So sehr wir uns auch bemühen, unsere Arbeit gewissenhaft und sorgfältig zu erledigen, es kann trotzdem immer wieder passieren, dass wir auf Mithilfe der Reisenden angewiesen sind.
So geschehen kürzlich in einem Intercity von Zürich nach Luzern, als zwei Schwarzfahrer versuchten, sich vor der Kontrolle zu drücken. Lange Zeit fand ich sie nicht, doch dann kam es in Luzern zum Showdown…

Bild © (cc) gaku. (flickr.com)
Der Zug war gut gefüllt. Da ist es nicht immer einfach, den Überblick zu behalten.
Irgendwo zwischen Zug und Luzern, es wird vermutlich kurz nach der Vorbeifahrt in Rotkreuz gewesen sein, kontrollierte ich den fünften Wagen des doppelstöckigen Zuges.
Ich betrat ihn im oberen Stock, kontrollierte dort alle Reisenden und ging dann noch in den unteren Stock, um auch dort alle Fahrgäste zu kontrollieren. Als auch dies erledigt war, ging ich wieder nach oben und wollte in den nächsten Wagen, als mir ein älterer Herr zurief.
“Sie, loosed Sie mal, händ Sie diä beide Rumäne gseh?”
Rumänen? Von den kontrollierten Reisenden sah in meinen Augen keiner rumänisch aus. Ich fragte ihn, wen er meine.
“Ja do vorne sind zwei Rumäne gsesse, denn händ sie gseh, dass d’Kontrolle chunt und sie sind abbe gange. I vermuete mal, diä sind denn hinte wieder uffe, nachdem Sie mit dä Kontrolle obe fertig gsi sind.”
Ich befürchtete stark, dass es genau so gewesen sein muss. Eigentlich kenne ich ja diesen Trick. Und nicht nur ich, sondern auch alle anderen Zugbegleiter achten darauf, dass niemand auf diese Weise betrügt. Aber bei einem gut besetzten doppelstöckigen Zug, den man zu allem Übel noch alleine begleitet… Da kann man beim besten Willen nicht immer auf alles achten.
Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen
Unverzüglich brach ich die Kontrolle ab. Von nun an galt meine ganze Energie der Suche nach den beiden mutmasslichen Schwarzfahrern.
Ich fragte den älteren Herrn, wie denn die beiden ausgesehen hätten und welche Kleidung sie trugen. Doch er konnte sich kaum noch erinnern. Nur noch zwei Dinge wusste er: Der eine trug eine schwarze Wollmütze, der andere ein rotes Holzfällerhemd.
Nun begann sie also, die sprichwörtliche Suche nach der Nadel den beiden Nadeln im Heuhaufen. Ein 200 Meter langer Zug, rund 800 Sitzplätze, gut besetzt, unterwegs mit 160 km/h nach Luzern, mir blieben noch etwa 10 Minuten.
Der Wagen, in welchem ich vom älteren Fahrgast angesprochen wurde, ist sauber. Hier sind sie nicht. Auch nicht in den Toiletten. Ich gehe einen Wagen zurück, doch auch dort kann ich sie nicht finden.
Noch 9 Minuten…
Jetzt nehme ich den nächsten Wagen unter die Lupe. Keiner der Fahrgäste entspricht der Beschreibung. Beide Toiletten sind leer. Wo mögen sich die beiden nur versteckt haben?
Noch 8 Minuten…
Zwei weitere Wagen, ohne Erfolg. Die beiden “Rumänen” scheinen wie vom Erdboden verschluckt. Weiter hinten kommt nur noch die erste Klasse. Aber auch die muss jetzt dran glauben.
Noch 6 Minuten…
Nichts, nichts und nochmals nichts. Eins muss man den beiden lassen: Sie wissen sich zu verstecken! Blöd sind sie nicht.
Noch 4 Minuten…
Nachdem ich die bereits überprüften Wagen durchquerte, bin ich nun in der vorderen Hälfte des Zuges. Mir bleiben weniger als vier Minuten, um die beiden Schwarzfahrer aufliegen zu lassen. Nachher habe ich sie verloren. Jetzt sehe ich ein besetztes WC. Ein Fahrgast, der bereits schon auf der Plattform steht (um in Luzern möglichst rasch aussteigen zu können) bemerkt, dass ich auf die verschlossene WC-Türe schaue. “Das WC ist schon seit längerem besetzt.”, sagt er zu mir.
BINGO!!! “Hier müssen sie sein!”, denke ich mir. Jetzt setze ich alles auf eine Karte. Wenn sie nicht hier drin sind, ist das Spiel aus.
Noch 1 Minute…
Kurz vor der Ankunft in Luzern öffnet sich die WC-Türe. Heraus kommt… Eine Dame! Holy sh…!
Jetzt gibt es nur noch eines: So schnell ich kann renne ich die Treppe im Wagen hinauf und an die Spitze des Zuges. Dort steige ich als einer der ersten aus, stelle mich in der Mitte des Perrons neben die Werbetafel, und warte.
Denn durch dieses Perron müssen sie kommen. Nicht Wilhelm Tell und sein Sohn, sondern zwei Schwarzfahrer.
Gross ist meine Chance ja nicht, die beiden zu finden. Hunderte Leute, die mich innert wenigen Sekunden passieren… Und die Beschreibung, die ich habe, ist sehr dürftig. Aber ich bin ehrgeizig! Und ich gebe nie so rasch auf. Manche mögen diese Charaktereigenschaft kritisieren, ich hingegen bin der Meinung, dass man nur auf diese Weise etwas erreicht im Leben.
DA!!! Fünfzehn Meter vor mir laufen mir zwei Gestalten entgegen, von denen einer eine schwarze Wollmütze trägt. Ob sie das sind? Zumindest mag ich mich nicht erinnern, die beiden im Zug kontrolliert zu haben. Jetzt muss es rasch gehen!
“GRÜEZI WOHL, DÖRF I BITTE IHRES BILLETT GSEH! TICKETS PLEASE!!“ Ich stelle mich direkt vor die beiden.
In diesem Moment läuft mir der eine – der ohne Wollmütze davon. Auf seiner Flucht überrennt er fast einen Kinderwagen. Der Wollmützen-Träger hingegen versteht die Welt nicht mehr. Wie versteinert steht er vor mir, schaut mich an und sagt kein Wort. Mit einer Billettkontrolle auf dem Perron, nach der Zugfahrt, damit hat er scheinbar nicht gerechnet.
Ein bisschen ruhiger sage ich nun: “Sie waren in diesem Zug, oder? Kann ich bitte Ihr Ticket sehen?”
“Ticket?”, antwortet er. “Yes please.”
Er schaut mich mit unschuldigen Augen an: “No ticket, sorry.”
In diesem Moment gesellt sich mein Kollege dazu, der bis jetzt in Luzern Pause hatte und nun mit mir nach Zürich fährt. “Gibt es ein Problem?”, fragt er mich.
“Passport!!!”, sage ich dem Schwarzfahrer, und während er ihn sucht erkläre ich dem Kollegen die Situation.
“Soll ich die Bahnpolizei rufen?”, will der Zugbegleiter wissen. “Neee, lass mal. Schau wie der zittert, der läuft uns schon nicht davon.” Tatsächlich nimmt der Schwarzfahrer seinen Ausländerpass mit zittrigen Händen aus der Jackentasche. Er scheint vor irgendetwas Angst zu haben. Richtig viel Angst.
Als ich den Ausweis in den Händen halte, bin ich auf der sicheren Seite. Selbst wenn mir der Mann jetzt davon läuft, habe ich seine Personalien. “So, und nun gehen Sie und holen ihren Freund. Den brauchen wir nämlich auch noch.”, fordere ich den Schwarzfahrer auf. Immer noch am ganzen Körper zitternd will er mir weiss machen, dass er diesen Typen nicht kenne.
“Bringen Sie mir diesen Mann einfach, oder ich rufe die Polizei.” “No police! No police!”, und schon ist er weg.
Ich erfasse die Personalien noch vollständig und warte dann auf die Rückkehr der beiden Männer.
Doch der Schwarzfahrer von vorhin kehrt mit leeren Händen zurück. Entweder hat er seinen Freund nicht gefunden oder ihn nicht dazu überreden können, zu mir zu kommen.
Immerhin: Einen habe ich. Und dieser wird in den nächsten Tagen eine Rechnung in der Höhe von CHF 168.- erhalten. Soviel kostet ihn der Spass. Hätte er von Anfang an ein Billett am Schalter gelöst, wäre sein Portemonnaie nur um 38 Stutz erleichtert worden…
Und übrigens: Er war kein rumänischer Staatsangehöriger. Wollte ich der Vollständigkeit halber einfach noch sagen.
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{ 21 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Ich frage mich gerade ob sich das lohnt? Würden in der Zeit nicht andere Passagiere Tickets kaufen dass es im Endeffekt mehr Einnahmen gäbe? Insbesondere da du ja kaum sicher sein kannst dass die ausgestellte Rechnung dann auch bezahlt wird…
@ Hui:
Es lohnt sich auf jeden Fall, denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass ich zwischen Zug und Luzern mit “normalen” Billettverkäufen einen Umsatz über 168 Franken gemacht hätte.
Ich gehe stark davon aus, dass er bezahlen wird. Bereits in Luzern hatte er eine riesige Angst davor, dass die Polizei auftauchen könnte. Spätestens wenn die SBB eine Mahnung schickt und ihm klar macht, dass die Sache im Gefängnis enden kann, falls er nicht bezahlt (nach drei Schwarzfahrten gibt es automatisch eine Anzeige) wird er bezahlen, aus Angst, es sonst mit der Polizei zu tun zu bekommen.
Und dann wäre da noch die Sache mit der Aufenthaltserlaubnis. Es macht sich gar nicht gut, wenn man einen dunklen Fleck im “Führungszeugnis” hat und in der Schweiz bleiben möchte. Irgendwann läuft sein Ausländerausweis ab und wenn er dann nicht “sauber” ist, darf er mal wieder sein Heimatland besuchen gehen. One Way.
Tja, wäre Herr M. (CEO SBB) nicht so Geizig, wärst du nicht allein gewesen, und dann wärens 2x 168 Fr geworden!
Aber gut gmacht!
@Andreas: da traust du den Migrationsämtern aber einiges zu! Die tun eigentlich nichts, ohne dass man sie in den A tritt…
heute war ein echter scheiss tag (sry aber is die wahrheit) ich fuhr von st.gallen bis winti dort nach walliselen und dann mit dem bus weiter. und abends mit dem bus bis stettbach dann bis züri HB und dann wieder nach st.gallen zurück und man glaubts kaum an jedem Weg wurde ich kontrolliert ;S
da ich dann noch so nen übergangs-ga hab durfte ich jedesmal 2 dinge rauskramen aus dem portemonaie ;p freu mich auf die zukunft mit rfid ga’s ^^
aber guter tip – wenn ich mal wieder von kondukteuren genervt werde ^^ spiel ich ein wenig verstecken mit den kondukteuren ;P das könnte sich ganz spassig werden ;P
@Andreas
Zwischen Zürich und Luzern ist nur im Zimmerbergtunnel 160 km/h. Sonst ist das höchste der Gefühle 140 ;-)
@ Brummbär:
Ich schreibe dem Lokführer nur die Höchstgeschwindigkeit für die Strecke vor. (Basierend auf dem Rollmaterial, welches im Zug vorhanden ist.) Wie schnell er dann auf den einzelnen Abschnitten fährt, ist ihm überlassen. ;-)
Darf man das? Auf dem Perron kontrollieren? Was ist, wenn der gesagt hätte, er wäre nicht auf dem Zug gewesen? Wie hättest du das beweisen können?
Und wie lange muss ein Ticket aufbewahrt werden? Was ist, wenn jemand ein Ticket hatte und es nach verlassen des Zuges wegwirft?
Hui
Ich pflichte Andreas bei – es ist seine Pflilcht, Schwarzfahrer zur Kasse zu bitten. Dies wird von den zahlenden Reisenden und der SBB zu recht von ihm verlangt. Das Problem ist eher die Anzahl Kondukteure. Diese müssten kontrollieren, Ansagen machen und Reisenden ohne Billette solche verkaufen. Wenn man dann die frechen Schnuderbuben, die Versteckis spielen, einfach laufen liesse, würde man die zahlenden Gäste verarschen.
Andreas
Noch etwas zur Rechnung – meinst du, er zahle sie? Hoffen wir es. Wenn er beim Rechnungen Zahlen die gleiche Einstellung hat wie beim Billettkaufen, vielleicht auch nicht…..
@ Piero:
Ich hätte gar nichts beweisen können. Aber er gab es ja selber zu. :) Theoretisch hätte er einfach sagen können, er habe das Billett im Zug entsorgt oder sei gar nicht auf dem Zug gewesen. Doch weil der Überraschungseffekt (zumindest bei einem der beiden) auf meiner Seite war, hat er daran wohl nicht gedacht… *g*
Dachte ich mir doch :P
(Andreas, der hysterisch Schwarzfahrer verfolgt? Muss man sich mal vorstellen, wie er durch die Wagons sprintet, auf dem Gesicht mit dem Ausdruck eines Jägers… *g*)
Hm ich muss Hui beipflichten, ich frage mich gerade auch stark ob dies nicht am Ziel vorbeigeschossen ist…. Während du 10 Minuten lang 2 Schwarzfahrer gesucht hast, von denen du dann nur 1 erwischt hast, hättest du auch weiter kontrollieren können und hättest vielleicht 3 Falschfahrer gefunden? Nur mal so meine Gedankengänge. Dass Kondukteure (egal welche Bahngesellschaft) gerne den Polizisten spielen wissen wir ja alle, zuimindest ich erlebe dies öfter mal ;) Aber zum Glück kenne ich das Gesetz noch einen Tick besser, haha :)
Passt irgendwie zu http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Die-SBB-schlagen-gern-drauf/story/15793723 :-P Alles tun um Geld zu kassieren ;-)
Nene… Andreas ich weiss das du meist recht vernünftig agierst :-)
@ Don:
Ich hätte 9 Billette ohne Halbtaxermässigung verkaufen müssen, um auf den selben Betrag zu kommen. (Und das auf der Strecke Zug – Luzern). Also theoretisch fast alle zwei Minuten ein Ticket… Sehr unwahrscheinlich, dass das geklappt hätte! ;-)
@ Thomas:
Ja, auf diese Geschichte werde ich wohl in einem eigenen Artikel eingehen. Vorerst nur so viel: Grundsätzlich bin ich auf der Seite der Mediensprecher. Mit einem grossen ABER…! :)
Ich finde die Story einfach hammergeil! Da hast du wieder mal was Gutes gemacht, Andreas. Es ist nur fair gegenüber den zahlenden Passagieren.
Ich verstehe deine Reaktion, es ist dein Job aber manchmal scheint mir einfach der Aufwand etwas gross. Wie wäre es, wenn die beiden “Rumänen” nur Strohmänner gewesen wären? Einen Wagen weiter vorne wäre z.B. ein ganzes Jodelchörli ohne Ticket gesessen und hätte einen Jass geklopft während du die beiden gejagt hast. Nebenbei: Der Alte (Stasi-Typ) der auf die beiden hingewiesen hat gehörte natürlich auch zum Jodelchörli.
@ Peter:
So abwegig ist der Gedanke gar nicht… Heute morgen sah ich eine Reportage im deutschen Fernsehen über deutsche Kaufhaus-Detektive. Da gab es einen Elektro- und Multimedia-Markt mit zwei Detektiven. Im Beitrag wurde immer wieder betont, dass der Markt über ZWEI Detektive verfüge. Und jedes Mal, wenn ein Ladendieb erwischt wurde, gingen BEIDE Detektive mit ihm ins Büro. Mein Gedanke war da auch: Und wenn dieser Dieb nur ein Strohmann ist und seine Kumpels im Laden jetzt gross abräumen…?
So gesehen finde ich deinen Gedanken gar nicht mal so daneben. In meinen Augen ist es eher unwahrscheinlich, dass die beiden “Rumänen” nur Strohmänner waren. Unmöglich ist es aber nicht, da hast du vollkommen Recht!
Ich weiss nicht genau aber in einem IR befinden sich normalerweise nur wenige Schwarzfahrer und sind sie flüchtig gibts mehr zu kassieren, daher verstehe ich den Abbruch der Kontrolle schon sehr gut.
Aber alleine einen Doppelstöcker zu kontrollieren ist schon eine Meisterleistung!
“Unverzüglich brach ich die Kontrolle ab. Von nun an galt meine ganze Energie der Suche nach den beiden mutmasslichen Schwarzfahrern.”
Dein Leben ist ein einziger Thriller. Mann, mann…