Engländer in Landquart schwer gestürzt

von Andreas Hobi am 14. Juli 2009 · 14 Kommentare

Zürich HB
Bild © (cc) taschenkruemmel (flickr.com)

Wenn ich einen wichtigen Termin habe, dann achte ich darauf, früh genug anzureisen. So bringen mich auch eventuelle Zwischenfälle und Vorkommnisse nicht aus der Ruhe.

Wer genug Zeit einplant muss auch nicht hetzen. Denn wer hetzt, der lebt gefährlich, wie ich gestern in Landquart wieder sehen konnte.

Eine Gruppe Engländer – zwei Damen und zwei Herren – alle um die 70 Jahre, liefen im Eiltempo dem Zug entlang. Abfahrtszeit wäre in 30 Sekunden und ich wundere mich, wieso die beiden Ehepaare nicht einsteigen. “So voll wird es dort in der Mitte des Zuges wohl nicht sein, als dass die jetzt unbedingt bis zum Schluss des Zuges rennen müssen.”, denke ich mir. Kurz darauf schaut die vorderste Dame auf die Uhr und erschrickt, als sie sieht, dass der Zug jeden Moment abfährt. Sie öffnet die Tür und drängt ihre Begleiter zur Eile.

Da geschieht es. Alle schalten noch einen Gang zu, und plötzlich stürzt der eine Herr über seine eigenen Beine, schlägt ziemlich flach auf dem Perron auf und bleibt regungslos liegen.

Ich sprinte sofort los und kurz bevor ich die 75 Meter zurück gelegt habe, stürmen auch schon zwei Herren aus dem abfahrbereiten Zug. Der unglücklich gestürzte Herr ist glücklicherweise bei Bewusstsein und kann – durch uns gestützt – auch in den Zug einsteigen. Nachdem wir dann sein Gepäck noch eingeladen haben, fahren wir los.

Schon auf dem Perron sah ich, dass der Herr stark blutet. Und auch der Boden auf der Plattform des Zuges weist bereits deutlich sichtbare Blutstropfen auf. Ich sehe, dass er sich an Stirn, Lippe und Händen verletzt hat und stark aus dem Mund blutet. Ich reiche ihm als erste “Sofortmassnahme” ein Päckchen Taschentücher und erkläre ihm, dass sich die Bordapotheke ausgerechnet am anderen Ende des Zuges befinde (Acht Wagen entfernt) und dass ich diese gleich holen werde. Zuerst will ich aber von ihm wissen, ob er sich an anderen Stellen auch noch Verletzungen zugezogen hat, die ich momentan nicht sehe und wie es ihm sonst gehe, ob er etwas zu trinken benötige oder ob ihm noch etwas fehle. (Ich will ja nicht, dass er das Bewusstsein verliert.) Gleichzeitig biete ich ihm an, einen Arzt zu organisieren.

Doch der Fahrgast versichert mir, dass es ihm grundsätzlich gut gehe, was den Kreislauf betreffe und so. Er hätte nur ein paar Schürfungen. “Nicht die ersten in meinem Leben.”, sagt er verschmitzt lächelnd. Da er bereits wieder lächeln kann, bin ich vorerst beruhigt und gehe die Bordapotheke holen.

Gerade als wir in Sargans einfuhren, bin ich mit den Pflastern, Verbänden und Alkohol-Tupfern wieder bei der Reisegruppe. Ich erkläre der Ehefrau, dass ich hier in Sargans rasch aussteigen müsse und dann gleich zurück komme. Sie solle ihn doch schon mal – so weit es geht – verarzten. Als ich nach der Abfahrt zurück komme, ist er bereits versorgt.

Nochmals frage ich ihn, ob es ihm wirklich gut gehe und ob er sich sicher nichts gebrochen habe. Er ist überzeugt, dass alles in Ordnung sei und so bringe ich die Bordapotheke zurück und beginne mit der Kontrolle. Nachdem alle Fahrgäste kontrolliert sind, regle ich die administrativen Dinge, melde mich telefonisch in Bern, um mitzuteilen, dass ich die plombierte Bordapotheke aufgebrochen habe und gehe zurück zu der Reisegruppe, um nochmals nach dem Rechten zu sehen. Inzwischen befinden wir uns ungefähr auf der Höhe Wädenswil.

“Naja…”, sagt mir der Herr. “Ich habe mir beim Sturz ein bisschen auf die Zunge gebissen. Schauen Sie mal.” Und tatsächlich, in der Mitte der Zunge hat es ein sehr gut sichtbares Loch und gleich daneben einen Spalt. Jetzt ist auch klar, weshalb er so stark aus dem Mund blutete. Ich versuche, ihn davon zu überzeugen, sich das von einem Arzt ansehen zu lassen. Doch er scheint sehr stark auf seinen Flug fixiert zu sein, denn er unbedingt erwischen möchte. Er will in Zürich HB so wenig Zeit wie möglich verlieren.

“Kein Problem.”, sage ich. “Wir machen rasch hier im Zug eine Durchsage und mit etwas Glück meldet sich jemand, der sich das mal anschauen kann.” Mit Unterstützung seiner Mitreisenden bringe ich ihn dazu, einzuwilligen.

“Geschätzte Fahrgäste, diese Durchsage richtet sich an einen Arzt, eine Ärztin oder eine andere medizinisch ausgebildete Person. Bitte melden Sie sich umgehend beim Zugpersonal im letzten Wagen. Besten Dank.”

Unabhängig voneinander stehen innert zwei, drei Minuten gleich eine Krankenschwester und zwei Medizinische Praxisassistentinnen vor uns. Die eine Dame schaut sich die Zunge genau an und ich erkläre ihr kurz, was vorgefallen ist und stelle die Frage, ob er damit – ohne weitere ärztliche Massnahmen – auf den Flieger könne.

Gefährlich sei es nicht, die Zunge unbehandelt zu lassen, meint die MPA. Nur werde er dann bleibende Schäden davontragen; man werde sehen, “dass da mal was war”. Er könne aber ziemlich bald wieder normal sprechen, essen etc., das sei gar kein Problem. Nur eines sei klar: Falls er etwas machen lassen möchte, dann müsse dies noch hier in der Schweiz geschehen. In England sei es zu spät.

Schlussendlich stellt sich heraus, dass die Reisegesellschaft gegen 12:00 Uhr im Flughafen sein muss. Da es aber erst kurz vor 10:30 Uhr ist, willigt er ein, von mir in die Permanence im Hauptbahnhof Zürich gebracht zu werden.

Ich begleite ihn ein Stück weit und erkläre ihm dann den Weg zur Permanence, so dass er und seine Begleiter das letzte Stückchen alleine gehen können.

Mein Zug zurück nach Chur fährt um 10:37 Uhr. Nach einem rasanten Sprint mit Koffer, Zugpersonalgerät und sämtlichem Arbeitsmaterial stehe ich Punkt 10:36 Uhr vor dem Zug. Da ich auf diesem Zug sowieso nur Dienstfahrt habe, konnte ich es riskieren, so knapp zu kommen. Denn dieser Zug wäre auch ohne mich (mit dem eigentlichen Zugpersonal, welches bereits nicht mehr damit rechnete, dass ich noch komme) abgefahren, ohne dass SBB-Fahrgäste durch eine Verspätung in Mitleidenschaft gezogen würde, falls ich zu spät käme. Denn an diesem Tag hatte ich eine Zürcher Tour erhalten und dieser letzte Zug diente nur noch dazu, mich nach Hause – also nach Chur – zu bringen. Notfalls hätte ich sonst einfach den nächsten Zug genommen.

Die Gesundheit des Engländers war mir schlussendlich wichtiger als mein pünktlicher Feierabend.

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Fredy Juli 14, 2009 um 20:08

Eine rührende Geschichte lieber Andreas. Hier hat mich aber zuviel Eigenlob gestört. Du hast nichts als Deine Pflicht erfüllt, zugegeben auf vozügliche Art. Das habe ich von Dir auch genauso erwartet.

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mds Juli 15, 2009 um 00:35

Gut gemacht – so erwarte ich es von Dir und Deinen Arbeitskollegen! :)

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Sandra-Lia Juli 15, 2009 um 07:41

hmm.. irgendwie will ich dich jetzt endlich mal als konduktur ^^… jetzt , mit dem GA… SAAAAG mal… schafffsch du am 1. / 2. Augschte (du arme) ^^

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Andreas Hobi Juli 15, 2009 um 08:14

@ Fredy:
Danke. Natürlich wollte ich nicht, dass es so selbstlobend rüber kommt. Viel eher war es meine Intention, das Ereignis mehr oder weniger eins zu eins zu schildern.

@ Sandra-Lia:
Ja, am 1. und 2. August arbeite ich tatsächlich. Musst halt mehr Zug fahren, dann siehst du mich auch mal. ;-)

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Piero Juli 15, 2009 um 08:59

@Sandra-Lia

ich warte eigentlich auch immer darauf, dass mich mal ein gewisser Herr Hobi kontrolliert. Leider ist seine Art – noch – eine aussterbende Rasse.

Zum Thema:

Ohne jetzt auch in die Lobreden einzustimmen, hat uns Andreas genau einen Punkt geschildert, wo ich öfters beobachte:
Menschen gehen entlang des Zuges, steigen nicht ein, obwohl der Zug jeden Moment abfährt oder abfahren kann. Diese komische “Art” ist auch eng mit dem Phänomen verknüpft, das viele nur den Eintritt bzw. nur den von dem Wagen nehmen, den sie gerade beim Einfahren des Zuges gesehen haben. Alle, beinahme ohne Ausnahme, gehen dann in Fahrtrichtung zur jener auserkorenen Türe, obwohl an ihrer früheren Wartestelle eine andere Türe in Reichweite gewesen wäre. Und hier erschien es so, dass die einfach genau “die” Türe benutzen wollten – warum auch immer, vielleicht war der reservierte Platz exakt in dem Wagen? Da darf man (Vorsicht Ironie) ja wirklich nur in den Wagen einsteigen, sonst wird man gebüsst.

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Andreas Hobi Juli 15, 2009 um 09:03

@ Piero:
Da liegst Du gar nicht mal so falsch. Es ist tatsächlich so, dass viele ausländische Touristen (vor allem Deutsche) in den Zügen Plätze reservieren. Für die SBB einerseits sicher ein gutes Geschäft, andererseits führt dies dann dazu, dass die Leute nicht einfach den nächstbesten freien Platz oder Wagen nehmen, sondern tatsächlich teilweise mehrere hundert Meter auf dem Perron zurück legen.

Einige Touristen (auch hier wieder vor allem Deutsche), fragen jeweils auch, ob sie das Billett, welches sie “für den Interregio gelöst” hätten, auch in diesem Intercity benutzen dürfen, weil sie früher fahren als ursprünglich geplant. Schon oft habe ich denen dann erklärt, dass sie ihr Billett nicht für einen Zug, sondern für eine Strecke gelöst hätten… Und dass es keine Rolle spiele, welchen Zug sie auf dieser Strecke benutzen…

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Piero Juli 15, 2009 um 09:13

Das mit dem Deutschen ist ja klar, die bezahlen ja meist für genau den Zug – hier betone ich gerne wieder, was das für ein bescheuertes System ist und ich ermahne Herrn Meyer, nicht mal an solche Dinge zu denken.

Mal was anderes: Fahren weniger Bahn – oder warum hört oder liest man keine Halbjahreszahlen über beförderte “Mengen”? Oder Hab ich was verpasst?

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Andreas Hobi Juli 15, 2009 um 09:17

Bis jetzt habe ich auch noch keine Zahlen erhalten.

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Sandra-Lia Juli 16, 2009 um 10:08

naja, ich fahre doch momentan ganz viel.. gestern zb. ganz schöne Fahrt: Solothurn – Luzern – Arth Goldau – Göschenen – Andermatt – Brig – Bern – Burgdorf – Solothurn. Is das viel, oder nicht?

PS: Hobi, wenn ich dich seh, hab ich dann kein Fahrschein ^^

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Gumbo Juli 16, 2009 um 10:28

Der hatte mal Glück, dass er in der Permanence sofort dran kam. Ich habe schon mal 3 Stunden gewartet, konnte allerdings zwischenzeitlich ins Kafi, Knie schmerzte immer mehr, konnte kaum mehr gehen.
Es hiess: Heute sind leider xx Aerzte krank.
Ich teilte ihnen mit, dass ich verzichte, noch länger zu warten und schleppte mich per Bahn nach Hause, um zu meinem Hausarzt zu gehen.
Auch sonst musste ich immer LANGE warten. Vielleicht half es, dass er auf den Flieger musste.

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Sandra-Lia Juli 16, 2009 um 10:45

PS: Ich hab grad einen kreativen Wettbewerb mit tollen Preisen für euch gemacht, der mal die Bahnfahrer unter euch zu Höchstleistungen anspornen soll:

http://www.bloggerin.com/bahnfahrn-ohne-uber-olten-zu-fahrn/

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Gumbo Juli 16, 2009 um 11:08

Andi
Kann es sein, dass nun neue Postings von uns zuerst durch die Zensur gehen bis sie hier erscheinen?

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Andreas Hobi Juli 16, 2009 um 12:48

@ Gumbo:
Nein. Aber Du hast bei deinen letzten beiden Kommentaren eine andere Email-Adresse angegeben als früher. Deshalb wurdest Du vom System als “Neuling” betrachtet.

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Gumbo Juli 17, 2009 um 10:32

AHA, ja ich habe einen Tippfehler gemacht.
Dann ist ja alles gut. Ich nehme nämlich manchmal an Foren teil, bei denen es so gehandhabt wird.

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