ICN im Hbf Zürich
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Wie würdet ihr reagieren, wenn jemand zu euch kommt und fragt, ob ihr das Produkt XY, für welches ihr bis anhin immer gezahlt habt, nun gratis haben wollt. Wer von euch würde antworten: “Gratis? Nein danke, ich zahle lieber.” Wohl keiner.

So erstaunen die Resultate auch nicht, welche der (durch aggressives Telefonmarketing schon öfters aufgefallene und dadurch fragwürdige) Verlag “Reader’s Digest Schweiz” morgen präsentieren wird.

Im ganzen Land wurden 1′000 Menschen gefragt, ob sie damit einverstanden wären, wenn Bahn, Bus, Tram und Schiff in Zukunft gratis zu benutzen wären. Wie nicht anders zu erwarten, befürworteten die meisten Umfrageteilnehmer diese Idee.

Wenn mich die Kassiererin an der Migros-Kasse fragen würde, ob ich meinen Einkauf gratis nach Hause nehmen wolle oder doch lieber zahle, dann wäre meine Antwort ebenso klar wie die Antworten in der RD-Umfrage.

Doch schauen wir uns die verschiedenen Argumentationen mal genauer an.

Vorteile des Gratis-ÖV

Es liegt auf der Hand: Wer gratis Zug fahren kann, hat mehr Geld für andere Dinge. Ausserdem kann man dann weiter entfernte Regionen unseres schönen Landes erkunden, für welche man sich die Reise bis anhin nicht leisten konnte.

Gratis ins Wallis, ins Bündnerland und aufs Jungfraujoch. Wer würde da nicht nein sagen? Die Tourismusindustrie, die Hotels und Gastwirte würden sich freuen. Genau gleich die Freizeitindustrie. Die würden den Gratis-ÖV unterstützen.

Ausserdem: Keine Bedienung der für manche Leute komplizierten Billettautomaten mehr, keine Probleme mehr, wenn man das Abo zu Hause vergisst und an den Nachtzuschlag muss man auch nicht mehr denken.

Ein Leben, fast wie im Paradies.

Nachteile des Gratis-ÖV

Gratis hört sich toll an. Man muss aber auch bedenken, was das auslösen wird. Schon heute reisen sehr viele Leute mit dem öffentlichen Verkehr. Und das, obwohl sie dafür bezahlen müssen.

Wenn das Zugfahren nun kostenlos wird, hätte das weitreichende Folgen. Das Passagieraufkommen zum Beispiel nähme in nicht absehbaren Ausmassen zu. Stehplätze wären an der Tagesordnung. Die Einstiegplattformen werden durch Velos verstellt, denn der Transport ist ja gratis. Um die Erstklass-Sitzplätze würde gekämpft, denn die sind ja auch gratis. In den Zügen der SBB würde ein Chaos herrschen, wie man es sonst nur aus dem öffentlichen Verkehr der Drittweltländer kennt.

Wer nun dagegen hält, man müsse dann einfach entsprechend mehr Züge kaufen, der täuscht sich. Die Kapazitäten auf der Schiene sind nicht unendlich und Platz für den Bau weiterer Linien besteht auch nur noch an ganz wenigen Orten. Schon heute, trotz kostenpflichtigem ÖV, stösst das System an seine Grenzen. Kostenloser Verkehr würde das noch verschlimmern.

Kristina Shampan’er und Dan Ariely vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge haben eine Studie zum Verhalten von Verbrauchern gemacht. Dort kamen sie zu der Erkenntnis, dass Menschen sich komplett anders verhalten, wenn sie etwas für umsonst bekommen können anstatt einen verschwindend geringen Preis zahlen zu müssen.

Vielleicht habt ihr von dieser Studie auch schon gehört. Da wurde einmal ein qualitativ schlechtes Gut (ein Schokoriegel) verschenkt und alternativ ein qualitativ hochwertiges Gut (Schokotrüffel) zu einem extrem niedrigen Preis von 25 Cent angeboten. Die Probanden durften entscheiden, welches Gut sie möchten.

Anderen Probanden wurde eine ähnliche Aufgabe gestellt. Der Schokoriegel kostete dort aber 1 Cent, der Schokotrüffel 26 Cent.

Einer dritten Versuchsgruppe wurde der Schokoriegel für 2 Cent und der Schokotrüffel für 27 Cent angeboten.

Die Ergebnisse waren eindeutig. Bei den beiden letzten Versuchsgruppen war das Verhältnis der Käufer von Schokoriegel und -Trüffel in etwa gleich. Bei der ersten Versuchsgruppe hingegen entschieden sich deutlich mehr für die kostenlose Schokolade als für den Trüffel.

Dies deutet darauf hin, dass auch im öffentlichen Verkehr die Nachfrage in extremen Massen zunehmen würde, sobald er nichts mehr kostet. Menschen, die sonst nie Bahn gefahren sind, würden dies nun regelmässig tun und ihr Auto zu Hause stehen lassen. Die Personenkilometer pro Fahrgast würden spürbar zunehmen, sprich: Die Leute würden weitere Strecken zurücklegen als bis anhin.

Was nichts kostet, ist nichts wert

Und der letzte Aspekt: In vieler Leute Augen sind Dinge, die nichts kosten, auch nichts wert. Es ist ja gratis, also muss man dem Material auch keine Sorgen tragen.

Vandalismus und dergleichen ist heute bereits an der Tagesordnung, würde meiner Meinung nach jedoch noch stark zunehmen, sobald der öffentliche Verkehr gratis ist und die Fahrgäste würden den Service nicht mehr zu schätzen wissen.

Erfahrungen in Genf

Dass die Readers Digest-Umfrage so repräsentativ nicht sein kann, wie der Verlag behauptet, zeigen Resultate aus Genf. Der RD-Verlag gibt an, dass in der Westschweiz ganze 57 Prozent der Bewohner für einen kostenlosen ÖV sind.

Am 24. Februar 2008 hingegen stimmten die Genfer über einen kostenlosen ÖV ab und waren mit eindeutigen 67 vs. 32 Prozent GEGEN diese Initiative. Die Vernunft hat also gesiegt.

Grund für die hohe Ablehnung waren unter anderem Befürchtungen vor einem Kollaps des ÖV. Eine von den Genfer Verkehrsbetrieben durchgeführte Studie prognostizierte, dass die Fahrgastzahlen innert weniger Tage nach der Umsetzung der Initiative um etwa 30 Prozent steigen würden.

Sami Kanaan, Präsident des VCS Genf: “In der Praxis ist der Vorschlag deshalb nicht umsetzbar. Ich befürchte, dass die öffentlichen Verkehrsmittel nach der Freigabe zunächst vollkommen überlastet wären.” Die Folge: Verspätungen sowie überfüllte Busse und Trams. Kanaan weiter: “Die Initiative provoziert hohe Erwartungen, die in der Realität leider nicht zu halten sind. Die anfängliche Euphorie wäre schnell verflogen und die Menschen würden sich enttäuscht abwenden.”

Eure Meinung

Jetzt ist eure Meinung gefragt! Seht ihr die Sache genau so, wie ich? Oder seid ihr komplett anderer Meinung? Welche Dinge sollte man bei der Thematik “Gratis-ÖV” noch in Betracht ziehen und wo liegen eurer Meinung nach die Vor- und Nachteile? Ich bin gespannt auf eure Kommentare.







11 Kommentare zu “Sinn und Unsinn des Gratis-ÖV”

  1. gumbo schreibt:

    Die finanzielle Beteiligung der einzelnen Bürger ist ungleich gerechtfertigt, wenn jeder einen gleichen Anteil seiner Steuern beisteuert.
    Ausländische Besucher fahren dann ganz gratis, während die Steuerzahler für die gleiche Dienstleistung pauschal zahlen.
    Gesundheitsversorgung könnte ebensogut gratis sein, wie es teilweise (auch nicht vollständig) in gewissen Ländern praktiziert wird.
    Ich bin dagegen. Dafür spräche ev., dass weniger Auto gefahren würde, oder das Problem Schwarzfahrer hinfällig würde.

  2. jules schreibt:

    Eine kostenlose Benutzung des öVs in den Städten halte ich im Gegensatz zum allgemeinen öV durchaus für sinnvoll.

    Es ist im Interesse einer grösseren Stadt, dass die Stadtbewohner nicht mit dem Auto zur Arbeit fahren, sondern den öV benutzen. So können die Strassen für Pendler aus den umliegenden Regienen entlastet werden. Personen, die in Bern wohnen und in Zürich arbeiten würden wegen der kostenlosen Benutzung von Bernmobil nicht auf den öV umsteigen, da die Kosten für den Zug bestehen bleiben würden. Umgekehrt das selbe. Die einzigen Benützer, die davon profitieren würden, sind meiner Meinung nach Leute, die in der Stadt wohnen und arbeiten. Für sie würde die Versuchung, das Auto zu benutzen um 10-15 Minuten pro Tag zu sparen, sicher kleiner werden. So lässt sich sinnloser stadtinterner Verkehr vermeiden.

    Auch für Touristen ist wäre eine kostenlose Benützung der Bernmobilbusse ein verlockendes Angebot. Dass diese (im Gegensatz zu den besteuerten Stadtbewohnern) wirklich kostenlos fahren, lässt sich als Ortsmarketing verbuchen.

    Und der Punkt mit dem Vandalismus trifft auch nicht unbedingt zu, was das Beispiel vom kostenlosen öV im Zusammenhang mit einem YB-Matchticket zeigt. Die Leute lassen das Auto zu Hause – und wenn es zu Vandalismus kommt (was ich persönlich in einem Bus nach dem Match noch nie erlebt habe), dann ist das auf einige beschränktere Personen zurückzuführen, die auch in einem (kostenpflichtigen) Fanzug bei Auswärtsspielen die Wagen kapput machen.

  3. Frank schreibt:

    Ich bin der Meinung, dass der Nutzer gemäss Verursacherprinzip bezahlen muss. Sonst könnten wir gleich auch ‹gratis-Brötchen›, ‹gratis-Kino› und ‹gratis-Strom› auf Kosten der Steuerzahler einführen.

  4. Michi schreibt:

    Ich bin dagegen. Die Züge sind jetzt zu Stosszeiten schon voll. Die muss man nun nicht auch noch mit Leuten füllen die gratis aus Spass rumkurven. Denn das wird passieren. Wir haben hier in der Schweiz eine gute Lösung mit dem GA. Wenn man es mal hat dann kann man auch so viel fahren wie man will. Ausserdem sollte man für eine Dienstleistung auch bezahlen müssen und nicht die Allgemeinheit.
    Das ÖV System ist in er Schweiz gut genug asgelastet das es kosten darf. Dies trifft auch für die Städte zu.

  5. Mike schreibt:

    Die Idee tönt super, wenn man sie aber genauer betrachtet, ist sie schlicht nicht umsetzbar.

    Gründe:
    -Der öV wird nie gratis sein. Denn: Wenn der Fahrgast kein Bilet mehr bezahlt, dann muss der Bund für die Kosten des öV’s aufkommen, das heisst, er muss den öV zu 100% subventionieren. Diese Gelder muss er wiederum wieder beschaffen, das heisst über die Steuereinahmen. Wir würden dann zwar nichts mehr für das Billet zahlen, dafür gäbe es dann deutliche Steuererhöhungen. Und dann bezahlen alle, auch die, die den öV nicht benützen.Der Betrieb der SBB kostet schliesslich Millionen. Woher soll das Geld sonst kommen?
    -Die SBB hat ein grosses Problem:
    Sie braucht mehr Geld, mehr Einnahmen. Sie wird ein Opfer des eigenen Erfolges, muss für sehr viel Geld ihre Kapazitäten ausbauen (grösseres Rollmaterial, Streckenausbauten, etc.)
    Deshalb stellt sich die Frage, wie der öV in der Schweiz zukünftig finanziert werden soll. Die Initiative des VCS hier: http://www.verkehrsclub.ch/de/politik-kampagnen/initiative-fuer-den-oev.html ist da ein interessanter Ansatz.
    Ich meine, die SBB hat unlängst bekannt gegeben, dass sie vom Bund dringend eine Milliarde benötigt, um ihr Schienennetz auf Vordermann zu bringen.
    Da finde ich es absurd, Ideen wie Gratis-öV zu bringen. Denn: Der öV hat gar nicht die Kapazitäten dafür. Das gäbe ein riesen Verkehrschaos. Die Bahn ist eine Dienstleistung und eine Dienstleistung soll etwas kosten.

  6. Alain schreibt:

    Ich bin gegen den Gratis ÖV, weil ich der Meinung bin, dass man Produkte und Dienstleistungen, die man braucht und konsumiert, auch selber bezahlen soll. Klar tönt das verlockend, und eben wie du Andreas schon gesagt hast, wer sagt schon nein. Aber wer bezahlt den ÖV nachher? Der Steuerzahler etwa? Ich finde der Preis von einem GA 2.Kl. von 3100.- sehr preiswert. Klar ist die Bahn nicht für alle günstig, und nicht alle können sich ein Generalabonnement leisten, aber warum kann sich dann jeder 1-3Autos leisten? Ist diese Alternative etwa billiger? Klar bezahlt der Steuerzahler den öffentlichen Verkehr und die SBB durch Steuern, aber ich zahle einem Pfarrer auch den Lohn, ohne dass ich in die Messe gehe, ich bezahle auch Strassentunnels und autobahnen, aber brauche diese nicht. Ich finde, es soll so bleiben, wie es bis dahin war. Die letzten paar Jahrzenten störte und forderte dies auch niemand!

  7. Piero schreibt:

    Nun, die Idee ist an sich nicht schlecht, hat aber noch einen kleinen Manko:

    Nehmen wir unser Strassensystem. Ein Autofahrer zahlt etwas Steuern und darf dafür die Strassen benützen. Für schnellverbindungen zahlt er eine Vignette. Alles andere wird über die Steuern bezahlt, vorallem die Feinverteilung in den Gemeinden und Kantonen. Somit zahlt auch jemand, wo die Strassen nie in dem Umfang wie ein Autofahrer benützt an den Kosten mit.

    Das Selbe gilt für den Autofahrer: auch er, obwohl er nie mit dem Zug fährt, zahlt mit seinen Steuern den öffentlichen Verkehr.

    Wie andere bereits erkannt haben: Gratis wirds nie sein – und ich denke, die heutige Mischung von Bezahlt durch Steuern und selber noch bezahlen ist innert vielen jahren gewachsen und wenn dies nicht gut wäre, hätte man es längst geändert.

  8. Jens schreibt:

    Wie Andreas schon angetönt hat, ist die Ausssagekraft solcher Umfragen “Möchten Sie etwas, wofür Sie vorher bezahlt haben, jetzt gratis haben” weniger als 0. Warum diese Art von “Studien” immer wieder auf grosses Echo stösst und u.a. von den Journalisten kritiklos nachgeplappert wird, geht mir nicht in den Kopf. Denn, wie auch in den Kommentaren angetönt, muss irgendjemand Leute wie Andreas für ihre Arbeit bezahlen. Einen Gratis-ÖV wird es also nie geben, irgendjemand muss immer dafür bezahlen.

    Ausserdem kann man das Prinzip “Was nichts kostet, ist nichts wert” ebenfalls auf die Mitarbeitenden des ÖV in der Schweiz übertragen. Ich wage zu behaupten, dass sich die Mitarbeiterkultur in einem Gratis-ÖV wandeln würde. Denn es ist mehr als nachvollziehbar, wenn auch die Mitarbeiter eines Produkt, welches unentgeltlich abgegeben wird, sich auf dieses Prinzip berufen und deshalb die hohe Qualität des ÖV in der Schweiz darunter leiden würde.

  9. Markus schreibt:

    Ich bin wie Du Andreas gegen einen Gratis-ÖV in der gesamten Schweiz. Die Argumente hast Du bereits geliefert.

    Allerdings finde ich die Idee von kostenlosen Verkehrsbetrieben in der Stadt durchaus prüfenswert.

    Dann könnte man z.B. die Parkplätze im Stadtzentrum verringern/verteuern und nun ernsthaft über eine Roadtax (wie in London) nachdenken.

    Viele Innenstädte (z.B. Berner Bahnhofplatz) würden dadurch einladender bzw. aufgewertet.

    Das Argument vom Einkauf in der Stadt zieht aus meiner Sicht nicht. Die grossen Einkäufe erledige ich per Auto im Shoppingcenter ausserhalb der City.

  10. Alain schreibt:

    @Markus

    Aber in London ist der öffentlicher Verkehr auch nicht nicht gratis oder billiger. Im Gegenteil!

  11. Oliver schreibt:

    Es gibt ja auch durch aus feinere Abstufungen. In Bamberg (Deutschland) etwa sind die gebührenpflichtigen Parkplätze für die Autos relativ teuer, denn mit dem Geld wird der Busverkehr subventioniert. Eine innerstädtische Einzelfahrt kostet daher mit Viererticket nur 0,90 Euro.

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