Gedächtniskünstler Kondukteur?

von Andreas Hobi am 15. August 2008 · 12 Kommentare

Es scheint so, als interessierten sich einige Leute dafür, wie Zugbegleiter sich die Fahrgäste merken können. Gleich zwei Mails erreichten mich kürzlich betreffend diesem Thema.

Das erste Mail kam von Ursi:

Zufällig bin ich auf Deinen Blog gestossen und bin fleissig am
lesen. Für mich als GA-Reisende natürlich “gefundenes Fressen”.

Aber was mir seit ewig ein Rätsel ist: Wie merkt sich ein Kondukteur
(sagt man das heute überhaupt noch?) denn welche Leute er im Zug
schon kontrolliert hat und welche neu zugestiegen sind? Nehme ja an
die Aufforderung “Billette ab Sargans” o.Ä. bringt nicht wirklich
alle neu Zugestiegenen ans Licht.

Gibt es dafür einen Trick oder ist das ganz einfach ein super
Gedächnis?

Merci für die Antwort und: keep on writing!

Gruess

Ursi

Ich versprach ihr, bald mal einen Artikel zu schreiben, der ihre Frage beantworten wird. Normalerweise beantworte ich die von den Lesern zugeschickten Mails direkt. Doch bei dieser Frage vermutete ich, dass sich noch mehr Leute für die Antwort interessieren könnten.

Dass ich damit genau richtig lag, bestätigte mir Florian einige Tage später: (Die Passagen in eckigen Klammern [] wurden von mir nachträglich anonymisiert.

Ich arbeite im [Arbeitsplatz innerhalb der SBB] und lese seit
einiger Zeit den sehr interessanten Blog, wirklich spitze! Da ich im
Privatleben viel Zugfahre hätte ich eine kleine Frage die mich
brennend interessiert ;)

Wie merkt ihr jeweils wer bereits das Billet vorgewiesen hat und wer
nicht. Wenn ich z.B. irgendwo unterwegs einsteige und in meine
Zeitschrift vertieft bin ist es schon passiert, das der Zugchef dachte
ich hätte das Billet bereits gezeigt und mich nicht kontrollierte,
die meisten merken jedoch, dass ich zugestiegen bin und fordern mich
auf das Billet bzw. FVP zu vorzuweisen. Nicht das ich dies absichtlich
mache aber bin beim Zugfahren meistens geistig abwesend :-)

Wie merkt ihr wer neu zugestiegen ist? Und dies in einem nahezu
vollbesetzen Zug? Gibt es irgend einen Trick oder werdet ihr
entsprechend geschult?

Grüsse aus [Schweizer Ortschaft]
Florian

Nun, um es vorweg zu nehmen: Eine spezielle “Schulung” oder einen bestimmten Trick gibt es nicht. Schlussendlich hat jede/r Zugbegleiter/in eine eigene Technik, um sich die Fahrgäste zu merken.

Deshalb kann ich auch nur für mich sprechen, wenn ich diese Frage beantworte.

Ich denke, ein Stück weit ist es “Learning by doing”. Am Anfang hatte ich oft Mühe, alle diese Leute in meinem Kopf “abzuspeichern”. Manchmal wusste ich sogar nicht einmal, welche Wagen ich bereits kontrolliert hatte. Dies war jedoch insofern kein grosses Problem, da ich zu Beginn sowieso immer in Begleitung meines Lernbegleiters war.

Einige Zeit bevor ich dann in die Selbständigkeits-Phase entlassen wurde, hatte ich keine Probleme mehr, mir die Leute und Wagen zu merken. Denn mit der Zeit merkt man, mit welchem System man am besten arbeitet.

Bei mir zum Beispiel ist es so, dass ich manchmal Mühe habe, Gesichter voneinander zu unterscheiden. Viel leichter fällt es mir, Kleidungsstücke zu merken. Man könnte also sagen, ich merke mir oftmals nicht die Personen, sondern die Kleidungsstücke, die ich kontrolliert habe.

Manchmal gibt es auch Leute, die ein spezielles “Accessoire” bei sich haben, welches mir hilft, die Person zu merken. Dies kann eine auffällige Haarspange, Brille oder ein Hund sein. Fast noch besser sind Kinderwagen und Koffer.

Jedoch hat mein Merksystem einen klitzekleinen Haken. Dieser zeigt sich bei den Pendlerzügen: Die Kleidungsstücke und Accessoires ähneln sich leider Gottes sehr stark… :-/ Hier kommt es durchaus mal vor, dass ich ins Trudeln gerate und jemanden kontrollieren möchte, den ich schon vorhin angeschaut habe oder dass ich jemanden (wie Florian schilderte) übersehe.

Ein paar wenige Tricks gibt es jedoch auch in morgendlichen Pendlerzügen: So ist zum Beispiel die Gratiszeitung “20 Minuten” auf der Linie Chur -- Zürich HB erst ab Ziegelbrücke erhältlich. Wenn ich nun nach der Abfahrt in Ziegelbrücke durch einen Wagen gehe und auf eine Person stosse, welche diese Gratiszeitung liest, weiss ich, dass ich sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht kontrolliert habe.

Ausserdem ist es meistens so, dass sich die Pendler zuerst an die Fensterplätze setzen und erst wenn diese besetzt sind, an die Gang-Plätze. Deshalb kann ich davon ausgehen, dass wenn in einem Abteil die Person am Fenster ihr Billett zeigt, ich die Person am Gang noch nicht kontrolliert habe. Von ein paar Ausnahmen abgesehen war dies bisher immer so.

So schwer es mir in den Pendlerzügen manchmal fällt, die Personen zu merken, so leicht fällt es mir in den späten Abendzügen. Dort versuche ich grundsätzlich, mir nicht nur zu merken, wen ich bereits kontrolliert habe, sondern auch, wohin die Person fährt. (Dies geht bei GA & Co. natürlich nicht.)

Schon öfters kam es dann vor, dass ich vor einer Station einen Fahrgast weckte, so dass er noch rechtzeitig aussteigen konnte. Wäre ich nicht gewesen, hätte er dann wohl verschlafen und wäre erst einige Zeit später zu Hause gewesen. Manchmal kommt es auch vor, dass mich die Fahrgäste direkt bitten, ein Auge auf sie zu werfen, so dass sie ihren Bahnhof nicht verschlafen.

Kurz zusammengefasst:

Grundsätzlich versuche ich, mir die Gesichter einzuprägen. Noch einfacher fällt es mir allerdings, wenn ich mir die Kleidungsstücke und Accessoires merke. Zusammen mit einigen kleinen Tricks kann ich ziemlich gut zwischen bereits kontrollierten und neu zugestiegenen Fahrgästen unterscheiden.

Schlussendlich ist es ein Stück weit auch einfach die Routine, welche das Gedächtnis verbessert. Jeder der regelmässig Gedächtnisübungen macht weiss: Je mehr man übt, desto besser wird man.

Und da ich eine 41-Stunden-Woche habe, fehlt es mir nicht an Übung. :-)

Eine kleine Anekdote noch zu meinem “Kleider-Merksystem”: Es kam einmal vor, dass eine ältere Dame sich in einem Doppelstock-Zug auf die Suche nach dem Bord-Bistro machte um sich etwas zu Trinken zu kaufen. Danach fand sie ihren Platz (und ihren Ehemann) nicht mehr und wandte sich verwirrt an mich.

Leider konnte ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, diese Dame kontrolliert zu haben. Ihr Gesicht und ihre Kleidung kam mir nicht bekannt vor. Ich fragte sie, wie ihr Mann denn aussehe, welche Kleidung er trage und ob sie irgendwas spezielles getragen habe, als ich sie kontrollierte. “Ja ja, ich hatte ein dünnes rotes Jäcklein an und mein Mann beige karierte Hosen und ein hellbraunes Hemd.”, antwortete sie. Ausserdem habe ihr Mann einen Gehstock bei sich.

Dame mit rotem Jäckchen und Herr mehr oder weniger in braun und mit Gehstock… Nun erinnerte ich mich wieder. Ich teilte der Dame mit, dass sie die Treppe hinauf gehen soll und dann im übernächsten Wagen ganz hinten links ihren Ehemann finden werde. Und so war es dann auch. ;)


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Martin August 15, 2008 um 18:37

Interessant, die Sache mit dem Fensterplatz! ;)

Ich sitze nach Möglichkeit immer auf einem Gangplatz, da ich eher gross gewachsen bin und dort nicht von «Wandelementen» aller Art eingeschränkt werde … :)

Antworten

grisu August 15, 2008 um 19:12

Regnerisches Wetter ist auch von Vorteil beim Kunden merken: Alle nassen Personen haben das Ticket noch nicht gezeigt. Auch kann man sich besonders hübsche oder häßliche Menschen sehr gut merken! :-)

Antworten

Sandra-Lia August 15, 2008 um 22:19

Ich sitze nie oder höchst selten am Fenster. Mag lieber am Gang sitzen, zumal ich aufgrund meiner eher schwachen Blase eh mind. 1 mal auf Clo muss.

Ich sags mal so, an mich errinert man sich wohl, da ich sehr eigen bin ^^

Antworten

trigger August 15, 2008 um 22:32

Interessant, auf einige der Tricks wäre ich nicht gekommen! Ein ähnliches Problem nimmt mich schon lange Wunder: Auf längeren Strecken, wenn der Kondukteur den Zug mehrmals durchläuft; wenn er den Wagen betritt und “Bilette ab xy” sagt, woher weiss er noch, in welcher Ortschaft er das letzte Mal in diesem Wagen war??

Antworten

Andreas Hobi August 15, 2008 um 23:42

Böööö… Das weiss man einfach. :) Sorry, eine bessere Erklärung dazu habe ich nicht.

Bisher wusste ich eigentlich immer mehr oder weniger, wann ich in welchem Wagen war.

Antworten

giabez August 16, 2008 um 00:42

es kommt ganz auf die tagesverfassung an… es gibt tage, da kann ich mir garnichts merken, da kann ich z.t. reisende 2 mal ansprechen, könnte schwören, die/den hab ich noch nicht gesehen, und wenn sie/er dann das billett zückt, merke ich, ah, sorry, schon gesehen. genau so ists mit den wagen, wenn ein grosser wechsel stattfindet, denkt man, hier war ich noch nicht, bis man in der mitte auf jemanden stösst, den man schon gesehen hat.

manchmal merkt man sich auch, wer einem grüsst (je nach strecke und zeit ists leider eher eine minderheit….). oder wer verbissen in die zeitung starrt und angst hat, die buchstaben verschwinden, wenn man 10 sekunden nicht drauf starrt…

wie andreas merke ich mir meistens die handtasche (bin halt eine frau ;o)), oder eben kleidungsstücke/schuhe/accessoirs. Aber immernoch am besten kann ich mir zahnstellungen merken. tönt doof, aber is so… :o) nur sieht man die selten, vorallem wenn man das zweite mal durch geht…

ein weiteres merkmal ist zum teil, dass man weiss, dass eine gewisse person beim letzten kontrollgang noch alleine im abteil sass, oder mit jemandem sprach etc. oder dass vorher jemand mit rotem pulli neben dieser person sass. aber diese merkmale werden bei mir eher unbewusst gespeichert.

auf die frage von trigger kann ich auch keine abschliessende antwort geben. man weiss es eben. meistens. und wenn ichs mal nicht mehr weiss, sag ich einfach den nächsten halt an :o) dann muss ich aber sehr genau schauen, wen ich schon kontrolliert habe. und auserdem helfen uns auch die reisenden, die streckenbezogene billette kaufen… (da sehn wir ja, wo sie eingestiegen sind…dann wird halt unter umständen das “Billette ab wädenswil” in ein “billette ab pfäffikon” abgeändert. :o) die deutschen kollegen machens einfacher… “noch wer zugestiegen??” :o)

Antworten

Sandra-Lia August 16, 2008 um 11:47

Was muss ich eig. tun, damit du mich mal kontrollierst, herr H. (übrigens, deine Initialen verleiten mich grad zu abstrusen Gedankenexperimenten ^^ )

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Andreas Hobi August 16, 2008 um 11:52

Was du tun musst, damit ich dich mal kontrolliere? Mmh… Wie wäre es mit: Dich in meinen Zug setzen…? ;-)

Was für Gedankenexperimente, wenn ich fragen darf? Das nimmt mich jetzt wunder! :)

Antworten

Sandra-Lia August 16, 2008 um 17:41

Ach, ich dachte, A. H. , so hiess doch auch mal so ein Mann, du weisst schon, damals, der die Bahn vorallem für seine Interessen missbrauchte. Und, ich hab mir grad ausgemalt, was wäre, wenn du der Mann wärst, also ganz lieb und Zahm, ohne jeglichen Gräuel, nur so als Staatshauptmann von Deutschland in den 40gern. Da müssten die Geschichtsbücher nur unwesentlich abgeändert werden :)

Aber, darfst mir bitte nicht böse sein *duck* Mein Gehirn ist ganz eigen, in solchen sachen.

JA, und wo ist dein Zug?

Antworten

Andreas Hobi August 16, 2008 um 19:03

Ui, eine ganz böse Assoziation! :=|

Suche gerade mal nach den Initialen S. I…. :-)

Mein Zug fährt morgen wieder, nachdem er jetzt rund eine Woche still stand.

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Sandra-Lia August 16, 2008 um 21:31

Ha, jetzt weiss ich mehr. Wir fahren morgen von Solothurn via Olten (Main) nach Luzern ^^

S. L. I. wenn schon ^^

Antworten

Andreas Hobi August 16, 2008 um 22:33

SLI, da kommt mir als Hobby-Börsianer nur der Swiss Leader Index in den Sinn. :)

Fahre via Zürich HB nach Luzern und dann via Bassersdorf zurück. Könnte also hinhauen. ;)

Nachtrag 23:58
Ach nee, du fährst ja via Olten und nicht via Zürich nach Luzern… Jänu, vielleicht klappts ein anderes Mal. :-)

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