Kondukteure als Kurier missbraucht?

von Andreas Hobi am 9. Februar 2010

Parcel
Bild © (cc) Rob Gale (flickr.com)

Im Grunde genommen wollte ich ja nur einem Kunden helfen. Im Grunde genommen wollte ich nur kundenfreundlich sein. So wie es die Fahrgäste von uns Zugbegleitern gewohnt sind. Doch im Nachhinein kommt mir die ganze Geschichte dann doch ein wenig suspekt vor. Kann es sein, dass ich da soeben als Kurier “missbraucht” wurde?

Es schneit ganz leicht, an diesem Abend, im Zürcher Hauptbahnhof. Dick eingemummt stehe ich vorne beim Lokführer, um ihm die technischen Angaben zum Zug zu geben. Ohne diese Zahlen fahren unsere Lokführer nicht ab. Heute verschwende ich keine Zeit mit unnötigem Smalltalk mit dem Führer; zu sehr zieht der kalte Wind durch die Gegend und die feinen Flocken tragen das Ihrige dazu bei. So rasch es geht, begebe ich mich zurück in die grosse Halle. Am Ende des Zuges warte ich zusammen mit einem weiteren Zugbegleiter. Auf die Abfahrtszeit und meine Fahrgäste.

Das Paket

Es ist kurz nach 23 Uhr, als eine Dame – ich schätze sie mal um die 30 bis 35 Jahre – auf mich zukommt. In der Hand trägt sie ein kleines Paket. Sie fragt mich, ob sie mich was fragen dürfe. Was, wenn ich nun nein sage? Dann hätte sie bereits eine Frage gestellt, ohne meine Erlaubnis dazu zu haben. Fragen über Fragen… Doch wie so meistens, entscheide ich mich heute für ein “Ja”. Ja, die Dame darf mich etwas fragen. Ich habe ja schliesslich Zeit. Abfahren wollen wir erst in ein paar Minuten. Und sonst habe ich nichts zu tun. Nun gut, sie darf mich etwas fragen. Ich bin gespannt auf ihre nun schon zweite Frage.

In diesem Paket sei die Brille ihres Vaters, erklärt sie mir. Nun, er sehe nicht mehr gut und bräuchte die Brille unbedingt so rasch als möglich. Heute Nachmittag habe er sie bei ihr zu Hause liegen gelassen. Jetzt sei er in Walenstadt. Dort würde ihre Mutter das Paket am Bahnhof abholen. Ob ich ihr die Brille bringen könne?

Ich bin ja kein Unmensch. Solche kleinen Gefallen erweisen wir unseren Kunden gerne. Und so nehme ich das handliche Paket an mich.

Bald darauf fahren wir los. Unterwegs habe ich mit den üblichen Problemchen zu kämpfen. Vergessene Abos, Billettautomat angeblich defekt, kein Geld dabei und sowieso sind wir viel zu teuer. Schlussendlich hat dann aber doch jeder bezahlt.

In Walenstadt angekommen steht dann auch tatsächlich eine Frau auf dem Perron. Sie scheint sich ein wenig über das Paket zu freuen. Als Dank will sie mir eine Zwanzigernote in die Hand drücken. “Das ist doch nicht nötig!”, lehne ich dankend ab. Doch sie ist hartnäckig. “Und sowieso dürfen wir solche grossen Geschenke gar nicht annehmen!” Das sei kein Geschenk, meint sie, sondern ein Dankeschön für das Bringen der Brille. Naja, ich will die Abfahrt des Zuges ja nicht unnötig verzögern und so nehme ich das Stück Papier dankend an und verabschiede mich höflich.

Zweifel kommen auf

Dann, am nächsten Tag, als ein Velokurier ein kleines Paket in meinen Intercity von Bern nach Zürich einlädt, schiesst es mir durch den Kopf: “Und was, wenn das gestern gar keine Brille war?”

Ich meine, rein theoretisch wäre es ja möglich, dass in dem Paket etwas völlig anderes war. Ich selber habe die Brille ja gar nie gesehen. Jetzt stellen wir uns mal vor, in Zürich gibt es eine Firma A oder eine Privatperson A. Und in Walenstadt ist die Firma B oder Privatperson B beheimatet. (Ok, zu dieser Uhrzeit handelt es sich wohl um Privatpersonen…) Nun muss ein bestimmter Gegenstand dringend von A nach B.

Es gibt zahlreiche Firmen, die von solchen Aufträgen leben. Ware muss so rasch wie möglich von Genf nach Brig. Von Luzern nach Zermatt. Oder eben von Zürich nach Walenstadt. Ganz günstig ist dieser Spass nicht. Mit 100 bis 200 Franken muss man vermutlich schon rechnen.

Und nun kommt jemand auf die clevere Idee, dass der Transport doch auch viel günstiger geht. Schliesslich gibt es so spät am Abend eine direkte Zugverbindung von Zürich nach Walenstadt, und auf diesem Zug sind mit Sicherheit auch Zugbegleiter. Und siehe da, schon hat man seine Ware für einen Bruchteil des eigentlichen Preises versandt.

Spinnerei? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Wieso hat mir die Dame in Zürich nicht einfach ein Brillenetui in die Hand gedrückt, wieso das Paket? Wie kam der alte Mann von Zürich nach Walenstadt, ohne Brille? Wieso hat er nicht bemerkt, dass ihm die Brille fehlt, wo er ja gemäss seiner Tochter so schlecht sieht?

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Angenommen, in dem Paket war keine Brille. Was dann? Was, wenn der Inhalt des Paketes illegal gewesen wäre? Zum Beispiel Drogen? Amphetamine? Was wäre geschehen, wenn nun zufälligerweise genau dieser Zug durch eine Grenzwachtpatrouille mit Drogenspürhund begleitet worden wäre und die Spürnase angegeben hätte? Eine heisse Sache!

Kundenservice geht vor

Und trotzdem kann ich deshalb in Zukunft nicht einfach alle derartigen Bitten von Kunden abschlagen. Dies würde nur zu verärgerten Kunden führen. Und das will ich nicht. Aber ich werde von nun an mit Sicherheit mehr Fragen stellen, wenn ich einen unbekannten Gegenstand annehme.

Bei Brillenetuis, Handys und solchen Sachen ist der Fall ja klar. Aber bei Paketen bin ich in Zukunft auf alle Fälle vorsichtiger.

{ 8 Kommentare… lies sie gleich hier unten oder schreibe einen }

gentux 9. Februar 2010 um 16:59

Am Besten du schaust beim Entgegennehmen nach Rückfrage schnell rein. Stell dir vor es könnte auch etwas gefährliches sein. Will den Teufel nicht an die Wand malen aber ein Paket als Brille?

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Hermi 9. Februar 2010 um 17:57

Ich würde in zukunft vielleicht noch mal das ohr ran halten, könnte ja ne bombe dirn sein. ticktack….. :P

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Andreas Hobi 9. Februar 2010 um 17:58

@ Gentux:
Sofern das Reinschauen möglich ist, auf jeden Fall. Vielleicht hatte die Dame ja auch einfach kein Brillenetui zur Hand… Anyway; in Zukunft bin ich einfach vorsichtiger.

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Andreas Hobi 9. Februar 2010 um 18:00

@ Hermi:
Ach, die tickenden Pakete übergebe ich dann einfach bei der Ankunft in Chur in deine Hände… ;-) Und jene mit diesem komischen weissen Pulver gleich auch. *g*

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Hermi 9. Februar 2010 um 18:08

Hey ich hab die RS bei der Artiellerie gemacht da lautet das Motto: “isch nur lustig wenns chlöpft” und bei denen “chlöpfts ordentlich wenn 50kg Sprengstoff detonieren. :) Was hingegen das weisse Pulver anbelangt dass würde ich an deiner stelle besser dem Häuptling Plätscherndes Gewässer übergeben. :P

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Titus 10. Februar 2010 um 05:24

Wenn es eine Lesebrille war, dann scheint es mir schon plausibel zu sein, dass der Vater erst zu Hause wieder bemerkte, dass er sie beim Besuch bei seiner Tochter liegen liess. Vielen wird schwindelig, wenn sie beim Zugfahren lesen würden oder geniessen ganz einfach die Aussicht, denn es liegen ja nicht weniger als zwei Seen auf der Strecke.

Wegen dieser Brille extra von Zürich nach Walenstadt zu fahren – und dann wieder zurück – abends um elf und dazu noch bei diesem Wetter, wäre ja wahrlich unverhältnismässig gewesen. Die Tocher war sicher auch müde und hätte sie den Zug nehmen müssen, wäre sie am gleichen Abend nicht mehr zurückgekommen. Sie musste am nächsten Morgen ja vielleicht auch wieder am Arbeitsplatz sein.

Für den klassischen «Express» der Post war es zu spät. Sie hätte die Brille bis 21.00 h bei der Sihlpost aufgeben können, damit sie spätestens um 09.00 h des Folgetags am Ziel gewesen wäre (Express «Mond»). Andernfalls hätte es bis gegen 17.00 h werden können (Express «Blitz)». Im ersten Fall hätte das CHF 15.80, im zweiten CHF 24.80 gekostet. Viel gespart hätte sie somit nicht. Einen anderen Anbieter zu finden ist für Privatpersonen nicht einfach…

Dass das ganze in einem Paket drin war, erklärt sich sicher dadurch, dass es so auch nicht kaputt geht.

Was mich eher etwas stutzig macht, ist die Tatsache, dass der IR um 23.10 der einzige ist, der in Walenstadt hält. Da hatte wohl jemand entweder enorm viel Glück, oder es steckte tatsächlich Absicht dahinter. Allerdings, Andreas, hätte es sich am HB um eine «lusche» Person gehandelt, hättest Du Dich sicher nicht auf diesen Deal eingelassen.

Ich find’s auf jeden Fall eine sympatische Geste, von welchen es in diesen Tagen viel zu wenige gibt. Dass Du angefragt wurdest und nicht irgend ein anderer Reisender (das wäre ja auch eine Option gewesen, obschon es nicht einfach gewesen wäre, jemanden zu finden, der mitgemacht hätte), zeugt vom Vertrauen ins SBB-Personal.

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Piero 10. Februar 2010 um 11:22

1) Andreas, der zuvorkommende Zugsblegeiter?

oder

2) Andreas, der unverhoffte Drogenkurier?

Fortsetzung folgt…. ?

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Gumbo 10. Februar 2010 um 12:03

Früher war sowas normal, die Welt war nicht so kompliziert. Heute würde ich sagen:
Ohne Sicherheit, dass die Brille in diesem Päckli war, hätte ich den Auftrag nicht angenommen. Es gab aber auch schon früher Kondis, die sich sogar weigerten, eine dringende Dienstpostmappe rasch am Zug anzunehmen und am Bestimmungsort rasch am Schalter abzugeben.
Ich würde sagen: Bitte machen Sie doch das Päckli rasch auf. Und wenn am Bahnhof Walenstadt niemand ist, der die Brille abholt, geht sie kostenpflichtig aufs Fundbüro.

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