
Am Freitag informierte die SBB, dass ihre Kondukteure in Zukunft Speisen und Getränke servieren sollen. (schweizweit.net berichtete.) Einen Tag darauf, am vergangenen Samstag, begleitete ich einen Zug mit einem Speisewagen. Und da geschah folgendes:
Ich betrete den Wagen über den Gang neben der Küche. Als ich mich kurz vor dem ersten Tisch befinde, rufe ich in den Wagen: “Nächster Halt, Thalwil!” Danach wende ich mich der ersten Dame zu.
Doch statt das Billett zu zeigen, fragt Sie mich: “Händ Sie Orangesaft?”
Ich bin einen Moment lang sprachlos, muss dann schmunzeln, schaue in den Wagen, andere Mitreisende schauen mich gespannt an, wollen wissen, wie ich nun reagiere, manche schmunzeln selber auch…
Hat die Dame nun etwas falsch verstanden? Meint sie, wir Kondukteure würden sie bereits jetzt bedienen? Dabei sind wir weder auf der Gotthard-Route noch in der ersten Klasse.
Doch ich vermute sehr stark, dass sie mich mit dem Elvetino-Personal verwechselt. Denn richtig angeschaut hat sie mich noch gar nicht, die vor ihr liegende Zeitung scheint interessanter zu sein.
“Ähm, entschuldigen Sie, ich bin der Kondukteur. Und ich würde gerne Ihr Billett sehen.”, will ich zuerst antworten. Doch dann schiesst es aus mir heraus: “Ja natürlich haben wir Orangensaft. Ist Ihnen 3dl recht?” (In Wahrheit sind es 33cl, also leicht mehr. Das wusste ich zuerst aber nicht.)
Sie ist einverstanden und ich wende mich den beiden Stewards zu, welche auch schon gespannt hinter mir (und somit auch hinter dem Rücken der Dame) stehen. Die Kundin merkt von alledem nichts. Hinter ihr zwei Elvetino-Stewards und ein Kondukteur, vor ihr im Restaurantwagen rund 8 andere Fahrgäste, bei welchen sie ebenfalls im Zentrum steht. Ohne es zu wissen ist die Dame im Moment der Mittelpunkt einer kleinen Komödie auf Schienen. ;-)
Wie gesagt, ich wende mich den Stewards zu und beide gehen mit mir in die Küche. Ein Lachen können wir uns nur mit Mühe verkneifen. Ich schnappe mir einen Becher und den Orangensaft, deponiere meine Kondukteur-Utensilien in der Küche, und gehe zurück zu der Dame. Dort schenke ich den Orangensaft ein und frage sie anschliessend, ob sie auch etwas essen möchte. Doch sie verneint dankend.
Nun gehe ich zurück in die Küche, hole mein Zugpersonalgerät und die Tasche mit der Zange und stelle mich diesmal nicht neben, sondern direkt vor die Dame: “Sodale, und jetzt würde ich gerne noch ihr Billett sehen.”
Nun ist es die Dame, welche sprachlos war. Die Reaktionen der anderen Fahrgäste sehe ich leider nicht, da ich mit dem Rücken zu ihnen stehe.
“Ooooh jesses, isch das jetzt aber peinlich!”, sagt die Dame und schlägt die Hand vor ihr Gesicht. “Jetzt aber nöd im Ernscht! Han ich Sie mitem Kellner verwechslet??? Jesses wiä peinlich!”
“Ach, ein bisschen Orangenjus servieren kann ich auch.”, antworte ich. “Ausserdem weiss ich ja nie, ob ich in Zukunft nicht auch zu den servierenden Kondukteuren zählen werde. So gesehen schadet ein bisschen Übung nie.”
Die Dame runzelt die Stirn: “Sie wollen sich zum Speisewagen-Kellner umschulen lassen?!” Sie schaut leicht ungläubig drein.
“Nein, nein. So ist es nicht. Aber wissen Sie, bald servieren die Kondukteure auf der Gotthardlinie den Fahrgästen in der ersten Klasse Essen und Getränke.” Ich erkläre ihr die ganze Sache, woraufhin sie dann meint: “Wer hätt sich denn sone Seich usdenkt??” Ich antworte, dass es eigentlich nicht mal unbedingt eine schlechte Idee sei; man müsste einfach zuerst dafür sorgen, dass wir keinen Unterbestand mehr haben. Dies wäre vorrangig. Sie sieht das auch so.
{ 2 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Wieder mal köstlich, Andi… Köstlich!
Chris
=)