Review: Circus Nock in St. Moritz

von Andreas Hobi am 14. August 2008 · Kein Kommentar

Circus Nock

Gestern hatte ich das Vergnügen, in St. Moritz eine Vorstellung des Circus Nock besuchen zu dürfen. Da dieser Zirkus in diesem Jahr noch an diversen anderen Spielorten gastieren wird, veröffentliche ich gerne einen kleinen “Erfahrungsbericht” und erleichtere damit vielleicht dem einen oder anderen die Entscheidung, ob das diesjährige Nock-Programm ihn interessieren könnte oder nicht.

Zahlen und Fakten

Zuerst einmal die “nackten Zahlen” rund um den Circus Nock:

Platzbedarf: 10’000 m2 inkl. Foyer, Zoo, Zirkus und Wohnwagen
Kuppelhöhe Zelt: 12 Meter
Sitzplätze Zelt: 1’600
Dauer Aufbau: 6 Stunden
Dauer Abbau: 3-4 Stunden
Elektrische Kabel: 5’000 – 7’000 Meter
Scheinwerfer: 100 Lampen zu 1’000 Watt
Wagenpark: 16 Anhänger, 4 Busse, 6 Lastwagen, 4 Sattelschlepper, 9 Sattel-Sachentransportanhänger, 2 Sattel-Wohnanhänger, 10 Camping-Wagen

Das Programm

Um es kurz und schmerzlos zu machen: Das diesjährige Programm ist toll und sehenswert, ich habe von Nock jedoch auch schon bessere Vorstellungen gesehen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dem Zirkus gestern die Energie fehlte; dies merkte wohl auch das Publikum, weshalb sich der Applaus zeitweise in Grenzen hielt. Ob dies nur in St. Moritz der Fall war oder ob die Nummern auch in anderen Städten so fade rüberkommen, kann ich nicht beurteilen.

Die Nummern waren artistisch sicher eine Meisterleistung, doch mir persönlich fehlte “das gewisse Etwas”. Ich mag es, wenn die Artisten rund um ihre Nummer eine Geschichte erzählen, wenn sie Kostüme tragen, die zu dieser Geschichte passen und dann noch mit Licht- und Toneffekten arbeiten. Ich mag Nummern, die spektakulär sind, atemberaubend, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Das vermisste ich in der Vorstellung gestern. Es war “nur” solides Zirkus-Handwerk.

Die Nummern waren vom Schwierigkeitsgrad her sicher eine Meisterleistung und es stecken viele Jahre Übung und Training dahinter, doch es kam (zu) oft sehr fade rüber.

Ein paar Highlights gab es jedoch schon, wie man in der folgenden Auflistung der Artisten sieht.

Franziska Nock | Pferdedressur
Da ich kein Fan von Pferden oder Pferdedressuren bin, hielt sich meine Vorfreude auf diese Eröffnungs-Nummer in Grenzen. Doch dann wurde ich positiv überrascht! Die schwarzen Pferde zusammen mit den Zebras sind auf jeden Fall sehenswert und nicht nur für Pferde-Fans eine Augenweide.

Wäre nun das Lächeln von Franziska Nock nicht so gespielt rübergekommen – es wäre eine nahezu perfekte Nummer gewesen. Die Tiere spielten mit, die Musik war absolut zur Nummer passend und vom Tempo her ideal und die Nummer faszinierte sämtliche Besucher, egal ob Gross oder Klein.

Los Febles | Akrobatik
Die Kubaner traten gleich in drei Nummern auf und begeisterten das Publikum spätestens, als sie das zweite Mal die Manage betraten. Egal ob ohne technische Hilfsmittel, mit einer Schaukel oder dem russischen Barren – es war atemberaubend! Vorallem der zweite Auftritt (mit der Schaukel) war eine Nummer, die man in dieser Perfektion sonst nur am Internationalen Zirkusfestival in Monte Carlo oder allenfalls noch im Zirkus Knie sieht.

Ebenso war die Nummer mit dem russischen Barren toll, auch wenn ich mit diesem Gerät schon bessere, spektakulärere Dinge gesehen habe. So wie zum Beispiel diese Truppe hier.

Equivokee | Komiker
Sie waren amüsant, aber richtig gelacht habe ich selten. Auf jeden Fall aber eine akzeptable Unterhaltung während der Zeit, als die Manege umgebaut wurde. :) Klar, sie hatten es nicht wirklich leicht, da sich das Publikum kaum mitreissen liess, trotzdem wäre vielleicht noch ein klein wenig mehr drin gelegen.

Wer sich ein Bild von Equivokee machen möchte, kann sich ja mal dieses Video anschauen.

Wie gesagt: In meinen Augen gute Unterhaltung, aber nicht unbedingt das Highlight des Programms. Sowas im Stile von Ursus & Nadeschkin hätte mir da schon eher zugesagt:

Nina Cortes | Seiltanz
Dies war eine Nummer, die (wie so manche Zirkus-Nummern) recht unspektakulär anfing, sich dann aber zu einem atemberaubenden Auftritt mauserte. Nina Cortes versteht es, mit und ohne Hilfsmittel auf dem Seil zu tanzen.

Egal ob Spagat, Rad fahren oder mal nur mit den Zehenspitzen über die ganze Länge des Seils; die Nummer war absolut gelungen und begeisterte mich total!

Alexandra Nock | Vertikaltücher
Die zweite Nummer eines Familienmitglieds des Nock-Clans. Schade, dass es ausgerechnet die Vertikaltücher sein mussten… Ich weiss nicht wieso, aber irgendwie ähneln sich diese Vertikalseil-Nummern zu sehr, als dass sie mich noch überraschen könnten. Zu viele Zirkusse haben ähnliche Nummern im Programm und so stumpft der Effekt irgendwann mal unweigerlich ab.

Technisch absolut einwandfrei, aber da war nichts, das mich begeistern konnte.

Flying Millas | Trapez
Jetzt wird’s wieder interessant! Die Flying Millas waren eines der Highlighst – nein ich würde sogar behaupten – DAS Highlight des gesamten Programms. Was diese Familientruppe aus Chile unter dem Chapiteau zeigte, war absolute Weltklasse!!! Ich habe ja schon einige Trapeznummern gesehen, und die Chilenen können dort mit den Spitzenplätzen mithalten!

Hier ein Auftritt der Truppe aus dem letzten Jahr:

Stevo Stojcic | Raubtier-Dressur
Raubtiernummern sind immer eine Herausforderung. Und diese hat Stevo Stojcic gut gemeistert. Weder schlecht, noch hervorragend, sondern einfach gut. Aber auch hier gilt: Habe live schon besseres gesehen.

Das lauteste Raunen ging durch die Zuschauer-Reihen, als einer der Tiger sein Geschäft in der Manege verrichtete… Spricht nicht unbedingt für die Nummer. :-)

Trio Bokafi | Akrobatik (Schleuderbrett)
Kann man nur mit drei Akrobaten und einem Schleuderbrett eine tolle Nummer auf die Beine stellen? Ja man kann! Dies hat das Trio Bokafi eindrücklich bewiesen! Die blutjunge Truppe wusste sich zu inszenieren und hatte nicht nur seine Nummer, sondern auch das Publikum absolut im Griff. Mitreissend und atemberaubend – so soll eine Zirkusnummer sein!

Das Prinzip war eigentlich ganz einfach: Dame steht auf das Schleuderbrett, Mann springt auf der anderen Seite drauf, Dame fliegt durch die Manege. Simpel, aber genial und absolut treffsicher!

Gut möglich, dass man von diesem Trio auch mal noch aus Monte Carlo etwas hört.

Und auch hier gibt es ein Video:

(Dies ist übrigens auch genau die Nummer, die sie momentan in Circus Nock darbieten. Live wirkt es einfach noch um Welten besser! :-)

Duo Trapez | Lufttrabez
Nach einer aufregenden Nummer folgt eine ruhigere. Das Duo Trapez liefert solide Arbeit, konnte mich jedoch nicht so ganz überzeugen. Irgendwie war mir die Nummer dann doch zu eintönig.

Ich zolle den beiden jedoch grossen Respekt für die anspruchsvolle Darbietung am Trapez und will an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass es im Publikum einige Zuschauer gab, welche von dieser Nummer absolut begeistert waren.

Timur Kaibjanov | Jonglage
Auch wenn Timur Kaibjanov sehr von sich überzeugt scheint; mich konnte er nicht begeistern. Hängt vielleicht auch ein wenig damit zusammen, dass ich inzwischen doch schon zu viele Weltklasse-Jongleure gesehen habe und deshalb bezüglich Jonglage nicht ganz so rasch aus dem Häuschen bin als andere.

Immerhin hat er etwas drauf, das andere Jongleure noch nicht in ihre Nummern eingebaut haben: Er jongliert auch mit den Füssen, wie man in diesem Youtube-Video sieht: Link…

Diverses

Die Vorstellung dauerte 135 Minuten (inkl. rund 25 Minuten Pause) und kostete je nach Sitzplatz zwischen CHF 25 und 48 für Erwachsene und CHF 15 bis 36 für Kinder bis 11 Jahre.

Die Sitzplätze waren (auch in der Loge) nicht sonderlich bequem und sehr nahe beieinander. Man kann nur hoffen, dass niemand mit unangenehmen Körpergeruch neben einem sitzt.

Als richtiggehend aufdringlich empfand ich die Dauer-Werbebeschallung vor der Show und in der Pause. Zehn Minuten vor Showbeginn fing ein Sprecher an, sämtliche Sponsoren aufzuzählen. Und dies nicht, ohne auch noch zu jedem Sponsor einen “flotten Spruch” zu bringen, der sich womöglich irgendwie noch reimte. Einmal jeden Werbepartner aufzählen hätte in meinen Augen Ohren gereicht, aber nein, es wurde ohne Zwischenpause gleich wieder von vorne begonnen, als er beim letzten Sponsor war. Das gleiche in der Pause, ganze 25 Minuten lang. Echt nervig!

Dabei war weniger die Werbung an und für sich das Problem (irgendwie muss sich ein Zirkus ja finanzieren) sondern eher die Lautstärke. Mit dieser Aufdringlichkeit hat der Circus Noch weder sich noch den Werbepartnern einen wirklichen Gefallen getan, denn diese Hotels, Restaurants und andere Firmen sind nun in meinem Kopf unweigerlich mit einer schlechten Erfahrung verknüpft und vermutlich werde ich sie (wenn auch nur unbewusst) in Zukunft meiden.

Ausnahme bildet Die Mobiliar, welche mit ihrem amüsanten Werbespruch positiv in meinem Kopf hängen blieb:

Wolltest Du schon immer mal einen Tiger streicheln?
Für alles andere gibt es die Mobiliar.
Die Mobiliar – Versicherung und Vorsorge

Köstlich! :-)

Fazit

Von elf Nummern (Los Febles traten drei mal auf) gefielen mir sieben sehr gut, vier eher weniger. Man kann also durchaus sagen, dass sich der Besuch gelohnt hat und ich die Vorstellung weiterempfehlen würde. Wer die Möglichkeit hat, eine Vorstellung des Circus Nock zu besuchen, der soll sie gerne nutzen.

Man sollte sich dabei einfach bewusst sein, dass man vom eher kleinen Nock nicht ganz so viel erwarten kann wie zum Beispiel von einem Knie. Wer also nicht mit sehr hohen Erwartungen ins Chapiteau geht, der wird die Vorstellung am Ende zufrieden verlassen und auf einen unterhaltsamen Abend zurück blicken.

Nächste Spielorte

Lenzerheide | Parkplatz Danis: 15. – 17. August 2008
Lugano | Stadio: 27. – 31. August 2008
Chiasso | Stadio: 2. – 3. September 2008
Locarno | Via delle Scuole: 5. – 10. September 2008
Bellinzona | Ex. Campo militare: 11. – 14. September 2008
Biasca | vicino Scuola Media: 16. – 17. September 2008
Altdorf | Bauernhofmatte: 19. – 21. September 2008
Windisch | Amphiwiese: 23. – 24. September 2008
Basel | Rosentalanlage: 26. September – 15. Oktober 2008
Liestal | Gitterli: 17. – 19. Oktober 2008
Sissach | Concoursplatz: 21. – 22. Oktober 2008
Luzern | Allmend: 24. Oktober – 2. November 2008

Ticketkauf

Ich empfehle, den Vorverkauf via Ticketcorner zu nutzen. Nicht nur erspart man sich damit das Anstehen an der Zirkus-Kasse, sondern man kann auch auswählen, welcher Platz einem am besten gefällt.

Ticketcorner gibt es in allen grösseren Bahnhöfen der SBB und auf ticketcorner.ch.

Ja was nun? :-)

Erstes und letztes Bild: Andreas Hobi
Restliche Bilder © Circus Nock

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

Andreas hat bereits 1440 Artikel hier auf schweizweit.net geschrieben.

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