Bombardier baut die neuen Doppelstöcker für die SBB

von Andreas Hobi am 12. Mai 2010 · 21 Kommentare

Um 13:48 Uhr hat die SBB die Katze aus dem Sack gelassen. (Laut schweizweit.net-Leser Dani stand es sogar seit über einer Stunde im Intranet der SBB.) Bombardier darf seinen “Twindexx Swiss Express” für die SBB bauen!

So sieht er aus: Der Twindexx Swiss Express von Bombardier

Somit geht die grösste Rollmaterialbestellung der SBB an den kanadischen Konzern. Der Auftrag beläuft sich nicht, wie anfangs gerechnet, auf 2.1 Milliarden sondern wird 240 Millionen Franken günstiger. Der Preis von 1.86 Milliarden Franken kam vor allem durch die Wettbewerbssituation und die grosse Beschaffungsmenge zu Stande.

In diesem Artikel findet ihr erste Informationen zum Auftrag und zum Twindexx. In einem späteren Artikel folgen noch weitere Informationen (unter anderem zur Wankkompensation und zur Ausrüstung für den internationalen Einsatz) sowie meine persönliche Meinung zum Entscheid.

Selbstverständlich werden heute Nachmittag auch noch die Bilder zum Zug folgen!

Der Auftrag

59 neue Doppelstockzüge darf Bombardier bauen. 50 Kompositionen à 200 Meter und 9 Kompositionen à 100 Meter. Das Unternehmen hat laut SBB in allen vier Hauptkriterien am besten abgeschnitten. Ausserdem überzeugte der Twindexx von Bombardier mit einem hohen Komfort für die Reisenden und einem hohen Innovationspotenzial.

Im Detail waren unter anderem diese Punkte ausschlaggebend:

  • Die Fahrzeuge von Bombardier verfügen über den breitesten Innenraum und bieten gleichzeitig eine maximale Anzahl Sitzplätze, wobei die Sitzplatz-Abstände denjenigen des IC2000 (heutiger Doppelstöcker) entsprechen
  • Die neuen Fahrzeuge verfügen über energieeffiziente Motoren, die Energieeinsparungen von rund 10% erlauben
  • Schnelle Fahrgastwechsel sind möglich dank eines optimalen Fahrzeugkonzeptes mit gleichmässig angeordneten Türen
  • Bombardier offerierte bezüglich Anschaffungs- und Lebenszykluskosten der neuen Fahrzeuge insgesamt die günstigsten Bedingungen

Die SBB nennt noch weitere Vorteile:

  • Die Intercity-Züge verfügen über ein grosses Restaurant und über einen geräumigen Famlienwagen
  • Die Standard-Toiletten sind geräumiger und bieten pro Zug mindestens einen Wickeltisch
  • An allen Sitzplätzen sowohl in der 1. wie in der 2. Klasse sind Steckdosen und kabelloses Internet verfügbar
  • Die Züge werden mit einem Businessabteil ausgerüstet, das geschäftliche Besprechungen und ungestörtes Arbeiten ermöglicht
  • In den Zügen steht ein modernes Kundeninformationssystem zur Verfügung
  • Auch verfügen die Fahrzeuge über elektronische Sitzplatzreservierungsanzeigen
  • Zur Sicherheit der Reisenden sind die Züge mit Videoüberwachung und einem Notrufsystem ausgerüstet
  • Die neuen Fahrzeuge sind dem Luftdruck besser gewachsen: In langen Tunnels und beim Kreuzen von Zügen entstehen für die Kundinnen und Kunden spürbar geringere Druckwellen und weniger Ohrdruck

Bombardier hat die Vergabekriterien objektiv am besten erfüllt und uns einen sehr kundenfreundlichen Zug offeriert.
SBB-CEO Andreas Meyer heute vor den Medien

Hergestellt werden die Bombardier-Züge im Schweizerischen Villeneuve und im deutschen Görlitz.

Falls es gut läuft, kommen zu einem späteren Zeitpunkt zu den bisher 59 bestellten Zügen nochmals bis zu 100 Züge hinzu. Die SBB hat sich vertraglich eine Option in dieser Höhe gesichert.

Bis die Verträge definitiv unterzeichnet werden, dauert es aber noch kurze Zeit. Am nächsten Freitag wird die SBB den Entscheid im Informationssystem über das öffentliche Beschaffungswesen der Schweiz (simap.ch) publizieren. Ab dann läuft die 20tägige Beschwerdefrist. Die Vertragsunterzeichnung findet dann voraussichtlich im Juni statt.

36’000 neue Sitzplätze sind erst der Anfang

Mit den Twindexx-Zügen erhält die SBB insgesamt 36’000 zusätzliche Sitzplätze. Benötigt werden laut SBB-Chef Andreas Meyer in den nächsten zwanzig Jahren aber bis zu 120’000 neue Sitzplätze. Einerseits, weil altes und unklimatisiertes Rollmaterial ersetzt werden muss, andererseits, weil die SBB die Sitzplatzkapazität in den Fernverkehrszügen um 60’000 erhöhen muss, damit sie dem Nachfragewachstum Rechnung tragen kann. Denn heute verfügt die SBB über eine gemischte Flotte von Doppelstockzügen, Neigezügen und einstöckigen Zügen. Die ältesten Fahrzeuge sind bereits über 40 Jahre alt.

Bis 2030 wird die SBB deshalb rund 20 Milliarden Franken in neues und modernisiertes Rollmaterial investieren. Die 1.86 Milliarden von heute sind also erst der Anfang.

Hat dir dieser Artikel gefallen? Falls ja, gebe deine Stimme ab und klicke auf den +1-Button! Ausserdem kannst du einen Kommentar hinterlassen, um uns deine Meinung zu diesem Artikel mitzuteilen.

Das ist ein Artikel von

Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

Andreas hat bereits 1441 Artikel hier auf schweizweit.net geschrieben.

Alle Artikel von → | Twitter: @andreashobi | Facebook

Du möchtest auch gerne einen Artikel schreiben? Kein Problem! Melde dich hier...

{ 21 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Roger Mai 12, 2010 um 14:44

Jetzt mal rein optisch betrachtet gefällt mir dieser Zug doch am ehesten. Noch die SBB-Farben und er sieht tip top aus :-)
Technisch kann ich jetzt nicht viel sagen, einzig ein Detail im Innenraum stört. Bei den Tischen ist gangseitig immer ein Tischbein zu sehen, wie dies im Cisapino der Fall ist…. das ist doch eher sehr unpraktisch und in einem nicht voll besetzten Zug auch unbequem. Der Tisch ist dann immer im Weg.
Wobei, auf ein solches Detail dürfte man jetzt eigentlich noch gar nicht eingehen, ist ja erst ein Vorschlag des Konstrukteurs :-D

Antworten

Andreas Hobi Mai 12, 2010 um 14:53

Mir persönlich gefällt er optisch betrachtet auch deutlich am besten.

Aber: “Optisch betrachtet” sieht der österreichische RailJet auch absolut super aus. Nur ist er leider fast immer verspätet. Und wenn ich dann die Wahl habe, hätte ich lieber einen pünktlichen, zuverlässigen Zug als einen, der einfach gut aussieht. ;-)

Bei Bombardier bin ich aber zuversichtlich, dass die das hinkriegen.

Antworten

Roger Mai 12, 2010 um 14:59

ja, natürlich ist die Zuverlässigkeit das A und O, jedoch ist es jetzt ja noch nicht möglich, dies zu beurteilen :-)

Auf jeden Fall freu ich mich auf die neuen Züge, allmählich verschwinden die Urgesteine von den Schienen… Auch der neue NPZ Domino kann sich optisch sicherlich schon mal sehen lassen. Bin gespannt, wann endlich die RegioExpress-Züge mal erneuert werden …

Antworten

Piero Mai 12, 2010 um 15:54

Tja.. jetzt wissen wirs…

Optisch macht er was aus, dieser Twindexx Swiss Express. Ich erwarte aber punkto Kundeninfo, dass in diesen Tischchen ein integrierter touchscreen-Bildschirm ist, in dem ich z.B. meine Reiseroute nach aktuellen Fahrzeiten nachgucken kann.

Für jene wie mir, dene es als Schweizer etwas leid tut, dass Stadler leer ausgeht: So schlimm muss das nicht sein, es sind ja nicht die letzten Züge. Ausserdem müssen ja bald mal die Dosto der S-Bahn Zürich der ersten Generation ersetzt werden.

Antworten

Andreas Hobi Mai 12, 2010 um 16:06

Es gibt tatsächlich Kundeninformationsbildschirme in den Wagen. Auch wenn diese vermutlich nicht Touchscreen sind. An jedem Platz einen Bildschirm zu installieren, ist vielleicht ein bisschen viel verlangt für einen Zug, der von Kondukteuren begleitet wird.

Antworten

Piero Mai 12, 2010 um 16:20

Das sagst du, aber bei einem 400 m Zug mit ca 1500 Passagieren und im Besten Fall zwei Kondukteuren – da bekomm ich ja nur mit gut Glück zur korrekten Zeit meine Fragen beantwortet ;)

Und super wäre auch, wenn man untereinander mit anderen aus anderen Wagen reden könnte.. das System weiss ja, wo jemand sitzt (hoffe ich mal, dass das eingebaut wird) dann könnte man sich dort einwählen und sich gesprächsbereit zeigen.. usw usw.. *fantasier* :D

Andreas Hobi Mai 12, 2010 um 16:26

Technisch wäre vieles möglich… ;-)

Ein Unterhaltungssystem wie bei der Swiss wäre natürlich auch nicht übel. Minigolf, Wer Wird Millionär, diverse Filme zur Auswahl, Musik, Reisekarte…

Damit wären die eingesparten 240 Millionen aber sehr rasch wieder ausgegeben. :)

roger Mai 12, 2010 um 16:26

naja, ich denke, dass dies zu weit geht. wichtig sind die bildschirme am Angang und Ende des Wagens, jedoch werden immer mehr Leute über ein Web-Fähiges Handy verfügen und so selber die Informationen abrufen können.

Und untereinander kommunizieren? Naja, ich glaube nicht, dass dies viel “sinnvoll” genutzt würde.

Antworten

Piero Mai 12, 2010 um 16:34

Hast du sicher recht, ich finde aber, man sollte bedenken, dass die Züge erst ab 2020 so richtig im Einsatz sind (ok, teils auch etwas früher, aber sollen ja noch mehr Züge folgen) und dann 30 bis 50 Jahren unterwegs sind. Da sollte man sich die Möglichkeiten nicht verbauen.

Antworten

Piero Mai 12, 2010 um 16:52

Wenn ich mir die Kommentare in den Onlinebereichen der Zeitungen und Newsportalen ansehe bin ich sehr froh, dass hier die Kommentatoren weiter als nur zur Nasenspitze denken.

Dieses ewige: Wir Autofahrer zahlen alles geht mir tierisch auf den Sack. Vielleicht sollte man mal Probeweise mit Statisten diesen Autofahrern zeigen was es bedeutet, wenn die von ihnen gehassten Zugfahrer auch noch auf ihrer Strecke verkehren würde. Ich sag nur “Stau”.

So, tut mir leid, das gehört ja nicht so ganz hierhier ;)

Antworten

Andreas Hobi Mai 12, 2010 um 16:56

Dieser Kommentar gehört schon hierher, aber er gehört AUCH in die Kommentarspalten der erwähnten Medien. ;-)

Mir ist aufgefallen, dass in den Kommentaren bei tagesanzeiger & Co. allgemein ein äusserst mieser Umgang herrscht. Nicht nur, wenn es um den öV geht.

Und ich frage mich, woran das liegt…

Bei schweizweit.net zum Beispiel muss ich pro Monat maximal 1-2 Kommentare löschen. Mehr sind es eigentlich nie. Und trotzdem herrscht hier eine einigermassen umgängliche Kommentar-Kultur.

Antworten

Andreas Hobi Mai 12, 2010 um 16:57

Bei dieser Gelegenheit: DANKE an alle, die auf schweizweit.net regelmässig kommentieren und das auch noch auf eine anständige Weise machen! ;-)

Piero Mai 12, 2010 um 17:06

Worans liegt kann ich dir sagen:

Diese Medien (und nein, bei solchen schreib ich keinen Kommentar mehr) wollen das doch. Du aber als Betreiber deines Blogs (oder ich als Betreiber einer Community) möchten gesittete Verhältnisse. Ich gehe jede Wette ein: hättest du hier nicht von Anfang an darauf geachtet, dass die Beiträge von den Kommentatoren gut sind, dann würde hier der selbe miese Ton herrschen.

Andreas Hobi Mai 13, 2010 um 14:09

Apropos Kommentare: Dieses Video könnte dir gefallen, Piero (falls du es nicht schon bereits gesehen hast): http://videoportal.sf.tv/video?id=eef09796-57db-447c-bb30-4e1fc6d16b9a ;-)

Piero Mai 13, 2010 um 18:45

Danke, ich kenns :D Wird ja oft etwas übertrieben, aber es stimmt leider total

mousseman Mai 12, 2010 um 20:33

Wenn ich “200 Meter” lese – wird die Sache dann so wie bei einem ICN oder einem ICE3 aussehen, wo man für lange Kompositionen zwei Züge aneinanderhängt, zwischen denen man dann nicht hin- und hergehen kann, oder wird dann jeweils ein Endwagen entfernt und man hat einen durchgängigen Zug?

Und was haben die Dinger für eine vMax?

Und noch etwas – kann die SBB eine Schaltung in allen WCs einbauen, dass wenn einer die Spülung betätigt (also sein Geschäft verrichtet hat) aber nicht Wasser und Seife zur Handreinigung benutzt, beim Verlassen des WCs eine Vorrichtung ihm oder ihr hinten auf den Rücken “Ich bin ein Schwein” draufsprayen kann? Alleine diese Massnahme könnte die Häufigkeit von e. coli Infektionen in der Schweiz halbieren. :)

Antworten

Andreas Hobi Mai 12, 2010 um 21:16

Es ist tatsächlich so, dass man dann zwischen den einzelnen Modulen nicht durchgehen kann. Wer also zum Beispiel ins Restaurant möchte, muss sich vor dem Einsteigen überlegen, in welchem Zugsteil das Restaurant geöffnet ist.

Vmax bleibt gleich wie bei den bisherigen Dosto: 200 km/h.

Beim letzten Vorschlag wäre ich dabei! ;-) Ausserdem plädiere ich für Sprinkleranlagen gegen heimliche WC-Raucher…

Antworten

mousseman Mai 12, 2010 um 23:00

Schade um die ‘Split-Züge’, ohne die beiden ‘Endwagen’ mit Führerstand wären auf 400m Zuglänge sicher 30-40 Plätze herauszuholen gewesen, die jetzt halt fehlen (zumindest zwischen Bern und Zürich), abgesehen davon, dass sich die Passagiermengen über 400m gleichmässiger verteilen als über 2x200m (weil Passagiere in Zürich in die erste Hälfte einsteigen, und dann die andere Hälfte des Zuges vergleichsweise leer ist)! Das Restaurant kann man auch gleich in Sitzplätze umwandeln, ich bin kein Besucher von Instituten, die weder Schützengarten noch Guiness noch deutsches Hefeweizen ausgeben.

Die Tempo 200 sind vermutlich nur eine künstliche Limite, die man ohne grossen Aufwand auf 230 oder 250 erhöhen sollte, um dann zusammen mit der Wank-Technik noch mehr Zeit rauszuholen, da eine komplett neue Strecke zwischen Olten und Zürich m.E. sowieso unvermeidbar ist, um die Strecke über Aarau nachhaltig zu entlasten, und die ‘alte’ NBS eigentlich mit entsprechender Oberleitung auch zu 250 km/h fähig ist. Sogar ein Ösi-Railjet kriegt ja 230 km/h hin…

Und bei den Toiletten-Rauchern – irgendwie sollte die SBB mal einen Wettbewerb mit dem Thema “Nachhaltiges Abgewöhnen des Rauchens in Zugtoiletten mittels technischer Massnahmen” ausschreiben, und Ingenieurschulen können da etwas entwickeln, was dann in einem Feldversuch getestet wird. Ich erinnere mich da an ein altes Buch namens “Grimmzahns Fallen”, da hatte es wirklich einige Inspirationen, um das Verhalten einer Person schnell und nachhaltig umzupolen.

Antworten

falsch: Oktober 1, 2010 um 22:45

Grimmzahns Fallen polen nicht um, sie bringen um!
(Raucher sterben früher)

Antworten

Roadrunner Juni 2, 2010 um 12:50

Was mich bei der Geschichte traurig stimmt, ist, dass die SBB es unter Garantie wieder schaffen wird auch diesen Zug zu einer komforttechnsichen Unverschämtheit zu deklassieren. Gut, nun hat man endlich einmal eingesehen (ungefähr 15 Jahre zu spät), dass Strom am Platz schon ganz praktisch sein kann, aber Wahrscheinlich braucht es nocheinmal 20 Jahre, bis der Groschen, dass eine reine vis-à-vis Bestuhlung für immer grösser werdende Menschen eine absolute Qual ist. Zumindest 50% der Sitzplätze müssen endlich reihenbestuhlt werden. Die Deutschen und die ÖBB haben das recht ordentlich gelöst, die SNCF im TGV eher weniger (anderes Extrem). Wenn man das bei der Konstruktion von anfang an berücksichtigt, hats auch keine Wandfensterplätze (wobei das ohnehin nur ein paar ganz wenige pro Wagen sind. Und lieber seh ich ein klein bisschen weniger, als dass mir auf der Strecke von Basel nach Zürich schon in Frick die Knie weh tun).

Antworten

Roger Oktober 3, 2010 um 10:17

Naja, das mit der vis-à-vis Stuhlung sehe ich gleich ander. Mit 4er-Abteilen hast du die beste Platzausnutzung, denn immer zwischen den Stühlen kannst du grosse Taschen oder Koffer verstauen. Ausserdem hast du ausser in der Stosszeit (also etwa an 80% des Tages ) mehr Platz, wenn du alleine oder zu zweit in einem 4er-Abteil sitzt.
Und mir ist schon aufgefallen, dass oft Leute die EW lV wagen mit Flugzeugbestuhlung meiden und in einen “normalen” einsteigen.

Antworten

Schreibe einen Kommentar

Previous post:

Next post: