Perugia. Stadt der Schwarzfahrer.

von Andreas Hobi am 16. Juni 2009 · 7 Kommentare

Brum Brum
Bild © (cc) alvarolg (flickr.com)

An einem Samstag-Morgen begleitete ich alleine den Frühzug um 05:13 Uhr von Chur via Zürich HB nach Basel. Da es in diesem Zug in letzter Zeit immer wieder zu Problemen mit Jugendlichen und (anderen) Betrunkenen kam, wird in diesem Zug das Zugpersonal seit einigen Wochen durch Securitas-Mitarbeiter begleitet. So erhielt ich also – zum ersten Mal – “Personenschutz”.

Ich kontrollierte die Fahrgäste, während die beiden Securitas ständig von der Einstiegplattform her ein wachsames Auge auf mich hatten. Sobald ich den Wagen verliess, wechselten sie nach mir in den nächsten Wagen. Und wenn ich bei einem Kunden mal ein wenig länger stehen blieb oder diskutierte, kamen sie auch immer gleich in meine Nähe.

Dies führte dazu, dass erfreulicherweise alle Fahrgäste, welche kein Billett hatten, bei mir nachlösten. Darunter viele Jugendliche, welche in der Vergangenheit in solchen Situationen immer wieder Probleme machten.

In Zürich angekommen verabschiedeten sich die beiden Securitas-Mitarbeiter von mir, weil der Zug ab Zürich bis Basel nicht mehr als Problemzug gilt. Einer der beiden sagte dann auch noch: “Ich hoffe einfach nicht, dass die Fahrgäste dir jetzt Probleme machen, kaum dass wir weg sind.” Ich lachte und meinte, dass dies wohl kaum der Fall sei und ich erfahrungsgemäss von Zürich bis Basel sowieso nur “anständige” Leute im Zug hätte.

Doch darin hatte ich mich dann leider getäuscht.

In Aarau stieg ein Herr ein, welcher meine Frage nach dem Billett mit einem süffisanten Grinsen quittierte, mit den Schultern zuckte und meinte, er habe weder Billett, noch Geld, noch sonst irgendwas.

“Naja, irgendeinen Ausweis wird er ja wohl auf sich tragen”, dachte ich mir und fragte ihn danach. Und tatsächlich kam dann auch eine total verwaschene und mit durchsichtigem Klebeband fixierte Identitätskarte hervor. Sicherheitsmerkmale waren auf dieser Karte jedoch keine mehr zu erkennen. So schüttelte ich den Kopf und verlangte nach einem “anständigen” Ausweis. Mit Murren gab er mir dann seinen italienischen Pass.

Ich notierte also die Personalien, welche ich im Pass fand und fragte danach nach seiner Adresse, da diese im Pass nicht angegeben war. Daraufhin erhielt ich als Antwort eine Strasse in Perugia.

Meine Frage, ob er denn nicht auch noch irgendeine Adresse in der Schweiz habe, verneinte er. Ich fragte ihn, ob er auf der Durchreise sei oder was für einen Grund sein Aufenthalt in der Schweiz sonst habe. Er antwortete dann, dass er Tourist sei und machte mit den Händen Gesten, so als ob er mit einem Fotoapparat Bilder schiessen würde: “Klick, klick. Capice?”

Als alle Formalitäten erledigt waren und der Fahrgast das Formular unterschrieben hatte, ging ich weiter.

Draussen auf der Einstiegplattform kamen mir dann aber doch ein paar Zweifel. Klar, die SBB schickt auch Rechnungen ins Ausland, das ist kein Problem. So gesehen kann ich die italienische Adresse akzeptieren. Doch was ist, wenn dies gar nicht seine Adresse ist und er mich einfach angelogen hat? Sein süffisantes Grinsen jedenfalls weckte in mir von Anfang an den Verdacht, dass da irgendwas nicht stimmt.

Ich fasste den Entschluss, mich kurz mit der Bahnpolizei abzusprechen. Mal schauen, was die zur Geschichte meinen. Also rief ich auf die Zentrale an und schilderte die Story. Beim Stichwort “Perugia” wurde der Herr auf der anderen Seite der Leitung hellhörig: “Perugia?! Bitte nicht schon wieder!” Daraufhin erzählte er mir Interessantes.

Perugia, die Schwarzfahrer-Metropole

Città di Perugia - Perugia city
Bild © (cc) dedde` (flickr.com)

Die Kleinstadt Perugia liegt in Umbrien an einem Hang und hat rund 157’000 Einwohner. Von der Grösse her ist die Stadt also vergleichbar mit der Agglomeration St. Gallen.

Obwohl die Kleinstadt nicht allzuviele Einwohner hat, scheint sie bei Schwarzfahrern recht beliebt zu sein. Der Herr in der Telefonzentrale der Bapo sagte, dass Schwarzfahrer aus unserem südlichen Nachbarstaat oft Perugia als Wohnort angeben würden. Der Grund dafür sei ihm aber auch nicht klar. Es sei möglich, dass der Herr tatsächlich von dort komme, ebenso gut könne es aber auch sein, dass ich schlicht und ergreifend angelogen wurde. Er werde mir zur Sicherheit in Basel zwei Mitarbeiter schicken, die den Fahrgast mal genauer unter die Lupe nehmen.

Widersprüche

In Basel angekommen nahmen zwei Mitarbeiter der Securitrans den Fahrgast gleich in Empfang. Sie verlangten nochmals die Ausweisdokumente und fragten ihn ein wenig aus. Dabei verstrickte sich der Herr in zahlreiche Widersprüche.

“Wo wollen Sie jetzt hin?”, fragten wir ihn. “Italia.”, war seine Antwort. Aber er konnte uns nicht erklären, weshalb er von Aarau nach Basel fährt, obwohl er eigentlich in den Süden wollte. Ja, er gehe halt zuerst noch zu Freunden nach Frankreich, meinte er lapidar.

Nun gut, als nächstes wollten wir wissen, weshalb er in der Schweiz war. Da gab er sich nochmals als Tourist aus. Infolgedessen fragten wir ihn, wo er denn die letzte Nacht geschlafen hätte. Als Tourist war er doch sicher irgendwo in einem Hotel oder auf einem Campingplatz, oder? Aber nee, geschlafen hat er ganz woanders: “Amigo. Zurigo.”, sagte er nur. Bei einem Freund in Zürich.

Nun endlich hätten wir eine Adresse, die wir auch überprüfen können, dachte ich mir. Ich verlangte die Adresse des Zürcher Freundes, so dass wir überprüfen können, ob er denn auch wirklich dort schlief. Doch die Adresse kam ihm nicht mehr in den Sinn, und aufgeschrieben hätte er sie auch nicht, gab er uns gegenüber an.

Und plötzlich taucht Geld auf

Nein, er habe überhaupt kein Geld, er könne das Billett nicht bezahlen, sagte er immer wieder. Im Zug als auch im Bahnhof Basel. Wir sollen ihm eine Rechnung nach Perugia schicken, er werde dann schon bezahlen. Wieder sein süffisantes Grinsen.

“Säcke leeren! Subito!”, forderten wir ihn nun auf. Er weigerte sich. “Gut, dann kommen Sie mit auf den Posten.”, war die logische Antwort darauf. Das hingegen wollte er nun auch nicht. Und so entschloss er sich dann schweren Herzens, uns doch noch zu zeigen, was er in den Säcken so alles versteckt hatte.

Und siehe da: Plötzlich erschien eine 50er-Note, dann allerlei anderes Zeug, dann noch eine 20er-Note. “Aha! Kein Geld. Soso!” Nun hatten wir genug. Diese Show, die der Perugia-Schwarzfahrer hier aufführte, ging ganz klar unter Missbrauch. Er hat uns eine Ewigkeit lang nach Strich und Faden belogen, betrogen und mich um meine kostbare Pause gebracht. Jetzt verstand ich keinen Spass mehr.

Kurzerhand nahmen wir die siebzig Franken an uns, stellten ihm dafür eine Quittung mit Taxmarken aus und verlangten weitere dreissig Franken, da Missbrauch mit mindestens 100 Stutz gebüsst wird. Doch er war dann nicht so blöd, seine Säcke noch weiter zu leeren, aber sein Grinsen deutete darauf hin, dass er mit Sicherheit noch grössere Geldbeträge auf sich trug.

Da der Herr immer aggressiver wurden, liessen wir ihn dann auch springen; froh darum, wenigstens 70 Franken bar einkassiert zu haben.

Ehrliche Italiener

Italiener gehören meiner Meinung nach zu den aufgestelltesten und sympathischsten Menschen überhaupt auf diesem Planeten. Und wegen einem Schwarzfahrer werde ich diese Meinung auch nicht ändern. Ich liebe die Italiener, ihr Land, ihre Gastronomie und ihre äusserst positive Lebenseinstellung. Schon ein paar Mal war ich in Italien, und mindestens nochmals so viele Male werde ich dorthin reisen.

Deshalb: Das letzte, was ich mit diesem Artikel möchte, ist, den Eindruck zu erwecken, dass Italiener grundsätzlich schwarz fahren. Dem ist ganz und gar nicht so! Im Gegenteil: Deutlich öfters habe ich Schwarz- und Graufahrer schweizerischer Nationalität im Zug als Italiener. Und noch nie hatte ich ein solch negatives Erlebnis mit einem Italiener, wie in diesem Artikel beschrieben. Es war (und wird hoffentlich bleiben) ein Einzelfall.

Und was Perugia anbelangt: Gemäss einer Arbeitskollegin soll man dort traumhafte Ferien verbringen können! ;-) Mit einem Klick auf das Bild unten erfahrt ihr mehr darüber:

tetti sotto il sole di fine estate
Bild © (cc) spettacolopuro (flickr.com)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Piero Juni 16, 2009 um 14:50

Zitat: Jetzt verstand ich keinen Spass mehr.

Jetzt dachte ich, da würde als Text kommen, dass du ihn mit Betonschuhen in den Rhein geworfen hast ;)

Interessant ist, wie die Zahlungsmoral mit der Bapo sich auf einmal stark verbessert. Müsste man glatt mal testen, ob sie dich Mehrkosten und die dafür generierten Mehreinnahmen in etwa halten könnten.

Ach ja: schön, dass du so ein schönes Bild von den Italienern hast (bin ja selber ein “halber” Italiener) :D

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Sandra-Lia Juni 16, 2009 um 20:50

Haja…

Dazu fällt mir was ein:

Gefälschter Pass bei Ebay 70 Euro
Anleitung zum Bescheissen bei Ricardo 50 Fr.
Im Zug schwarzfahren und nicht bezahlen müssen: Unbezahlbar.

Einge Sachen kann man nicht kaufen, für alles andere gibts das Internet!

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Andreas Hobi Juni 17, 2009 um 09:00

@ Piero:
Mit “keinen Spass mehr verstehen” meinte ich eher: Bis zu einem gewissen Punkt habe ich ein Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen oder dafür, dass jemand kein Billett hat; und in einigen Fällen kann man auch einen Kompromiss finden; aber hier gab es schlussendlich definitiv kein Entgegenkommen oder “Augen zudrücken” von mir und ich schöpfte alle Mittel aus, die mir zur Verfügung standen. (Missbrauchzuschlag etc.)

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Gumbo Juni 17, 2009 um 14:39

Bei mittellosen Ausländern lieber einmal mehr die Polizei holen. In anderen Ländern würde ich ja auch der Polizei übergeben. Gerade die FS kennt kein Pardon.
Andi: Was macht ihr mit den Roma, die jetzt die Schweiz dank Schengen “besuchen”? Sie betteln in den Zügen und Trams, haben kein Billett, keinen Wohnsitz, einen rumänischen ID-Ausweis….
Nicht einfach, eh?

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irgendjemand Juni 18, 2009 um 16:52

“Da der Herr immer aggressiver wurden, liessen wir ihn dann auch springen”

Ergo, aggressiv werden und ich komm davon?!
Ist ja verständlich, dass ihr nicht den Kopf hinhalten wollt, aber wenn die Bahnpolizei da ist (die sich bekanntlich als “richtige” Polizei fühlen will), geht sowas doch einfach nicht?
oder ist die Bahnpolizei halt eben doch nur ein Haufen möchtegern-Polizisten?

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Andreas Hobi Juni 18, 2009 um 23:58

@ Irgendjemand:
Es war eben nicht die eigentliche Bahnpolizei, sondern nur zwei Objektschützer von Securitrans. Die dürfen nicht so viel wie die Bahnpolizei. Leider.

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Christoph Juni 27, 2009 um 16:17

Ich hatte letzte Woche auch mal ein schönes Erlebnis im Zug. Ich fuhr Bern-Aarau 1. Klasse, hatte aber keine Zeit vor der Abfahrt einen Klassenwechsel zu kaufen. Also stieg ich in den Zug ein und wartete auf das Zugspersonal. Bis dieses aber im AS auftauchte, war der Zug schon nach Olten. Da ich zum Zugpersonal aber so ehrlich war und sagte, dass ich ein Klassenwechsel Bern-Aarau wollte, verkaufte mir das Zugspersonal nur einen für Bern-Olten. Es habe vorher genug Ärger und auszufüllende Formulare gehabt, deshalb “belohne” das Zugspersonal meine Ehrlichkeit (verständlich, denn dank der kurzen Distanz verbrachte ich die halbe Zeit der Strecke Olten-Aarau auf der Plattform beim Abwickeln des Verkaufs).

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