Swissness – Die neue Liebe zum alten Schweizerkreuz

von Andreas Hobi am 10. September 2008 · 4 Kommentare

Heute Abend (Mittwoch, 10. September 2008 | 21:15 Uhr | 3sat) strahlt das Schweizer Fernsehen zusammen mit 3sat einen Film von Ernst Buchmüller aus. Da ich die Aufnahmen bereits Mitte August sehen konnte und das Thema gut zu meinem Blog passt, folgt hier nun ein kurzer Überblick über den Film “Swissness – Die neue Liebe zum alten Schweizerkreuz”

Mein Artikel enthält diverse Youtube-Videos. Diese stehen in keinem Zusammenhang mit dem Swissness-Film und auch nicht unbedingt immer in Zusammenhang mit dem Text, neben dem sie erscheinen. Alle Videos haben jedoch etwas mit der Schweiz zu tun.

Der Film ist Teil des Themenabends “Die Marke Schweiz”. So wird vor dem eigentlichen Film ein Auftritt von Massimo Rocchi gezeigt (20:15 Uhr) und nach dem Film folgt “Grounding – Die letzten Tage der Swissair” (22:25 Uhr).

Die Schweizer sind nach meinen Begriffen erfolgreich, weil sie die Füsse so fest auf dem Boden haben, weil sie wissen, was es bedeutet, sich aus einem übermächtigen, ungeheuer kostenträchtigen Bündnis herauszuhalten.
Getrud Höhler, Wirtschafts- und Politikberaterin

Der Begriff “Swissness” sei zum ersten Mal 1997 in der Schweizer Medienlandschaft aufgetaucht; zusammen mit der Forderung, die ach so unanständigen Begriffe Heimat, Nation und Vaterland neu zu definieren. So erzählt es Buchmüller in seinem Film, bevor er versucht, den Begriff “Swissness” zu definieren.

Wer an Swissness denkt, denkt oftmals an die Swissair selig, eine Gesellschaft, welche die Schweizer Eigenschaften in die Welt hinaustrug.

Lange war die Sympathie dieser Flagge auf einem Flugzeug, die Schweiz – schwer, Berge, Granit, Schnee, eisern – ist geflogen. Pünktlich und mit Klasse.
Massimo Rocchi, Kabarettist

Die Swissair ist nicht mehr, wie wir alle wissen. An ihre Stelle trat die Swiss, welche nun den Deutschen gehört. Und wir Schweizer merken: Die Schweiz funktioniert auch, ohne dass uns die Swiss gehört. Wird die Bedeutung der Swiss für die Schweiz vielleicht überschätzt?

Laut einer Studie der Universität St. Gallen ist die “Marke Schweiz” eine der wertvollsten Marken weltweit. Sie hat kein Problem mit den Mitarbeitenden, weil sie den Mitarbeitenden – das heisst: allen Schweizerinnen und Schweizern – gehört.

Das Schweizer-Kreuz wurde zu einem Logo, zu einer “Marke Schweiz”, die sich verbinden möchte mit universellen Werten, die wir alle gerne hätten. Mit Sicherheit, Stabilität, mit Präzession, mit Fairness, Toleranz und so weiter. Das sind knappe Werte in einer Welt, wo es so viele Konflikte gibt.
Jakob Tanner, Professor für Geschichte, Universität Zürich

Swissness sei jedoch auch ein wenig orientierungslos, so Buchmüller in seinem Film weiter. So wurde bei der Sendung “Die grössten Schweizer Hits” zuerst der Song “Alperose”, gesungen von einem Rockurgestein und bekennenden Kiffer, zum grössten Hit aller Zeiten gewählt; bei der nächsten Ausgabe war es nur ein Jahr später “Dr Schacher Seppli”, gesungen von Ruedi Rymann, der zum grössten Schweizer Hit aller Zeiten gewählt wurde. Gegensätzlicher hätte es kaum kommen können.

Typisch Schweizerische Werte ortet Buchmüller auch im Film “Die Herbstzeitlosen” sowie bei “Achtung, fertig, Charlie!”.

Das ist ein neues Selbstverständnis, das ich jetzt sehr stark mit Swissness verbinde. Man kann über sich lachen, man nimmt sich nicht mehr so ernst. Diese National-Identifikation, diese nationale Identität, sondern eine der heiligen Kühe dieser Nation, die Armee, die wird jetzt auf eine unterhaltende Weise in all ihren Effekten, die ja zum teil grotesker Art sind, dargestellt.
Jakob Tanner, Professor für Geschichte, Universität Zürich

Inzwischen sind wir ja bereits so weit, dass es keinen Spielfilm mehr braucht, um über die Armee zu lachen. Ein Schmid, ein Nef und noch ein paar andere Fürze reichen vollkommen aus.

Zum neu erwachten Selbstbewusstsein der jungen Schweizer im 21. Jahrhundert gehöre es auch, dass man sich hinstelle und sage: “Schaut mal, wie schön ich bin.” Einen Beleg dafür ortet der Film zum Beispiel in der Mister Schweiz-Wahl. Früher eine Veranstaltung “mit Turnhallenmief”, heute eines der jährlichen Top-Ereignisse im nationalen TV.

Swissness-Klischee Nr. 1: Die Berge

Früher oftmals ein Fluch, heute vielleicht schon eher ein Segen: Die Berge prägen das Bild der Schweiz. Wenn man Touristen nach Stichworten zur Schweiz fragt, werden oft die Berge genannt.

Mit den Bergen verbunden sind auch die Bauern und insbesonders die Bergbauern. Der Film geht deshalb auch der Frage nach, ob man diese noch brauche. Ob es sich lohne, jährlich 7 Milliarden Franken an Subventionen in die Landwirtschaft zu stecken. 66% der Einnahmen eines Bauern bestehen aus Subventionen.

Dabei gefällt mir ganz gut, was Getrud Höhler erwähnt. Klar, viele Subventionsfranken fliessen zu den Bauern. Aber sie erfüllen mit ihrer Arbeit auch ein Stück weit den Job eines “Landschaftsgärtners”. Sie pflegen die Natur, welche viele Touristen in unser Land zieht. Die touristische Leistung, die durch Bauern erbracht wird, ist beinahe unbezahlbar.

Swissness-Klischee Nr. 2: Das Geld

Die Schweiz ist ein Land mit viel Geld. Alle wissen das. Vorurteil, aber es ist halt so. Aber: Es gehört uns nicht.
Massimo Rocchi, Kabarettist

Das Bankgeheimnis sagt ja eigentlich nur, dass das Eigentum der Menschen und ihr Umgang mit ihrem Eigentum schutzwürdig ist und dass der Staat hier nicht andauernd die Finger drin haben darf.
Gertrud Höhler, Professorin, Wirtschafts- und Politikberaterin

Die Schweiz ist eines der wichtigsten Finanzzentren der Welt. Über 10 Prozent des Brutto-Inlandproduktes wird in diesem Sektor erwirtschaftet. An der Attraktivität des Finanzplatzes Schweiz ist das Bankgeheimnis nicht ganz unbeteiligt. So wird im Film auch auf diese Thematik eingegangen.

Swissness-Klischee Nr. 3: Die Neutralität

Neutralität ist eine politische Taktik, keine Moral. Neutralität ist die Kunst, sich möglichst nützlich und möglichst ungefährlich zu verhalten.
Friedrich Dürrenmatt, Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Maler

Ihr habt doch keine Wahl! Was wollt ihr denn sein, so umstellt wie ihr seid? Ihr müsst doch eine Parole haben, und die lautet: Wir sind nicht mit dem Nachbar enger als mit jenem, sondern wir sind neutral. Das heisst, wir haben zu allem equilibristisch ein Gleichgewicht. So wie das schwebende Schweizer Kreuz im roten Feld.
Gertrud Höhler, Professorin, Wirtschafts- und Politikberaterin

Swissness-Klischee Nr. 4: Die direkte Demokratie

Viele Schweizer schätzen es, dass sie drei bis vier mal pro Jahr an die Urne gebeten werden, um über die verschiedensten Geschäfte abzustimmen. Viele Einwohner anderer Nationen würden sich wünschen, dies auch tun zu können.

Doch ist der Bürger nicht überfordert, wenn er über solch wichtigen Geschäfte wie zum Beispiel einen UNO-Beitritt abstimmen kann? Dies fragt Buchmüller im Film. Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass wir überfordert sind. Denn wer überfordert ist, trifft Fehlentscheidungen. Und ich frage mich: Ginge es uns so gut, wenn wir andauernd Fehlentscheidungen treffen würden? Wohl eher nicht. So gesehen ist die direkte Demokratie eine Sache, die sich bewährt hat.

Die Schweiz hat ein Immunsystem, das man nur bewundern kann. Die Schweiz hat die Fähigkeit – durch ihre basisdemokratische Organisation – mit Gefährdungen von Aussen und von Innen erfolgreich umzugehen. Weil da ein tiefes Wissen ist: Wir korrigieren uns selbst. Und das ist was ganz anderes, als wenn man sagt: Ja wir haben da eine Führung. Die wird das schon machen. Wir verlassen uns auf den Staat.
Gertrud Höhler, Professorin, Wirtschafts- und Politikberaterin

Fazit

Alles in allem ist “Swissness – Die neue Liebe zum alten Schweizerkreuz” ein sehenswerter Film. Auch wenn er über grosse Teile mit den üblichen Klischees arbeitet und manche Dinge leicht überspitzt darstellt, zeichnet er doch ein realistisches Bild der Schweiz im Jahre 2008.

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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{ 3 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

andreas September 10, 2008 um 22:26

nachdem ich heute am frühen abend deinen artikel gelesen habe und ihn interessant gefunden habe, habe ich mir auch noch den beitrag im fernsehen angeschaut. die haben da interessante sachen zusammengetragen.
danke dass du darauf hingewiesen hast

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JeriC September 15, 2008 um 17:59

Ohne die Videos gesehen zu haben – da Youtube hier manchmal rumzickt: Ein zumindest hier verbreitetes Klischée über die Schweizer (von dem ich nicht weiß inwiefern es dort auch gestützt wird) ist ja das von der Langsamkeit (das ich nicht teile, das aber halt mal erwähnt werden sollte – ich weiß auch nicht ob das Vorurteil jetzt nur hier oder generell geläufig ist ;) )

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Johannes Lacker Oktober 12, 2008 um 21:56

“Swissness” – die gibt’s nicht nur in der Schweiz. Gerade auch bei uns Deutschen steht die Schweiz (und das Schweizerkreuz) hoch im Kurs. Die Schwemme der deutschen Einwanderungen in die Schweiz lässt sich dabei nicht nur mit den wirtschaftlichen Umständen erklären, hier ist auch viel emotionales Erleben ausschlaggebend.
Nach 4,5 Jahren in der Schweiz weiss ich, dass die Schweiz nicht das “Paradies” ist und dennoch bin ich bekennender Heimweh-Schweizer. Insofern habe ich eine “alte Liebe zum alten Schweizer Kreuz” – zumindest bei mir!

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