Beim Schreiben des gestrigen Artikels (Beinahe-Unfall in Zürich HB) erinnerte ich mich an einen Vorfall von letzter Woche.
Es begab sich, dass ich am Morgen kurz nach der Hauptverkehrszeit einen Intercity von Zürich nach Basel begleiten durfte. Glücklicherweise war es eine doppelstöckige Komposition, so dass ich nicht befürchten musste, dass ähnliches wie gestern geschieht.
Die Abfahrtszeit war herangerückt, das Ausfahrsignal zeigte grün, alles bereit zur Abfahrt. Doch auch hier: Tröpfchenweise trudelten – obwohl bereits Zeit zur Abfahrt war – immer wieder ein paar Personen ein, die im letzten Moment um die Ecken geschossen kamen. Und wie es halt so ist: Kurz bevor die eine Person bei der Einstiegstür ist, kommt bereits die nächste Person angelaufen, die ebenfalls gerne noch mitfahren würde. So ginge das ewig, wenn wir nicht die Anweisung hätten: Auf Nachzügler wird nicht gewartet!
Deshalb fertige ich (zum Unverständnis einiger Zuspätkommer) grundsätzlich pünktlich ab. Denn die rechtzeitig erschienenen Fahrgäste haben ein Recht darauf, pünktlich abzufahren und an ihrem Zielort anzukommen. (Ok, ganz pünktlich fertige ich dann oft doch nicht ab; 10-15 Sekunden gebe ich den Zuspätkommern normalerweise, so dass wenigstens ein paar von ihnen doch noch mitfahren können…)
So lief es auch letzte Woche.
Bei der Billettkontrolle dann traf ich auf eine Gruppe Geschäftsmänner, die sich bei mir beschwerten. Sie wollten wissen, weshalb ich nicht auf ihren Chef gewartet hätte. Dieser sei doch bereits in Sichtweite gewesen und in zehn Sekunden hätte er sich im Zug befunden. Eine solch kurze Zeit hätte ich doch noch warten können.
Ich erklärte ihnen, dass ich bereits fast fünfzehn Sekunden länger gewartet hätte, als ich eigentlich dürfte, damit es wenigstens ein paar der Nachzügler noch in den Zug schaffen. Ihr Chef sei leider zu spät gekommen, als dass er den Zug noch erwischt hätte.
Daraufhin drohten sie mir, sie hätten in Basel ein sehr wichtiges Meeting und dieses könne ohne den Chef nicht stattfinden. Sie wollten wissen, ob denn nun die SBB für die Unkosten aufkomme.
“Natürlich nicht.”, antwortete ich. “Ihr Chef ist ja zu spät gekommen, nicht die SBB. Aber es ist ja bald Weihnachten.“, führte ich weiter aus. “Schenken Sie Ihrem Chef einen SBB-Fahrplan, und dann müssen Sie nicht mehr befürchten, dass zukünftige Meetings ohne ihn stattfinden.”


{ 12 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Wenn diese “Geschäftsmänner” diese Frage (Sie wollten wissen, ob denn nun die SBB für die Unkosten aufkomme.) tatsächlich ernst gemeint haben, dann hoffe ich, dass diese Personen keine leitende/wichtige Position in einer Firma haben. Die Antwort auf die Frage ist für jeden Menschen, mit einen gesunden (Gibts leider nur noch selten, habe ich den Eindruck) Verstand klar. Die SBB soll für zu späte Fahrgäste bezahlen?! – ja klar! Und als Entschuldigung für die fahrplanmässige Abfahrt gibts zusätzlich noch ein gratis 1. Klasse – GA. ;-)
Was mich aber noch interessieren würde:
Wie haben die “Business – Leute” auf Deine Geschenkidee reagiert?
Michael hat Recht: Ein 1. Klasse-GA muss drin liegen ;)
Ich frage mich nur, auf was für verrückte Ideen die Leute manchmal kommen… 10-15 Sekunden haben sie Zeit, manchmal mehr, manchmal weniger. Doch darauf kann man sich nicht verlassen, der Zug fährt auch ohne einem ab, und zwar (+/-) Pünktlich.
Schliesslich kann ich ja auch nicht verlangen, dass der Zug, nur weil ich noch kurz beim Bäcker war, auf mich wartet…
ääh.. ich dachte zuerst, dass wäre ein Witz vom Andreas, aber ist es wohl nicht.
Könnte man nicht einen Extra-Wagen für bescheuerte Leute einführen? Ich hab Angst, mit solchen Leuten im selben Wagen zu sitzen – geschweige denn im selben Zug.
Und denkt man darüber nach, dass der Kerl ein Chef ist… hilfe!!! Ein Wunder, dass diese Welt noch nicht explodiert ist. Die Dummheit einiger Menschen konzentriert an einem Punkt würde eine Quantensingularität geben…
schlagfertige antwort auf eine solche dumme frechheit
hehe. das finde ich witzig. Solche Leute gibt es am Schalter täglich, die ihr Geld zurück wollen. Letztes Mal kam im Fall sogar eine Kundin, die verlangte ihr Geld zurück, weil der Zug angeblich 15 sekunden zu früh gestartet war, und sie ihre Zigarre noch nicht fertig geraucht hatte! ;-)
@Alain
Ganz ernst: Du hast meine Bewunderung, falls Du solche Sachen auf die lustige Art sehen kannst – ich kann es – nicht – mehr. Ich hatte auch tagtäglich mit solchen Kunden zu tun (Bereich Telekommunikation, Verkauf/Beratung für ein grosses CH-Telko-Unternehmen) und es ist erschreckend, was für Menschen es gibt… was sich Menschen in Sachen Frechheit und Arroganz alles leisten, das ist einfach Unglaublich!
Wenn ich solche Sachen nicht selbst erlebt hätte – ich würde es nicht glauben.
Als Beispiel, was ich erlebt habe (es gibt noch viel, viel mehr): Einem Kunden wurde 20 Rp. (!) für Datenverkehr (Internet) auf der Handyrechnung verrechnet. Er sagt, er habe aber das Internt via Handy gar nicht genutzt, er könne dies mit seine Handy nicht mal (ja klar, iPhone ohne Internet). Dafür ist er ca. 20 Kilometer von Zuhause zu uns gefahren, weil er das Geld zurück wollte…! Als ich ihm sagte, ich kann ihm das nicht gutschreiben, er muss dies schriftlich der Finanzabteilung melden, verschwand er ohne ein Wort…
Ich finde das tragisch – wie weit wird das Niveau noch sinken?! Wenn Leute Zeit, Geld und Mühe opfern/aufbringen, nur um – in deinem Fall – zum Schalter zu gehen, und ernsthaft Geld zurück zu verlangen, weil Frau die Zigarette nicht fertig rauchen konnte… unglaublich!
Natürlich könnte man sagen, solche Menschen gibts und drüber lachen… aber es bringt mich doch sehr zum Nachdenken… und fast jeden Tag sich mit solchen Menschen abmühen – NEIN DANKE
@ Michael
Ja ich meine, es ist schon bedenklich, dass es solche Leute gibt, aber manchmal kann ich mir dann das Lachen trotzdem nicht verkneifen. Wir müssen am Schalter halt immer freundlich sein und so und dann verarbeite ich halt solche Dinge mit Humor.
Da gebe ich dir recht: solche Dinge glaubt man erst, sobald man es selber erlebt hat. aber das gibt halt ein bisschen abwechslung im beruf, als wenn man immer nur die ganz normalen dinge zu tun hat. aber manchmal frage ich mich wirklich, ob ich am schalter eine information zum öV bin oder ob ich noch einen Routenplaner, einen Geschenkverträger, einen Bankomat, eine Post und oder ein Migros bin:D
@ Alain
also ich wollte nicht sagen, das Du die ganze Sache nicht ernst siehst oder so – aber eben, mir ist einfach gesagt, das Lachen vergangen. Weil es nervt mich nur noch, solche Leute. Ich muss zugeben, ich habe keine Geduld mehr für solche – und bin darum auch froh, das ich zur Zeit nichts mehr mit Kunden so direkt zu tun habe – nach knapp 5 Jahren eine willkommene Abwechslung.
Mit Humor solche Sachen zu verarbeiten hat auch bei mir und meinen Arbeitskollegen funktioniert – allerdings war bei mir und einer Arbeitskollegin der “Mit Humor – Verarbeiten” – Vorrat aufgebraucht :-) und haben uns deshalb etwas neuorientiert.
Natürlich: Solche Abwechslung macht die Arbeit sehr interessant – immer mit neuen und anderen Menschen Konakt zu haben, und zu helfen, beraten – immer neue Situationen, auf die man sich einstellen muss. Helfen, auch wenn es auch mal einen Bereich betrifft, für den man ja eigentlich nicht zuständig ist Das sind die kleinen, spannenden Herausforderungen des Alltags. Deshalb habe ich micht damals auch für diesen Beruf entschieden… würde es zur Zeit aber nicht wieder tun.
Ähm ja, bin da etwas vom Thema abgekommen :-)
aber dieses Thema ist auch irgendwie ziemlich weitläufig. :-)
jaja
@ Michael:
Wahrscheinlich war der Gedankengang bei den Business-Leuten ein wenig anders; sie dachten vermutlich nicht “Die SBB soll uns entschädigen, weil der Chef zu spät war” sondern eher “Die SBB soll uns entschädigen, weil der Kondukteur unserem Chef direkt vor der Nase abfuhr”. ;-)
Ich solle einfach still sein, meinten sie nur. :) Und das war ich dann auch. Ich wollte sie ja nicht noch mehr provozieren.
@ Piero:
Ich dachte zuerst auch, das sei ein Witz. Aber die Geschäftsleute meinten es anscheinend wirklich so, ansonsten sind sie einfach gute Schauspieler. Extra-Wagen für bescheuerte Leute? Neee, die SBB hat kein Geld für tausende von Waggons, sorry… ;-)
@ Alain:
Wollte sie das Geld für die Zugfahrt retour oder den Betrag für die Zigi?
@ Alain und Michael:
Ich denke, es ist wichtig, solche Dinge mit Humor zu sehen und gewisse Sachen nicht zu persönlich zu nehmen. Manchmal wundert man sich dann halt einfach über die Anfragen und Wünsche der Kunden…
So wurde ich zum Beispiel bestimmt schon hunderte Male gefragt: “Sie, fahrt dä Zug nach XY?”, und das, obwohl wir dabei direkt vor einem Abfahrtsanzeiger standen… Natürlich verhalte ich mich immer so, als sei die Frage absolut berechtigt, bejahe und lächle dabei… :)
Mit “kuriosen” Fragen und Anliegen könnte man vermutlich ganze Bücherserien füllen!
@andreas
sie wollte natürlich das geld für den zug zurück, weil sie den zug nicht mehr bekam:D
Jup. ich sehe die dinge eigentlich meistens mit humor an und reklamationen nehme ich sowieso nie persönlich, sondern auf das unternehmen bezogen
@ Alain:
Grundsätzlich kannst du es dir ganz einfach machen: Überlege dir einfach, ob die Person sich auch beschweren würde, falls ein anderer Mitarbeiter an deiner Stelle sitzen würde. Falls ja, musst du dir keine Sorgen machen. :)
Bei uns, bei internen Weiterbildungen und Lehrgängen etc. wurde immer gesagt, “dass sich der Kunde nicht wegen Eurer Person/Persönlichkeit beschwert, sondern wegen der Firma, dem Produkt, der Dienstleistung. Und und Ihr als Mitarbeiter habt halt die Aufgabe, die Reklamation für die Firma entgegen zu nehmen. Aber nicht Persönlich nehmen.”
Das muss man sich immer vor Augen halten, wenn einer reklamiert. Dann kann man sachlich bleiben. Dann kann man auch funktionieren, so wie man sollte. Bei mir hats immer geholfen.