Ich bin eine Schlampe?

von Andreas Hobi am 27. September 2011 · 16 Kommentare

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Es ist kein Geheimnis, dass man in meinem Job durchaus auch mal angepöpelt wird. Nun ja, nicht jeder hat Freude daran, wenn er von uns daran gehindert wird, gratis und franko von A nach B zu fahren. Besonders ärgerlich, wenn man kurz vor dem Ziel doch noch in eine Kontrolle gerät.

Kommt dann ein Zugbegleiter und möchte gerne das Billett sehen, gilt es natürlich, ihn so zu provozieren, dass es ihm zu blöd wird und er das Weite sucht, weil er sich nicht auf eine Diskussion einlassen will. Dumm nur, dass die wenigsten Kondukteure einen einfach mal so gratis fahren lassen und auf dem (Nach-)Bezahlen eines Billettes bestehen.

Kürzlich war ich privat mit Freunden in der 2. Klasse unterwegs, als genau dies geschah. Eine meiner Arbeitskolleginnen betrat den Wagon und kontrollierte die Reisenden. Zwei Abteile von uns entfernt gelangte sie an einen Jugendlichen, der sich ziemlich daneben benahm: Schuhe auf dem Polster, einen Riesenkrach mit seinen mitreisenden Freunden und kein Billett.

Anstatt nun aber einfach ein Billett zu bezahlen, die Füsse vom Polster zu nehmen und sich gesittet zu verhalten, entschloss er sich, ein bisschen zu provozieren.

Da seine Sprüche grösstenteils extrem primitiv waren, will ich auf ein genaueres Zitieren verzichten und nehme einfach die Hauptaussage seines Redeschwalls:

Er war der Ansicht, meine Arbeitskollegin sei eine Schlampe.

Sie hätte nun mehr als Grund genug gehabt, sich über solche Äusserungen aufzuregen. Stattdessen blieb sie ganz ruhig und antwortete in einer Selbstverständlichkeit, wie ich sie selten bei Arbeitskollegen sah:

“Ich bin eine Schlampe? Das glaube ich kaum. Schauen Sie, wenn ich eine Schlampe wäre, dann könnte ich meine Kunden selber aussuchen. Und ich müsste nicht mit solchen Halbaffen wie Ihnen vorlieb nehmen.”

Es ist immer gut, wenn man in solchen Situationen schlagfertig reagieren kann… ;-)

PS: Der nette Herr konnte dann doch noch zum Bezahlen überredet werden. Auch wenn er “die ganze SBB sowieso für überteuert” hielt und diesen “Beamtenclub ungern unterstütze”.

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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gentux September 27, 2011 um 10:06

> und diesen “Beamtenclub ungern unterstütze”.

Bitte sag deinem Arbeitgeber, dass sie auf jeden Teppich im Eingangsbereich folgenden Satz drucken:
“Sie betreten freiwillig diesen Zug, sollten Sie mit der weissen Tafel mit den Piktogrammen zu Ihrer Rechten nicht einverstanden sein, steigen Sie bitte wieder aus”

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Andreas Hobi September 27, 2011 um 10:15

Diese Piktogramm-Tafel (die übrigens bald überarbeitet wird) finde ich eh einen Witz. Alles, was dort geschrieben steht, geht meines Erachtens unter “gesunden Menschenverstand”. Oder muss man heute wirklich einem erwachsenen Menschen noch sagen, dass er die Füsse vom Polster nehmen und die Mitreisenden nicht mit lauter Musik belästigen soll?

Wer mit der Preispolitik eines Unternehmens nicht einverstanden ist, muss sich (gezwungenermassen) nach Alternativen umsehen. Etwas, das jeder von uns regelmässig macht. Auch bei der SBB gibt es solche Alternativen. Wer günstig wohin will, kann zum Beispiel auch zu Fuss von Zürich nach Bern. Alles eine Frage des Willens. Oder man nimmt das Velo; Bastien Girod hat es vorgemacht. ;-)

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gentux September 27, 2011 um 10:23

Oder Mitfahrgelegenheiten, oder Mietauto oder, oder, oder…

Gesunden Menschenverstand? Was forderst du denn da? Seit es Blick gibt sieht man, dass Menschen deren Verstand sehr effizient ausschalten können und das Denken lieber sein lassen, ist ja anstrengend…

Mike September 27, 2011 um 19:54

Da bleibt einem nur Kopfschütteln übrig. Das Schlimste finde ich, dass der Zugsbegleiter gegen solche Unfreundlichkeiten machtlos ist. Sage ich einem Polizist solche Freundlichkeiten, dann erlebe ich was. Betitle ich am Arbeitsplatz eine Arbeitskollegin mit dem erwähnten Wort, hagelt es einen ZS oder gar Verwarnung. Und hier? Da kommt der Fahrgast ja noch ungeschoren davon, er muss ja noch nicht mal die 80 Fr. Zuschlag fürs fehlende Billet zahlen, ist ja leider noch nicht 2012.

Es geht meines Erachtens nicht an, dass sich Zugbegleiter dererlei “Freundlichkeiten” anhören müssen. Hier wäre es nichts als fair, den Zugbegleitern die Möglichkeit zu geben, gegen solche Beleidigungen vorzugehen und den betreffenden Fahrgast mittels Busse/Anzeige büssen zu können. Denn gerade die Tatsache, dass ich als Fahrgast nichts zu befürchten habe, wenn ich einen Zugbegleiter mit Schimpfwörtern beleidige, sorgt dafür, dass der Respekt ggü. dem Zugspersonal auf den Nullpunkt gesunken ist. Und das kann’s nicht sein.

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martele September 28, 2011 um 08:19

Dem gibts nichts mehr beizufügen. Bin absolut gleicher Meinung.
Und à propos gesunder Menschenverstand: der scheint bei gewissen Reisenden auf der Strecke geblieben zu sein.

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Andreas Hobi September 28, 2011 um 10:28

@ Martele:
Nicht nur bei den Reisenden… Es scheint schlicht und ergreifend eine gesellschaftliche Entwicklung zu sein. Darunter fallen meines Erachtens auch die ganzen Ausschreitungen in Zürich, die Randale nach Fussballspielen, etc… Manche Leute wissen einfach nicht (mehr), wie man sich zu benehmen hat in der Öffentlichkeit.

Andreas Hobi September 28, 2011 um 10:26

@ Mike:
Immerhin haben wir die Möglichkeit, bei einem Form7000 unter dem Feld “Bemerkungen” eine kleine Notiz zu hinterlassen, die mitunter entscheidend sein kann, wenn es darum geht, im Inkassocenter Kulanz walten zu lassen; oder eben nicht…

Wenn wir dort kurz anmerken, wie sich der Kunde aufgeführt hat, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Mitarbeiter beim Inkasso dem “Kunden” entgegenkommen.

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comch September 30, 2011 um 00:03

Drohungen, Beschimpfungen und weitere Formen von verbaler Gewalt gegenüber Angestellten des öffentlichen Verkehrs gelten als Offizialdelikt und werden von Amtes wegen verfolgt. Zwar ist die Beweislage nicht immer ganz einfach, Klagen sind aber dennoch meist zielführend. Letzter Fall: Für die Titulierung “Hurensohn” hat der Urheber eine hohe dreistellige Summe bezahlt, persönliche Entschädigung noch nicht einberechnet. Gänzlich machtlos ist man entsprechend nicht, klar ist jedoch, dass die Toleranzschwelle gegenüber verbalen Entgleisungen sicherlich höher angesiedelt ist als in anderen Berufen…

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gentux September 28, 2011 um 10:42

Die Gesellschaft braucht halt keine Gesellschaft mehr. Man ist nicht auf Hilfe Dritter angewiesen, zumindest nicht mehr wie früher und wir leben in einer Gesellschaft, die immer Alternativen hat.

Und Ruhm? Ist nicht erstrebenswert, die Leute, die sich schon abgeschrieben haben, haben nichts zu verlieren und müssen sich auch nicht Gedanken darüber machen, was andere darüber Denken, denn denen ist es wiederum völlig egal.

Wenn ich (Fäkalwort) gebaut habe, bekam ich ZS und eine Erklärung warum das nicht geht und noch schlimmer, jeder wusste, dass ich was getan hatte und musste mich Diskussionen stellen. Bei vielen Menschen habe ich den Eindruck, dass deren Vergehen nicht einmal gross bekannt wurden, man bezahlt halt die Busse.

Man sollte vielleicht wieder Leute öffentlich an den Pranger stellen, das löst bei diesen Menschen vielleicht innerlich etwas aus oder man macht es wie früher im Restaurant, wer nicht zahlen kann, arbeitet es ab.

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Andreas Hobi September 28, 2011 um 10:50

@ Gentux:
Deinen ersten Satz finde ich eine sehr treffende und stimmige Aussage:

“Die Gesellschaft braucht halt keine Gesellschaft mehr. Man ist nicht auf Hilfe Dritter angewiesen.”

Soweit habe ich bisher noch gar nicht gedacht. Aber alle die Aussagen von sogenannten “Experten” in den Medien zum Thema Jugendgewalt könnte man auf deinen Satz zusammenfassen oder sogar durch deine Aussage ersetzen.

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gentux September 28, 2011 um 11:32

Ja diese “Experten”…

Die Berufe haben mit der Berufung nichts zu tun und diese Experten schreiben aufgrund von irgendwelchen Tabellen und Texten irgendwelche neuen Tabellen und Text und vielleicht noch Tortendiagramme.

Heute zählen Worte und nicht Taten und schon gar nicht Interessen und Motivation. Man arbeitet nach Prozessbuch und nicht nach Verstand und ändern wird es sich frühestens wenn es so richtig “chlepft”!

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Andreas Müller September 28, 2011 um 18:28

Also der Spruch ist einfach genial, made my day!

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martele September 29, 2011 um 09:35

Ja, genau, die Namen dieser Krawallanten sollte man veröffentlichen. Schliesslich hatte man sie ja auch persönlich sehen können und sagen: “Ah schau mal, was der Max Muster da macht!” Und dann damit zur Zeitung oder weiss ich wohin.
Experten für Jugendgewalt: “Das gehört halt zur Jugend dazu, nein, die Armen, die hatten bestimmt eine schwierige Kindheit. Lasst sie doch alles zusammenschlagen!” (Ich sag nur: Achmed von Wartburg im Blick am Abend (nicht dass ich der Zeitung was abkaufe)).
Dann müsste ich das ja alles noch nachholen.

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Andreas Hobi September 29, 2011 um 12:45

@ Martele:
Da hätte ich dann auch noch einiges nachzuholen…

Was die Justiz dann aber letztes Mal in Zürich machte, fand ich super: Die Jungs ein paar Tage (bis in die nächste Woche hinein) in Untersuchungshaft, so dass sie dann bei der Arbeit (sofern vorhanden…) erklären dürfen, warum sie gerade nicht arbeiten kommen können…

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martele September 29, 2011 um 19:54

Das fand ich auch gut. Aber da stand schon im Tagi, dass Väter finden, ihre Söhne werden zu Unrecht festgehalten. Manchmal wird man halt überrascht, was die eigenen Kinder alles so anstellen.

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Martin Rechsteiner September 30, 2011 um 13:57

Ja, Schlagfertigkeit ist immer wieder gut zu gebrauchen in fast allen Situationen :-)

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