Hat eine überstürzte Handlung deinerseits schon einmal zu einem positiven Verlauf einer Geschichte geführt? Was mich betrifft, lautet die Antwort: Nur selten. Deshalb ist es wichtig, dass wir in Sachen “Engpass zwischen Winterthur und Zürich” nichts überstürzen.
Am Wochenende schrieb mir ein Leser per Email:
Als Stimmbürger des Kanton Zürich, der nur das beste für den ÖV in der Schweiz will, würde es mich wundernehmen was du und die SBB von der Initiative schienen-fuer-zuerich.ch haltet? Aus dem nachfolgenden Tages Anzeiger Artikel lese ich, dass die SBB den Ausbau auf 4 Spuren gar nicht unbedingt will? Was lege ich nun also am besten in die Urne um der SBB etwas guten zu tun?
Ich würde es super spannend finden in den nächsten Tagen etwas darüber auf schweizweit.net zu lesen.
Ehrlich gesagt habe ich mich lange gar nicht wirklich mit der Initiative beschäftigt. Ich wohne ja nicht in Zürich, stimme demnach nicht ab und wenn die SBB, der Kantonsrat und der Regierungsrat der Meinung sind, die Initiative sei abzulehnen, dann hat das wohl seine Gründe, so dachte ich.
Inzwischen habe ich mich aber doch schlau(er) gemacht und mir eine Meinung gebildet. Ich muss sagen: Die Initiative des VCS hört sich super an! Doch was bedeutet das für die Zürcherinnen und Zürcher, für die Pendlerinnen und Pendler, für uns alle? Darauf möchte ich in diesem Artikel näher eingehen.
Zürich: Die endlose Baustelle
Findet ihr nicht auch, dass der öffentliche Verkehr im Kanton Zürich eine endlose Baustelle ist? An allen Ecken und Kanten wird gebaut, was das Zeug hält. Kein Wunder: Wenn der öV im Kanton so stark und rasch wächst, kommen die Polierer, die Maurer, die Bagger- und Kranfahrer kaum nach mit ihrer Arbeit.
Kaum ist ein Projekt fertig gebaut, gibt es an einem anderen Ort noch mehr Menschen, die gerne Zug fahren möchten und dafür eine funktionierende, den Menschenmassen angepasste Infrastruktur erwarten. Also wird gebaut. Und gebaut. Und noch viel mehr gebaut!
Winterthur – Effretikon: Einer der grössten Engpässe
Zwei Spuren gibt es zwischen Winterthur und Effretikon. Lächerliche zwei Spuren für Millionen von Fahrgästen jedes Jahr. Ihr seid doch sicher mit mir einverstanden, wenn ich sage: Das muss geändert werden!
Doch auch wenn dringender Handlungsbedarf besteht: Überstürzen dürfen wir nichts. Bei mir kommt so etwas selten gut raus. Lieber noch einmal darüber schlafen und sich Gedanken machen.
Die VCS-Initiative tönt super…
Zwischen Effretikon und Winterthur befindet sich der gesamte Ost-West-Verkehr und die Zürcher S-Bahn auf einer einzigen Doppelspur. Die bisher geplanten, punktuellen Massnahmen genügen laut VCS nicht, um diesen Engpass zu beseitigen. Der VCS Zürich hat deshalb eine Volksinitiative lanciert, die einerseits eine Vorfinanzierung der dringend nötigen Beschleunigungsmassnahmen vorsieht, andererseits aber auch eine zweite Doppelspur zwischen Effretikon und Winterthur bringt. Der geforderte Rahmenkredit umfasst 300 Millionen Franken, die teilweise durch Beiträge des Bundes wieder rückvergütet werden. Rund 220 Millionen Franken hat der Bund schon für Streckenausbauten gesprochen.
… aber sie hat auch einige Schwachpunkte
Die Gegner der Initiative bringen diverse Kontra-Punkte ins Spiel.
- Den Ausbau der Bahnstrecke Zürich – Winterthur muss grundsätzlich der Bund finanzieren. Die Initiative würden den Bund von dieser Pflicht entlasten.
- Der Kanton Zürich wird zur Vor- und Mitfinanzierung gezwungen, selbst wenn der Bund nachträglich einen Teil zurückerstattet.
- Der Bund anerkennt seine Pflicht, den Ausbau der nationalen Verkehrsachse Zürich – Winterthur zu finanzieren: Er hat bereits 435 Millionen Franken für den Ausbau der Strecke Zürich – Winterthur gesprochen und prüft weitere Investitionen in der Vorlage Bahn 2030.
- Bis 2018 werden die zeitlich dringlichen Ausbauten durch Bundesprojekte und die 4. Teilergänzungen verwirklicht. In diesem Umfang werden die Anliegen der Initiative bereits erfüllt.
- Der verbleibende Ausbau des Streckenabschnittes Effretikon – Tössmühle auf vier Gleise ist für den Fahrplan 2018 nicht notwendig. Weiter gehende Ausbauten können auch später noch erfolgen.
- Die Umsetzung der Initiative ist wegen der notwendigen Baubewilligungen mit hohen Projektrisiken behaftet.
- Die Annahme der Initiative wäre ein Variantenentscheid für den oberirdischen Ausbau. Der spätere Bau des Brüttenertunnels würde damit verhindert.
Fazit
Sowohl für die Pro-, als auch für die Kontra-Argumente habe ich mich der Argumente auf den entsprechenden Webseiten der beiden Lager bedient.
Nachdem ich nun die verschiedenen Argumente auflistete kommen wir zu dem Teil, der meiner persönlichen Meinung entspricht.
Der Bund, das BAV, die SBB, der Verband öffentlicher Verkehr und zahlreiche weitere Institutionen haben sich in der Vergangenheit sehr intensiv und stark mit der Weiterentwicklung des Schweizer Schienennetzes befasst.
Sie sind zum Schluss gekommen, dass ein ständiger Aus- und Neubau notwendig ist. In Zukunft werden immer wieder Strecken ausgebaut und vereinzelt wird es mit Sicherheit auch zu Neubauten kommen.
Auch für das Nadelöhr zwischen Winterthur und Effretikon haben sie einen Fahrplan erstellt. Denn diese Strecke ist eine der wichtigsten Verkehrsachsen der Schweiz. Der Bedarf nach mehr Kapazität auf dieser Linie ist unbestritten.
In meinen Augen macht es keinen Sinn, diese sorgfältige und überlegte Planung nun einfach über den Haufen zu werfen. Die Initiative des VCS ist nicht zu Ende gedacht, davon bin ich überzeugt. So ist zum Beispiel die Fertigstellung per 2015 nicht realistisch. Der Zeitplan ist viel zu knapp. Ausserdem kann niemand wirklich garantieren, dass der Bund das Geld dann auch tatsächlich innert angemessener Frist zurück zahlt. Die VCS-Initiative beschränkt sich nicht auf eine Vorfinanzierung. Sie sieht vielmehr eine Vollfinanzierung oder zumindest eine Mitfinanzierung durch den Kanton Zürich vor.
Das Anliegen nach mehr Sitzplätzen in der S-Bahn ist absolut berechtigt! Da seid ihr doch sicher meiner Meinung. Allerdings ist der Ausbau der nationalen Ost-West-Achse und damit der Bahnstrecke Winterthur – Zürich die Aufgabe des Bundes. Und dieser hat bereits Investitionen in der Höhe von 435 Millionen Franken zwischen Zürich und Winterthur beschlossen, die bis 2018 umgesetzt werden. Die Strecke ist sowohl im Rahmen des Anschlusses an den Hochgeschwindigkeitsverkehr wie auch im ZEB-Beschluss (zukünftige Entwicklung Bahninfrastruktur) aufgeführt. Und danach steht neben weiteren oberirdischen Aus- und Weiterbauten auch der Bau des Brüttenertunnels zur Diskussion.
Nach den Plänen des Bundes werden die Kapazitätsengpässe auf der Strecke Zürich – Winterthur ab 2018 weitgehend beseitigt sein. Die Fahrgäste werden ab diesem Zeitpunkt vor allem vom integralen Viertelstundentakt der S11 und S12, von einer deutlich schnelleren S8 sowie von zusätzlichen Fernverkehrszügen profitieren. Auch die Regionallinien erhalten eine Aufwertung: So erhält zum Beispiel das Tösstal ab 2018 den durchgehenden Halbstundentakt.
Wenn die Zürcher Stimmfähigen die Initiative annehmen, vertun sie sich die Chance, sowohl den Brüttenertunnel als auch einen Ausbau der Strecke Hürlistein – Effretikon – Winterthur auf grösstenteils vier Spuren zu erhalten. Der Brüttenertunnel wäre dann so gut wie gestrichen. Darunter zu leiden hätten vor allem auch die Zürcherinnen und Zürcher.
Die Situation für die Fahrgäste zwischen Zürich und Winterthur wird sich auch ohne Annahme der Initiative bereits ab 2018 spürbar verbessern.
Wir wollen keinen überstürzten Ausbau auf vier Spuren, sondern einen zukunftsgerichteten, wohlüberlegten Ausbau der Strecke zwischen Zürich und Winterthur. So ist gewährleistet, dass die Fahrgäste nicht nur nach 2018, sondern auch in den darauf folgenden Jahrzehnten immer wieder von Verbesserungen des Schienennetzes profitieren können. Denn auch nach 2018 werden von Jahr zu Jahr mehr Reisende unterwegs sein.
Und was sagt die SBB zu der Initiative?
“Wenn die ganze Strecke zwischen Zürich und Winterthur betrachtet wird und alle Anforderungen einbezogen werden, so ist der Streckenausbau mit einem Brüttener Tunnel oder mit einer offenen Streckenführung in etwa gleich teuer.”
Dies sind die Worte von Philippe Gauderon, Leiter Infrastruktur und Mitglied der SBB-Chefetage. Gegenüber Vertretern der Städteallianz öffentlicher Verkehr stellte er sich gegen die Initiative.
Damit wird ein wichtiges Argument der Befürworter deutlich entkräftet. Diese behaupten nämlich, dass ihre Variante deutlich günstiger sei. Dies scheint also nicht zu stimmen. Eine Begründung dafür liefert der Winterthurer Stadtrat Matthias Gfeller im Landboten: “Die Initianten unterschätzen die Schwierigkeit des Vierspurausbaus gewaltig.” Damit auf der kurvigen Strecke schnell gefahren werden könne, seien komplizierte Ausbauten nötig. Beim Bahnhof Kemptthal beispielsweise seien die Pfeiler der Autobahnbrücke so eng beieinander, dass die Linienführung schwierig sei. Die jetzt bestehende Holzverladestelle müsste an neuem Ort wieder errichtet, eventuell auch die Kläranlage der Maggi-Fabrik verschoben werden. “Am Schluss sind so viele Kunstbauten nötig, dass ein oberirdischer Ausbau sehr teuer wird.”
Die Meinung der Betroffenen
Auch die Stadtregierungen von Illnau-Effretikon und Winterthur sowie der Verein zur Förderung des öffentlichen Verkehrs im Kanton Zürich lehnen die VCS-Initiative klar ab.
Der Stadtpräsident von Illnau-Effretikon, Martin Graf (Grüne), bezeichnete den Vorstoss im TagesAnzeiger als Kuckucksei für den Kanton und glaubt nicht, dass mit den Ideen hinter der Initiative eine Entflechtung des Personen- und Güterverkehrs stattfinden würde.
Eine langfristige Kapazitätserhöhung müsse die Effizienz auf der Strecke erhöhen, die hohen Risiken für Kollisionen mindern und die Emissionen senken, so Graf. Zudem fordert er höhere Geschwindigkeiten auf der Schiene und für die SBB eine störungsfreie Alternativroute.
Die VCS-Initiative anzunehmen, ist, wie wenn sich Zürich eine eigene Luftwaffe zulegen würde.
Martin Graf, Stadtpräsident Illnau-Effretikon
Graf bezeichnet eine Vorfinanzierung, wie sie die Initiative vorsieht, als “dümmste Lösung überhaupt”.
Seid ihr eher für oder gegen die VCS-Initiative? In dieser Umfrage könnt ihr eure Stimme abgeben und danach in den Kommentaren begründen, weshalb ihr dafür oder dagegen seid:
{ 5 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Da ich von der Nordwestschweiz komme und eher denke, dass diese Region sträflich vernachlässigt wird vom Bund bin ich hier zu voreingenommen für ein sachliches Urteil.
Vorallem fehlen gesamtschweizerische Daten betreffend Möglichkeiten von Umleitungen von Güterzügen. Wieso zum Geier muss ein Güterzug um 7:00 Uhr morgens durch dichtbefahrende Strecken geleitet werden. Die Antwort: weil das System bescheuert ist. Will heissen: Würde für den Käufer eines Güterzuges es finanziell reizvoll sein, 1) Ausweichrouten oder 2) andere Zeiten zu wählen, könnte man sicherlich auf einige Ausbauten verzichten.
Und, ganz wichtig: dieser minimalismus bei der Infrastruktur, bei dem viele Weichen und Geleise demontiert werden sollen aufhören. Als gutes Beispiel ist da Basel Olten erwähnt, auf dem bei Problemen mittels demontierten Weichen bei Problemen lange Strecken kein Spurwechsel mehr möglich ist.
Also wäre es kostengünstiger und eher dienlich, zuerst diese Punkte zu erledigen oder bzw zu unterlassen, bevor Milliarden in einen dann womöglich nicht gebrauchten Ausbau zu stecken.
Der Ausbau mit den ganzen Blockverdichtungen für 4.Teilergänzung S-Bahn, ZEB und DML ist auch nicht die beste Lösung. Funktioniert etwas nicht fällt der Fahrplan zusammen wie ein Kartenhaus. Die Initiative ist aber auch nicht die Lösung. Sie sollte nicht eine konkrete Streckenführung vorschlagen sondern einfach 4 Gleise früher fordern. Wie die dann gebaut werden sollen sollen die Fachleute entscheiden. Wir bauen am linken Zürcher Seeufer z.b auch die Blocks für eine Zugfolgezeit von 1,5 Minuten aus! Viel Spass wenn da mal ein Relaiskontakt nicht funktioniert.
@Piero, jede Weiche kostet sehr viel Geld (Unterhalt etc.) deshalb will man alle die nicht unbedingt nötig sind loswerden. Ich finde es auch nicht toll, aber irgendwo muss man sparen, denn die Instandhaltung ist ja für alle zu teuer. Man kann nicht so viele Züge fahren lassen und das Gefühl haben alles werde immer günstiger. Damit es nicht zu teuer wird baut man alles aus was nicht unbedingt nötig ist. Im Störungsfall ist das aber ein klarer Nachteil.
@Michi
Es muss ja nicht günstiger werden – aber die Gelder sollten sinnvoll verbraucht werden.
Die Demontage kostet Geld – sowie die spätere Wiedermontage (wenn man merkt, dass es diese Weiche eben doch gebraucht hätte). Oder baut deine Gemeinde in der Schule die Hälfte der WC-Anlagen aus, weil ja statistisch gesehen nur alle 2 Min ein Schüler “mal muss”?
Was ich gerne mal von den SBB sehen möchte ist, wie eine Zunahme der Passagiere wirklich höhere Kosten bewirkt. Natürlich steigen sie, wenn die SBB mehr Züge einsetzt, aber wenn auf einem Zug 100 Leute und im nächsten Jahr 106 Leute mitfahren – wo genau ist da die Kostensteigerung? Natürlich ist auch hier klar, dass irgendwann ein zusätzlicher Wagen angehängt werden muss, welcher wieder Unterhaltskosten, Abnützung etc auslöst. Aber bei den Pressemitteilungen der SBB bekommt man den Eindruck, dass 5% mehr Passagiere auch 5% (oder gar mehr) Kosten bewirken.
Piero nicht die Passagiere an sich verursachen Kosten. (ausgenommen die Vandalen und die die ihren Müll im Zug entsorgen). Die Kosten werden durch das Mehr an Angebot ausgelöst. Also Halbstunden Takt zusätzliche Züge in den HVZ, verstärkte Züge (die Wagen müssen mal an und wieder abgehängt werden) etc. Das verursacht die Hauptsächlichen Kosten. Das die zusätzlichen Züge auch gerreinigt werden müssen hab ich schon berücksichtigt.
Das ist mir klar, aber soweit ich weiss, wurde das Zugsangebot um ca 10 bis 15% ausgebaut, die Passagierzahlen haben zwischen 30 bis teils 50% zugenommen. Also anders gesagt: es fahren mehr Leute mit pro Zug. Korrigier(t) mich, aber vor Bahn 2000 vor bald 6 Jahren waren rund 250 000 GA im Umlauf, heute, gem. Pressebericht der SBB 405 000 Ende Juni. Das ist eine Zunahme von über 60% bei Mehrleistung von rund 12%.