Dieser Gast-Artikel wurde von Christian Hauser eingesandt. Mehr über Christian erfahrt ihr am Ende des Artikels.
Vor kurzem durfte ich einen Lokführer auf seiner Diensttour begleiten. Auf seinem Plan stand unter anderem auch Solothurn – Sonceboz-Sombeval – Solothurn.
Meine Anreise nach Solothurn verbrachte ich ganz konventionell im Fahrgastraum. Das Ansagesystem RailVox meldete “Solothurn, Endbahnhof. Bitte alle aussteigen.”. Nach einer kurzen Pause fuhr dann der Regio von und nach Sonceboz-Sombeval – gefahren durch meinen Lieblingszug der BLS, den Stadler GTW – auf Gleis 3 ein.
Nach der Zugsübergabe fuhren wir dann durch die schöne jurassische Landschaft. Der Lokführer erzählte mir viele Erlebnisse zu dieser Strecke und auch die Besonderheiten. In Moutier galt es den ICN abzuwarten und plötzlich sahen wir zwei junge Menschen über die Gleise laufen. Wir beide schüttelten nur den Kopf.
Wir fuhren dann pünktlich wieder los, nachdem wir die Türen noch inspiziert und den Versuch, die Toilette wieder in Gang zu setzen, aufgegeben hatten. Zudem zeigte uns eine am Boden liegende Zigarette, dass auf der Hinfahrt im hinteren Teil des Zuges jemand geraucht hatte. Dagegen etwas tun konnten wir nicht, die Person war schon längstens verschwunden.
Es begann auf einem Streckenabschnitt vor Moutier, welche auf einem kurzen Teil sogar steiler ist als die Gotthardstrecke, zu regnen. Der Lokführer erklärte mir, dass es nun etwas schwieriger werde, mit dem GTW zu bremsen. Gerade deshalb, weil die Verbindung zwischen Wasser und dem Staub auf der Schiene sehr rutschig werde und weil die Strecke dazu noch steil sei. Trotz des Regens und wegen des Fahrplans fuhren wir mit der vorgegebenen Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h über die Strecke.
Nach einem kleinen Tunnel passierte dann folgendes: Nach dem Tunnel führt die Strecke in den ersten, langgezogenen Teil einer S-Kurve und dann gleich in den zweiten, aber engeren Teil. Dort dazwischen befand sich ein kleiner Hügel, welcher die Sicht um die “Ecke” verhinderte. Und genau am Ende dieser Kurve überquerte ein älterer Mann gerade das Gleis, just in dem Moment, als wir, immer noch mit 75 km/h, auftauchten. Der Lokführer leitete sofort die (Not-)Bremsmassnahmen ein, der ältere Mann hatte das Gleis aber glücklicherweise bereits überquert. Ich wurde von einer Sekunde auf die andere kreidebleich, sagte nur “Idiot” und der Lokführer fluchte auch irgendetwas.
Es wäre beinahe zu einem Unfall gekommen, nur weil dieser Mann das Gleis überquert hatte. Während dem Rest der Fahrt stellte ich mir verschiedene Ausgänge von einem solchen Vorfall vor.
In Solothurn, wiederum im Depot, sprach ich den Lokführer auf diese Situation an. Es sei für alle, die diese Situation das erste Mal erleben würden, ein “Schock”, erklärte er mir. Er selber habe auch schon den schlimmstmöglichen Ausgang einer solchen Situation erlebt: Suizid – zum Glück “nur” bei einem Dienstzug.
« Fairerweise stellte er sich mit dem Rücken gegen den Zug auf das Gleis. Er stand neben dem Gleis und wartete, bis er dachte, ich könne den Zug nicht mehr rechtzeitig bremsen. Er hatte Recht. »
Der Lokführer erzählt dies mit einer bewundernswerter Gelassenheit. Man dürfe solche Angelegenheiten nicht zu Nahe an sich heran lassen. Sein ehemaliger Chef habe immer gesagt, man sei nicht der Täter, sondern werde zum Opfer gemacht. Bereits einige Tage nach dem Unfall sei er wieder gefahren.
«Warum musste Dominic sterben?», titelte vor kurzem eine Tageszeitung. Es ging um den 14-jährigen Dominic, der bei einer Mutprobe im Bahnhof Baar von einem EuroCity erfasst wurde.
« Solche Fälle und solche Schlagzeilen kann ich nicht verstehen. Die Tageszeitungen fragten, warum. Ich könnte denen sagen warum: Weil er nicht durch die Unterführung ging. Hätte er die Unterführung genommen, wäre er heute noch am Leben. Wenn so etwas passiert, habe ich, berufsbedingt, kein Mitleid. »
Eine Haltung, die ich durchaus verstehe und auch teile. Gleise überschreiten ist verboten, wer es trotzdem tut, ist selber Schuld. Wenn etwas passiert auch. In letzter Zeit habe ich einige Male beobachtet, wie Personen kurz vor einer Durch- oder Einfahrt das Gleis überquert haben. In solchen Situationen ist aber Vorsicht geboten: Schreit man etwas hinterher, bleibt die Person plötzlich stehen, was die Situation sehr gefährlich machen kann!
Übrigens: Auch das Gesetz hat eine klare Haltung. Im Artikel 1, Absatz 1 des Bahnpolizeigesetzes steht: «Es ist allen nicht zum Bahndienst gehörigen Personen verboten, ohne Erlaubnis der Bahnverwaltung oder ohne eine auf privatrechtlichem Titel beruhende Berechtigung an andern als an den ihrer Bestimmung nach dem Publikum geöffneten Stellen das Gebiet einer dem Betriebe übergebenen Eisenbahn oder ihrer Zugehören zu betreten.»
Über den Autor: Christian Hauser macht zurzeit das KVöV. Dabei erlebt er so einiges, weshalb er auf einem Login-Blog darüber schrieb. Zurzeit arbeitet Christian an einem eigenen Projekt, welches ich zu gegebener Zeit hier auf schweizweit.net genauer vorstellen werde. Mehr über Christian erfahrt ihr unter anderem in seinem Twitterfeed: http://twitter.com/chhauser
Bilder © Christian Hauser



{ 3 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Sehr guter Artikel, informativ und spannend. Danke!
Das Erschreckende an der Sache ist, dass ich gehört habe, das jeder Lokführer während seines Arbeitslebens mindestens einmal damit konfrontiert wird, das er mit dem Zug jemanden überfährt.
die BLS Züge auf der Strecke sind wirklich schön. Schade, dass da auf der Streck nächstes Jahr die SBB fahren soll. Dann müssen wir uns wieder mit alten Schrottlingen abfinden. (Denn das Versprechen mit den Stadlerschüttler zu fahren, nehme ich den SBB nicht ab!)
Naja.. jedenfalls eine schöne Strecke.. würd ich auch gern mal im Fronthäusle beim Fahrer verbringen…