Stallwache bei Kondukteuren?

von Andreas Hobi am 17. Juni 2010 · 7 Kommentare

Mein Beruf gefällt mir! Das habe ich hier wohl schon öfters erwähnt. Aber auch im schönsten Beruf gibt es Dinge, die einem mehr gefallen und Dinge, die einem weniger gefallen. Ich zum Beispiel mag den Frühdienst nicht wirklich. Doch wenn ich Frühdienst habe, dann am liebsten die “Stallwache”! Doch was ist das überhaupt?

sleeping beauty

Noch befindet sich diese junge Frau im Land der Träume.

Für mich und die meisten anderen Zugbegleiter ist es selbstverständlich, dass es die sogenannte Antrittsreserve gibt. Doch in Gesprächen mit Freunden und Bekannten stelle ich immer wieder fest, dass sie diese Art von Arbeit ziemlich sonderbar finden. Deshalb dachte ich, dass es auch euch interessieren könnte, was wir da so tun.

Um was geht es?

Im Grunde genommen ist es ganz einfach: Es gibt Menschen, die haben Mühe, morgens in die Gänge zu kommen. Und es gibt Menschen, die verschlafen.

Bei vielen Berufen ist das nicht so schlimm; dann kommt man halt ein bisschen später ins Büro und geht abends später nach Hause.

Bei den Zugbegleitern ist das nicht ganz so einfach. Die Fahrgäste hätten wohl keine Freude, wenn es ganz lapidar heisst: Jänu, dann fährt der Zug halt ein bisschen später; der Kondukteur ist gerade aufgestanden und kommt bald zur Arbeit.

Deshalb gibt es die Antrittsreserve, oder wie ich sage: Stallwache.

Wie funktioniert das?

In Chur beginnt die Stallwache um 4:15 Uhr. Ich komme ins Depot, gehe zu meinem persönlichen Spind, lege die privaten Utensilien dort hinein und nehme meine Arbeitsutensilien heraus. Ein Zimmer weiter befinden sich die Computer, wo ich mich einlogge und als erstes meine Tagestour aus dem Briefingtool drucke.

Im Briefingtool sehe ich alle relevanten Infos. Von wann bis wann arbeite ich? Wo und wann habe ich Pause? Welche Züge begleite ich? Wer arbeitet nebst mir auf diesen Zügen (inklusive Telefonnummer etc.)? Welche Gruppen haben Plätze reserviert? Was gibt es sonst noch zu beachten? Ausserdem hat die SBB die Möglichkeit, zusätzliche Infos ins Briefingtool einzufügen. Dies geschieht zum Beispiel bei Fussballspielen. So erfahren wir, wann und wo ein entsprechendes Spiel stattfindet, wie viele Reisende erwartet werden, und andere wichtige Dinge.

Auch wir Zugbegleiter können selber Infos einfügen. Entweder nur für bestimmte Züge, oder aber auch für bestimmte Bahnhöfe (und somit automatisch für alle Züge, welche diesen Bahnhof anfahren).

Nachdem ich die Infos aus dem Briefingtool gedruckt habe, starte ich das nächste Programm auf: Im Mailprogramm öffne ich ein Email, welches mir der Einteiler geschickt hat. In einer angehängten Excel-Tabelle habe ich fein säuberlich aufgeführt eine Liste aller Mitarbeitenden, die heute arbeiten müssen dürfen.

Sobald ich diese Liste gedruckt habe, rufe ich den Einteiler an und teile ihm mit, dass ich im Depot bin. So weiss er, dass ich nicht verschlafen habe.

Und nun beginnt die Stallwache: Ich mache es mir im Depot bequem und streiche nach und nach alle Mitarbeiter, die zur Arbeit erscheinen, von der Liste. Pro Stunde sind das um diese Uhrzeit jeweils zwei bis sechs Personen.

Sollte mal jemand nicht pünktlich erscheinen, versuche ich, ihn anzurufen. Falls das nicht klappt, muss ich den Einteiler verständigen und der entscheidet dann, wie es weiterläuft. Manchmal muss ich dann für den abwesenden Mitarbeiter einspringen, manchmal zieht er von einem anderen – doppelt besetzten – Zug einen Mitarbeiter ab oder er findet andere Lösungen.

Nach dieser äusserst anstrengenden Arbeit (*g*) gilt es auch für mich noch ernst: Selbstverständlich muss ich so oder so auch noch ein bisschen Billette kontrollieren gehen. Basel retour steht auf dem Programm. Aber immerhin konnte ich gemütlich in den Tag starten. Sofern niemand verschlafen hat. ;-)

Bild © (cc) atomicshark (flickr.com)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 7 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Piero Juni 17, 2010 um 15:13

Interessant, läuft das auch bei den Lokführern so ab? Und was ist, wenn der, wo Stallwache hat, verschläft?

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hermi Juni 17, 2010 um 18:25

hesch ned no welle säge as d stallwach denn am hüfigste mues usrucke wen du früe hesch? :D

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schwyzer79 Juni 17, 2010 um 20:43

Andreas noch ein kleines Detail: Nicht der Einteiler (welcher für die Wocheneinteilung veranwortlich ist) sondern Der Disponent in der ZP – Lenkung wird angerufen und muss entscheiden und Lösungen finden wenn ein Mitarbeiter verschläft. Das läuft übrigens auch bei den Lokführern etwa im selben Rahmen ab.

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tscheipi Juni 17, 2010 um 23:13

@Piero
Bei den Lokführern (SBB Personenverkehr) gibt es diese Antrittsreserve nicht. Im schlimmsten Fall wird das Fehlen eines Lokführers erst bemerkt, wenn der Zug nicht fährt…

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hermi Juni 18, 2010 um 10:32

Meines wisssens ist das Zugbpersonal die einzige abteilung bei den SBB die die “stallwache” kennt.

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Pendlerblog Juni 20, 2010 um 12:49

Ich pendle zwar nicht in der Schweiz, sondern in einem nördlichen Nachbarland, aber ich danke trotzdem für diese Information, die sich sehr interessant finde. Ironische Nebenbemerkung: Habt ihr nur Einteiler an oder auch mal einen Zweiteiler? *g*

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Valentin Juni 22, 2010 um 19:55

Auch wir bei Bernmobil kennen die sogenannte Reserve. In allen 4 Depots/Garagen ist je ein Fahrdienstangestellter in Reserve eingeteilt und macht dann nach der Reserve seinen Dienst, welcher nach der Ausfahrt des letzten Fahrzeuges beginnt. Zudem sind mehrere Kontrolldienstangestellte auf allen Traktionen ausgebildet, um im Notfall einzuspringen. Das kann auch für Bahnersatz oder Extrafahrten sein. Es gibt Tage, da müssen bis zu 10 Dienste ersetzt werden, da braucht es dann doch einige Telefone bis alles organisiert ist.

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