Dieser Gast-Artikel wurde von Simon Erhardt eingesandt. Mehr über Simon erfahrt ihr am Ende des Artikels.
Es war Dienstagabend ca. 21.20 und ich stieg in den InterRegio Zürich – Olten ein. Der Zug war mittelmässig besetzt und ich setze mich in einen freien Vierer, zog meine Schuhe aus und legte die Füsse auf die Sitze gegenüber. Im Vierer neben mir sass ein Mädchen, ich nenne sie hier jetzt Sherly (Ihr richtiger Name ist mir bekannt). Sie hatte dunkle Hautfarbe, hatte grosse schwarze Kopfhörer auf, war um die 18 Jahre alt und hatte sehr viel Gepäck dabei. Ich fragte mich, wie sie das alleine in den Zug gebracht hatte. Den es war wirklich viel: Zwei grosse schwarze Rollkoffer, einen Rucksack und eine Laptoptasche.
Um 21.30 fuhr unser Zug pünktlich los. Von Anfang an merkte ich, dass Sherly irgendwas beschäftigte. Nun, sie sass da, mit ihren Kopfhörern auf dem Kopf und fing leise für sich an zu singen, was mich weiter auch nicht störte, da ich mit meiner PSP beschäftigt war und ein bisschen GTA zockte. Plötzlich viel mir auf, dass ein junger Knabe, so um die 15, die ganze Zeit argwöhnisch zu ihr rübergrinste und ich wartete schon darauf, dass der irgendwas sagte, was er aber nicht tat. Schlimm sang sie ja nicht, ehrlichgesagt machte mich ihr Gesang irgendwie glücklich und fing an ihr zu zu hören. Sie sang Lieder über Liebe und Trennung, was mich in meiner Vermutung bestätigte, dass sie etwas beschäftigte.
Nun, wir waren etwa auf der Höhe von Lenzburg, als sich der Junge endlich zusammen raffte, aber nicht um zu sagen, es störe ihn. Nein er stand ganz kurz auf, grinnste sie kurz an und legte ihr 60 Rappen hin und verschwand sofort wieder auf seinem Sitzplatz. Sherly reagierte verständlicherweise nicht auf seine Geste, also stand er 2 Minuten später wieder auf, schnauzte sie im schlimmsten Tonfall an, sie solle aufhören. Da wurde mir das ganze zuviel, ich stand auf und fragte ihn, warum er ihr das nicht netter hätte sagen können. Er erwiderte darauf, er habe ihr ja mit den 60 Rappen gezeigt, das es ihn störe. Worauf ich ihn fragte, ob dies nicht langsam in Richtung Mobbing gehe. Worauf er mich fragte ob das ein Sozialexperiment werden solle.
So gab es ein riesen Trara um nichts. Mittlerweile hatten sich auch andere Fahrgäste eingeschaltet und plötzlich hatten wir alle ein Gespräch, worin es darum ging, wie man am Besten mit solchen Problemfällen umginge. Und am Schluss kam heraus, dass es gereicht hätte ihr freundlich zu sagen, dass sie bitte zu singen aufhören solle.
Aber leider denkt Herr und Frau Schweizer heute nicht mehr soweit und geht oft sofort auf die Stufe Anmotzen oder Mobbing, obwohl ein freundliches Wort gereicht hätte. So wären alle glücklich gewesen. Ich jedenfalls versuche Menschen immer sehr freundlich zu begegnen. Denn wenn sie verstehen, ist es auch einfacher für sie, es zu ändern.
Mittlerweile bin ich mit Sherly sehr gut befreundet und wir tauschen öfters Neuigkeiten per SMS aus.
Was sind eure Erfahrungen mit kleineren “Störenfrieden” im Zug?
Euer rootLogin
Bild © (cc) Mike Knell (flickr.com)
Über den Autor: Simon / rootLogin erblickte am 10. Februar 1992 in Müllheim (Deutschland) das Licht der Welt. Mit fünf Jahren zog es ihn in die Schweiz. Er arbeitet im Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil und macht dort eine Ausbildung zum Fachangestellten Gesundheit. Sein wohl grösstes Hobby ist die Eisenbahn, vorallem die Technik die dahinter steht, aber er taucht und snowboardet auch gerne und hört gerne Musik. Im Sommer findet man ihn meistens in der Badi oder Aare. Sein Leben mit oder auch ohne Eisenbahn kann man in seinem Twitterfeed (http://twitter.com/rootLogin) mitverfolgen.
Wenn auch du Interesse hast, mal einen Gast-Artikel auf schweizweit.net zu schreiben, dann melde dich!

{ 30 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Diese gute Geschichte ist bei vielen Herr und Frau Schweizer und Imigranten (aus Balkan), etc. leider Realität.
Das eigentliche Thema wurde in diesem Blog schon paar Mal besprochen. Es gibt eben auch die Erfahrung wenn man jemand anständig darauf hinwiest, dass (zBsp.) die laute Musik stört, von Gegenüber auf Übelste zusammengestaucht wird, ja sogar mit Schlägen gedroht wird.
leider… :( Und darunter müssen dann eben alle leiden…
Ich für mich, frage jeweils, wenn ich laut mit meinen Kopfhörern Musik höre, ob es jemanden stört, vorallem am Abend, wenn es sehr leise ist.
Nun, ich denke die meisten haben aufgrund verschiedener agressiver Vorfälle einfach Angst, ihr “Anliegen” einer Person mitzuteilen. Lieber schlucken sie den Ärger herunter- bis das Fass eben mal überläuft. Leider.
Ich frage mich einfach warum hätte sie aggressiv werden sollen?
Sie sieht jetzt wirklich nicht wie die Obergangsterin aus… Halt voll normal, wie du und ich :)
Ich bin halb Italiener, das heisst ich sehe aus wie ein Mafioso ;) Naja, für deinen Fall ist das wohl keine so gute Erklärung – aber ich denke, es geht schon in diese Richtung.
Ein Gastautor? Wow! Toller Artikel! Will mehr davon!!! .o)
Simon darfst ruhig öfters hier schreiben. Ist mal anderes. Cool!
Vielen Dank =)
Ein zweiter Artikel kommt nächste Woche :)
Mir gefällt der Artikel auch! ;-)
Vorallem zeigt er sehr gut, wie es manchmal in den Zügen zu und her geht. Und er regt zu Diskussionen an, wie man am besten auf solche Situationen reagiert.
Danke =)
Eindeutig ein interessantes Thema und ein gut geschriebener Artikel. (Muss mir überlegen, ob ich auch einen schreiben soll..) ;-)
Würde mich freuen! ;-)
Ich kapiers nicht – aber vielleicht liegt das daran, dass ich seit 6 Jahren nicht mehr in der Schweiz wohne … Also die 60 Rappen haetten ein Zeichen fuer sie sein sollen, dass sie aufhoeren soll zu singen?
Gut, dass du das erwähnst, ich verstehe es auch nicht – oder ist es neuerdings so, dass man Strassenmusikern was gibt um ihnen zu zeigen, dass sie gefälligst aufhören sollten? Naa klaaar. man gibt Abzockern ja auch einen goldenen Fallschirm und zeigt ihnen, dass sie endlich verschwinden sollen :D
Jap der Wortlaut des 15-Jährigen war in etwa “Ich habe ihr doch 60 Rappen hingelegt, um ihr nett zu zeigen, sie solle doch bitte aufhören…”
ich finde die Geschichte sehr gut. also es ist gut, dass sich mal jemand Gedanken macht und sich einmischt wenn sowas geschieht. Wenn alle so handeln würden, gäbe es keine Kriege auf dieser Welt. Also die Sache mit den 60 Rappen verstehe ich nicht, wie soll das dem Mädchen zeigen dass sie aufhören soll? also ich würde den wohl nur ein bisschen blöd ansehen und fragen wieso er das macht. aber ja… ich singe nicht gut, also auch nicht im Zug.
Naja zurück zum eigentlichen Thema. Dein Artikel ist gut, er regt zum Nachdenken an. Er ist auch gut geschrieben finde ich. Am Anfang hatte es einen Zeitfehler drin, aber ansonsten sind mir weder Grammatik- noch Rechtschreibfehler aufgefallen.
Liebe Grüsse
Sari
Ich erwarte auch von niemandem, dass er fehlerlos schreibt. Es reicht, wenn es ungefähr stimmt. ;-) Und ausserdem hat es noch nie geschadet, wenn jemand seinen eigenen Stil einbringt…
Sie, äh, sorry, aber Mobbing ist dann doch *ein bisschen* etwas anderes.. http://de.wikipedia.org/wiki/Mobbing
Ja, klar ist es nicht direkt Mobbing… Aber ich meine er hat sich sehr verletzend ihr gegenüber Verhalten, deshalb geht es schon in die Richtung Mobbing, also meiner Definition nach…
Finde es auch einen guten Artikel. Respekt dafür, dass du eingegriffen hast, ich wüsste nicht, ob ich das auch so gemacht hätte… wobei gerade die Jugendlichen ziemlichen Respekt mir gegenüber an den Tag legen.
Der Halbwüchsige gehört nun ja eigentlich genau jener Altersgruppe an, die sich selbst in der Öffentlichkeit nicht mehr sozial verträglich benehmen können. Oder er ist eine Ausnahme.
Seine Altersgenossen sind es ja, die sich immer vordrängeln, keinen Respekt vor anderen Mitbürgern zeigen, niemandem ihren Sitzplatz anbieten, Ihren Walkman auf Voll-Krach aufdrehen und die Schuhe auf die Sitze parkieren. Interessant, dass nun ausgerechnet er sich so gestört fühlt, vor allem, wenn er nachher zeigt, dass er selbst ja auch genau ein solcher Rüpel ist.
Der Frau hätte man ja auch mit Zeichensprache zeigen können, dass sie stört.
Naja, das würd ich nicht sagen… Klar, war ich mit 15 auch nicht der liebste und musste alle Grenzen ausprobieren, Pubertät halt. Aber ich bin auch nie negativ aufgefallen, ich wusste meistens wo ich mir was erlauben konnte.
Viele sagen, vielleicht möge das an der Erziehung liegen, aber ich war eigentlich immer der wo am wenigstens Autoritär erzogen wurde… Ich durfte meistens immer das machen wo ich wollte… Mir wurde jedoch gezeigt, dass man alle Mitmenschen mit Liebe/Freundlichkeit und Respekt behandeln soll, da wir alles Menschen sind und verletzt werden können! Und ich gloube das ist auch gut so, in einer Welt die immer unpersönlicher und meiner Meinung nach kälter wird.
Hey, familiar photo! Bit of a surprise to see that pop up in my Reader feed.
I once (back in the UK) had an old lady on the bus rudely demand that I turn my music down despite the fact that it was switched off – I had headphones on but nothing playing. I was naturally happy to oblige…
(Excuse me for commenting in English rather than German – I read German well but my written German is really bad.)
Du hast da wirklich ein sehr tolles Foto geschossen!
Das scheint so eine Angewohnheit von älteren Leuten zu sein; ich habe mal ähnliches im Zug erlebt, als ich mein Macbook dabei hatte. Auch nachdem ich es ausschaltete, beschwerten sich ältere Leute über den “Lärm”, den es mache… :)
Ich glaub das is n typisch Schweizer Ding, in Deutschland hät er die Klappe gehalten unds ignoriert oder irgendwann n Wutanfall bekommen, aber nich Geld hingelegt damit sie aufhört zu singen?! Aber er wollte wirklich höflich sein, nur n bisschen unbeholfen anscheinend^^
Ein einzelner kann niemanden mobben :) Das ist per definitio nicht möglich.
@Martin M. Der begriff Mobben wird Neudeutsch für alles gebraucht was in diese Richtung geht. Wenn ein Jugentlichen zum andern sagt du Mobbst mich, meint er einfach nur “du schliesst mich aus” oder “du machst mich fertig” etc. Jugensprache schwere sprache….. verstosch monn.
Ich habe ja auch geschrieben, in Richtung Mobbing und nicht direkt das war Mobbing, muss man schon unterscheiden… Weil meiner Meinung nach, hat er sie möglicherweise schon ein bisschen damit verletzt.
ich finde das die Schweizer allgemein eigentlich extrem höflich sind, jedenfalls im europäischen Vergleich, die Asiaten sind natürlich noch n stückchen höflicher…
Das fängt ja schon bei der Bestellung im Laden an. Beispiel Bäckerei:
Schweizer: “Ich hätte gerne ein Gipfeli.”
Deutscher: “Ich bekomme ein Hörnchen.”
;-)
Oder unser Chef: “Machen Sie!!”
vorher (Ch-Chef): “Könnten Sie vielleicht bitte…”
Gumbo