Aus dem Pendler-Alltag: Jedem Stammplätzler seinen Namen

von Andreas Hobi am 24. November 2008 · 15 Kommentare

Paris at night

Kürzlich erreichte mich ein Mail eines Lesers (Dominik), welches ich euch nicht vorenthalten möchte. Hier ein kleiner Ausschnitt davon:

Seit fast 10 Jahren – mit einem kurzen Unterbruch – zähle auch ich zu den werktäglichen Pendlern: Ich erinnere mich noch genau an den ersten 07:07 ab Basel (die damals hypermodernen wie auch bequemen EC-Waggons) in der 2. Klasse. Schon bald habe ich gedanklich jedem “Stammplätzler” einen Namen verpasst; da gab es den “Römer” (weil er einen Kopf wie Cäsar hatte), den “Nötzli”, der “Bornierte”, den “Professor” (ihn sehe ich noch heute, immer mit seinem kleinen Metallköfferchen unterwegs), die “schlafende Prinzessin” und viele mehr. Auch ist es spannend zu sehen, wie sich in diesen 10 Jahren der Habitus der Fahrgäste verändert hat: War es “früher” normal, dass man – auch in der 2. – kurz nachgefragt hat, ob denn der Platz noch frei sei, so scheint heute ein unterschwelliger, ja z.T. auch offener Kampf um Territorium an der Tagesordnung zu stehen. Höflichkeit und Rücksichtnahme geht so, leider, immer mehr vergessen. Es fängt bei strengriechenden “Convenience Food Lunches” an, geht über das stetige Vordrängeln und Schubsen, dem Blockieren des Abteils mit Taschen (ist ja eigentlich schon fast normal) oder die auch von dir erwähnte und nicht mehr vorhandene “Klassendisziplin”. Selber habe ich mir nach drei Jahren den Upgrade in die 1. gegönnt, wohlwissend, dass Auto und Benzin noch immer wesentlich teurer wären als mein GA.

Aber auch die SBB (ich bleibe altmodisch beim Plural) haben sich verändert: So wurde z.B. die “Fehlkonstruktion” IC2000 eingeführt und sogar nochmals nachbestellt, der Schnellzug (nebst dem langen SBB-CFF-FFS-Dingeldiding) abgeschafft  und der Interregio(bummler) wie die unpersönlichen Ansagen ab Chip eingeführt. Gleich geblieben sind die meist hilfsbereiten und kompetenten Zugbegleiter(innen), mit welchen ich schon oft ein freundschaftliches Gespräch geführt habe — Wenn ich mich mal beschwere, dann direkt über den Kundendienst, so können diese ihre Statistik führen und ggf. die Meinung des Kunden gegenüber den Entscheidungsträgern vorbringen.

Ganzfeld

Köstlich, oder? :-) Dass sich die Pendler gegenseitig Namen geben, das war auch mir neu. Finde ich jedoch interessant! Sowieso gefällt es mir immer wieder, wenn mir Fahrgäste schreiben, was ihnen an der SBB gefällt, was weniger und welche Erlebnisse sie in unseren Zügen haben.

Frage an die Pendler unter meinen Lesern:

Gebt auch ihr euren Mitreisenden Namen? Wenn ja: Welche und weshalb?

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Frage an alle anderen Bahnfahrer unter meinen Lesern:

Was habt ihr in den Zügen der SBB (oder allgemein im öffentlichen Verkehr) interessantes und spannendes erlebt? Berichtet doch darüber in den Kommentaren zu diesem Artikel, in einem Mail an mich oder in einem Artikel in eurem Blog (mit Trackback zu meinem Artikel). Die besten Geschichten (sofern welche eintreffen) werde ich gegebenenfalls mal auf schweizweit.net aufgreifen oder darauf verlinken.

Avatars 2020

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Reinhard November 24, 2008 um 21:28

Hallo Andreas,

seit 5 Monaten pendle ich jetzt Zürich Luzern, am Morgen immer mit dem 07:04 oder dem 07:35 ab ZH, am Abend 17:35 oder 18:10 Uhr ab Luzern. Was ich von früheren Zugfahrten nicht gewohnt war, ist das Mitbringen von kompletten Mahlzeiten, und da ist nicht nur Fast Food dabei! Am Morgen den Cafe und ein Gipfeli, das gönne ich mir ab und zu auch selbst. Aber wenn dann das Müsli aus einzelnen Zutaten frisch gemischt wird oder am Abend die komplette Fast Food-Palette ausgepackt wird, dann finde ich das nicht mehr passend, speziell wenn etwas verschüttet wird und man nur notdürftig Boden bzw. Sitz reinigt, gerade so, dass der nächste das Malheur nicht mehr erkennen kann. So unlängst mir schräg gegenüber passiert.

Viele Grüße
Reinhard

PS: Mach weiter so!

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Andreas Hobi November 25, 2008 um 12:40

@ Reinhard:
Danke für deinen Beitrag! Ja, die Gerüche, die dann durch den Wagen wehen, kenne ich von meiner Arbeit. :)

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Grisu November 25, 2008 um 14:56

In meinem Pendlerzug fährt immer eine Hexe mit (ohne Besen). Und einer sieht aus wie ein Frosch…

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Andreas Hobi November 25, 2008 um 15:04

@ Grisu:
Eine Hexe? Meinst du damit jetzt das Aussehen oder das Verhalten? ;-)

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Martin aus Thalwil November 25, 2008 um 20:56

Heute bin wieder einmal mit Moritz Leuenberger Zug gefahren.
Ich habe mich natürlich ganz schweizerisch verhalten und ihn weder angesprochen, noch komisch angeschaut. Aber witzig ist es trotzdem immer, wenn man einem Bundesrat zuschauen kann, wie er ebenso in der ganzen Manager-Meute zur Stosszeit um einen Sitzplatz in der 1. Klasse kämpfen muss. Und glaubt mir, der Kampf um einen Sitzplatz während der Stosszeit auf der Linie Zürich-Bern ist härter als an jedem Schweizer Skilift zur Weihnachtszeit.
Mich beeindruckt es jedenfalls, dass unser Bundesrat aus Zürich dies auch jeden Tag ohne Murren und Sonderprivilegien mitmacht.

@Andreas: Ich weiss schon, es gibt noch die Entlastungszüge auf Zürich-Bern und die hätten jeweils freie Plätze. Aber leider passen diese schlecht auf meine Anschlusszüge…

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Andreas Hobi November 25, 2008 um 21:37

@ Martin aus Thalwil:
Wenn alle jene, welche keine Anschlusszüge haben, auf den Entlastungszug gingen, gäbe es keine Platzprobleme. :)

Von den Kunden höre ich zu diesem Thema oft: “Wieso kauft die SBB keine zusätzlichen Wagen?” –> Nun, die SBB kann den Umfang ihres Fuhrparks nicht auf Grund der Nachfrage-Spitzen festlegen, das wäre finanziell gar nicht möglich. (Sponsoren sind jederzeit herzlich willkommen!) ;-)

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Martin aus Thalwil November 25, 2008 um 23:19

Stimmt, Herr Leuenberger soll bitteschön in Zukunft den Entlastungszug nehmen :-) Sein Tram fährt doch alle 7 Minuten.

Die SBB muss sich schon etwas überlegen, wie sie die Spitzen bewältigen möchte und kann. Aber diese Diskussion läuft ja hier schon länger…
Es gibt auch noch den Punkt, dass die SBB einiges Rollmaterial bestellt hat, aber die Lieferanten nicht liefern können.
“Die SBB braucht das Rollmaterial, nicht das Geld!” hat doch Herr Blumenthal diese Woche ziemlich treffend gesagt.

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Martin aus Thalwil November 25, 2008 um 23:34

… die SBB hat ja bereits gehandelt! Mein Kommentar von oben ist daher schon fast überholt.

NZZ: “Anders sieht die Situation zwischen Zürich und Bern aus. Um die Pendlerspitzen zu brechen, werden hier von Montag bis Freitag jeweils täglich zwei Kompositionen verlängert. Es handelt sich um die Doppelstockzüge um 7 Uhr 32 ab Zürich und um 17 Uhr 32 ab Bern. Die SBB werden diese Züge mit weiteren Wagen des Typs EW IV verlängern, um damit bis zu 170 zusätzliche Sitzplätze anbieten zu können.”

Gut erkannt, genau diese beiden Züge sind ein ziemliches Problem! Hier ist meistens mehr als jeder Sitzplatz besetzt.

@Andreas: Sorry, ich habe dein Wochenrückblick erst jetzt gelesen :-)

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Andreas Hobi November 26, 2008 um 00:27

@ Martin aus Thalwil:
Auch danach werden sich manche Leute noch beschweren. Am liebsten hätte wohl jeder einen Waggon ganz für sich alleine. :)

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pendler November 26, 2008 um 07:21

Habe gestern etwas erlebt im IR Luzern-Zug. Ich sass im 1. Klasse Wagen und im untern Stock war das Ruheabteil. Plötzlich hörte ich ein ziemlich lautstarkes Telefongespräch (bzw. alle hörten es) und das im Oberdeck… Das Gespräch war auf English und sagen wir mal nicht sehr “nett”. Als ich dann in Zug aussteigen musste war das Gespräch auf dem Höhepunkt. Jedes zweite Wort war das “f*”-Wort und der böse Herr beschimpfte die Gesprächspartnerin als Loser, verdammte Nutte usw… Er war im WC aber der ganze Wagen konnte es hören… Im Bahnhof Zug beendete er das Gespräch, verliess das WC und knallte die Türe zu. Wir Passagiere konnten uns das Schmunzeln und Kopfschütteln nicht zurückhalten und ich meine nur “Es git scho komischi vögel uf dere Welt…”. Eine Dame meinte dann noch “ja solang de net handgriflich wird”.

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Andreas Hobi November 26, 2008 um 11:15

@ Pendler:
Muss wohl ein Amerikaner gewesen sein. :-)

Vor einigen Monaten sprach in meinem Zug auch jemand so, nur war der nicht am Telefon sondern “unterhielt” sich mit mir… *g*

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pendler November 26, 2008 um 12:24

@Andreas
Ja, als Kondi muss man sich einiges Gefallen lassen… Kannst ja das nächste mal den Ami-Cop Standard Spruch bringen:
Böse anschauen und dann langsam und deutlich betont: “Listen to me” (Kunstpause) “Slow down” dann das ganze bei Bedarf mehrmals wiederholen *g*

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Andreas Hobi November 26, 2008 um 12:27

Werde ich versuchen. :)

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pendler November 26, 2008 um 12:34

Auch ein lustiges Beispiel ist der “Dampflok”-Kondukteur. Es gab eine Zeit lang einen Kondi der oft auf der Strecke Zürich-Zug-Luzern unterwegs war (ist aber mittlerweile wohl pensioniert). Er stresste die Leute meist ziemlich in den Zug (die Leute sind ja teilweise extrem langsam). Der war noch von der alten Schule…

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Andreas Hobi November 26, 2008 um 12:38

Naja, es gilt ja auch einen Fahrplan einzuhalten. Bei den neuen Kompositionen (Doppelstock, ICN, …) ist das aber weniger ein Problem; dort schliesst man einfach die Türen, sobald die Abfahrtszeit herangerückt ist und wer zu spät ist, hat das Nachsehen…

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