Plankakassan, die Schwarzfahrerversicherung aus Stockholm

von Andreas Hobi am 16. April 2009 · 4 Kommentare

“Plankning” ist schwedisch und steht sinngemäss für das Schwarzfahren in der U-Bahn. Plankare nennt man die Leute, welche die automatischen Drehkreuze bei den U-Bahn-Zugängen zu überlisten versuchen, um gratis Bahn fahren zu können. Vor einiger Zeit haben einige Plankare eine eigentliche “Schwarzfahrerversicherung” auf die Beine gestellt. In diesem Artikel erfahrt ihr, wie diese funktioniert und wie es dazu kam.

Tube @ slussen, Stockholm
Bild © (cc) SimonWesterlund (flickr.com)

Um das geht es

In einem Artikel der schwedischen Zeitung “The Local” steht:

Stockholm’s transport budget is also being eaten away by people who don’t pay their way on public transport. Anyone who has travelled on the Tunnelban, Stockholm’s underground railway, has probably seen ‘plankare’ – fare dodgers who jump the barriers with apparent impunity.

Das ÖV-Budget der Stadt Stockholm ist knapp, unter anderem auch, weil einige Leute den Transport nicht bezahlen. Jeder, der schon mit der Tunnelban – Stockholms U-Bahn – gefahren ist, hat vielleicht die Plankare gesehen. Schwarzfahrer, welche die Barrieren ungestraft umgehen.

Die fleissigsten Schwarzfahrer haben nun die Website planka.nu auf die Beine gestellt. Unter dem Titel “Free public transport” bieten sie dort den Schwarzfahrern die Möglichkeit, sich gegen die Bussen zu versichern. Je nach Dauer der Versicherung bezahlt man einen bestimmten Betrag:

  • 50 Schwedische Kronen für eine Woche (CHF 13.75)
  • 100 Schwedische Kronen für einen Monat (CHF 27.55)
  • 500 Schwedische Kronen für ein halbes Jahr (CHF 137.75)
  • 50 Schwedische Kronen für alle Wochenenden eines Kalendermonates (CHF 13.75)

Im Vergleich dazu: Beim Schwarzfahren erwischt zu werden, kostet in Stockholm 1’200 Schwedische Kronen. (CHF 330.-)

Die Versicherung nennt sich Plankakassan (“leere Kasse”) oder “P-kassan – the freeriding insurance”. Nachdem man Mitglied ist, kann man alle Bussen direkt an eines der drei Büros von planka.nu senden (Stockholm, Göteborg, Östergötland), welche die Rechnung dann begleichen.

Die Idee ist nicht neu, sondern wurde schon früher von schwedischen Studenten in kleinen Schwarzfahrer-Gemeinschaften so praktiziert. Neu ist jedoch die Grösse dieser Gemeinschaft, welche nahe an das Solidaritätsprinzip der Versicherungen kommt.

Der Hintergrund

Die Betreiber von planka.nu wollen nach eigenen Angaben nicht etwa das Schwarzfahren unterstützen, sondern sind der Meinung, dass der öffentliche Verkehr kostenlos sein soll. Mit dieser Meinung sind sie nicht die einzigen, gibt es doch in fast allen Ländern Menschen und Organisationen, welche das Ziel eines Gratis-ÖV anstreben. (Über Sinn und Unsinn eines kostenlosen ÖV möchte ich an dieser Stelle jedoch (noch) nicht debattieren.)

Hingegen sind sie die einzigen, welche den Gratis-ÖV über eine Schwarzfahrerversicherung zu erreichen versuchen. Die Idee hinter planka.nu in deren eigenen Worten:

The public transportation should be like the sidewalk – paid by all, free to walk on.
Der öffentliche Verkehr sollte wie ein Trottoir sein – bezahlt von allen, kostenlos zu benutzen.
planka.nu

Fazit

Sollten sich die Betreiber der Stockholmer U-Bahn Sorgen machen wegen dieser Website? Ich denke nicht. Wichtig ist einfach, dass die Bussen bezahlt werden, ob nun vom Schwarzfahrer direkt oder von einer Organisation, kann den Betreibern schlussendlich ja egal sein. Bei meiner Arbeit gab es auch schon Fälle, in welchen andere Reisende das Billett eines Fahrgastes bezahlt haben. Ich wüsste nicht, wieso dies ein Problem sein sollte.

Grundsätzlich finde ich die Aktion noch witzig, ich hoffe einfach, dass damit das Schwarzfahren nicht zu sehr bagatellisiert wird und in Stockholm plötzlich als selbstverständlich gilt. Und vorallem funktioniert diese “Versicherung” nur, solange die Schweden nicht gestaffelte Bussen einführen, so wie bei der SBB üblich…

Und wegen dem Gratis-ÖV? Nun, wenn die Plankare es schaffen, die schwedische Öffentlichkeit von ihrer Idee zu überzeugen, gut. Wenn nicht, noch besser auch gut. ;-)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 4 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Peter April 16, 2009 um 23:07

Die Kunst des Drehkreuzspringens in Russland:
http://englishrussia.com/?p=1923

… und wer sonst noch alles gratis fährt:
http://englishrussia.com/?p=938

Antworten

Alain April 17, 2009 um 17:57

und wir rendiert diese Versicherung?

Antworten

Andreas Hobi April 20, 2009 um 17:52

@ Alain:
Ich denke, die Versicherung rentiert schon, ansonsten würden sie sie wohl kaum anbieten… :) Die genauen Zahlen kenne ich aber nicht.

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Sandra-Lia April 22, 2009 um 13:20

hm, könnte man doch in der Schweiz au machen, halt mit einem Beitragssatz von, sagen wir, 1000 fr pro jahr.. ^^

ich mein, dass könnte sogar die sbb selbst anbieten. damit könnte man dann halt quasi schwarz fahren, bis einem schwarz vor augen wird ^^

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