SBB: In Zukunft mit Chip oder Handy reisen?

von Andreas Hobi am 1. Juli 2010 · 10 Kommentare

In Wellenbewegungen hört man mal mehr, mal weniger von der Art und Weise, wie wir in Zukunft Zug fahren werden. Mobiltelefone, Chips und RFID werden dabei immer wieder erwähnt.

Aktuell befinden wir uns wieder auf dem Kamm einer solchen Welle. Angestossen von einer Aussage des Verwaltungsratspräsidenten der SBB und nachträglich unterstützt durch PR-Massnahmen des Siemens-Konzerns geht es in den Medien um einen Chip, der das Bahnfahren erleichtern soll.

Was bisher geschah

Unter dem Namen “easyride” versuchte die SBB schon einmal, etwas auf die Beine zu stellen, was man vereinfacht gesagt als “GA-Komfort ohne GA” bezeichnen könnte.

In wenigen Worten: Es ging darum, die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen berührungsfrei zu registrieren, die Daten per Funk an die Zentrale zu übermitteln und dann auf Grund der gefahrenen Kilometer mit Bahn, Schiff, Bus und Tram eine monatliche Rechnung zu erstellen.

Ziel war es, dass die Reisenden nicht mehr zwingend an einen Bahnschalter oder einen Automaten müssen, bevor sie in den Zug steigen.

Offiziell wurde das Projekt “easyride” zwar auf Eis gelegt, doch es gibt nach wie vor Bemühungen, etwas ähnliches auf die Beine zu stellen. Dies geht aus einem Interview hervor, welches Patrick Comboeuf dem Internet-Briefing.ch gab.

Alles weitere dazu in diesem Artikel. (Es ist von Vorteil, zuerst diesen verlinkten Artikel zu lesen, bevor ihr hier weiterfahrt. Dies dient einem besseren Verständnis der ganzen Geschichte.)

“Ideal wäre ein Chip – beim Aussteigen wird abgerechnet”

In einem Zeitungsinterview Ende April gab es von Ulrich Gygi, Verwaltungsratspräsident der SBB, folgende Aussage:

Ich möchte keine lineare Erhöhung, sondern abgestuft nach Fahrausweiskategorie, Kundenkategorie, idealerweise ein Angebot mit Preisschildern versehen nach Qualität und Komfort. Schnellzüge ohne Halt sind teurer als langsame, Züge ausserhalb der Spitzenzeiten kosten weniger, Services wären zusätzlich zu bezahlen. Wir wollen aber ein offenes System beibehalten. Jeder soll jederzeit einen Zug besteigen können. Ideal wäre ein Chip. Beim Aussteigen wird der Preis für das benutzte Angebot abgebucht.

Gygi bezeichnet diese Aussage als “Visionen”. Sie werden also nicht in absehbarer Zeit umgesetzt.

Zumindest nicht, wenn es nach der SBB und den über hundert anderen ÖV-Unternehmen geht, die da ein Wörtchen mitzureden haben. Der deutsche Siemens-Konzern hingegen sieht es anders. Er will nicht länger warten.

Der Schweizer Ableger des Konzerns hat eine Technologie entwickelt, die laut eigenen Angaben weit entwickelt ist. Siemens Schweiz nennt das Produkt “Fast Track” und will es an Schweizer Bahnunternehmen verkaufen.

Auf das Scheitern der früher angestrebten Lösung (EasyRide) sagt Marcel Kalbermatter, Leiter Bahnlösungen bei Siemens Schweiz, dass die Nachteile des damaligen Systems aus der Welt geschaffen wurden und dass dank der schnellen technologischen Entwicklung im Bereich der Datenübertragung via winzigen Chip heute vieles möglich ist, was vor drei Jahren noch als unmöglich galt.

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Und so soll es funktionieren:

Auf der kreditkartengrossen Halterung befindet sich ein RFID-Chip. Dieser wird aktiviert (“eingeschaltet”), sobald der Reisende durch den Eingangsbereich des Zuges geht. Sobald der Zug losfährt, werden alle Fahrgäste im Zug dank den aktivierten Chips registriert.

Einige Zeit später erhält man die Rechnung über die gefahrenen Strecken.

Übersichtlich zusammengestellt schaut es so aus:

  1. DAS TICKET: Der Reisende trägt eine Chipkarte als Ticket bei sich.
  2. BEI REISEBEGINN: Beim Betreten des Zuges wird die Chipkarte automatisch aktiviert.
  3. WÄHREND DER FAHRT: Der Reisende wird während der Fahrt über seine Kartennummer registriert.
  4. AM REISEZIEL: Beim Verlassen des Zuges wird die Chipkarte automatisch deaktiviert.
  5. DATENVERWALTUNG: Der Bordrechner weiss, wo sich der Zug befindet, und verwaltet die Daten.
  6. DATENÜBERTRAGUNG: Die Daten werden vom Bordrechner ans Hintergrundsystem gefunkt.
  7. DIE RECHUNG: Die gefahrene Strecke wird dem Reisenden in Rechnung gestellt.

Oder doch besser mit Handy?

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Vielleicht aber kommt dieser Chip auch nie und eine andere Technik wird eingesetzt. Patrick Comboeuf (Leiter E-Business SBB) erklärt es so:

“Als registrierter Kunde würdest Du z.B. beim Betreten eines Zuges erfasst und per Handymessage davon in Kenntnis gesetzt. Beim Um- oder Aussteigen würde wiederum über das Handy in Erfahrung gebracht, ob Du Deine Reise mit einem anderen Verkehrsträger fortsetzt (keine Aktion von Dir nötig) oder beendest (Taste 2 drücken oder automatisches Check-out nach z.B. 45 Minuten ohne gematchte Bewegung von Dir und dem Verkehrsmittel). Dies würde auch casual ÖV-Nutzern erlauben, mit GA- Komfort zu reisen ohne sich schon im voraus für ein Jahr ein entsprechendes Abo zu erwerben. Im Nahverkehr z.B. in London funktionieren ähnliche Modelle schon im Check-In / Check-out Modus auf Basis von Prepaid-Smartcards. Wenn Du an einem Tag 6 Einzelfahrten absolvierst, wird am Ende des Tages nur die billigere Tageskarte (+ eine 10% Systemgebühr) belastet.”

Auch das hört sich relativ einfach an, wenngleich bei diesem Vorgehen mehr Handlungen vom Kunden verlangt werden. (Er muss sich selber von der Reise abmelden / aus-checken.)

Meine Gedanken

Zuerst einmal: Lassen wir meinen Beruf und die Auswirkungen dieses Chips und der Handy-Variante auf meinen Job beiseite. :)

Die Ideen hören sich toll an. Vorausgesetzt, dass dies tatsächlich so reibungslos funktioniert, könnte es zu einer vereinfachten Benutzung der Züge führen.

Man darf aber nicht ausser Acht lassen, dass es viele Menschen gibt, welche den Chip nicht wollen. Zum Beispiel, weil sie sich in einem Alter befinden, in welchem sie “mit diesem modernen Zeugs” nichts mehr zu tun haben werden. (Man bedenke, dass es Senioren gibt, welche die im 1992 eingeführten GSM-Handys als “modernes Zeugs” bezeichnen…) Andere Menschen wollen nichts mit diesen Chips zu tun haben, weil sie eine (zu starke) Überwachung und einen zu grossen Schritt in Richtung gläserner Kunde befürchten.

Diese Bedenken muss man ernst nehmen.

Aber auch aus der Sicht der beteiligten Transportunternehmen gibt es noch Dinge zu klären. SBB-Sprecher Roman Marti im Tagesanzeiger: “Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung wäre dabei unter anderem der damit verbundene Wechsel vom heutigen Vorauszahlungssystem für Fahrausweise zu einem System, bei dem erst im Nachhinein bezahlt wird.”

Die Inkasse-Frage muss also auch noch geklärt werden.

Man sieht: So rasch wir ein komplett neues System für die ÖV-Benutzung nicht eingeführt.

Aber trotzdem schadet es sicher nichts, wenn wir die Diskussion darüber schon heute starten.

Jetzt gleich; unten in den Kommentarspalten zu diesem Artikel.

Bild © (cc) Claudio Schwarz (flickr.com)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 10 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Dani Juli 1, 2010 um 13:21

Man kann nur hoffen, dass Siemens niemals einen Auftrag für ein Projekt dieser Grössenordnung kriegt. Die haben es ja nicht mal geschafft das Verkehrsleitsystem auf der Stadtautobahn St.Gallen zum laufen zu bringen. http://www.sg.ch/news/1/2009/04/zuschlag_fuer_verkehrsleitsystem.html

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Alain Juli 2, 2010 um 08:41

Ich finde die Idee zwar gut, aber zweifle
auch ein bisschen daran.
Denn wie hier schon genannt wurde der Datenschutz, die Rechnungsführung und somit mehr Betreibungen. Aber was ist wenn das System Fehler macht und falsche
Strecken verrechnet? Und vorallem wie können wir dem Kunden beweisen, dass er die Strecke wirklich angetreten hat? Wie sieht es mit internationalen Tickets aus? Was ist wenn man Kartenbetrug versucht? Was ist
wenn man die Karte verliert? Was machen Touristen, die dies entweder nicht wollen oder ein weiteres Problem, wie kann man die Adresse vom Ausland wirklich überprüfen??
Ich meine die Stammkunden mit GA oder Streckenabo kommen ja sowieso nur 1 mal im Jahr an den Schalter oder bestellen dies sogar über das Contact Center, und die Freizeitreisenden oder Gelegenheitsreisenden benützen dieses Angebot dann sowieso zu wenig oder gar nicht. Ob nun die Kosten und Verwaltung etc. Einsparungen bringt bezweifle ich…??!

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Andreas Hobi Juli 3, 2010 um 08:59

Es liegt nun an den beteiligten Firmen (Siemens und die Bahnen, welche das System wollen), diese offenen Fragen zu klären. Und ganz ehrlich: In deren Haut möchte ich nicht stecken. ;-)

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Sandra-Lia Juli 3, 2010 um 20:57

Naja, in DE ist man ja schon in einem Feldversuch mit einer Technik, die ich persönlich genial find. Funkchip ist im Handy, darauf wird das Ticket dann auch geladen und einsteigen, losfahren, aussteigen, aussloggen, ende monat Rechnung zahlen. Nennt sich übrigens Touchpoint :) (Roter Punkt am Bahnhof. )

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Sandra-Lia Juli 3, 2010 um 21:00

PS: Kann mir wer sagen, wo man diese Grafiken findet, die sie vornehmlich an Bahnhöfen verwendet? (Die auf Blauem Grund)? Früher waren die mal auf der SBB Seite. Aber ich finde da nix mehr! Wäre dankbar!

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Janine Juli 5, 2010 um 10:54

Für mich ist es schon völlig normal meine Tickets auf dem Handy zu buchen. Ich nutze das Handyticket des RMV (Rhein-Main-Vekehrsverbund) und habe dadurch weniger Stress vor dem Reiseantritt. Sogar Gruppenkarten können gebucht werden.

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Andreas Hobi Juli 5, 2010 um 10:56

So weit sind wir noch nicht, dass man bei uns auch Gruppenfahrscheine per Handy kaufen kann. ;-)

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gumbo Juli 5, 2010 um 16:49

Wer wie ich das Handi wegen dem Elektrosmog verweigert, kann wohl in Zukunft zu Fuss gehen? Der Kondukteur, der die Reisenden beraten und kontrollieren müsste, soll wohl durch eine künstliche Stimme ersetzt werden….
Andreas kann dann in Zukunft ja Handy-Verkäufer im noch zu eröffnenden SBB-Elektronik-Shop arbeiten.
Ein SEHR teurer Versuch mit Erfassung der Reisenden beim Einsteigen im Stil der Autobahngebühren, die in gewissen Ländern schon beim Durchfahren eines Toll-Gates (Neudeutsch) erfasst und dann auf der Kreditkarte belastet wird, ist noch nicht so lange als technisch undurchführbar gestorben worden.
Interessanterweise spriessen die guten Ideen immer, wenn es um Einsparung von Personal geht. Wo sollen die Bähnler dann arbeiten?
Die Billettschalter sind von Blechmaries ersetzt worden, der Kondi im Nahverkehr durch Kontrolleure und Polizei, die Wagenreinigung krass reduziert worden….. Schöne neue Welt.
Ich bin froh, lebe ich nicht mehr so lang, dass ich die moderne, anonyme Roboterzeit noch erleben muss.

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Roger Humbel Juli 25, 2011 um 00:04

Kann man mit Ihnen auch mal am Telefon über Ticketings -va. mit NFC sprechen? 056 535 00 41 079 223 48 52

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Andreas Hobi Juli 25, 2011 um 00:07

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