Gewalt im Zug: Hoffnungsschimmer am Horizont und vielleicht bald Light-Kondukteure?

von Andreas Hobi am 29. Dezember 2008 · 10 Kommentare

Dies ist ein Folge-Artikel zum Beitrag “SBB-Zugpersonal trägt rot: “Stop Aggression” – es reicht”.

Momentan ist das Zugpersonal nicht sooooo gut auf die SBB zu sprechen, wie auch schon. Auslöser gab es viele, die meisten hatten mit Gewalt auf dem Zug zu tun. Einer der Auslöser war auch ein Offener Brief des SEV an die SBB-Geschäftsleitung vom 12. Dezember 2008:

Immer wieder hat der SEV die SBB auf die Problematik hingewiesen und wurde dabei stets auf später vertröstet. Es hiess jeweils, man suche nach Lösungen, doch den Worten folgten – laut SEV-Medienmitteilung – nie Taten.

Es musste erst Gossau kommen, am Weihnachtsmorgen des 25. Dezember, bis die SBB sich durchringen konnte zu kommunizieren, man werde dann in einem Jahr sämtliche Züge doppelt begleiten. Und bereits im Zeitraum Januar / Februar 2009 lasse man die Kondukteure auf Problemzügen durch Securitas-Mitarbeiter schützen.

Diese “Hot News” waren am Weekend natürlich DAS Gesprächsthema beim Zugpersonal. Natürlich freuten wir uns sehr über diese Mitteilung, doch wir stellten uns auch Fragen:

Securitas-Begleitung

Die Ausbildung zum Zugbegleiter dauerte, als ich zum Zugpersonal kam, rund 18 Monate. Inzwischen wurde sie um einige Monate verkürzt. So lange will die SBB nicht warten, deshalb werden uns kurzfristig Securitas-Männer und -Frauen in Problemzügen begleiten.

Am Wochenende rätselte das Zugpersonal darüber, welche und wie viele Züge die SBB offiziell als “Problemzug” bezeichnet. Vermutlich werden wir dies demnächst erfahren. Meine Hoffnung ist natürlich, dass die SBB zusammen mit Vertretern von SEV/ZPV die Züge bestimmt.

Zu- oder Abnahme der Gewalt?

Ob die Gewalt auf den Zügen nun zu- oder abgenommen hat, darüber kann man sich streiten. Denn die SBB kennt ja nur die gemeldeten Fälle; die Dunkelziffer ist entsprechend höher. Fakt ist imho: Jede Tätlichkeit und Belästigung ist eine zu viel! Selbst wenn die Gewalt abnehmen würde: Solange es Gewalt auf den Zügen gibt, muss die SBB entsprechend dagegen vorgehen. Mit Doppelbegleitungen, Bahnpolizei oder falls das nicht reicht, auch mit privaten Sicherheitsdiensten wie zum Beispiel die erwähnte Securitas. Nur so fühlen sich Personal und Fahrgäste wohl.

Doppelbegleitung in einem Jahr

In einem Jahr werden sämtliche Fernverkehrszüge der SBB mit mindestens zwei Mitarbeitern begleitet, teilte die SBB mit. Ein hoch gestecktes Ziel, wenn man bedenkt, dass das Personal dafür noch gar nicht vorhanden und in Folge dessen zuerst noch rekrutiert und ausgebildet werden muss.

Sofort stellten sich in den Pausenräumen des Zugpersonals natürlich Fragen. Früher dauerte die Ausbildung zum “Reisezugbegleiter National” 18 Monate für Externe und einige Monate weniger für Kandidaten, welche bereits zuvor bei der SBB (am Schalter) gearbeitet haben oder dort (wie ich) das KVöV machten.

Nun also soll es möglich sein, neue Leute innerhalb von zwölf Monaten zu rekrutieren (Stelleninserate schalten, Bewerbungen prüfen, Vorstellungsgespräche) und auszubilden? Wir sind gespannt! ;-)

Kondukteur light?

“Ihr müsst nur schauen, die werden eine andere Ausbildung machen als wir. Ohne Fahrdienst.”, sagte ein Zürcher Zugbegleiter am Wochenende im Aufenthaltsraum in Biel. Vielleicht könnte da etwas dran sein, denn ohne fahrdienstliche Ausbildung würde die ganze Ausbildung nur wenige Monate dauern. Dafür könnten diese Mitarbeiter keine Züge alleine begleiten. Wobei, die Alleinbegleitung wird ja in einem Jahr komplett abgeschafft… So gesehen könnte es sogar noch Sinn machen. Denn wie gesagt: Für die komplette Ausbildung sind zwölf Monate sehr knapp bemessen. Gibt es vielleicht bald “Light-Kondukteure”?

Ich könnte mir vorstellen, dass diese neuen Mitarbeiter die gleiche oder eine ähnliche Ausbildung machen werden wie die S-Bahn-Zugbegleiter.

Doch ich möchte nochmals ganz klar betonen: Bis jetzt sind das nur Vermutungen und Gerüchte! Die SBB hat diesbezüglich noch nichts genaueres mitgeteilt, wird dies aber sicher demnächst noch tun. (Ansonsten frage ich bei Gelegenheit einfach mal nach.)

Facebook-Gruppe

Inzwischen gibt es auch schon die erste Facebook-Gruppe namens “Gegen Gewalt an Zugpersonal / im öff. Verkehr allgemein”.

Beschreibung:

Ende 2008 waren die Meldungen in den Nachrichten kaum mehr zu überlesen. Die Gewalt im öffentlichen Verkehr und insbesondere gegen das Zugpersonal nimmt stets zu. Einzelne Meldungen…

Gland / 04. November 2008:
Drei Reisende ohne gültigen Fahrausweis, die nach Aufforderung des Zugbegleiters keine Billette kaufen wollen, attackieren diesen und drohen ihm mit einer Abrechnung gegen ihn und seine Familie.

Montreux – Lausanne / 14. November 2008:
Bedrohung des Zugbegleiters von zwei Reisenden ohne Fahrausweis. Ihm wird das Portemonnaie abgenommen.

Montreux – Lausanne / 20. November 2008:
Ein Reisender sitzt mit einem Zweitklassbillett in der 1. Klasse. Nach Aufforderung der Zugchefin zum Wechseln in die 2. Klasse erhält diese als Reaktion einen gebrochenen Finger.

Montreux / 30. November 2008:
Fünf jugendliche Schwarzfahrer verprügeln einen Zugchef, der die Daten der Reisenden erfassen will. Resultat: zwei Rippenbrüche und Arbeitsunfähigkeit. Ein zu Hilfe eilender Mitreisender erhält einen Schlag ins Gesicht.

Gossau / 25. Dezember 2008:
Ein Jugendlicher schlägt einen Reisezugbegleiter spitalreif. Arbeitsunfähigkeit bis auf Weiteres.

Doch nicht nur das Zugpersonal wird drangsaliert, auch unter Reisenden gibt es vermehrt Zwischenfälle. Eine Auswahl:

18. Oktober 2008: Luzern – Wolhusen.
Zwei Jugendliche werden von einer fünfköpfigen Gruppe ausgeraubt. Ein Jugendlicher wehrt sich und wird angegriffen. Im Sommer 2008 wurden auf der selben Strecke bereits mehrere Passagiere von sechs Jugendlichen bewusstlos geschlagen und teilweise ausgeraubt.

23. November 2008: Konolfingen – Zäziwil.
Ohne Grund greift ein 18-jähriger Schweizer einen Mitreisenden an. Folge: Kopfverletzungen. Der Täter kann Mitte Dezember festgestellt werden.

12. Dezember 2008: Reidenbach (Simmental).
Im Zug wird ein Jugendlicher von Mitschülern gewürgt. Um Hilfe gebetene Mitreisende helfen nicht.

24. Dezember 2008: Biel-Bern.
Zwei Jugendliche werden von zwei anderen Jugendlichen verprügelt und es erfolgt ein Raubversuch. Keiner der mitreisenden Passagiere regt sich.

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Diese Gruppe soll ein solidarisches Zeichen für die Betroffenen setzen und eine Plattform zur Diskussion der Thematik bieten.

Ich und einige andere schweizweit.net-Leser sind der Gruppe bereits beigetreten. Natürlich würde ich mich freuen, euch ebenfalls dort zu sehen. :)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Piero Dezember 29, 2008 um 17:46

Die Frage ist aber auch noch, wieviel es wirklich nützt, wenn zwei Zugsbegleiter kommen – vorallem, ob die störenden, im Verhalten eher Barbaren anmutenden “Mitmenschen” sich davon einschüchtern lassen.

Aber das es so lange geht, bis was geschieht ist nicht in Ordnung. Es ist doch überall und immer das Selbe: es muss immer zuerst was passieren.

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Loner (rbde565.ch) Dezember 29, 2008 um 20:38

Freut mich, dass du die Werbetrommel für die “Gegen Gewalt im öV”-Gruppe rührst. Ich muss zugeben, dass dein Artikel von letzter Woche eine gute Informationsquelle für die Timeline der Ereignisse war.

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Andreas Hobi Dezember 30, 2008 um 00:23

@ Piero:
Aus Erfahrung weiss ich, dass es wirklich deutlich etwas bringt, wenn man zu zweit auftritt. Natürlich gibt es auch dann immer noch ganz wenige Menschen, die sich davon nicht beeindrucken lassen. Dort bleibt uns dann halt nichts anderes mehr übrig, als die Bapo beizuziehen. Aber wie gesagt: In den meisten Fällen wirkt es.

@ Loner:
Bitte, gern geschehen! ;-)

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Alain Dezember 30, 2008 um 13:29

Leider haben manche Leute nie Angst und erlauben sich alles. Ich finde, es sollte nicht nur die SBB etwas ändern, weil es gibt einfach überall immer mehr Gewalt und Aggressionen und nicht nur in den Tügen. Letztes Mal besuchte ich einen HCD Match, und dort wartet sogar schon das Militär und die Polizei mit Maschinenpistolen und Wasserwerfer, aber die Schläger lassen sich nicht einmal mehr über das beeindrucken!

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pädu Januar 4, 2009 um 18:28

“Und bereits im Zeitraum Januar / Februar 2009 lasse man die Kondukteure auf Problemzügen durch Securitas-Mitarbeiter schützen.”

Werden es nicht vielleicht Securitrans Mitarbeiter? Jetzt sind Sie nur für die Bahnhöfe zuständig. Die Bezeichnung noch kurz von Objektschützer zu Objekt und Personenschützer umbenennen, schon sind Sie bereit. :)

Seit etwa 3 Monaten besitze ich ein 2 Klass GA. In diesen 3 Monaten bin ich sehr viel durch die Schweiz gefahren, aber Bahnpolizisten habe ich im Zug noch nie gesehen! Du hast doch mal einen Beitrag verfasst das 60% der Züge durch Bahnpolizisten begleitet werden sollen, weshalb sind trotzdem nie 60% begleitet?

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Sven Jackisch Januar 6, 2009 um 02:06

Hallo,

ich arbeite als Zugchef S-Bahn in Zürich. Vorher war ich Zugführer bei der Deutschen Bahn. Kenne also beide Seiten, die eine ist es, einen Zug alleine zu begleiten, welches ich lange Zeit gewöhnt war, die andere ist es, einen Zug im Team zu begleiten, wie es im Regionalverkehr der SBB üblich ist.

Ich finde den Schritt, den die SBB da vor hat, schon genau richtig. Eine Begleitung zu zweit ist immer besser, als alleine zu sein. Gerade die ersten Frühzüge am Samstag und Sonntag morgen werden oft unterschätzt, denn dort hat man viele richtige “Problemfälle”.

Ob die Ausbildung dann eine “Light-Ausbildung” bzw. eine volle fahrdienstliche Ausbildung wird, ist hier eher sekundär, denn wichtig ist, dass gehandelt wird.

Zumal, wenn immer ein fahrdienstlich ausgebildeter dabei ist, ist es ja eh kein Problem.

Sowas hatten wir in D auch gehabt, bei uns in Bremen gab es auch Touren, die man als Zugführer mit einem nur kundendienstlich geschulten MA fuhr und das ging gut.

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Sandra-Lia Januar 6, 2009 um 09:53

vllt. kann ich dann light kondi werden ^^

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Andreas Hobi Januar 8, 2009 um 12:07

@ Pädu:
Es werden wohl Securitras sein und nicht Securitrans. Denn bei den Objektschützern mangelt es an Personal, also können die kaum noch andere Aufgaben wahrnehmen.

Die 60 Prozent Begleitung der Bapo war wohl eher ein Ziel als ein Versprechen. Wenn sie genügend Personal hätten, würden sie die Züge auch öfters begleiten. In Zürich waren zeitweise nur ein Drittel der Stellen besetzt, hörte ich kürzlich… Da reicht es gerade einmal, um in den Bahnhöfen für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

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Michaek Februar 12, 2009 um 14:41
Andreas Hobi Februar 13, 2009 um 08:10

@ Michaek:
Habe die Pressemitteilung erhalten, bin gestern jedoch nicht dazu gekommen, darüber zu schreiben. Vielleicht klappt es heute. :)

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