Das Zugpersonalgerät der Kondukteure

von Andreas Hobi am 25. Januar 2011 · 15 Kommentare

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Im Jahr 2007 gab Paul Blumenthal, damals noch Leiter Personenverkehr der SBB, eine Umfrage bei der Bevölkerung in Auftrag. Diese brachte Interessantes zu Tage! Auf die Frage, was denn ihnen zum Begriff “SBB” als Erstes in den Sinn komme, antworteten die meisten Befragten mit “das Personal mit den roten Taschen”.

In diesen roten Taschen des Zugpersonals steckt ein kleines Wunderding, dass bei mir in letzter Zeit sogar recht passabel funktioniert. Es soll aber bei anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch Geräte geben, die nicht immer so wirklich einwandfrei sind. Deshalb gebe ich mir Mühe, das Ding hier weder zu sehr in den Himmel zu loben, noch es von A bis Z schlecht zu reden. Es ist halt, wie es ist und die Hoffnung bleibt, dass mit einem neuen Modell alles besser wird. ;-)

Fast eine Million Menschen sind in der Schweiz täglich mit dem Zug unterwegs. Mitte 2003 benötigte die SBB für die immer anspruchsvolleren Aufgaben der Zugbegleiter ein neues, modernes und vernetztes Gerät. Die SBB wollte eine mobile Lösung für erweiterte Anforderungen und zum Echtzeit-Datenaustausch mit ihren Serversystemen. Die Abläufe sollten optimiert und Papierformulare eingespart werden; die Stammdaten sollen zentral verwaltet und neue Vertriebskanäle unterstützt werden.

Zwei Jahre später, im Sommer 2005, war es soweit. Das ZPG II wurde fertig entwickelt. Die mehr oder weniger gut funktionierende Software kommt von der Firma Ergon, die robuste Hardware kommt von Höft&Wessel. Mit diesen Geräten verkauft das Zugpersonal nun Billette fast wie am Schalter und kontrolliert die immer beliebter werdenden elektronischen Tickets in Minutenbruchteilen.

Die meisten Fahrgäste wissen oder haben schon einmal mitbekommen, dass wir mit diesem Zugpersonalgerät – auch ZPG genannt – zum Beispiel Fahrplanauskünfte geben und Billette drucken können. Wer schon einmal ohne gültigen Fahrausweis in der S-Bahn erwischt wurde, der weiss, dass wir auf dem ZPG auch die Personalien erfassen können. Und die Vergesslichen unter den Fahrgästen sind froh über die Möglichkeit, ihr Abo über das ZPG überprüfen lassen zu können.

Doch es gibt noch einige Funktionen mehr! Im ZPG II wurden rund 20 verschiedene Systeme und Datenbanken zusammengeführt. Hier eine Auswahl:

Verkauf, Kontrolle, Gutscheine
Der Verkauf von Billetten funktioniert hier auch mit Kreditkarten. Reisende ohne gültigen Fahrausweis können direkt über das ZPG erfasst werden und Gutscheine werden direkt über das Gerät ausgedruckt. Und das alles je nach Kunde in deutsch, französisch oder italienisch. Die finanziellen Daten der Verkäufe gelangen direkt ins Abrechnungssystem und können jederzeit eingesehen werden.

Fahrplanauskünfte in Sekundenbruchteilen
Mit dem Hafas-Fahrplan können wir unzählige Verbindungen im In- und Ausland suchen. Auch Busse, Schiffe und andere Verkehrsmittel sind inzwischen enthalten. Fast so praktisch wie der Fahrplan, über den ich vor einigen Tagen geschrieben habe.

Echtzeitfahrplan (“Miku”) über GSM-R
Es braucht zwar jeweils eine gewisse Aufstartzeit, doch wenn der Internet Explorer dann mal läuft, können wir über “das Miku” die Echtzeitanschlüsse der grossen Bahnhöfe durchgeben, sehen Gleisänderungen, Zugausfälle und Informationen zur allgemeinen Betriebslage auf dem Netz.

Überprüfung von Online Tickets (Papier) und Mobile Tickets (Handy, Smartphone)
Das ZPG ist mit verschiedenen Scannern ausgestattet, die das Prüffeld der Tickets abtasten. In diesen Prüffeldern ist ein Zertifikat (Name, Geburtsdatum, Ticketdaten) verborgen, welches das ZPG erkennen kann, sodass die vom Fahrgast ausgedruckten Fahrkarten nicht manipuliert werden können.

Optionaler RFID-Leser zur Kontrolle von Tickets auf kontaktlosen Chipkarten (z.B. GraubündenCard)
Kunden können in einzelnen Regionen spezielle Smartcards mit RFID-Chip kaufen. Diese können dann am Billettautomaten oder Schalter aufgeladen werden.

Erfassen von betrieblichen Daten
Die Zugbegleiter geben die Zusammensetzung der Züge sowie die Auslastung ein. (Mehr dazu im Artikel “Welche Arbeiten erledigt der Kondukteur vor der Zugabfahrt?“) Weil die Geräte der Zugbegleiter Daten untereinander austauschen können, erfassen die Teams die Informationen (z.B. Frequenz) dezentral, übermitteln sie an das Gerät des Zugchefs, von wo die Daten vor dem Feierabend konsolidiert an den Server der SBB weitergeleitet werden, was zur Optimierung der betrieblichen Abläufe führt

Papierloses Nachschlagewerk für sämtliche Zugansagen in vier Sprachen (d/f/i/e)
Praktisch ist es, dieses Nachschlagewerk. Für fast alle aussergewöhnlichen Situationen finden wir hier die passenden Durchsagen in jeweils vier Sprachen.

Vorteile gegenüber früher

Ich mag mich noch daran erinnern, wie es war, als ich im Frühling 2004 zum Zugpersonal kam: Die damaligen Zugpersonalgeräte waren rund 10 Jahre alt, den Fahrplan gab es nur in einer sehr grundsätzlichen Ausführung, Wechselkurse erhielten wir per SMS und waren nicht auf dem Gerät gespeichert und von einer Online-Verbindung konnten wir nur träumen.

Heute ist das glücklicherweise anders. Der Fahrplan ist äusserst umfangreich, Wechselkurse werden automatisch auf dem ZPG aktualisiert und die Online-Verbindung funktioniert tatsächlich; meistens jedenfalls.

Interessante Details

Wenn mir ein Fahrgast ein Online Ticket vorweist, scanne ich es und sehe sofort, ob es gültig ist. Was ich erst vor wenigen Tagen erfuhr: Die Sicherheitszertifikate dieser Online und Mobile Tickets werden täglich erneuert und an die ZPG übermittelt! Bis potentielle Betrüger also ein Zertifikat geknackt haben, gibt es schon ein neues. Das war mir lange Zeit nicht bewusst.

Manchmal kommt es vor, dass mich Reisende vor dem Zug ansprechen und befürchten, ihr Online Ticket würde nicht akzeptiert werden; zum Beispiel weil sie es aus Versehen genau beim Prüffeld geknickt haben oder weil das Prüffeld schmutzig wurde. Hier kann ich jeweils Entwarnung geben: Wir können die Gültigkeit des Tickets auch anhand eines 12stelligen Zahlencodes abfragen.

Das ZPG erhält einen kleinen Bruder

Noch im Frühling dieses Jahres werden die bisherigen Nokia-Handys des Zugpersonals durch zeitgemässere Samsung Galaxy-Smartphones ersetzt. Ich bin gespannt, welche Funktionen zukünftig über das Smartphone anstatt über das ZPG laufen werden. Denkbar wären zum Beispiel Fahrplanauskünfte, Informationen zu Bahnhöfen, Nachschlagewerk für Durchsagen, etc.

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Salbedo Januar 25, 2011 um 08:38

Zitat: “Und die Vergesslichen unter den Fahrgästen sind froh über die Möglichkeit, ihr Abo über das ZPG überprüfen lassen zu können.”

Ich habe mich schon gefragt, ob da auch die 6 stellige Buchstaben-Zahlen Kombination (z.b. TRH734) reichen würde. Denn wenn ich mein GA nicht dabei habe, habe ich auch kein Ausweis, da alles im Porte-monnaie habe.
Wie siehts damit aus?

Die Nummer könnte ich mir merken…

Gruess Salbedo

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Andreas Hobi Januar 25, 2011 um 09:44

Die Nummer könntest du dir besser merken als deine eigenen Personalien? ;-)

Neee, das geht natürlich nicht. Wir müssen schon auch irgendwie überprüfen können, ob du überhaupt die Person bist, für die du dich ausgibst. Und das klappt besser mit den Personalien und ein paar Zusatzinfos.

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brummbaer Januar 25, 2011 um 12:04

Beim neuen Handy soll der Fahrplan wie beim I – Phone über eine App abgefragt werden können. Ebenso ist eine Him Abfrage wie beim Iphone möglich. Auch soll das Briefingtool über das Handy abgefrufen werden können. (geht jetzt schon auf dem IPhone… infos per Mail möglich ;-))
Ich denke noch das gewisse Reglemente aufgespielt werden könnten und das Miku als Rückfallebene auch auf das Handy kommt. Der Hafas auf dem ZPG wird bleiben, werden doch die Zugläufe für den Schnelleren Verkauf, die Zugdaten und die Frequenzdaten benötigt. Auch ist ein Offline Zugriff auf den Fahrplan immer noch schneller als Online per Handy. Aber gut wenn man beide Möglichkeiten hat.

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Tom Januar 25, 2011 um 21:27

Kleine Frage: du schreibst, dass “Miku” über GSM-R läuft. Ich dachte, GSM-R sei ausschliesslich für’s ETCS?

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Martin Januar 26, 2011 um 01:11

ETCS Level 2 braucht GSM-R, aber es ist auch der “neue” Zugfunk. Fast alle Hauptstrecken sind heute mit GSM-R ausgerüstet. Aber nur der Lötschberg und die Strecke Rothrist-Mattstetten sind für ETCS Level 2 Fahrten ausgerüstet.

Dort wo kein GSM-R Netz vorhanden ist wird einfach via GSM Roaming die Zugfunkverbindung gewährleistet, jedoch mit begrenzter Funktionalität.

Die Handys und Notebooks für die Lokführer funktionieren nur mit GSM und ich denke das trifft auch für das ZPG zu.

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brummbaer Januar 27, 2011 um 04:55

So ist es. Da es wie ein Laptop funktioniert in etwa, läuft es nur über GSM.

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Danilo Januar 30, 2011 um 00:44

Wär interessant zu wissen, ob die Datenübertragung zwischen den Geräten noch irgendwie verschlüsselt wird. Die GSM-Verbindung selbst ist ja inzwischen nicht mehr sicher.

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Martin Januar 26, 2011 um 16:13

Ist das ZPG persönlich oder wird es jeweils für eine Schicht «gefasst»?

Erfreulich, dass die SBB auf Android setzen, im Gegensatz zu manchen anderen Bereichen des Bundes … :)

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brummbaer Januar 27, 2011 um 04:57

Das ZPG ist persönlich und verbleibt nach der Schicht beim MA. Es muss einmal pro Woche abgerrechnet werden und ein Datenupdate gemacht werden.

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Danilo Januar 30, 2011 um 00:47

Wiedermal ein cooler Artikel. Die Info mit den Smartphones finde ich sehr interessant, wegen der Android-Unterstützung. Ob da noch ein paar Apps folgen? Vielleicht schaffen sies tatsächlich, die App “Fahrplan Schweiz” zu übertreffen. (Wobei ich momentan nicht wüsste, wie :))

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Andreas Hobi Januar 30, 2011 um 01:13

Darauf bin ich SEHR gespannt! :)

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Christoph Februar 6, 2011 um 14:06

Die Minibar-Mitarbeiter (sowie ETR-Speisewagen und teilweise Lyria-BAR-Mitarbeiter) arbeiten mit der selben Hardware (abgesehen von Italien wo der Staat eine Extrawurst hat wegen der Steuer)…

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Markus Februar 13, 2011 um 08:26

Es ist mir schon öfter passiert, dass der Zugbegleiter mein E Ticket im I Phone nicht lesen konnte. Ich habe dann die Helligkeit stärker eingestellt, wenn der Zugbegleiter nicht zufrieden war. Manchmal wird es gar nicht überprüft, sonder nur angeschaut. Einmal musste ich im I Phone ein Menu zurück, damit der Zugbegleiter den Text sah. Ich habe vermutet, dass sein Gerät defekt war. (RHB Chur- St. Moritz).

Frage: Gibt es in der zweiten Klasse keine Steckdosen?
Ich wäre auch schon froh geweseh, wenn ich das I Phone hätte aufladen können.
Markus

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Andreas Hobi Februar 14, 2011 um 11:32

Die Sache mit der Helligkeit kommt auch bei mir oft vor. Ausserdem habe ich manchmal Mühe mit gewissen Folien, die es mir erschweren, den Code einzulesen. Aber da kann der Fahrgast ja nur bedingt etwas dafür…

Wenn der Scanner mal nicht funktioniert, kann der Zugbegleiter immer noch online einen Zahlencode abfragen.

Steckdosen in der zweiten Klasse? In einigen wenigen Wagen. Werden aber immer mehr.

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Christoph Februar 14, 2011 um 13:42

@Andreas: In den EW IV ist die Zahl in der 2. Klasse schon recht gross… Es ist sehr wahrscheinlich, dass in einem Pendel mindestens ein Wagen ausgerüstet ist (das war schon vor mehr als einem Jahr so bevor ich mir das Upgrade löste). Dagegen sind sie in den IC2000 noch etwas seltener und auch nicht so zuverlässig (ich habe damals so manchen Wagen erlebt wo die Steckdosen tot waren). Bei den ICN ist der Einbau auch noch nicht sehr verbreitet aber es werden wohl überall immer mehr ;)

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