Candrian: Elvetino der Bahnhöfe?

von Andreas Hobi am 17. Dezember 2009 · 9 Kommentare

Wer von euch kennt die Candrian Catering AG? Wohl die allerwenigsten. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Mehrheit von euch schon einmal Geld bei diesem Konzern liegen gelassen hat. Wetten?

Hauptbahnhof at night
Bild © (cc) bingisser (flickr.com)

Zürich HB – Der Verkehrsknotenpunkt schlechthin

Hunderttausende Pendler, Touristen, Geschäftsleute, Jugendliche, Senioren und andere Reisende durchqueren den Zürcher Hauptbahnhof Tag für Tag. Viele nur, um in einen Zug zu steigen oder umzusteigen.

Immer mehr Leute aber verbringen ein paar Minuten zusätzlich im HB, um dort einzukaufen oder sich zu verpflegen. Und um genau dies – die Verpflegung – geht es in diesem Artikel.

Verpflegung im HB – Fast alles in einer Hand

Wer im Hauptbahnhof Zürich etwas essen oder trinken möchte, der hat eine grosse Auswahl. Fischgerichte zum Beispiel gibt es bei der Nordsee-Filiale, seit einem Jahr gibt es einen Burger King (früher: Café Tic Tac), dann wäre da noch der Buffet Express, das Il Baretto, die Snack Bar, das Au Premier, die Brasserie FEDERAL, Da Capo, das Imagine im HB und Les Arcades.

So verschieden diese Betriebe auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Sie gehören alle der Candrian Catering AG. Genau so wie zahlreiche andere Betriebe im HB, unter anderem die Blueberry Bakery, das Bona Dea, das HALLO, Le Café im HB und Panini im HB.

Wer sich im Hauptbahnhof verpflegt, kommt also am Unternehmen von Martin Candrian und seiner Familie nicht vorbei. Denn ihnen gehört wirklich fast alles: Von der einfachen American Bakery bis zum gehobenen Au Premier wird alles vom Candrian-Konzern betrieben.

Im Büro, in welchem früher Alfred Escher, der grosse Zürcher Bahnpionier und Kreditanstalt-Gründer (Heute: Credit Suisse), seinen Sitz hatte, da residiert heute Candrian. Zufälligerweise sass Martin Candrian auch mal im Aufsichtsgremium der Credit Suisse. Und genau so, wie Escher damals die Eisenbahn revolutionierte, beziehungsweise erst richtig ins Gespräch brach, so will auch Candrian die Verpflegung in den Bahnhöfen revolutionieren, beziehungsweise kontrollieren.

Candrian – Ein Bahnhof ist nicht genug

Doch nicht nur im Hauptbahnhof ist Candrian präsent. Der Unternehmer, welcher sich öfters als Bündner denn als Zürcher bezeichnet, besitzt auch noch andere Gastro-Betriebe.

So gehören ihm zum Beispiel diese Unternehmen rund um den HB, im Umkreis weniger hundert Meter:

  • Brasserie Lipp
  • Jules Verne Panorama Bar
  • The Lion, Pub and Winebar
  • Best Western Hotel Montana
  • Bistrot / Bar Le Lyonnais
  • Wirtschaft zum Vorbahnhof
  • Rapido Snack Bar, Untergeschoss Halle Sihlquai
  • Panini beim Vorbahnhof

Wer also den Bahnhof verlässt, um “auswärts” etwas zu essen, der landet unter Umständen trotzdem bei Candrian. Und weiter entfernt vom HB, in der Stadt Zürich, gehören der Candrian Catering AG:

  • Brasserie Schiller, direkt beim Opernhaus im NZZ-Gebäude
  • Goethe Bar, direkt beim Opernhaus im NZZ-Gebäude
  • Imagine, Sihlcity
  • Bistrot vis-à-vis, Talstrasse, neben Paradeplatz
  • Le Café, Bärengasse, neben Paradeplatz

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: So viele Betriebe mit so vielen Angestellten, das gibt natürlich auch ganz viele hungrige Mäuler! Und für diese Candrian-Angestellten sowie alle SBB-Mitarbeiter und die Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr und Schutz & Rettung gibt es im HB ein eigenes, grosszügiges Personalrestaurant. Hoch oben mit schönem Blick aufs Landesmuseum.

Um die Liste vollständig zu machen, folgen hier noch weitere Candrian-Betriebe, welche in der restlichen Schweiz – ausserhalb Zürich – platziert sind:

  • Hotel Restaurant Hirschen, Obermeilen
  • Taverne & Lounge-Bar, Obermeilen
  • Campari Bar & Club, Basel
  • Kunsthalle Bar, Basel
  • Restaurant Kunsthalle, Basel
  • Nordsee, Flughafen Zürich
  • vina sa weine, Zumikon

Hinzu kommt noch eine Beteiligung am Luxushotel Suvretta House in St. Moritz und bald auch das Basler Traditionslokal Brauner Mutz.

Insgesamt beschäftigt die Candrian Catering AG rund 1’100 Mitarbeiter und erwirtschaftete letztes Jahr einen Nettoumsatz von 99 Millionen Franken.

Blick zurück – Die Geschichte der Candrian-Betriebe

Die Familie Candrian-Bon, der die Candrian Catering AG entspringt, ist eine Gastro-Familie durch und durch. So lautet dann auch ihre Philosophie:

Die Erwartungen der Gäste zu erfüllen, sollte im Gastgewerbe selbstverständlich sein. Sie jeden Tag zu übertreffen, ist die Philosophie der Candrian Catering AG.

Bereits der Urgrossvater mütterlicherseits, Anton Bon, wie auch Grossvater und Vater Candrian waren der Gastronomie verpflichtet. Als Hoteliers, Hoteldirektoren und Anton Bon sogar als Erbauer des Park Hotel Vitznau und des Suvretta House St. Moritz.

Doch alles der Reihe nach: Am 5. April 1854 als Sohn des Gemeindepräsidenten in Ragaz (heute: Bad Ragaz) geboren, machte Anton Bon eine Ausbildung im Hotelgewerbe. 1879 übernahm er mit 25 Jahren die Leitung des Hotels Bodenhaus in Splügen GR. Sechs Jahre später kaufte er das Hotel Rigi First und zwischen 1900 und 1902 baute er das Parkhotel Vitznau. Dann folgte zwischen 1911 und 1912 der Bau des Suvretta House in St. Moritz. Nebenbei war er in der Zeit von 1890 – 97 und nochmals von 1909 bis zu seinem Tod im Jahr 1915 im Vorstand des Schweizerischen Hotelier-Vereins. Heute gilt Anton Bon als einer der Pioniere des hiesigen Tourismus im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Am 16. Dezember 1882, kurz vor Weihnachten, erblickte Hans Bon als Sohn des Anton Bon in Splügen GR das Licht der Welt. Nach gastgewerblicher Ausbildung wurde er 1923 Direktor des vom Vater erbauten Suvretta House in St. Moritz. Zwischen 1923 und 1950 präsidierte er den Kur- und Verkehrsverein St. Moritz und von 1927 bis 1950 war er Präsident des dortigen Hoteliervereins.

Diese Familientradition ging nicht spurlos an Martin Candrian vorbei. Im Gegenteil. Sie habe ihn geprägt und motiviert, sie weiterzuführen, wie Martin Candrian sagt. Geboren im Parkhotel Vitznau am Vierwaldstättersee, zog es ihn bald nach der Hotelfachschule in die weite Welt hinaus. Montreal, New York, London und Singapur waren nur einige seiner Stationen. Nachdem er bei internationalen Hotelketten eine steile Karriere hinlegte, übernahm er im Jahr 1979 von seinem Vater die Leitung des Bahnhofbuffets Zürich.

Nach und nach, mit Aufnahme von immer mehr Betrieben, entstand dann daraus ein Konzern mit einem Umsatz, welcher sich in diesem Jahr im dreistelligen Millionenbereich bewegen dürfte.

Vor zehn Jahren, am 9. Juni 1999 wurde dann die heutige Candrian Catering AG zwecks “Führung von Hotel-, Restaurations- und Cateringbetrieben” gegründet und am 17.06.1999 ins Handelsregister des Kantons Zürich eingetragen.

Am 27. März 2000 wurde die Candrian Seafood AG zwecks “Führung von Restaurationsbetrieben im Bereich Verpflegung und Verkauf von Frischprodukten, vornehmlich im Bereich Fisch” gegründet.

Calm in Chaos
Bild © (cc) [Jim] (flickr.com)

Candrian – Bald das Elvetino der Bahnhöfe?

Wie gesagt, anfangs war Candrian nur im Bahnhofbuffet des HB tätig. Weil das Unternehmen aber 70 Prozent des Umsatzes im Hauptbahnhof macht, musste Candrian die Abhängigkeit vom grössten Schweizer Bahnhof verringern. Das Klumpenrisiko war einfach zu gross. Aus diesem Grund kamen nach und nach neue Betriebe ausserhalb des Hauptbahnhofes dazu.

Als nächstes aber steht wieder ein Bahnhof auf der Liste. Per 1. Januar 2010 zieht sich die Berchtold Gastronomie AG nach 23 Jahren aus dem Bahnhof Basel SBB zurück und macht Platz für den Gastrokönig aus Zürich.

Folgende Betriebe werden ab nächstem Jahr von Candrian geführt:

  • Restaurant Brasserie
  • Restaurant Le Central
  • Take-Away “Kaffee, Bier, Brezel”
  • Take-Away “Food & Drink”
  • L’Escargot
  • Sakura
  • Buvette

Candrian möchte dabei die Brasserie mit dem heutigen Konzept (bediente Gastronomie) weiterführen. Das Gleiche gilt für das Le Central. Jedoch werden diese beiden Betriebe nach der Erneuerung des Westflügels ein neues Konzept erhalten. Neu gestaltet werden die beiden Take-Away-Betriebe auf der Passerelle. Geschlossen werden die Betriebe L’Escargot (per Ende März 2010), das Sakura (per Ende Mai 2010) und die Buvette (per Ende Juni 2010).

Ich will mal nicht ausschliessen, dass die Candrian Catering AG in Zukunft auch noch in anderen Bahnhöfen auftritt. Und vielleicht ist es bald so selbstverständlich, im Bahnhof bei einem der Candrian-Betriebe zu speisen, wie es heute normal ist, im Zug von Elvetino verpflegt zu werden. :)

(Quellen für diesen Artikel: Candrian Catering AG, Tagesanzeiger, Basler Zeitung, Wikipedia, Handelsregister, Historisches Lexikon der Schweiz, Engadiner Post, Der Freie Rätier, Schweiz. Hotel-Revue, Silvio Margadant)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 8 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Dani Dezember 17, 2009 um 11:55

Ich finde das gar nicht gut! Das ist ja schon fast ein Monopolstellung und so findet zu Ungunsten der Kunden kein preiskampf statt.

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Gringo Dezember 17, 2009 um 12:39

Nordsee gehört auch Candrian? Ist der Betrieb nicht nur Franchisennehmer?

Kenne nur die OASE – das Personalrestaurant – und da bin ich bis jetzt immer satt geworden

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Andreas Hobi Dezember 17, 2009 um 12:50

@ Gringo:
Candrian betreibt die beiden Nordsee-Filialen im HB und im Flughafenbahnhof. Und auch der Burger King im HB wird von ihnen betrieben.

(Natürlich gehören Burger King und Nordsee nicht der Candrian Catering, aber sie betreiben die jeweiligen Filialen als Lizenznehmer.)

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Gumbo Dezember 17, 2009 um 12:50

Ich finde Candrian viel zu mächtig. Die vielen Verpflegungsstände und Beizen sind omnipräsent. Ja, er ist auch Franchisee für die Nordsee. Er reisst sich alles unter den Nagel. Andere Betriebe sind wenige vorhanden, z.B. der Marché oder Valentino. Candrian ist teuer, der Preiskampf, wie Dani sagt, ist kaum möglich.
Ich schrieb ihm zweimal wegen Hygieneproblemen bei Nordsee im untersten Geschoss, bekam aber nie eine Antwort.

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Fredy Dezember 17, 2009 um 19:11

Das ganze riecht sehr nach Vetterlliwirtschaft. Im Zürcher HB haben nur die SBB eigene Elvetino und Candrian Catering eine Chance. Mir sind andere führende Gastrounternehmen bekannt die ebenfalls im Zürcher Bahnhof investieren wollten. Sie blieben allerdings chancenlos.

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ChliiTierChnübler Dezember 22, 2009 um 10:11

Wollt ja nur die Besucherzahlen etwas erhöhen und bin dann bei diesem fabelhaften Bericht hängen geblieben. Danke.

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Johanna Januar 4, 2010 um 13:18

Das könnte ja wirklich nur ein Monopolstellung sein, aber wenn das uns glücklicher machen kann, hab ich nichts dagegen! :)

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Ramon April 16, 2010 um 11:03

Macht einen grossen Bogen rum investiert lieber 10min um gut und auch sorgenfrei in der Umgebung essen zu gehen.

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