
Bild © (cc) Elisabeth- (flickr.com)
Es kommt selten vor, dass jemand im Zug für irgendwas Werbung macht. Wenn sie es aber doch machen, dann sind sie meistens so klug, sich nicht von uns erwischen zu lassen oder ihre Werbung in unbegleiteten Zügen an den Mann und die Frau zu bringen.
Nicht so jener 39-jährige Herr, welcher anfangs September für seinen Glauben warb.
Im Zug von Romanshorn nach Zürich hat es wenig Leute und es fällt mir leicht, den Überblick über meine Wagen zu behalten.
So kommt dann auch der Sekten-Heini nicht weit, welcher mit Flyern und Gesprächen versucht, meine Fahrgäste von seiner Weltanschauung zu überzeugen. Ich kann ihn auf frischer Tat ertappen, als er eine Frau verbal belästigt, die sichtbar nichts von ihm wissen will.
Schon in den zurück liegenden Abteilen liegen seine Flyer auf den Tischen.
Ich stelle ihn zur Rede, doch er ist sich keiner Schuld bewusst. Was er da tue, das sei nichts illegales. Zumindest habe ihm nie jemand von der SBB gesagt, dass dies verboten sei.
“Da täuschen Sie sich”, ist meine Antwort. Und ich erkläre ihm, dass es sicher nicht erlaubt sei, im Zug zu betteln oder für etwas zu werben.
Sein Missionieren sei weder das eine, noch das andere, entgegnet er mir daraufhin. Und ausserdem sei es doch auch im Sinne der SBB, dass die Fahrgäste untereinander ins Gespräch kommen.
An dieser Stelle kann ich mir ein Schmunzeln trotz meinem Ärger gerade noch verkneifen.
“Sind Sie denn auch gläubig? Oder sind Sie etwa ein ungläubiger Atheist? Das hingegen würde ihr vehementes Einschreiten erklären…”, meint er. Doch ich erwidere nur, dass dies keine Rolle spiele. “Ob und an was ich glaube, das tut nichts zur Sache. Die Sache ist einfach die: Die SBB als Unternehmen ist weder katholisch, reformiert, muslimisch noch bei den Zeugen Jehovas. Daher ist es im Zug nicht erlaubt, für eine Sache oder ein Gedankengut zu werben. Ich vertrete in diesem Moment hier in diesem Zug die SBB und muss diese Regeln durchsetzen. Was ich über Ihre Religion denke, ob ich sie befürworte oder ablehne, das spielt dabei keine Rolle. Ich verhalte mich in dieser Hinsicht neutral.”
Langsam wird der Sekten-Heini unsicher und ahnt, dass er unter Umständen nicht so ganz ungeschoren davon kommt. Schon ein bisschen weniger selbstsicher fragt er mich: “Und wieso sagt mir dann niemand, dass sowas im Zug nicht erlaubt ist?”
Ich frage ihn, ob er sich denn überhaupt bei der SBB erkundigt habe. Er verneint dies. “Und wie soll die SBB Ihnen denn sagen können, dass dies nicht erlaubt ist, wenn Sie schon gar nicht gefragt haben?”
Nun verlange ich sein Billett und einen Ausweis. Daraufhin beginne ich mit der Erfassung der Personalien. “Was geschieht jetzt?”, will er wissen.
“Nun werde ich Ihre Angaben und Ihr Vergehen an die Zentrale weiterleiten. Vermutlich wird die Sache dann rasch einmal beim Rechtsdienst der SBB landen, wo sich der eine oder andere Anwalt mit Ihrem Fall befassen wird. Bestenfalls bekommen Sie eine Verwarnung, schlimmstenfalls eine Anzeige.”
Ich habe das Gefühl, dass ihm nun die Tränen zuvorderst stehen. “Komme ich dann ins Gefängnis?”, fragt er mit zitternder Stimme. “Nein, das wohl nicht. Ich hoffe einfach für Sie, dass Sie sonst nichts auf dem Kerbholz haben und bisher nie negativ aufgefallen sind. Und bitte, bitte unterlassen Sie solche Dinge in Zukunft! Wenn Sie heute oder an einem anderen Tag nochmals in einem Zug beim Missionieren erwischt werden, dann haben Sie es definitiv verspielt.”
Wie denkt ihr über solches Betteln? Findet ihr es in Ordnung oder seid ihr der Meinung, dass solche Dinge in einem Zug nichts verloren haben? Hattet ihr in Zügen oder Bahnhöfen auch schon Begegnungen mit solchen Missionaren?


{ 29 Kommentare… lies sie gleich hier unten oder schreibe einen }
Bin bisher zum Glück verschont worden. Die Haltung der SBB ist jedoch absolut richtig.
Hui
Ich fahr täglich St.Gallen-Zürich und will meine Ruhe. Eigentlich, abgesehen von störungen durch parfumattacken von teenies am morgen, klatschweiber am mittag und andere störungen, ist eine ungestörte reise auch möglich. find ich auch richtig.
letzte woche habe ich hingegen 2 mal erlebt wie zwischen zürich und winterthur ziemlich agressive bettler den zug aufgemischt haben und der kondukteur mehr als geschlafen hat, den hats einfach nicht interessiert das leute reklamiert haben…
aber sonst is es immer angenehm mit dem zug zu fahren…
Bei der SBB noch nie erlebt, doch im Ausland schon des öffteren im Zug von Bettlern bedrängt worden. Ist vor allem dann störend wenn man geschäftlich in der 1.Klasse reisen darf, damit man im Zug noch weiter arbeiten kann/muss.
Hatte mal eine unterschriftensammlerin im gleichen zug als ich Privat unterwgs war. Bin dan aber leider nicht eingeschritten. Da ich mir nicht sicher war ob das gestattet ist. mitleweile weiss ichs und das nächste mal werde ich einschreiten.
Ich finde, du hast total richtig gehandelt. Solches Zeug ist nun mal a) verboten b) lästig.
Diese lästigen Leute.. unglaublich.. wird man bald auch noch mit Musik rechnen müssen?
Ich hoffe dass wir nicht mit S-Bahn berlin verhältnissen rechnen müssen, wo strassenmusiker ihre darbitungen in die Züge verlegen.
Bwuääääh! Frömmler! *anwieder*
Was wirklich nervt sind die “offiziellen” Bettelaktionen direkt neben dem Bahnhof, vor Unterführungen oder auf der Passarelle (Vier Pfoten, WWF, Pro Juventute, Greenpeace, …). Diese Leute sind professionell geschult und wissen genau wie man die Leute abfängt und nervt! Diesen Leuten begegne ich sehr oft in Thalwil und Pfäffikon SZ.
Missionieren im Zug ist finde ich nicht wahnsinnig gut. Wenn dies eine einzelne Privatperson ohne irgendeinen finanziellen Hintergrund macht, ist das aber harmlos. Der Kondukteuer soll diese Person deutlich darauf hinweisen und gut ist. Damit die SBB-Zentrale zu beschäftigen oder mit einen Anwalt zu drohen ist eindeutig übertrieben.
Betrunkene Passagiere, welche einem volllabern nerven auch.
@ Annubis:
Das mit den Bettlern ist so eine Sache… Im Artikel zu den Bettlern in Zügen, den ich vor ein paar Tagen schrieb, bin ich bereits auf das Thema eingegangen:
http://schweizweit.net/2009/10/13/infos-zu-den-bettlern-in-der-zurcher-s-bahn/
Die SBB hat an die Zugbegleiter die Weisung herausgegeben, bei Bettlern im Zug die Bapo zu avisieren und selber nicht aktiv einzuschreiten, da diese Bettler extrem aggressiv werden können, wenn sie von Zugbegleitern angegangen werden.
Ich kann dir versichern, dass es den Kondukteuren nicht leicht fällt, “einfach nichts zu tun”, aber zu unserem eigenen Schutz ist dieses Vorgehen wirklich am besten.
@ Hermi:
Ich bezweifle, dass es die SBB so weit kommen lassen wird. Im Welschland wurde die Bapo-Präsenz ja auch umgehend erhöht, als die Bettler vermehrt auftraten.
Wie Martin schon schrieb, mich stören die Organisationen vor dem Bahnhof mehr. “Nur ein Kebap im Monet weniger und du helfsch drüü Chind in *irgendwo*”
Die werden teilweise sogar richtig wütend, wenn man keine Zeit hat.
Wenn im Zug eine Person auf mich zukäme, würde ich es gleich machen wie am Bahnhof: ignorieren. Habe eh immer Musik dabei :)
Hmmm.. schwieriges Thema. Man sollte aber zwischen Bettler und Glaubensbekehrer mal unterscheiden – und ersteres denke ich, dass es hier in diesem Land mehrere soziale Einrichtungen gibt, bei deinen geholfen wird. Ein sehr grosser Teil davon ist sicher kriminell organisiert und muss das erbettelte Geld wieder abgeben.
Die Glaubensbekehrer.. naja, das ist so eine Sache. Um ehrlich zu sein, nervt mich dieses “Glaube”-Zeug massiv. Glauben tut man, wenn man nicht weiss. Daher nervt es tierisch, wenn mich solche “Unwissenden” von ihrem “glauben” überzeugen möchten. Und im Zug ist es noch schlimmer, da kannst ja nicht einfach aus dem Fenster springen, um dem zu entgehen. (OK, in alten Zügen kann mans noch, aber ist gesundheitlich nicht wirkklich zu empfehlen)
Falls mich ein solcher Wirrer trotz meines Ausweichens einmal in ein Gespräch verwickeln will, sage ich, ich brauche keine neue Religion, ich habe schon eine, ich sei bei den Indianern.
Und diese, füge ich hinzu, finden es im Gegensatz zu ihm nicht nötig, dafür andere Leute zu gewinnen. Die Scientolagen habe ich mal unter Drohung mit der Stadtpolizei weggejagt.
Martin
Also, mich hat noch nie ein in deinen Augen “Bettler” von Greenpeace oder WWF genervt.
Auch der Verkäufer der Arbeitslosenzeitung nicht, an dem ich immer vorbeigehe. Die SBB hat denen ja sogar verboten, ihre Ware mündlich anzupreisen, obwohl gleichzeitig in der Zürcher Bahnhofhalle ein dröhnender Lautsprecher an einem Stand für neues WC-Papier werben darf. Die bringen wohl mehr Kohle, sind aber bei mir diejenigen, die mächtig nerven.
Dabei gibt es doch täglich viele “Quellen” des Nervens. Wie du sagst, der Besoffene, der dich mit Alk- und Knoblauchfahne anlallt, aber auch die überlauten “Bisiness”-Typen mit ihrem Handi, die ihrer Umwelt demonstrieren müssen, wie wichtig sie sind…”Hallo, ich grüsse Sie!”
Frömmelei im Zug – Hilfe! Ich weiss nicht ob ich in so einer Situation meinen kühlen Kopf bewahren könnte. Falls mich dieser gewisse Herr mal ansprechen sollte und mein erstes “Nein!” nicht versteht verspreche ich hoch und heilig, ihn persönlich aus dem Zug zu werfen. ;)
@Martin In Thalwil sind es zwar immer mal wieder unterschiedliche Organisationen oder Vereinigungen, für die gesammelt wird, aber es ist eigentlich immer die gleiche Firma, die’s macht – Corris.
Sie dürfen übrigens nicht runter aufs Perron – probieren’s aber immer mal wieder.
Ich kann Martin aus Thalwil nur beipflichten. Dieses organisierte Gespamme (Corris) nervt ebenso wie Werbeanrufe.
Was ich in diesem Zusammenhang schon lange gut fände: Eine SMS-Nummer, an die man aktue Probleme mit Bettlern, Sektengesocks, laut musikhörenden Teenies usw. senden könnte à la “Senden Sie ZUG, gefolgt von der Mitteilung, an 333″ – da könnte man melden, in welchem Zug und Wagen man sitzt und was das Problem ist. Die Zentrale leitet akute Probleme umgehend dem Zugbegleiter weiter, der sich dann dahin begeben kann. Einigermassen aufmerksame Passagiere können sich die Wagennummer merken und kennen allenfalls gar die Zugnummer oder können zumindest sagen “IC 17.02 BE-ZH, zweitvorderster Wagen”.
Anrufen würde man in so nem Fall selten, und Reklamationen direkt vor den “Verursachern” führen mitunter dazu, dass man am Zielbahnhof kurz mal blöd angemacht oder gar verprügelt wird… ein SMS ist hingegen schnell geschickt und einigermassen anonym. Um die Anzahl Meldungen im Rahmen zu halten, könnte man eine vorherige Registrierung einführen.
Gerade nach der skandalösen Abschaffung der Ruheabteile wäre so etwas das Mindeste, um in der immer ego-rücksichtsloseren Gesellschaft halbwegs angenehm von A nach B zu kommen.
@Andi Das mit den SMS geht heute bereits – schick ein SMS mit deiner Nachricht direkt an die Nummer der Bahnpolizei, also 0800 117 117 – fertig.
Die Antwort erfolgt dann auch per SMS. Ursprünglich eingerichtet um auch Gehörlosen helfen zu können.
Hm, und dass soll funktionieren? Steht eigentlich bei den SBB die Wagennummer auch irgendwo im wagen, oder nur aussen?
@ Sandra-Lia:
Die Bapo kann natürlich nicht immer überall sein. Aber SMS schreiben ist immer noch besser, als gar nichts machen. Kannst ja auch einfach schreiben “fast im hintersten Wagen”, “in der Mitte des Zuges” etc.
Ich bin der Ansicht, dass es nicht stufengerecht ist, wegen einer verhältnismässig kleinen Belästigung (die aber doch nerven kann) die Bapo zu bemühen. Die haben doch Gescheiteres zu tun? Adressatin solcher Anfragen müsste imho eine andere Stelle sein. Wenn das aber der korrekte Weg ist, mach ich das fortan so.
Ja, genau, wegen was darf ich ihr schreiben? Raucher im Zug? Sektenflyer? Bettler? Also ich mein, was ist sinnvoll. bin echt bissle ratlos
den mitreisenden freundlich darafu hinweisen nützt meistens auch schon. aber natürlich nicht a la : “SIE IM ZUG ISCH DEN IMFALL NICHTRAUCHER ALSO MACHED SI DIE ZIGARETTE UUS!!!!!” nach meiner spärlichen erfahrung ist dies viel effektiver: “Dörf ich sie druf ufmerksam mache as im zug rauchverbot isch?! Danke.”
Ich habe NULL Lust, mich im Zug oder sonst in der Öffentlichkeit in Gefahr zu begeben, denn genau die schwierigsten Fälle sind es, die einem “e Dummi ahänke” oder einen im schlimmsten Fall verprügeln bei der nächstbesten Gelegenheit.
Genau dafür bezahle ich u.a. mein GA – um von A nach B zu kommen und die gewohnte Qualität zu geniessen, die vom Zugpersonal (das ich mit bezahle) durchgesetzt werden müsste.
Leider gibts immer mehr Superigonrante wie die rund 20jährige heute im ICE Olten-Bern, die sich neben einen Typen setzt, der am Laptop arbeitet und sofort laut zu telefonieren beginnt. Solche Brett-vor-dem-Köpfler dürfte man von mir aus ruhig aus dem Zug schmeissen und ihnen ein einwöchiges Fahrverbot erteilen.
mach mal mit andreas einen termin aus und begleite ihen einen tag dan weisst du wie es ist wenn du als zugbegleiter im zug für ordung sorgen musst. denn ganz so einfach wie sich das gewisse reisende vorstellen ist es nunmal nicht. denn auch sie begeben sich in gefahr. und wenn sie auf die fresse kriegen ekommen sie dann vom chef noch einen anschiess. genau so läufts nämlich ab!
Bist du auch Zugbegleiter, dass du das so genau weisst? – Wenn das wirklich so läuft, dann ist das natürlich nicht gut. Muss diese Geschichte wohl mal dem SEV weitermailen.
Aber dass sich Zugpersonal an meiner Stelle “in Gefahr begibt”, mit Verlaub, das erwarte ich schon, solange nicht akute Gefahr (zB Prügel) droht.
Nein ich bin nicht zugbegleiter sondern rangierspezialist, weiss aber aus eigener erfahrung am bhf wie `s abläuft ausserdem, naja, vom hören sagen.
aber vorallem bei den balkan jungs weiss man nie woran man ist. da wirds dann schwierig mit abwägen, wag ich`s oder nicht. und so wie ich unser Firma kenne, ist das mit dem chef definitiv so. läuft bei uns ja nicht anders ab. wenn ich jemanden auf dem bhf zurecht weise und mein chef steht daneben, heissts sofort dass ist nicht deine aufgabe. Traurig aber wahr.
@ Andi:
Besser wäre es natürlich schon, man würde / könnte das Zugpersonal informieren.
@ Sandra-Lia:
Bei einem Raucher würde ich als Gast versuchen, ihn selber davon abzubringen. Bei Bettlern wäre ich vorsichtiger. Sektenflyer: Kommt auf die Person drauf an.
@ Hermi:
Da liegst du gar nicht mal so daneben. ;-)