
“Na super, was haben die da jetzt wieder gefunden?”, schoss es mir gestern Abend durch den Kopf, als ich den Blick am Abend in den Händen hielt. “SBB entführt Pendler” stand da in grossen Lettern. Doch nach dem Lesen des Artikels machte sich Ernüchterung breit. Ich konnte nicht verstehen, wie man aus einer solchen Bagatelle eine Story mit einem solch reisserischen Titel machen konnte.
Doch anscheinend habe ich das Thema unterschätzt, zu Hause warteten bereits mehrere Mails zu diesem Thema auf mich. Leser von schweizweit.net fragten mich, ob das auch im Fernverkehr passieren könne. Naja, dann greife ich das Thema halt doch noch auf.
Was ist geschehen?
Eine S2 der Zürcher S-Bahn fuhr in Wädenswil mit einer Verspätung von rund vier Minuten ein. Der Lokführer öffnete die Türen, so dass die Reisenden ein- und aussteigen können. Nach etwa zweieinhalb Minuten waren weder Personen am ein-, noch am aussteigen. Die Türen schlossen sich und der Lokführer fuhr zügig weiter, um den Fahrgästen nicht noch mehr Verspätung zu bescheren.
Was er dabei nicht wusste: Ein paar Reisende haben es nicht geschafft, innerhalb der zweieinhalb Minuten den “langen” Weg von ihrem Sitzplatz zur Türe zurück zu legen und befanden sich noch im Zug, obwohl sie eigentlich in Wädenswil aussteigen wollten…
Wie konnte das geschehen?
Solange sich Leute auf den Trittbrettern oder zwischen den Türen befinden, ist die entsprechende Tür blockiert und der Zug kann nicht abfahren. Deshalb prüft der Lokführer vor der Abfahrt per Anzeige und im Rückspiegel, ob die Türen geschlossen sind und somit das Ein- und Aussteigen beendet ist.
Natürlich sieht der Lokführer dabei nicht, ob es in einem Wagen noch Leute hat, die zwar raus wollen, aber immer noch bei ihren Sitzen sind. Er fährt ab, sobald die Abfahrtszeit da und der Fahrgastwechsel beendet ist.
Kann das auch im Fernverkehr passieren?
Nun zur Frage, die mir ein paar Leser per Mail stellten: Kann das auch im Fernverkehr passieren?
Das eigentliche Vorgehen habe ich bereits im Artikel “Welche Arbeiten erledigt der Kondukteur vor der Zugabfahrt” beschrieben. Darin heisst es unter anderem:
Sobald (…) der Fahrgastwechsel sowie der Ein- und Auslad (Elvetino, Gepäck, Post) beendet ist, (…) kann der Zug fahren.
Wir achten also sehr darauf, ob noch Reisende ein- oder aussteigen. Denn die Sicherheit steht auf jeden Fall immer zuoberst! Solange sich also Reisende direkt an den Türen befinden, fahren wir nicht ab. (Eines jedoch ist klar: Wir warten NICHT auf Nachzügler.)
Doch zurück zur eigentlichen Frage: Nachdem die Fahrgäste ein- und ausgestiegen sind, warten wir noch einen kurzen Moment, (um zu sehen, ob auch wirklich niemand mehr aussteigen möchte) und danach geben wir dem Lokführer das Zeichen zur Abfahrt und schliessen die Türen. Rein theoretisch wäre es also auch im Fernverkehr möglich, dass sich noch Reisende im Zug befinden, die eigentlich hätten aussteigen wollen.
Deshalb sei gesagt: Es liegt immer in der Verantwortung des Reisenden, dass er sich rechtzeitig zum Aussteigen bereit macht.
Zum Thema passend hier auch gleich ein Video, in welchem Mike Müller Hanspeter Burri die SBB zum Schluss als “himmeltraurige Schlepperbande” bezeichnet. ;o)

{ 38 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }
Hallo Herr Hobi
Sie als Zugsbegleiter sollten doch wissen, dass man heute in den SBB Zügen mehr als 2 Minuten zum Aussteigen benötigt. Die neuen bestellten Wagen verfügen meist über keine Türen mehr, damit kann man pro normalstöckigem Wagen ja guten 24 Personen mehr einen Sitzplatz anbieten :)
Aber mal Scherz beiseite, vielleicht waren das ja Leute, die derart schlecht zu Fuss sind, dass sie meist bereits 10 Minuten vor Ankunft am Zielbahnhof aufstehen und vor der Türe Stellung beziehen. Doof ist natürlich, wenn noch 50 weiterer solcher Menschen im selben Wagen sind.
In diesem Sinne hoffe ich, dass die SBB auch genügend Lösegeld für die entführten Personen verlangt hat: von irgendwo müssen die geplanten Milliarden für neues Rollmaterial kommen, sicher nicht vom Febr.. ääh Merz.
Ich sag da nur: Sonntagsbahnfahrer! Die stehen sicher auf der Rolltreppe links und schauen jeweils erstaunt, wenn jemand ein lautes “Entschuldigung” grummelt. :-)
… dafür kommt es ab und zu vor, dass ein Halt verpasst wird! ;)
@ Piero:
Ach ja, stimmt. Hier tut sich eine ganz neue Finanzierungsquelle für den Ausbau der Eisenbahn-Infrastruktur auf! ;o)
Mir ist klar, dass es Menschen gibt, die gehbehindert sind. Im Fernverkehr können uns diese Menschen natürlich jederzeit um Ausstieghilfe bitten (und das tun sie auch hin und wieder). Unter anderem für solche Dinge sind wir ja auf dem Zug.
Im Regionalverkehr bleibt ihnen jedoch nicht viel anderes übrig, als sich einen Platz in der Nähe der Türe zu suchen oder sich frühzeitig auf den Weg zum Ausgang zu machen.
Schlussendlich denke ich auch, dass solche Fälle wie im BaA-Artikel beschrieben wirklich äusserst selten sind, sonst würden die Medien das Ereignis nicht aufgegriffen haben. :)
@Andreas Hobi
Vielleicht sollte sich die SBB auch etwas kulanter den sensationsgeilen Medien zeigen: Bei rund 900 000 täglichen Passagieren sollte da doch mehr drin liegen als ein paar lächerliche, angeblich entführter Passagiere. Also wenn nur 1 Promille was zu erzählen hätten, dann wären das ja über 900 Beiträge. Tun Sie aktiv was gegen das Blättersterben :D – so kanns ja nicht weitergehen. Ach ja, volle Züge gelten nicht mehr als Sensation ;)
Ich finde es immer wieder göttlich wie man hinter seinem Arbeitgeber stehen kann.
Ich dachte nur ich wäre so aber schön zu sehen das auch noch andere Ihren Brötchengeber für alles in Schutz nehmen :)
(Das ist keine Kritik, denn dann würde ich mich ja selbst kritisieren- das geht ja nicht :P ).
@ Piero:
Dein Wunsch sei uns Befehl! (Schliesslich hört die SBB auf ihre Kundschaft.) Voila: http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/Zugverkehr-rund-um-Bern-gestoert-27007501
Reicht das? ;-)
Ich fahre schon seit 50 Jahren Bahn, aber mir ist noch nie sowas passiert. Nur fast, und dann, weil ich in die Zeitung so vertieft war, dass ich den Halt sehr spät wahrnahm.
So riesig kann also das Problem nicht sein, höchstens wieder mal Futter für die dumme Presse.
@Hobi:
Mist.. jetzt werde ich wohl dafür verantwortlich gemacht :D *Neue Identität beantrage*
@Gumbo:
Genau das denke ich auch. Hierzu wäre es mal interessant zu erfahren, wie sich das Bahnfahren in diesen 50 Jahren verändert hat. Sie können da sicherlich einiges dazu erzählen.
Einem Kondukteur-Kollegen von mir ist das kürzlich passiert. In Chur hatte er Feierabend, in Sargans wohnt er. Er war in ein Buch vertieft und als er aufschaute, fuhr der Zug gerade in Mels SG vorbei… ;-)
Dummerweise sass er im Intercity (ab Sargans ohne Halt bis Zürich HB). Aber er nahm es mit Humor. ;o)
“Es liegt immer in der Verantwortung des Reisenden, dass er sich rechtzeitig zum Aussteigen bereit macht.”
Das ist jetzt mal ein guter Punkt, an dem sich Sonntagsbahnfahrer von echten Pendlern unterscheiden lassen. Der echte Pendler steht auf, wenn der Zug im Bahnhof einfährt. Der Sonntagsbahnfahrer, der von Zürich auf dem Weg nach Chur ist, packt in Bad Ragaz schonmal seinen Rucksack und nimmt spätestens in Landsquart vor der Tür Aufstellung, um dann bei Ankunft bloss nicht aufs Abstellgleis entführt zu werden…:-)
…und in Russland machen sich die Reisenden mehrere Stunden vor der Ankunft schon parat, werden damit ca. eine Stunde vor der Ankunft fertig und trinken dann noch ein Bier oder einen Vodka, auch wenn Ankunftszeit 05:30 ist. Ich habe sogar schon erlebt, dass sie wegen dem Alk dann wieder eingeschlafen sind und trotz stundenlanger Vorbereitung ihre Station verschlafen haben.
@Martin: Nach deinen Angaben wäre ich ein Sonntagsfahrer, doch das bin ich nicht, ich stehe aber auf der Rolltreppe jeweils links, weil ich mich besser festhalten kann und auch stehe ich in der Regel früh genug auf, da meine Anschlüsse in der Regel knapp sind.
Manchmal wünsche ich mich aber auch, dass der Bus am Mittag mal eine Haltestelle nur sehr speditiv bedienen würde! Denn wenn ich Pech habe ich im benutzten Bus die Schüler der Oberstufe neben dem KV mit dabei und die können Dummheiten machen, dass es nicht normal ist (Türe versperren, damit sie nicht zu geht, Mitschülern den Ausstieg verunmöglichen, usw.). Da habe ich auch schon mal nachgeholfen, da ich nur gerade 55 Minuten Mittag habe und dabei noch jeweils 5 Minuten gehen muss und 2 Haltestellen mit dem Bus zurück legen muss (mal abgesehen, dass ich noch kochen darf :))
Ist mir auch schön öfters passiert. Allerdings weiss ich nicht warum man die Schuld bei der SBB sucht. Der zukünftige Kondukteur ist also schon bald für das zum richtigen Zeitpunkt ein-und aussteigen der Passagiere zuständig.
Und zu der Stellwerkstörung-News Ist ja schön und gut das ihr die Presse informiert. Aber bis die ersten Busse kamen waren schon fast 1 1/2 Stunden durch. Angeblich sind alle im Stau stecken geblieben… Kann halt mal passieren :)
Wer bei http://www.bahnforum.org angemeldet ist, kann dort einen tollen Erfahrungsbericht der Störung in Münchenbuchsee nachlesen. Dass es 1,5 Std dauert ist gut möglich, denn z.B. bei Bernmobil sind in der Regel die Leute des Kontrolldienstes dann auf Bahnersatzfahrten unterwegs. Und bis die im Depot sind und einen Bus “fassen” können, kann ganz schön Zeit vergehen je nachdem wo sie gerade unterwegs sind.
Ein Bus fuhr jedenfalls um 17h10 beim Bahnhof Bern Richtung Zolikofen durch.
Lieber Andreas
Ich fahre auch schon über 50 Jahre SBB und mir ist so etwas noch nie passiert. Nimm diese Geschichte nicht so ernst.
Die Schlagzeile “SBB entführt Pendler” ist auch für eine Boulevardzeitung nicht tolerierbar. In jeder Journalistenschule lernt man, dass eine Geschichte von öffentlichem Interesse sein muss und selbstverständlich auch der Wahrheit entsprechen soll. In diesem Fall, ist das öffentliche Interesse gegeben, hingegen kann von einer “Entführung” nicht gesprochen werden. Streng genommen ist so ein Titel strafbar, weil dieser eine falsche Anschuldigung enthält.
Auch im Zeichen des harten Konkurenzkampfes ist dies nicht tolerierbar.
Wollte ich gerade eben auch sagen: Es ist nicht so, dass die Busfahrer abfahrbereit im Busdepot in ihren Fahrzeugen sitzen und nur darauf warten, dass endlich irgendwo eine Störung eintrifft. :-)
Sobald eine Strecke unterbrochen ist, müssen zuerst die Fahrer und die Busse organisiert werden. Und das braucht nun einmal seine Zeit.
Glücklicherweise leben wir aber in einem Land, in welchem die Unternehmen darum besorgt (und teilweise auch gesetzlich dazu verpflichtet) sind, dass die Reisenden mit anderen Verkehrsmitteln weitertransportiert werden, sobald der Schienenweg blockiert ist. In anderen Ländern würde es in einem solchen Fall einfach heissen: “Sorry, zurzeit können wir nicht fahren. Wartet mal ein paar Stunden und dann schauen wir weiter oder nehmt das Taxi (auf eigene Kosten).”
BTW: Erstaunlich, wie viele Kommentare dieser Artikel produzierte. :) Ich habe das Thema anscheinend tatsächlich vollkommen unterschätzt! Glücklicherweise habe ich Leser, die mich immer wieder auf solche “Hot Topics” hinweisen. ;-)
@ Fredy:
Naja, die Schlagzeile hat mich schlussendlich mehr belustigt als verärgert. ;-) Und ob die SBB deshalb juristisch dagegen vorgehen möchte oder nicht, das sei ihr überlassen. Ich gehe mal davon aus, dass jeder halbwegs intelligente Mensch schon weiss, wie er die Story einzuordnen hat.
Mit dem Stichwort “Konkurrenzkampf” liegst du vermutlich vollkommen richtig: Die Medien sind fast gezwungen, mit möglichst reisserischen Schlagzeilen auf ihre Publikationen aufmerksam zu machen.
Gut gibt es die Gratis-Blätter!
Um die zu füllen muss doch aus jeder Maus ein Elephant gemacht werden. Und wenn die Schreiberlinge wissen dass die SVP-Spitze zusammengetreten ist um die Bundesratwahl vorzubereiten, dann aber “nicht rechtzeitig” Reizstoff liefert, muss halt leider wieder mal sonst irgendwie Druckerschwärze verbraucht werden!
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A propos Stellwerkstörung Münchenbuchsee: Dank den Info im Internet und auf Radio DRS weiss ich nun davon, obwohl ich 15:21 von Biel nach Bern gefahren und 18:42 von Bern nach Biel zurück unterwegs war wie immer normal!
Warum denn Züge nehmen die nicht fahren wenn man doch eine so grosse Auswahl von normal fahrenden hat?
hm, naja, wie kommts, dass die nach 2 min immernoch nicht ihren Arsch aus ihrem Sitz bewegt haben?
@ Sandra-Lia:
Ich vermute, häufig liegt der Grund darin, dass man schläft / in ein Buch vertieft ist / sich angeregt mit dem Sitznachbar unterhält / in Gedanken versunken ist / telefoniert.
Hmm mir ist das schon mehr als einmal passiert, dass die Tür einfach zu geht, weil der/die vor mir länger hatte, um auszusteigen (meinst ältere und/oder betagte Leute) bzw. mit seinem Gepäck den Ausstieg blockiert und ich gar nicht bis zum Treppchen steigen kann.
Bis jetzt konnte ich die Tür immer gleich aufmachen (war ja nie ganz zu), aber sollte das beim nächsten Mal nicht gehen und die Tür einfach schliessen, werde ich ganz einfach die Notbremse ziehen!
@ RAFF: Naja wenn du zuviel Geld hast :P Schliesslich blockierst du bei einer Notbremsung den ganzen Zug…
@ JOHN: Nach einer Stunde lief wieder alles. Also du hattest Glück und warst vom Ausfall nicht betroffen. Und wenn keine Züge mehr fahren kann man auch keine “normal-fahrenden” nehmen :)
@ Artikel: Ist auch besonders schlimm wenn man in der S-Bahn EINE Station verpasst, da man zu faul oder was auch immer war um rechtzeitig aufzustehen.
@Sascha: Dazu braucht man kein Geld. Es wird für die SBB rechtlich kaum durchsetzbar sein, jemanden in einem solchen Fall zu büssen, da ein Fehlverhalten des Lokführers nicht auszuschliessen ist.
Und allgemein finde ich es hier bedenklich, jeden als faul und Schlafmütze zu bezeichnen, die eine Haltestelle verpasst haben.
Na ja, ich muss schon sagen, manchmal könnte der Zug auch einen etwas längeren Halt einlegen, denn gerade wenn behinderte Menschen oder eine Mutter mit Kinderwagen aussteigen will, nimmt das schon etwas mehr Zeit in Anspruch. Auch wenn die Züge überfüllt sind, dauert es eine Weile bis man durch die Gänge hindurch kommt und bis zur Tür sich durch gekämpft hat.
@ RAFF
Ich möchte mal erinnern, dass die mindeste Wartezeit an Bahnhöfen 15 Sekunden und die maximale Wartezeit bei 50 Sekunden liegt! Nach 50 Sekunden darf also der Lokführer die Türen zwangsverriegeln und weiter fahren!! Natürlich wartet man in der Praxis je nach Situation etwas länger! (alte Leute, gebehinderte Personen, HVZ…) Aber 2.5 Minuten Wartezeit ist schon extrem lange!
Die Notbremsen sollten meiner Meinung nach nur bei drohender Gefahr gezogen werden! Ein vergessener/zu später Ausstieg zählt da bestimmt nicht dazu.
@Mike: Keine Ahnung, woher du diese Zeitangaben hast und ob sie stimmen, aber den normalen Zugbenutzer wurde dies sicherlich noch nie mitgeteilt.
Zudem geht es nicht darum, die Notbremse zu ziehen, wenn man vergessen hat, auszusteigen, sondern, wenn der Zug einfach weiterfährt, obwohl noch Leute raus wollen!
Andreas
Verändert hat sich vor allem, dass die Reisenden früher mehr Selbstverantwortung übernahmen und von sich aus bestrebt waren, nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Man machte sich halt zeitig bereit zum Aussteigen. Aber es hatte ja auch Zug- und Stationspersonal, die zum Rechten schauten. Die Einführung der unbemannten Züge, was in der Schweiz zugegebenermassen rigoroser als anderswo geschah, verlangt nun halt mehr Eigeninitiative der Reisenden. Die heutige Gesellschaft ist aber so bequem und gedankenlos geworden, dass genau das Gegenteil passiert ist – man glaubt, man würde am Händli genommen und gibt immer erst mal alle anderen schuld für sein Handeln. Vor allem die junge Generation zeigt täglich diese Haltung: Gib mir, mach mir, aber subito. Auch den Erwachsenen einen Sitzplatz anbieten im Zug liegt nicht mehr drin.
Zwei Minuten Halt bei einem S-Bahn-Zug sind ohnehin schon eine Minute zu lang. Viele S-Bahn-Verspätungen entstehen täglich in der Stosszeit, weil sich alle beim Ein-und Aussteigen nicht beeilen. Oft bleibt man nach dem Einsteigen wie angewurzelt bei der Türe stehen und lässt nicht mal mehr die Nachfolgenden durch. Wie eine Herde Schaft. Und wer etwas sagt, erhält die Antwort:
“Hänzi es Problem?”
@gumbo
Dem kann ich vollkommen zustimmen. Und wie mehr dabei sind, desto schlimmer wirds. Vorallem diese “Türsteher” können sehr aufregen, die dann 20 Minuten, 2cm vor der Türe entfernt, Stellung beziehen. Oder jene, die beim Aussteigen “s’Vreneli” sehen und stehenbleiben, obwohl hinter ihnen noch 50 Personen mitaussteigen wollen.
Wenn wir schon dabei sind: Warum wählen Gruppen ihre Position zum diskutieren eigentlich immer an der engsten Stelle aus?
Aber zurück zum Thema: 2 Minuten ist massiv lange. Unsere kleine Bahn hier hält an den Stationen rund 15 Sekunden – und das ist, weil alle schnell ein- und aussteigen, genügend. Bei den SBB reichen auch 30 Sekunden (bei Niederflureinstieg). Das mit den Verspätungen hast Du völlig recht.
Sollte heissen: Herde Schafe. Kühe ginge auch.
Das mit dem stehenbleiben an der engsten Stelle kann man auch in der Migros beobachten. Da haben die dann alle noch das Wägeli.
Nicht vergessen sollte man aber trotzdem, dass es die SBB bei der Beschaffung der ersten S-Bahn-Generation verpasste, die Einstiege zwischen den Drehgestellen anzuordnen, um Niederflureinstieg zu ermöglichen, obwohl dieser Wagentyp bei der DB und DR schon lange bewährt war.
Im Bus bleiben leider auch alle, vor allem Junge, an der Türe stehen. Je nach Sensor ist es dann unmöglich, die Türen überhaupt zu schliessen.
Ich beobachte oft, wie ein S-Bahn-Halt in Zürich zwei bis drei Minuten dauert. Soviel Zeit war im Fahrplan gar nie eingeplant worden.
Gumbo, das ist der heute übliche Egoismus in einer “multioptionalen” Gesellschaft. Wie es ein Slogan so schön sagt: “If it’s not fun, why do it?”.
Auch ein Rätsel ist mir, warum an vielen Bahnhöfen die Passagen mit unzähligen Verkausständen vollgestellt werden. Siehe Lausanne, Basel, Bern… Zürich ist direkt vorbildlich und grosszügig. Ach ja, hab ich ganz vergessen: Profitmaximierung. Darum ist auch alles outsourced, was nicht zum “Kerngeschäft” gehört (Minibar, Speisewagen, Sicherheit, Putzen…), vielleicht auch bald Kondukteure und Lokführer? Man könnte sich die Telekommunikationsbranche (Sunrise, Orange) zum Vorbild nehmen, welche just den Betrieb ihres Netzes an eine Drittfirma vergeben haben. The future is bright ;-)
So, genug Gesellschaftskritik für heute.
Bahnfahrer:
Gut – das mit dem Outsourcen ist schon eine Landplage, aber immerhin hat die SBB es nicht erfunden. Das Mödeli kommt von Amerika. Schade, dass die SBB von der Politik gezwungen wird, profitabel zu wirtschaften, denn so ist zwangsweise der Kundendienst auf “profitable” Leistungen reduziert. Also: Schalter schliessen, Automaten hinstellen, Zugbegleitung abschaffen, etc. Und eben outsourcen. Dann kann man alle Betroffenen an eine Privatfirma abschieben, wo sie sich neu um den gleichen, aber schlechter bezahlten Job bewerben müssen.
Aber – dass die Reisenden faul und bequem geworden sind, hat damit nichts zu tun, es ist ein Gesellschaftsproblem. Zugpersonal hat an Autorität eingebüsst und ist zum Prübelknaben mutiert. Oder der Bus-Chauffeur etc. Eben wurde in Amerika ein Busfahrer erstochen wegen einer Bagatelle. So ist es halt. Ebenso funktioniert die früher übliche soziale Kontrolle im Zug nicht mehr. Wenn randaliert oder vandalisiert wird, mischt sich niemand ein, jeder denkt, geht mich ja nichts an. Ein Kollege hat mal einen besoffenen Randalierer, der eine Frau belästigt hatte, aus der offenen Zugtüre geworfen, dass er mit offenem Mund staunend auf dem Bahnsteig lag.
@ Gumbo:
“Jeder denkt, geht mich ja nichts an.” –> Ich denke, ein noch viel entscheidender Grund ist der, dass die Leute Angst haben. Jeder weiss, dass er ein Risiko eingeht, sobald er sich einmischt. Wir haben das ja nicht nur beim Fall von Basel gesehen.
Vielfach mischen sich Mitreisende also auch einfach deshalb nicht ein, weil sie ihre Gesundheit nicht gefährden wollen.
Also ich finde diesen Titel vom Blick am Abend unter allem Hund. Na ja, das ist man sich ja schon gewohnt bei der Schweizer Klatsch Zeitung.
Ich finde 2 min reichen vollkommen aus um auszusteigen, und wenn nicht, dann bin ich der Meinung, dass er/sie ganz selbst schuld ist. Weil warum benötigt man mehr als 2 min um vom Platz aufzustehen und zur Tür hinaus zu laufen. (Dass ist ja schliesslich nicht eine ewig lange Strecke!!) Und meistens kommt ja die Durchsage: “Nächster Halt.. , Prochain Arret, Next stop…) Aber ich glaube, dass das nicht für alle genug gut ist. Manche brauchen sicherlich noch eine spezial Einladung??!! oder? Aber eben. Man kann ja gerne 10 min halt machen, aber bitte kommt dann nicht wieder mit dem Thema “Unpünktliche SBB”. Weil man kann nicht lange anhalten, wenn man schon verspätet ist und dann noch pünktlich sein – So zum Thema Zielkonflikt. Und so wie Sascha gesagt hat, ist das auch kein Problem, weil der Zug fährt nicht lost, wenn man noch am aussteigen ist, weil die Türen ja noch nicht geschlossen sind. Ich hoffe, ich bin der selben Meinung von vielen SBB Fans und SBB Arbeiter.
Ist uns schon mal passiert. Damals sind wir mit allen Lehrlingen ins Skilager und hatten reservierte Plätze im HINTERSTEN Wagen. Ich und zwei andere konnten aussteigen, während alle anderen damit beschäftigt waren die Skis zusammen zu suchen und uns herauszugeben pfiff der Kondukteur und langsam schloss sich die Cisalpino-Türe, der Reiseleiter und die Mehrheit von unseren Kollegen waren dann weiter unterwegs nach Dommodossola.
Bei allem Verständnis für den Kondukteur, wenn diesem bewusst ist, dass eine Gruppe ins Skilager unterwegs ist und vielleicht länger hat zum Aussteigen sollte er genau da ein gutes Auge drauf werfen, vor allem weil der Zug dann nach Italien weiterfährt und wir reservierte Plätze im Postauto nach Saas Fee hatten! Aber dann kamen diese mit einer 2 stündigen Verspätung bei uns an.
@ Gentux:
Hier ist ganz klar: Die Zugbegleiter haben darauf zu schauen, dass die ganze Gruppe ausgestiegen ist! Wir wissen ja, wie viele kommen und sollten dann ja sehen, ob alle draussen sind.
(Problematischer ist es, wenn die Gruppe aus 80 Personen besteht und davon 79 ausgestiegen sind. Da kann ich nicht garantieren, dass jeder Zugbegleiter merkt, dass noch jemand im Zug ist… *g*)
Oftmals schaue ich in solchen übersichtlichen Situationen, dass ich selber beim entsprechenden Wagen stehe oder mache mit den Leitern / Lehrern ab, dass sie mir ein Handzeichen geben, sobald alle ein-/ausgestiegen sind. So klappt es meistens ganz passabel…
naja bei uns waren 4 draussen und 14 noch drinnen. Und “Aktivität” sollte der Zugsbegleiter auch gesehen haben, da wechselten Taschen, Skis und Snowboards rege die Hände…