Obama setzt auf Hochgeschwindigkeitszüge

von Andreas Hobi am 13. April 2010 · 7 Kommentare

Es ist die grösste Investition in die Eisenbahn, welche es in Amerika je gegeben hat. Und sie könnte die Art und Weise, wie Amerikaner reisen, verändern.

Meistens geht es hier auf schweizweit.net um die Schweiz und den öffentlichen Verkehr in unserem Land. Doch werfen wir heute mal zur Abwechslung einen Blick in die USA! Dort geschieht gerade etwas interessantes: Der amerikanische Präsident Barack Obama setzt auf die Bahn. Er will diverse Hochgeschwindkeitslinien aufgleisen. Die Hilfe dafür kommt unter anderem aus Japan und China.

Acht Milliarden Dollar. So viel will Obama in die Verbesserung des Eisenbahnnetzes investieren. Und die ganze Welt will dabei sein. JR Central aus Japan, South Locomotive sowie CNR aus China, Alstom aus Frankreich, Siemens aus Deutschland und Bombardier aus Kanada. Sie alle wollen einen Teil des Kuchens, den Obama zu vergeben hat.

Rail

Um was geht es?

“The time ist right now for us to start thinking about high-speed rail as an alternative to air transportation connecting all these cities. And think about what a great project that would be in terms of rebuilding America.”
Barack Obama, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Vielleicht fahren schon bald Züge zur Walt Disney World in Florida. Zumindest, wenn es nach dem amerikanischen Präsidenten geht. Dieser will nämlich dreizehn Hochgeschwindigkeitsstrecken in den USA erstellen und andere Linien ausbauen. Dazu gehört auch eine neue Linie von Tampa nach Orlando. Ein Bahnhof beim weltbekannten Vergnügungspark wäre also durchaus vorstellbar.

Alleine für die Strecke von Tampa nach Orlando will Obama 1.25 Milliarden Dollar bezahlen. Gemäss Experten dürfte die Strecke etwa das doppelte kosten, so dass Florida selber auch noch um die 1.25 Milliarden Dollar aufbringen müsste. Statt wie bisher 90 Minuten, würde die Reise von Tampa nach Orlando dann nur noch 60 Minuten dauern (inklusive fünf Stopps).

Weitere Linien sollen zwischen New York City und Buffalo sowie zwischen New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago und Detroit entstehen.

Auf diesen Hochgeschwindigkeitsstrecken sollen dann mindestens 290 Kilometer in der Stunde gefahren werden können.

Rail's Perspective

Die Beteiligten

Beim Grossauftrag wollen viele mitmischen. So zum Beispiel JR Central aus Japan. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Ländern schrumpft die Bevölkerung in Japan. Dies ist ein Grund, weshalb JR Central innerhalb der Landesgrenzen kaum wachsen kann. Dadurch wird der nordamerikanische Raum für diese Firma erst recht interessant. Denn hier liegt noch ein grosses Wachstumspotenzial vergraben.

“High-speed rail is going to be a big industry in the U.S. A lot of companies are going to try and get a piece of the action.”
Masayuki Kubota, Daiwa SB Investments, Tokyo

In einem Interview mit der International Herald Tribune sagte Yoshiyuki Kasai, Präsident der JR Central, Florida stehe zuoberst auf der Liste seines Unternehmens. Nebst Florida habe sich JR Central auch noch für eine Linie in Texas sowie eine zwischen Los Angeles und Las Vegas beworben.

Doch JR Central ist nicht alleine. Auch Alstom aus Frankreich, Siemens aus Deutschland und Bombardier aus Kanada wollen in Nordamerika Züge verkaufen, Linien bauen lassen und das Rollmaterial unterhalten.

Die beiden Firmen Alstom und Bombardier kamen schon einmal zum Zuge, als das amerikanische Eisenbahnunternehmen Amtrak Rollmaterial suchte. Ob dies nun ein Vor- oder Nachteil für die aktuelle Ausschreibung ist, wird sich zeigen.

Bei Siemens weiss man, dass die gerne mal ein wenig unpünktlich liefern. Die SBB hat da so ihre Erfahrungen gemacht, als sie S-Bahnen bei Siemens bestellte. Dies könnte sicher ein Negativpunkt für eine Ausschreibung sein.

Doch auch aus dem eigenen Land droht der JR Central Konkurrenz. Denn die Firma Kawasaki Heavy Industries aus Kobe möchte auch nach Amerika. Sie baute vor drei Jahren bereits die Züge für eine 15-Milliarden-Strecke in Taiwan. Die Linie verbindet Taipei mit Kaohsiung und wird von Hochgeschwindigkeitszügen befahren.

Der dritte Japaner im Bunde ist Hitachi aus Tokio. Die Züge dieses Unternehmens fahren von den nördlichen Vorstädten Londons bis ins Finanzzentrum der britischen Stadt.

Aus China stammen die staatliche South Locomotive und China CNR. Zusammen unterzeichneten die beiden Firmen 2009 alleine im Ausland Verträge in der Höhe von 2.3 Milliarden Dollar.

Nun will die amerikanische General Electric mit den Chinesen zusammenarbeiten und so ein Angebot auf die Beine stellen. Noch ist aber nicht klar, auf welchen Linien die chinesischen Züge zum Einsatz kommen sollen.

Ein Wörtchen mitzureden hat auch Robert Eckels. Er ist Vorsitzender der Texas High Speed Rail & Transportation, einer Nonprofit-Organisation die bis 2020 die texanischen Städte San Antonio, Dallas, Fort Worth und Houston miteinander verbinden will. Eckels zeigte sich begeistert, als er auf Einladung von JR Central in Japan mit einem Hochgeschwindigkeitszug durch den Westen des Landes düsen durfte: “Es war vermutlich die sanfteste Fahrt in einem Hochgeschwindigkeitszug, die ich je erleben durfte.”

“The Europeans and other Asian competitors are all eyeing the U.S. market. The competition will be fierce.”
Michael Finnegan, U.S.-Japan High-Speed Rail

Sollte tatsächlich mal eine Bahnlinie zur Walt Disney World in Orlando / Florida gebaut werden, kommt auch wieder Disney ins Spiel. Der Vergnügungskonzern ist bereit, 20 Hektaren Boden im Wert von 25 Millionen Dollar für einen Bahnhof herzugeben. (20 Hektaren entsprechen in etwa 3 mal der Fläche des Zürcher Hauptbahnhofes ohne Gleise.) Im Gegenzug will Disney den Bahnhof selber designen und betreiben dürfen.

seamless track awaits installation

Gegenstimmen

In der New York Times wird bemängelt, dass man zwar mit rund 270 Kilometern pro Stunde von Tampa nach Orlando düsen kann, dann aber vor Ort nur auf einen schwachen ÖV trifft: “Time-pressed passengers may also find themselves frustrated at the end of their trip. Neither city is known for great public transportation, so travelers may discover that they have taken a fast train to a slow bus.”

Ein weiterer Punkt, der von vielen Seiten erwähnt wird: Das liebe Geld. Diverse Leute sind der Meinung, der Spass koste einfach zu viel und man könne das Geld auch anderweitig verwenden.

America 2050 (eine Art ThinkTank) ist der Meinung, dass zum Beispiel Tampa und Orlando zu nahe beieinander liegen, als dass sich eine Hochgeschwindigkeitsstrecke lohnen würde. Mindestens 160 Kilometer Distanz müssten es schon sein, so die Gruppe.

Weitere Schwachpunkte der Linie in Florida: Zwar führt die Hochgeschwindigkeitslinie ins Zentrum von Tampa, nicht aber an den Flughafen. Handkehrum fahren die Züge nach Orlando Airport, nicht aber ins Stadtzentrum von Orlando.

Orlando möchte zwar ein besseres ÖV-System auf die Beine stellen, doch ein Anschluss an die Hochgeschwindigkeitsverbindung ist nicht vorgesehen.

Salome rails

Kann ein Umdenken tatsächlich stattfinden?

Die Frage ist nun: Können die Amerikaner tatsächlich “umerzogen” werden? Steigen sie auf den öV um?

Nach dem 11. September 2001 stiegen die Verkäufe von Zugbilletten um 40 Prozent. Mit entsprechenden Anreizen könnte mancher Amerikaner also dazu bewogen werden, mit dem Zug zu fahren. Mögliche Anreize wären dabei der Preis, die Geschwindigkeit von Tür zu Tür oder der Umweltschutzgedanke.

Auf gewissen Linien wäre man vielleicht auch gar nicht auf die Amerikaner als Kundschaft angewiesen. Über ein Drittel der 38 Millionen Touristen in Las Vegas reisen von Süd-Kalifornien an. Das sind um die 13 Millionen potenzielle Fahrgäste pro Jahr, beziehungsweise über 35’000 pro Tag. Damit könnte man jeden Tag fast 50 SBB-Doppelstockzüge in der ersten und zweiten Klasse bis auf den allerletzten Platz füllen. (233 + 528 Plätze)

Eine Hochgeschwindigkeitslinie könnte dort also durchaus Sinn machen, denn bequemer als mit dem Zug kann die Anreise nicht sein.

Ich behaupte mal, dass mit so einer Verbindung noch deutlich mehr Touristen nach Vegas reisen werden! Und wer will nicht mehr Touristen, mehr Geld, mehr Gewinn, während man sich in einer Weltwirtschaftskrise befindet?

Über zwei mögliche Verbindungen wird bereits debattiert: Den Maglev und den DesertXpress.

Der Maglev soll mit rund 483 Kilometern in der Stunde fahren. Die Reise von Anaheim nach Vegas würde dann 86 Minuten betragen. Der DesertXpress fährt mit 241 Kilometern in der Stunde und und würde die Städte Las Vegas und Victorville miteinander verbinden.

Quellen

Schweizer Beteiligung sucht man bei diesem amerikanischen Grossauftrag vergebens. Vielleicht ist auch das der Grund, weshalb die Schweizer Medien kaum darüber berichteten. Meine Informationen entnahm ich den folgenden Medien:

  • International Herald Tribune
  • The New York Times
  • Bloomberg News
  • Business Week

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Piero April 13, 2010 um 13:52

Ich häng hier etwas zwischen den Stühlen:

Auf den ersten Blick ist es sicher als Bahnliebhaber schön, wenn die USA (bzw. ihr Präsident) auf die Bahn setzt, aber auf den zweiten Blick?

Die USA sind gross. Verdammt gross. Während man hier in der Schweiz, wenn man mal umfällt, ca durch 3 Dörfer gerollt ist, ist dort einfach … nichts. Weit und breit gar nichts.

Darum macht ein Hochgeschwindigkeitsnetz nur dann Sinn, wenn:
a) die Reise auch nach den Endbahnhöfen weitergehen kann
b) Die Reisekette mit der Bahn schneller ist als mit dem Flugzeug (Haus zu Haus-Berechnung)
c) eine Kombination HG-Züge und Flugzeugverkehr geschaffen wird

Die New York Times schreibt das ziemlich korrekt. Sinnvoller wäre es, die USA würden zuerst den ÖV um die geplanten Hochgeschwindigkeitsstrecken ausbauen. Damit wäre das Einzugsgebiet der Strecke wesentlich erhöht und die Investition würde sich besser lohnen. Und bei grösseren Strecken müssten Tempi von gegen 500 km/h nötig sein – anonsten hast man gegen den Flugbetrieb keine Chance. Da die USA (bzw. die Machthaber) derart paranoid eingestellt sind, darf man auch nicht annehmen, dass die USA bei der Bahn nicht die selben Sicherheitsmassnahmen durchführt wie beim Flugverkehr.
Und dann sind da noch die Flugbetreiber….

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Tom April 13, 2010 um 19:46

Was man auch nicht vergessen darf: Acht Milliarden Dollar sind ein Scherz, um ein komplett neues Hochgeschwindigkeitsnetz aus dem Boden zu stampfen. Selbst wenn dazu nochmal der gleiche Betrag von den Bundesstaaten kommt und die Amerikaner extrem effizient bauen. Man denke daran, wieviel die NEAT kostet. Und alleine die 180km Strecke der Deutschen Bahn von Frankfurt nach Köln hat 6 Mrd. EUR gekostet. Die Streckenführung mag zwar in beiden Fällen komplizierter sein als in manchen Teilen der USA, aber Züge oder Bahnhöfe hat man damit noch nicht gekauft.

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Alain April 13, 2010 um 20:43

Die Idee ist sehr gut, und für ein Land wie die USA, die alles besitzen, excellent! Aber ich glaube eher nicht, dass man den Amerikaner auf den Zug bringen kann. Vorallem fährt ein Zug nicht mit 800-1200 km/h wie ein Flugzeug fliegt und geht dem Amerikaner somit eh zu lange. Und das Thema Umweltschutz interessiert in der USA eh keiner!! Das grösste Problem sehe ich aber wirklich in den Finanzen. Das ist eine enorme Menge Geld, welcher mit den vielen Bürgerlichen in USA nicht einfach so bewilligt wird!

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gumbo April 19, 2010 um 16:48

Alain
Das Flugzeug, das 1200 km/h schnell fliegt, möchte ich erst sehen. 800-900 sind da schon realistischer.
Ich sehe schwarz für Obama. Seine Pläne sind utopisch für ein hoch verschuldetes, dem Autoverkehr verschriebenes Volk wie die Amerikaner. Ich verfolge die Entwicklung dort schon seit 40 Jahren. Es hat sich schon einiges getan, aber ein umfassendes OeV-Netz ist noch in weiter Ferne. Berfürworter blicken neidisch nach Europa und Japan….Da keiner gerne Steuern zahlt, auch kaum finanzierbar. Die pro-Auto-Bürgerlichen machen wie schon lange gut die Hälfte der Stimmbürger aus.
Uebrigens – die “Touristen” von LA nach Vegas sind mehrheitlich Amerikaner.

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Touni April 13, 2010 um 21:13

Cooler Artikel! Könnte mir gut mehr von denen vorstellen. ;-)

New York – San Francisco wäre mit dem Flugzeug etwa 3x schneller.

Das leidige Thema Umwelt und die Amis. Da sind nur wir schuld. Man hat den USD zur Weltwährung erklärt und wir (die ganze Welt) zahlen den Amis mit jährlich 200 Milliarden das Leben! Das muss aufhören. Eine Weltwährung darf es nur noch mit einem Währungspaket geben. Nur das ist fair. Mal sehen, was die Amis dann machen und ob sie noch lange Weltmacht und die Guten spielen können…:-)

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KenAdams Oktober 27, 2010 um 13:46

Ich weiß nicht, ob noch irgendjemand diesen Beitrag lesen wird, aber naja.
Also da ich eine ganze Weile in Las Vegas war, kann ich eindeutig sagen, daß das wohl nix wird mit der Hochgeschwindigkeitsverbindung.
Zuallerst die Amis an sich. Ich muß schon sagen, daß sie sich gaaanz langsam für die Umwelt interessieren, aber sie sind trotzdem einfach noch nicht bereit, auf ÖV umzusteigen.
Zum einen liegt es an der Bequemligkeit. Schon mal einem Ami ins Auto geschaut? DVD-Player mit Flat-TV hinten und sogar vorn ein kleines TV!!! Viele Autos sind insgesamt besser ausgestattet als deren Häuser. Das liegt aber vielleicht auch mit der Abenteuerlust der Amis zusammen. “Road Trip”? Sofort dabei!!! Fliegen? Ja, klaro bei den Preisen! Bus und Bahn? Aber nur, wenn nix anderes geht! Das liegt wohl auch daran, daß die Amis Bus & Bahn ausschliesslich mit armen Leuten in Verbindung bringen, obwohl es einiges teurere ist als fliegen und haben davor richtig Panik! Die Amis stehen lieber 3 Std. am Flughafen, fliegen 20 Min. und warten noch mal eine Std. am Ziel, bis sie aus dem Terminal rauskommen, als das sie 1 Stunde mit der Bahn fahren. Dazu kommt, daß für so ein Vorhaben in Vegas auch ein Bahnhof gebaut werden müsste und auch das wird schwierig, wenn ich daran denke, wie lange allein schon die Busbahnhöfe brauchen bzw. gebraucht haben. Der SouthCenterTerminal hat 4 Jahre gedauert. Der Downtown soll schon seit 4 Jahren gebaut werden und die Arbeiten sind noch lange nicht in Aussicht (vllcht Ende 2011).
Letztendlich wird es sich überhaupt nicht für die Betreiber
rentieren, da einfach das Interesse nicht da ist.

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gumbo Oktober 28, 2010 um 20:47

Ich kann mich erinnern, dass ich mich hier im Schweizweit schon mal sehr pessimistisch geäussert habe, was den OeV in den USA (Kanada ebenso) angeht. Ich habe bisher recht behalten. Die Autolobby ist stark, das Volk ist ans Fliegen gewöhnt, und die Investitionen, die das marode Personenzugnetz benötigen, werden zu hoch sein, um den Stimmbürger und die Politiker umzustimmen.

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