“La Traviata” mitten im Zürcher Hauptbahnhof: Das Schweizer Fernsehen inszeniert im laufendem Betrieb

von Andreas Hobi am 20. August 2008 · 18 Kommentare

“Wird es das Schweizer Fernsehen fertig bringen, dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Oper anschaue?” Die Antwort ist bei diesem interessanten Projekt ganz klar: Gut möglich!

Um was es geht

Es ist Dienstag. Der 30. September 2008. 20:05 Uhr.

Der Zürcher Hauptbahnhof erholt sich vom Pendlerstrom, der ihn bis vor wenigen Minuten durchströmte.

Es ist ruhig. Alles geht seinen gewohnten Lauf.

Reisende. Passanten. Touristen. Einheimische. Bähnler. Shop-Verkäufer. Alle sind sie da. Wie jeden Dienstag-Abend. Wie an jedem Tag.

Und doch ist irgendwas anders. Nicht so wie sonst.

Dort steht ein Scheinwerfer. Dort eine Kamera. Schweizer Fernsehen. Sandra Studer.

Eine Oper wird aufgeführt. Gefilmt vom Schweizer Fernsehen. In der Haupthalle. In Cafés. Im Gleisbereich.

Erst am Bildschirm fügen sich die einzelnen Szenen zu einem Ganzen zusammen.

“Das Fernsehpublikum zu Hause sitzt in der vordersten Reihe.”, sagt Produzent Christian Eggenberger.

“Der Bahnhof wird zur Opernbühne und zum Fernsehstudio gleichzeitig – und muss natürlich zu jedem Zeitpunkt ein Bahnhof bleiben.”

Den Klangkörper bilden Ensemble, Chor und Orchester des Opernhauses Zürich, unter der musikalischen Leitung von Paolo Carignani.

In der Titelpartie der Violetta ist Eva Mei zu erleben, Vittorio Grigolo singt Alfredo und Angelo Veccia die Partie des Giorgio Germont.

La Traviata in wenigen Sätzen

La Traviata – Die vom Wege Abgekommene – eine Oper von Giuseppe Verdi und Francesco Maria Piave.

An einem Tanzball lernt Violetta Valéry den attraktiven und jungen Alfredo Germont kennen. Wenige Monate später zieht sie mit ihm zusammen.

Die Familie Germont ist reicher als jene der Valérys. So möchte dann auch Georgio Germont, dass sich Violetta von Alfredo trennt. Das Ansehen der Familie soll nicht beschmutzt werden.

Violetta – die jetzt schon weiss, dass sie an Tuberkulose sterben wird – entscheidet, dass dies wohl am Besten sei. Sie verlässt ihren Mann, hinterlässt beim Abschied jedoch einen Brief, in welchem sie nochmals ihre Liebe gesteht.

Alfredo macht sich auf die Suche nach seiner grossen Liebe und findet sie an einem Fest. Dort möchte er sie überreden, mit ihm nach Hause zu kommen. Sie weigert sich und behauptet, sie liebe inzwischen einen anderen.

Kurze Zeit später verschlechtert sich Violettas Gesundheitszustand. Der alte Germont gesteht seinem Sohn, dass ihn Violetta nur verlassen habe, weil er es von ihr verlangte. Daraufhin geht Alfredo zu Violetta.

Er ist noch rechtzeitig bei ihr, um sie in den Tod zu begleiten.

La Traviata im Zürcher Hauptbahnhof

Diese Oper wird nun im Hauptbahnhof inszeniert. Mitten unter den Reisenden und Mitarbeitern. Gefilmt von Kameras des Schweizer Fernsehen und live in eure Wohnzimmer übertragen.

Das szenische Arrangement im Hauptbahnhof stammt von Adrian Marthaler, die Fernsehregie übernimmt Felix Breisach. Als Moderatorin führt Sandra Studer durch den Abend.

Es ist ein Experiment. Genau so, wie die Live-Übertragung von Mozarts Zauberflöte auf zwei Kanälen ein Experiment war.

Das Experiment Zauberflöte wurde ein grosser Erfolg. Ob die Traviata ebenso erfolgreich wird, muss sich noch zeigen. Interessant wird es auf jeden Fall.

“La Traviata im Hauptbahnhof” ist ein Kulturprojekt des Schweizer Fernsehens, das in Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen Kultursender ARTE, der SBB und dem Opernhaus Zürich produziert und live auf SF 1, TSI, HD suisse und Arte ausgestrahlt wird.

Das Besondere an dieser Inszenierung

Die Idee zu dieser “La Traviata”-Inszenierung kam Thomas Beck (Leiter der Redaktion Musik, Tanz und Theater des Schweizer Fernsehens) und Adrian Marthaler (damals Leiter der Kulturabteilung), als sie nach der Zauberflöte zusammensassen und über ein Grossereignis im Anschluss an die erfolgreiche TV-Ausstrahlung nachdachten.

Beide kannten das Aufsehen erregende Experiment der BBC, die ein Jahr zuvor eine einstündige Aufzeichnung verschiedener Opern-Arien und Chorwerke in der Paddington-Station ausgestrahlt hatte.

Wie Marthaler in einem Interview sagt, geht es nicht darum, einen möglichst originellen Spielort für die Oper zu finden. Vielmehr geht es ihm darum, zu sehen, was passiert, wenn eine Oper “wie ein Meteorit” in das Alltagsgefüge eines Bahnhofs einschlägt.

Es wird also nicht nur die Oper “La Traviata” gezeigt, sondern auch die Reaktion der Passanten darauf. Der Bahnhof wird zur Bühne und nichts wird verändert. Es gibt kein Dekor und keine Kulissen.

So wird zum Beispiel die Sterbeszene am Schluss nicht in einem Bett gespielt, wie es bei der Traviata eigentlich üblich wäre, sondern in einem Krankenwagen, der immer im HB zur Verfügung steht. Die Macher dieser speziellen Oper-Inszenierung arbeiten also mit dem Material, das der Bahnhof zur Verfügung stellt.

Man darf von diesem Experiment natürlich nicht erwarten, dass alles perfekt verläuft. Denn der Aufwand ist enorm. Während das Orchester immer am gleichen Ort spielt, sind die Sänger teilweise 100 Meter vom Orchester entfernt, ohne Sichtkontakt zum Dirigenten. Teilweise werden Subdirigenten eingesetzt, welche per Monitor mit dem eigentlichen Dirigenten Kontakt haben. Perfektion kann man deswegen jedoch nicht erwarten.

Ausserdem wird man den Bahnhof hören, die Passanten, das Bremsen der Züge und die Durchsagen.

Ich bin gespannt auf dieses doch sehr spezielle TV-Ereignis. :-)

Bilder © Schweizer Fernsehen


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Theres Suter September 19, 2008 um 14:11

“La Traviata” – Inszenierung im Zürcher Hauptbahnhof finde
ich ganz einfach gesagt, FANTASTISCH. Einmal etwas total Anderes. Gratuliere Allen die sich an diesem Projekt beteiligen und arbeiten.Ich freue mich und bin gespannt auf die Fernseh-Uebertragung und hoffe sehr dass noch mehr solche
Projekte folgen werden.
Mit freundlichem Gruss
Theres Suter

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Claudia September 23, 2008 um 14:00

Gedacht ist nicht, dass man nach Zürich reist, sondern dass man sich die Oper von Zuhause aus am Fernseher anschaut – richtig?

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Andreas Hobi September 23, 2008 um 14:45

Genau so ist es! Es gibt vor Ort weder Sitz- noch andere Plätze, um die Aufführung verfolgen zu können. Auch werden keine Lautsprecher oder Bildschirme installiert.

Kommt also bitte nicht auf die Idee, für La Traviata nach Zürich zu reisen! :-)

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Sandra-Lia September 24, 2008 um 11:03

Hm, doch irgendwie komm ich auf diese Idee.. Schon allein, um die ganze Inszenierung zu Fotografieren :)

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Andreas Hobi September 24, 2008 um 11:56

Wenn du dir die Oper anschauen möchtest, würde ich nicht in den HB gehen. Aber ist klar, die ganze Technik und der Aufwand, der dort betrieben wird: Wer sich dafür interessiert, darf es sich natürlich gerne anschauen gehen!

Ich habe am 30. September frei, konnte mich aber noch nicht entscheiden, ob ich es mir zuhause anschaue, oder ob ich es aufzeichne und während der Sendung im HB bin. Würde mich eben auch reizen, ein bisschen hinter die Kulissen schauen zu können. ;-)

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Sandra-Lia September 25, 2008 um 00:17

ja, genau deswegen, und natürlich auch, weil ich dann für den Tag so ein Tshirt trage, wo mein blogurl drauf steht, und ich dann reinzufällig 10000 mal durchs bild laufe.. natürlich total unabsichtlich :)

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Helmut Escher September 27, 2008 um 05:40

Trotz der Warnung von Andreas Hobi würde ich gerne am 30. September nach Zürich reisen um mir die Nacht auf den Hauptbahnhof “um die Ohren schlagen”, und hinter die Kulissen von “La Traviata” zu “luegen”.

Leider hindern mich ca. 1000 km Distanz daran, mit Euch Zürchern dieses Experiment zu erleben. Also werde ich auf ARTE den Zusammenschnitt dieses Ereignisses genießen.

Herzlichen Dank dem SF und allen Beteiligten für dem Mut zu diesem Experiment.

Helmut Escher, Schweizfan

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Sandra-Lia September 27, 2008 um 21:35

aber… Emden is doch nicht 1000km von Zürich, kannsch ja fasch direkt von da nach ZRH in nur 8h. Und zurück auch. Und das ganze schon ab 39 Euro (im CNL). :))

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Helmut Escher Oktober 2, 2008 um 04:28

Es wurden viele Erinnerungen wach, als ich die Übertragung der Oper “La Traviata” auf ARTE sah. Durch meine Besuche in Zürich kenne ich den HBF Zürich recht gut.

Das war ein gelungenes Opern-Experiment, was da am 30. September in Zürich HBF ablief. Herzlichen Dank an alle Mitwirkenden!

Mit “internetten” Grüßen

Helmut Escher

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Helmut Escher Oktober 5, 2008 um 04:17

Das Experiment “Oper im Zürcher Hauptbahnhof” ist gelungen! Disziplinierte “Schaulustige” lenkten nicht von der Dramatik der Handlung ab und ließen die Fernsehübertragung zu einm Genuss werden. Der technische Aufwand, von dem man im Vorfeld lesen konnte, hat sich gelohnt.

Helmut Escher, Emden, Deutschland

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Andreas Hobi Oktober 5, 2008 um 07:22

Dem kann ich so nur zustimmen. Es war wirklich ein Vergnügen, die Traviata anzuschauen.

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Christian Hauser Oktober 5, 2008 um 10:03

Ich fand die Übertragung auch sehr gelungen, teilweise war der Ton etwas leise, was jedoch nicht so schlimm war…!

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Andreas Hobi Oktober 5, 2008 um 10:09

BTW: Den Ton kann man am Fernseher lauter stellen… ;)

Nein, Spass beiseite: Es ist natürlich klar, dass bei einer solchen Umgebung manchmal Probleme mit dem Ton auftauchen. Habe gestern übrigens eine Folge von “Tag & Nacht” geschaut. Da wurde eine komplette Szene, welche in einem HB-Cafe inmitten der Leute spielte, nachträglich im Studio nachsynchronisiert. Anscheinend waren dort die Original-Tonaufnahmen auch nicht brauchbar. :)

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Helmut Escher Oktober 5, 2008 um 16:36

Grüezi, Herr Hobi,

ich möchte Ihnen mein uneingeschränktes Lob aussprechen, dass Sie sich in Ihrer Freizeit mit dem Portal “Schweuzweit.net” so viel Mühe geben, um das Informationsbedürfnis über die Schweiz zu bedienen.

Als Deutscher (Ostfriese) bin ich sehr froh, Aktuelles über die Schweiz zu erfahren.

Meine abschließende Frage: Besteht ein Zusammenhang zwischen Ihrem Portal und der gleichnamigen Fernsehsendung “Schweizweit”, die ich auch gerne auf 3SAT sehe.

Mit “internetten” Grüßen

Helmut Escher

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Christian Hauser Oktober 5, 2008 um 17:46

Klar, das wäre auch eine Möglichkeit! ;)

Bei “Tag und Nacht” hatten sie ja extreme Probleme mit dem Ton… (siehe Website Tag und Nacht)

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Andreas Hobi Oktober 5, 2008 um 18:55

@ Helmut Escher:
Nein, da besteht kein Zusammenhang. :)

@ Christian Hauser:
Danke für den Link! Scheinbar habe ich es also richtig beobachtet mit der Nachvertonung. ;)

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Andreas Hobi Dezember 15, 2008 um 18:17

Hinweis: Am Donnerstag, 1. Januar 2009, wiederholt das Schweizer Fernsehen die Aufführung der “Traviata im HB” um 22:25 Uhr auf SF1 und HDsuisse.

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violeta März 15, 2009 um 21:56

Hoi Zäme

Ich war live dabei am HB züri,es war einfach gewaltig diese Kulissen! Und diese inspirierenden Szenen.

Das werde ich mein Lebenlang nie mehr vergessen, zudem hatte die Dame Violeta den selben Namen wie ich!

Eine rührende und fesselnde Geschichte,ja auch Kurtissanen sind nur Menschen mit Gefühle.

Salutti Violeta

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