“Last Call” für Passagier SNCF: Sie verpassen den Anschluss

von Andreas Hobi am 22. Oktober 2009 · 13 Kommentare

Auch nach neun Jahren bei der Bahn (wenn ich die KV-Lehre dazurechne) erfahre ich immer wieder neues und erstaunliches. Diesmal kommen die erstaunlichen – und leicht verwirrenden – Neuigkeiten von der französischen Staatsbahn SNCF.

SNCF Paris - Bordeaux TGV ticket
Bild © (cc) ajburgess (flickr.com)

Anscheinend gibt es in ganz Frankreich gerade einmal zwei (!) Flughäfen, die über einen integrierten Bahnhof verfügen. In der viel kleineren Schweiz sind genau gleich viele Flughäfen durch die SBB erschlossen.

Ohne Zweifel: Frankreich kann in Ansätzen stolz sein auf sein Eisenbahnnetz. Die SNCF gehört zu den führenden europäischen Bahnen und ist – zumindest auf den Hochgeschwindigkeitslinien – schnell, zuverlässig und verfügt über modernes Rollmaterial wie den TGV. 1’900 Kilometer TGV-Netz mit 100 Millionen Passagieren pro Jahr sprechen für sich.

Doch es könnten noch mehr sein. Denn wie ich erfahren habe, verfügen in Frankreich erst zwei grosse Flughäfen über einen direkten Anschluss an die Bahn. Ein paar andere Flughäfen haben einen Bahnhof im Umkreis von wenigen Kilometern.

Die SNCF zeigt sich also sehr zurückhaltend, wenn es um die Anbindung an Flughäfen geht. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass das Bahnunternehmen mit seinem TGV in Konkurrenz zu den Airlines steht. “Mit Konkurrenten arbeitet man nicht zusammen.”, mag sich die SNCF vielleicht sagen.

Anders sieht dies der Verband der französischen Flughäfen UCCEGA – Aéroports Français: “Bahnverbindungen zu und von Flughäfen sind miserabel. Die Tatsache, dass der Flughafen Orly mit jährlich 25 Millionen Passagieren keinen den Verhältnissen entsprechenden Bahnhof hat, ist ein Skandal.” Dies sagte die Sprecherin Jacques Sabourin im September vor den Medien.

Charles de Gaulle SNCF Station
Bild © (cc) Soroll (flickr.com)

Bisher verfügen erst Paris CDG und Lyon St Exupery über einen eigenen Bahnhof im Flughafen. Doch auch hier gebe es noch Verbesserungspotenzial. Denn obwohl Lyon der drittgrösste Flughafen Frankreichs ist, halten dort pro Tag gerade einmal 20 Züge. Erstaunlich: 200 Züge pro Tag fahren ohne Halt durch. Dadurch wird die Bahn so unattraktiv, dass im Jahr 2007 gerade einmal 1 Prozent der Flugpassagiere in Lyon auf die Bahn umstiegen. Jämmerlich.

Natürlich hat die SNCF Recht: Vielerorts stehen Bahnunternehmen und Airlines in Konkurrenz zueinander. Doch es gibt Situationen, in welchen Konkurrenten voneinander profitieren, wenn sie zusammenarbeiten. Und in der Frage “Bahnhof im Flughafen” ist dies der Fall. Wir sehen ja, wie gut es bei uns mit dem Zürcher und Genfer Flughafen funktioniert. Es klappt sogar so gut, dass wir uns die beiden Flughäfen schon gar nicht mehr ohne Bahnanschluss vorstellen können.

Ein weiteres, schlechtes französisches Beispiel: Marseilles. Viertgrösster Flughafen des Landes. Im Dezember 2008 konnte sich die SNCF dazu durchringen, den Bahnhof Vitrolles-Airport zu bauen. Jedoch nicht etwa beim Flughafen; nein, das wäre ja zu einfach gewesen. Der Bahnhof befindet sich ein paar wenige Kilometer entfernt. Wer dorthin möchte, muss zuerst fünf Minuten mit dem Bus fahren. “Wenn die schon unbedingt vom Flugzeug auf den Zug umsteigen wollen, sollen die gefälligst auch etwas dafür tun.”, mag sich die SNCF vielleicht denken.

Doch damit nicht genug. In Marseilles sind die Bahnverbindungen fast noch mitleiderregender als in Lyon: Keine regelmässigen Taktverbindungen, nur zwanzig Züge am Tag und keine Züge zwischen 8:30 und 12:00 Uhr. Schlimmer gehts nimmer.

Da loben wir die SBB doch gleich wieder mit ihrer Strategie, die Flughäfen in ihr Netz einzubinden. ;-)

SNCF à Angoulême
Bild © (cc) Pictr 30D (flickr.com)

Übrigens: Im September gab die französische Bahn SNCF ihren ersten Netto-Verlust seit 2003 bekannt. Minus 496 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2009. Und während die SBB Jahr für Jahr mehr Passagiere verzeichnet, musste die SNCF gleichzeitig bekannt geben, dass die Anzahl der Passagiere um 1.7 Prozent zurückging…

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 13 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Martin Oktober 23, 2009 um 18:15

Es nervt mich ungemein das in Europa die Eisenbahnen so schlecht gemanagt werden.

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Andreas Hobi Oktober 23, 2009 um 19:41

@ Jonas:
Ja genau, Basel hätte man auch noch erwähnen können.

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Jonas Oktober 23, 2009 um 19:39

Schon erstaunlich, das Orly nicht angebunden ist. Du hättest ja in dem Zusammenhang noch den Flughafen Basel erwähnen können, der ja bekanntlich auf französischem Boden liegt und dort an sechster bezüglich Passagieraufkommen steht. Dort scheitert der von der Nordwestschweiz geforderte Flughafenanschluss vorallem wegen fehlendem Interesse in Paris, obwohl mittlerweile sogar die deutschen Nachbarn eine Mitfinanzierung angekündigt haben.

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Piero Oktober 24, 2009 um 11:01

Sowas passiert, wenn zwar studierte mit was weiss ich für einen Abschluss Manager werden, aber deren gesunder Menschenverstand irgendwo im Nichts verschwunden ist.

Aber es ist sicherlich in jahrelangen Studien herausgefunden worden, dass Flughäfen keinen Bahnanschluss brauchen – oder dann sicherlich weit weit weg davon. Es macht ja auch keinen Sinn, mit dem Zug zum Flughafen zu fahren, man könnte ja pünktlich und rechtzeitig dort ankommen. Schlauer ist die Benützung des Auto’s, wo man in Gefahr läuft, im Stau zu stehen. Und wenn schon Bahnhof, dann bitte nur drei bis vier Zugsabfahrten. Da ja ganz wenige dieses Angebot nutzen werden, hat man wenigstens die paar Züge voll gekriegt. Dafür gibt eine Studie – garantiert.

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Sandra-Lia Oktober 24, 2009 um 19:51

Haja, SNCF hat manchal scho sehr eigene Ansichten! Ich mein, SAlsas isch eine der best! erschlossenen Regionen in Frankreich, und das nur dank den SBB! Seit die nämlich bis Muelhuse fahren, muss auch die SNCF mehr machen, und kann oh plötzlich 100 mal mehr in St. Luis halten. Dazwischen gibts leider immernoch orte, die 2-3h am Tag nix haben, und danach 20/40 takt. TAKT wohlgemerkt, was ja ansich schon ein Fremdwort für die SNCF ist!

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Andreas Hobi Oktober 25, 2009 um 02:36

@ Piero:
Das ist es ja, was ich einigen Bahn-Managern vorwerfe: Dass sie keine oder zu wenig praktische Erfahrung haben. Wer eine Bahn leitet, sollte mindestens ein paar Jahre auch “an der Front” mitgearbeitet und somit eine typische Bähnler-Karriere gemacht haben. Direkt von der Uni kann man die wenigsten brauchen. Ist meine Meinung.

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Martin Oktober 25, 2009 um 14:32

Wie sieht eine typische Bähnler-Karriere aus? Betriebsdisponentenausbildung und 30 Jahre bei der Eisenbahn bleiben und dan einen Chefposten durch einen ehmaligen Arbeitskollegen zugeschoben bekommen? Genau das ist das Strukturproblem das wir haben. So entwickelt sich die Eisenbahn nicht weiter. Und für die die nicht am Filz beteiligt sind wird die Bahn zur Höhle.

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Andreas Hobi Oktober 25, 2009 um 22:59

@ Martin:
Dreissig Jahre vielleicht nicht gerade. Aber wenn ich höre, dass [dieser Teil des Kommentars wurde auf Wunsch der SBB gelöscht] dann stehen mir die Haare zu Berge.

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Martin Oktober 26, 2009 um 09:15

Auch ich finde das Fachwissen unentbehrlich ist. Aber Erfahrung und Wissen aus anderen Firmen und Universitäten wäre auch Wichtig. Intelligente Menschen arbeiten sich ein und übernehmen das Fachwissen das in den Abteilungen ist, sie fragen und hören zu. Sie gehen unvoreingenommen an die Sache ran.
Aber du weisst wie es z.B. in der Abteilung Zugführung abläuft: Hier haben ehemalige Bahnhofsbeamten das Zepter übernommen, Fachwissen wird konsequent ignoriert, alles wird hinerfragt und gleich selbst beantwortet. Diese Chefs leben ihre persönliche Aversie und voreingenommene Meinung aus. Das war eine feindliche Übernahme! Man muss von einer Tyrannei reden. Der Schaden für die Eisenbahn ist immens.

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gumbo Oktober 26, 2009 um 18:09

Bitte die SNCF, die DB oder die berüchtigte Trenitalia nicht als Massstab für uns benutzen.
Die sind halt wie sie sind.

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Michael Oktober 29, 2009 um 18:51

Das Ganze mag schon stimmen. Im Bezug auf den Flughafen Orly sehe ich es allerdings etwas anders. Aktuell gibt es dort die Orylval direkt vom Terminal nach Anthony, wo die RER nur wenige Schritte entfernt ist. Aktuell wird die Metrolinie 14 über Antony nach Orly verlängert. Einen bessern Anschluss kann man dann nun wirklich nicht haben. Schneller schaffts auch kein TGV mitten ins Stadzentrum. Auch aktuell ist die Anbindung sehr schnell, einfach viel zu teuer da die Orylval einen eigenen, horrenden Tarif hat.

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Krogerus November 2, 2009 um 06:23

Andreas Hobi:
Gelöscht? Zensur bei den SBB? Gibts das?

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Andreas Hobi November 2, 2009 um 13:12

@ Krogerus:
Nein, die SBB zensiert sicher nicht. Ich wurde freundlich gebeten, einen Teil des Kommentars zu entfernen. Dies habe ich dann auch so rasch wie möglich gemacht, ohne weitere Diskussion. So wie ich es ab und zu mache, wenn jemand eine entsprechende Bitte an mich richtet.

Deshalb wie gesagt: Die SBB hat mich freundlich gebeten, ich habe den entsprechenden Abschnitt freundlich entfernt. Es gibt da keinerlei Unstimmigkeiten zwischen der SBB und mir.

Zensur gibt es bei der SBB nicht und ich hoffe, das bleibt auch in Zukunft so. Nicht dass die SBB plötzlich anfängt vorzuschreiben, wer bloggen darf und wer nicht. ;-)

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