welchen aber dennoch nicht immer alle gewünschte Fahrscheine gekauft werden können.
Das komische ist nur das geühlt 99 Prozent der äleren Leute ein Billett haben. Woran das wohl liegen mag?
Ganz einfach: Der ganze Rest getraut sich gar nicht, mit dem ÖV zu fahren und tuts auch gar nicht, weil sie das System nicht mehr vestehen.
Ich finde den Artikel sehr gut und ja es stimmt nicht handhabt genau gleich. Mein Freund hat in seinem “Billet-Mäppli” noch alle Monatsabo von den letzten 2 Jahren drin gehabt und hatte es einmal vergessen zu erneuern und hat prompt eine Busse erhalten… Das fand ich dann nicht so nett, weil man ja wirklich gesehen hat, dass er sonst immer ein Billet kauft.
Wie gesagt, niemand erhält eine Busse, nur weil das Abo vor kurzem abgelaufen ist. Teuer wird es erst dann, wenn das Abo schon seit längerer Zeit nicht mehr gültig ist. In solchen Fällen stellt sich die Frage, ob es wirklich nur ein Versehen ist…
Genau das ist der Punkt, wir können nicht in die Leute hineinsehen. Könnten wir das, würden wir glaube ich mehr Verdienen wenn wir auf Mike Shiva machen würden.
Mich interessiert schon lange wie die Kontrolle der Tickets für Fahrräder im Selbstverlad ist und wie da gebüsst werden kann.
Obwohl ich selber schon öfters ein Fahrrad und dafür ein Ticket mitgeführt habe, bin ich noch nie kontrolliert worden ob ich ein Ticket für das Velo habe!
Mein Verdacht aus Beobachtung: Die Ehrlichen (oder Dummen?) kaufen ein Ticket, die Andern stellen ihr Fahrrad einfach in den vorgesehenen Raum im Familienwagen des IC oder hängen ihr Velo an die vorgesehenen Hacken im Vorraum und “verschwinden” dann irgend wohin in einen andern Wagen, um dann kurz vor dem Ziel ihr Fahrrad wieder zu behändigen!
Gruss John
@ John:
Wow, schon dein 31. Kommentar! ;-)
Nun, ich achte schon sehr darauf, ob ich für jedes Velo, das ich antreffe, auch irgendwo ein Billett gesehen habe. Ich bin auch schon beim Velo geblieben, bis dann irgendwo mal der Besitzer kam und habe dann das Billett verlangt. Andere machen das auch so, wobei es natürlich durchaus Zugbegleiter gibt, die da weniger genau hinschauen.
Die schlauen machen es so: Sie machen einen Ausruf im Lautsprecher, dass es ein Velo gibt, für welches sie kein Billett gesehen haben. Er werde am nächsten Halt ausgeladen. Da ist schon oft einer hellhörig geworden.
Katastrophal ist leider die Situation in den Doppelstock-IC. Hier gibt es ein kleines Veloabteil ganz am Ende der 2. Klasse. Wer in der 1. Klasse reist, muss also erst mal dort sein Vehikel parkieren, so es noch Platz hat vor lauter schmutzigen Mountainbikes und unförmigen Kinderwagen, und dann ausserhalb des Zuges die Wagenreihe zurücklaufen, um in der 1. Klasse Platz zu nehmen. Wenn er nun kein Velobillett hat, muss er nicht damit rechnen, dass der Kondi beim Auslad im Steuerwagen ist und dort die Velobillette kontrolliert.
Peter
Eigentlich müsste man die Zugänge zu den Zügen einschränken, so dass auf Perron’s nur noch Leute mit gültigem Ticket kommen. Wer keins hat, darf gerne in den Bahnhöfen verbleiben, einkaufen usw.
Wie könnte das gehen? Bei jedem Zugang zu den Gleisen sind Barrieren wie zb. bei der U-Bahn in London. Ohne Ticket (dann eben mit Strichcode) gibts kein Zugang. Das Selbe ist dann natürlich auch beim Austritt. Wer an einem falschen Bahnhof aussteigt geht auch wieder durch die Barriere und kommt quasi erst raus, wenn der Differenzbetrag bezahlt wurde.
Das blöde ist dann natürlich, dass Andreas und all die anderen massiv abgebaut und entlassen würden. Und natürlich nicht jeder Bahnhof der Schweiz sofort umgebaut wäre.
@ Piero:
Das ist fast nur dann möglich, wenn ab einem Gleis X immer nur die Züge in Richtung Y fahren. In Bahnhöfen wie Zürich, Basel oder Bern fast ein Ding der Unmöglichkeit. Und wenn man sich dann vorstellt, dass zum Beispiel in Chur jedes Gleis 6 (!) Ausgänge hat (Dienstunterführung, Lift, Rolltreppe, Rampe, Treppe 1, Treppe 2), dann wird es eine sehr komplizierte und kaum zu überwachende Anlage mit Umbauten in Millionenhöhe. Alleine in Chur.
Ich frage mich, ob diese Umbauten, der laufende Betrieb, Unterhalt, die Überwachung durch Kameras und Personal und das Inkasse bei Leuten mit ungültigen Fahrausweisen an der Schranke schlussendlich nicht mehr kosten würde als die heutige, offene, frei zugängliche Variante wie wir sie kennen.
Ja, das mit dem Umsteigen ist dann ein Problem, aber auch das wäre lösbar. Die Kosten hingegen stehen in keinem Verhältnis.
Die Frage ist, ob man, um die paar Schwarzfahrer zu erwischen, allen anderen quasi “auf die Füsse treten” muss.
(oder senken sich die Preise, wenn alle Schwarzfahrer bezahlen würden? )
Das ist mit ein Grund, dass ich ein GA hab. Zwar hol ich die Kosten niemals raus, aber meine Bequemlichkeit ist mir das noch Wert :-)
naja, solche probleme gibt es auf dem stich schon länger. auch dort drückst mal ein auge zu, wenn die story glaubwürdig rüberkommt oder man merkt, dass sie nicht aus der gegend sind usw. manchmal erwischt man die falschen, manchmal haben die anderen glück. man wird es nie allen recht machen können. und es kommt auch noch sehr drauf an, wie sich der kunde verhält.
@andi
da muss ich dir widersprechen. bei monatsabos (zumindest im OTV) gibt es keine kulanz. ausser es wird ein jahresabo rückwirkend gelöst.
Was mich erstaunt, ist das Vorgehen z.B. der Walliser Personale gegenüber von ausländischen Feriengästen. Die hauen alle, die ein Billettproblem haben, gnadenlos in die Pfanne und kassieren sie gleich per Kreditkarte im Zug ab. Die haben von Billettpflicht kaum eine Ahnung, denn das System ist weltweit einmalig. Die Schnellzugwagen sind grottenschlecht beschriftet in dieser Beziehung. Ein winziges Auge-Piktogramm, z.T. nicht einmal bei der Eingangstür, im innern gar kein Hinweis.
Warum macht man in der Schweiz nicht einfach das nordische System mit dem Nachlösewagen? Dort haben 1. alle Fernzüge Billettverkauf im Zug, und 2. alle Vorortszügen haben einen gut markierten “Konduktörvagn”, wo alle Billettlosen einsteigen müssen. Der Rest ist Sichtwagen, und SEHR gut so markiert. Die SBB macht es sich schon sehr einfach mit dem neuen System.
nun ja, wer mit dem auto ins ausland fährt, muss dort die verkehrszeichen und – vorschriften auch kennen. wer sich nicht daran hält, wird auch gebüsst. wenn ich in die ferien gehe, muss ich mich auch informieren, wie es funktioniert. diese ewigen ausreden, wir sind nicht von hier nerven langsam. egal wohin man geht, man hat sich zu informieren. es ist nicht die aufgabe von uns jedem die nötigen informationen hinterher zu tragen. es gibt genug möglichkeiten sich zu informieren. und bei uns in der schweiz sind die ticketautomaten, die website der SBB in vier sprachen verfügbar (2 davon sind weltsprachen). am bahnschalter werden auch mehrere sprachen gesprochen. also was soll das theater.