Etwas, das ich an meinem Job am meisten liebe, sind die Touristen! Meistens freundlich, fröhlich (denn man ist ja in den Ferien) und immer wieder interessant zu sehen, woher sie überall kommen.
Ausserdem habe ich mit ihnen fast nie Probleme. Es kommt nur alle paar Monate mal vor, dass ein Tourist ausfällig wird oder sich beschwert. Also wie gesagt: Ich mag sie, die Touristen.
Ein Touristenpaar, welches ich dann jedoch nicht ganz so sympathisch fand, sass letzte Woche in meinem Zug.
Beide sassen mit Zweitklassbilletten in der ersten Klasse. Bei Touristen kommt das nicht selten vor, sei es nun, weil es bei ihnen zu Hause nur eine Klasse im ÖV gibt, weil sie erst in letzter Sekunde zum Zug gerannt sind und dabei gar nicht darauf geachtet haben, wo sie einstiegen, oder aus anderen Gründen.
Wie dem auch sei: Ich bitte die Leute dann jeweils, doch rasch in die zweite Klasse zu wechseln, da sie sich hier in der ersten Klasse befinden und weise sie darauf hin, dass sie selbstverständlich – falls ihnen das lieber ist – auch sitzen bleiben und den Zuschlag zahlen können.
Die meisten entscheiden sich dann für den Wechsel in die zweite Klasse. Wenn sie viel Gepäck dabei haben, helfe ich ihnen auch damit.
Anders beim Paar von letzter Woche. Sie hätten nicht gesehen, dass dies erste Klasse sei. Aber da wir ja sowieso bald beim Flughafen seien, dürften sie ja wohl sitzen bleiben, teilten sie mir mit.
Ich glaubte, mich verhört zu haben oder vermutete, dass sie mich falsch verstanden hätten. Also wiederholte ich nochmals: Wir befinden uns hier in der ersten Klasse. Es ist nicht erlaubt, sich hier mit Zweitklassbilletten aufzuhalten. Bitte wechseln sie jetzt in die zweite Klasse, ansonsten muss ich ihnen einen Aufpreis berechnen.
“We didn’t SEE…”, sagte die Dame mit starker Betonung auf dem “didn’t see”; sie hätten nicht gesehen, dass dies erste Klasse sei. Das könne ja mal passieren, ich solle mich nicht so aufspielen.
Auf diese Aussage hin teilte ich mit, dass sie den Wechsel in die andere Klasse vergessen können und nun zu zahlen hätten. Doch demonstrativ schauten beide aus dem Fenster.
Jetzt erst wurde mir klar, dass sie sich nicht aus Versehen in der ersten Klasse befinden, sondern dies ganz bewusst taten.
Nun versuchte ich, ein wenig Druck aufzubauen, teilte ihnen mit, dass ich die “Transport Police” zu verständigen hätte, wenn sich zahlungsunwillige Fahrgäste im Zug befinden und nahm mein Diensthandy hervor. Mit einem lauten Seufzer nahm die Dame (der Herr hatte bis zu diesem Zeitpunkt nichts gesagt) ihr Portemonnaie hervor und fragte mich, was es denn koste.
“Fünf Franken pro Person”, teilte ich ihnen mit. Dies ist der Mindestpreis für einen Klassenwechsel im Zug. Ich offerierte ihnen also den tiefstmöglichsten Preis.
Sie ziehe es vor, in Euro zu zahlen, meinte die Dame. Wenn dies nicht gehe, sei es mein Problem. “Natürlich dürfen Sie in Euro bezahlen.”, sagte ich schmunzelnd. “Wir nehmen auch Dollar, Kreditkarten, Pfu-” “Schon gut!”, unterbrach sie mich. “Wieviel macht das in Euro?”
3.40, war meine Antwort. Sie begann in den Münzen herumzuwühlen. “Sorry!”, schoss ich dazwischen. “Ich vergass zu erwähnen: Wenn Sie mit Fremdwährungen bezahlen, geht dies leider nur in Noten. Münzen dürfen wir nicht annehmen.”
Nun nahm sie eine 50-Euro-Note hervor. Gleichzeitig sah ich, dass sie auch noch Schweizer Franken im Portemonnaie hatte. “Aber das Retourgeld hätte ich dann gerne in Euro!”, sagte sie barsch. “Das Retourgeld ist in Schweizer Franken.”, war meine Antwort. “Wir befinden uns hier in der Schweiz. Zwar nehmen wir gerne Euro an, geben aber keine Fremdwährungen heraus.”
Wenn ich so unflexibel sei, meinte sie, werde sie halt nicht bezahlen. “Es wird nicht günstiger.”, erklärte ich ihr. “Im Moment bleibt es noch bei den fünf Franken oder 3.40 Euro. Spätestens im Flughafen wird es deutlich teurer.” Nochmals nahm ich das Handy hervor, als eine Mitreisende (Schweizerin, Pendlerin) mich als Bünzli-Schweizer betitelte und sagte, sie werde für die beiden Touristen zahlen.
So kam die Sache dann doch noch zu einem halbwegs guten Ende. :-)


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sie bünzli!
Zum Glück gibt es immer noch Nicht-Bünzli Schweizer, welche die armen Touristen vor den gefährlichen SBB Kondukteuren retten!
Eine Frechheit, den Namen Bünzli als Schimpfwort zu benutzen!!! Ich finde die Dame und der Gatte wurden mehr als fair behandelt. Vom Kondukteur darauf hingewiesne, dass dies erste Klasse sei, die Möglichkeit geboten in die zweite Klasse zu wechseln, dann haben sie sich stur gestellt so a la “Wir sind Touristen und somit haben wir hier das Sagen” und sich dann gewundert, dass der Kondukteur ihnen nicht gehorchte.
Ich finde, hier wurde richtig und den Umständen entsprechend gehandelt.
Absolut richtig gehandelt. Was Schweizer sich im eigenen Land nicht erlauben dürfen, sollten auch Ausländer nicht dürfen.
Die Pendlerin verstehe ich nicht.
Ich finde sehr gut, dass du nicht locker gelassen hast und trotzdem weiter Druck aufgebaut hast! Die 1. und 2. Klasse gilt ja schliesslich für alle Leute, und nicht nur für die Schweizer! Mich würde es noch interessieren, warum die andere Frau dir dann Bünzli Schweizer sagte und es für die Touristen zahlten??!!
Mit Bünzli war wohl gemeint, dass ich zu stark auf den (eigentlich allgemeingültigen) Regeln beharrte. Keine Ahnung, wo die Dame arbeitet, aber vermutlich ist man dort touristen-freundlicher, ich kann es mir gleich schon vorstellen:
Tourist: Guten Tag, ich hätte gerne dieses Buch gekauft.
Dame: Grüezi, das macht dann CHF 29.90 bitte.
Tourist: Neee, sorry, habe nicht gesehen, dass dieses Buch so viel kostet. Und leider habe ich keine Zeit mehr, um mir ein günstigeres Buch auszusuchen. Deshalb nehme ich es, bezahle aber nur CHF 9.90.
Dame: Gerne. Ist natürlich absolut kein Problem.
;-)
Du bist doch ein Bünzli… ;)
Nein, recht so. Würde man diesem Paar das Sitzenbleiben gewähren, wäre das ziemlich unfair denen gegenüber, die sogar die Treppe in der ersten Klasse räumen müssen weil sie nur über ein “2. Klasse-Billet” verfügen. (Selber schon erlebt. War ziemlich mühsam um 17:30 auf der Strecke Luzern – Zürich von ganz Vorne nach hinten zu kommen und ich habe mich auch dementsprechend aufgeregt. Natürlich hatte ich aber Verständnis)
Andere Frage: Hast du dieses Foto auch in grosser Auflösung zum download? Ich hätte so was gerne als Wallpaper…
@ Alex:
Genau, das ist noch die andere Sache: Während unserer Arbeit sitzen (mehr oder weniger) 360° um uns andere Leute, welche uns besonders in solchen Situationen ganz genau beobachten. Wenn die sehen, dass man auch in der ersten Klasse fahren kann, ohne den entsprechenden (Auf-)Preis zu zahlen, führt das zu Kundenreaktionen und zu einem Image-Verlust der SBB.
Deshalb mache ich nur dann Ausnahmen, wenn ich es nach einer eintreffenden Kundenreaktion gegenüber dem Vorgesetzten auch entsprechend begründen kann.
Foto: Wenn du auf das Bild klickst, gelangst du zu Flickr.com, wo du das Foto downloaden kannst. Die Lizenzbedingungen findest du dann auch gleich dort, falls du das Bild mal anderweitig verwenden möchtest. (Bild stammt nicht von mir.)
Du hast sicherlich richtig gehandelt. Wenn du die Touristen in der 1. Klasse “halbgratis” hättest fahren lassen wäre vielleicht die selbe Dame gekommen und hätte dich als ungerecht bezeichnet..
Ich weiss nicht, ob ich es hier schon gelesen habe oder in einem anderen Forum. In New York sollen in den Bussen noch ganz andere Sitten herrschen.
Wenn da das Münz nicht richtig gezählt eingeworfen wird, hat der Busfahrer da gar keine Freude.
Wie und wo eingeworfen?
Jaja, solche Situationen dürften die meisten kennen. Meistens ist’s ja so, dass die Leute nur die Hälfte mitbekommen und dann (logischerweise) zu anderen Schlussfolgerungen kommen.
Aber eben, man könnte ja auch mal nachfragen, wo denn genau das Problem liegt…
Andreas – find ich eine Topp-Reaktion! Gerade im Moment, wo so sehr ein ‘Klassenkampf’ stattfindet, wäre ein Tolerieren sicherlich nicht gut angekommen.
Hin und da erlebe ich als pendler im Zug, dass immer derselbe Passagier im Zug beim Kondukteur einen Klassenwechsel bezahlt. Das ist mit den geltenden Regel ja auch sein Recht. Doch manchmal hat er ja auch Glück und fährt von Basel bis nach Frick “gratis” in der ersten Klasse.
…weil der Kondukteur es noch nicht bis zu den 1.Klasswagen geschafft hat, oder er auch gar nicht wollte
Ach, solche Situationen kenne ich nur zu gut. Das Stichwort “Police” hat da aber immer gute Dienste geleistet.
Dumm ist es dann aber vorallem in den Fällen, in denen man schön brav nach Tarif handelt und einem der Arbeitgeber dabei dann in den Rücken fällt…
Und dann gab es da noch die Situation mit einem Möchtegern aus klassischer Zürcher Abstammung. Ich liess es jeweils durchaus mal durchgehen, dass zwei paar Kinderski in einem Transportsack der Bahn transportiert wurden (erlaubt ist ein Paar). Der gute Herr meinte dann aber zwei Paar Erwachsenenskis und drei Kinderskis müssten mit einem Sack zurück nach Zürich befördert werden, selbstverständlich zum reduzierten Junior-Karten-Tarif. Ich verneinte dann und meinte, dass mindestens die Skis der Erwachsenen je als eigene Sendung gehen. Ich durfte mir dann so lange ein riesiges Zetermordio anhören bis ich dann nach vielen üblen Beschimpfungen den Transport verweigerte. Wenig später habe ich 5 Skisäcke nach Zürich geschickt…
Und dann war noch der: Ein Ehepaar aus ökologischem Anbau mit ebenso ökologischem Lebensstil und Kleidungsart befand sich nachmittags auf der Kleinen Scheidegg und hätte gerne einen Abstecher zum Jungfraujoch gemacht. Ich erwähnte, dass das bereits zu spät sei. 10 Minuten nach der Ankunft auf dem Gipfel würde der letzte Zug zurück fahren. Man erklärte mir, dass man das wisse. Man möchte jetzt gerne kostenlos mitfahren, weil der Zug doch sowieso zum Jungfraujoch fahren werde, egal ob noch jemand mitfährt oder nicht. Ich verneinte dies vehement um direkt gefragt zu werden ob denn nicht ihre Wanderausrüstung kostenlos ins Tals befördert werden könne. Abwärts ginge es ja von alleine, das brauche keinen Strom, und schliesslich müsse abends ja eh jeder Zug ins Tal ins Depot. Die beiden sind dann zu Fuss nach hause gegangen…
Alain
Bei “City Transit”-Bussen, also im Stadtverkehr, gilt für alle ein Einheitstarif. Der Fahrpreis wird beim Einsteigen (vorne) in eine durchsichtige Büchse eingeworfen, die der Fahrer im Auge hat. Er sieht es, wenn man ohne zu zahlen an ihm vorbeischleichen will.
Für Umsteigefahrten kann man ein “Transfer” verlangen, ein Billettlein, das man dann dem nächsten Busfahrer zeigen muss.
Das System ist somit EINIGES einfacher als unsere undurchsichtigen Verbundtarife mit ihren hundert Varianten von Billetten und verschiedenen Billettautomaten.
Diese Situation ist nichts neues. Aber solch “beratungsresistente” Touristen sind wohl selten.
Die Reaktion von Andi unterstütze ich voll und ganz, hätte es auch nicht anders gelöst.
Gruss aus dem
südlichen Teil der Südostschweiz
Christian
Wenn sich die Begegnung wirklich so zugetragen hat, hat Andi durchaus richtig und gut gehandelt.
Wenn Touristen im Zug aber falsche Fahrscheine besitzen oder sonst gegen die Regeln verstossen, ist dies aber in den meisten Fällen wahrscheinlich trotzdem ungewollt. Ein interessantes Beispiel aus meinem Erleben: Ich fuhr von Bern nach Interlaken und teilte das ICE-Abteil mit drei freundlichen Jugendlichen aus Kolumbien, die aus Genf kamen und via Bern nach Gruyères wollten. Noch bevor die Kondukteurin kam, unterhielten wir uns angeregt. Als ich ihr Ticket sah (Irgendeine Tageskarte aus der Genferseeregion) ahnte ich nichts gutes und wies sie – noch vor der Kontrolle – darauf hin, dass sie ohne gültigen Fahrausweis fahren würden. Sie waren vollkommen überrascht und glaubten mir nicht, denn sie hatten am Schalter eine Broschüre zum Ticket erhalten, auf der auf der Rückseite eine Netzkarte abgedruckt ist – und da ist Interlaken auch eingezeichnet! Mit einem Pfeil: Richtung Interlaken. Daraus schlussfolgerten sie, dass sie mit diesem Ticket dorthin fahren dürfen. Und anscheinend hatten sie es von Genf bereits bis Thun geschafft, ohne kontrolliert zu werden.
Ich wies sie darauf hin, dass sie wahrscheinlich für alle drei Personen Billette für mehrere Hundert Franken nachlösen müssten – sie waren absolut und aufrichtig schockiert. Soviel Geld hätten sie nichtmal dabei. Also gab ich ihnen halt den Tipp, bei der Kontrolle zu behaupten, sie seien erst in Bern zugestiegen. Das sagten sie an der Kontrolle dann auch und kamen damit davon…. Wie sie wieder nach Genf zurückkamen, weiss ich auch nicht..