Durchmesserlinie: Ein Besuch auf der Baustelle in Zürich Oerlikon
Am Samstag bot sich der Bevölkerung die Möglichkeit, die Bauarbeiten für die Durchmesserlinie in Zürich Oerlikon zu besuchen. Natürlich war auch ich vor Ort und schaute mir die Sache mal genauer an. Fotos von diesem Besuch finden sich auf meiner Flickr-Seite: Bilder der Baustelle
Während sich also einige Paradiesvögel auf den Weg zur Street Parade machten, hatten andere den Bahnhof Oerlikon als Ziel. Und anstelle Plateausohlen sah man hier vor allem festes Schuhwerk. Drogen, Red Bull und Alkohol suchte man hier auch vergebens.
Es war sehr eindrücklich, zu sehen, mit welchem Aufwand an diesem Milliarden-Projekt gearbeitet wird. Die Dimensionen sind gigantisch, die Komplexität des Vorhabens ist atemberaubend.
Sehr gross war mein Staunen, als mir eine Mitarbeiterin auf der Baustelle erzählte, auf was alles geachtet werden muss. Da ist zum Beispiel das Radio-Studio DRS, welches direkt an und teilweise über der Baustelle liegt und seinen Betrieb zu 100 Prozent aufrecht erhalten muss. Da sind die diversen Behörden, welche alle ein Wörtchen mitzureden haben. Der Tunnel beim Bahnhof Löwenstrasse wird nur wenige Meter neben der Hauptbahnhof-Zulieferung vorbei führen; falls sich die Tunnelbohrmaschine auch nur ganz leicht “verfährt”, könnte die unterirdische Zulieferstrasse zerstört werden und der Hauptbahnhof wäre von der Zulieferung abgeschnitten; die Läden müssten für längere Zeit schliessen.
Die Mitarbeiterin zählte mehrere Minuten lang Dinge auf, auf die geachtet werden muss und doch musste sie am Schluss sagen: “Und das ist noch längst nicht alles!” Wie gesagt, die Dimensionen dieses Bauvorhabens sind unvorstellbar.
Wer sich unter der Durchmesserlinie nichts vorstellen kann oder noch nie davon gehört hat, der findet hier die wichtigsten Informationen:
Weshalb braucht es die Durchmesserlinie?
Der Zürcher Hauptbahnhof ist das Herz des Schweizer Schienenverkehrs. Im Jahr 2020 werden vermutlich über eine halbe Million Fahrgäste den Bahnhof benutzen. (Im Vergleich: Heute sind es rund 300′000.) Damit stösst er an seine Kapazitätsgrenzen.
Durch den Bau der Durchmesserlinie soll dem Bahnhof Luft verschafft werden. Die Doppelspur-Linie durchquert den Zürcher Hauptbahnhof von Altstetten her bis nach Oerlikon. Damit kann der Eisenbahnverkehr ausgebaut werden und mehr S-Bahnen und Fernverkehrszüge können verkehren.
Erstmals wird es mit der Durchmesserlinie möglich sein, dass Fernverkehrszüge keine Spitzkehre im Hauptbahnhof machen und somit deutlich weniger lang halten müssen.
Ausserdem wird durch den Bahnhof Löwenstrasse Platz geschaffen für zusätzliche Geschäfte, so dass die Bedürfnisse der Pendler und Kunden noch umfassender gedeckt werden können.
Was wird mit der Durchmesserlinie besser?
Die SBB strebt folgende Verbesserungen an:
- Die S-Bahn-Linien vom linken Seeufer (Pfäffikon SZ - Wädenswil - Thalwil) sollen zum Teil durch den neuen Bahnhof Löwenstrasse und den Weinbergtunnel nach Zürich Nord (Oerlikon, Flughafen, Bülach, Winterthur) geführt werden. Dadurch können die Fahrzeiten auf diesen Linien verkürzt werden.
- Aus dem Knonauer Amt (Mettmenstetten, Affoltern am Albis, Birmensdorf ZH) ergibt sich mit der Durchmesserlinie die Möglichkeit für eine Direktverbindung nach Zürich Nord.
- Eine neue S-Bahn-Linie soll zur Entlastung der bestehenden Angebote vom Limmatttal (Wettingen, Killwangen-Spreitenbach, Dietikon, Schlieren) über den Bahnhof Löwenstrasse nach Oerlikon und Effretikon fahren.
- Das Unterland und das Wehntal (Niederweningen, Dielsdorf) erhalten voraussichtlich halbstündliche umsteigefreie Verbindungen nach Zürich.
- Zwischen Zürich - Stadelhofen - Winterthur soll der Viertelstundentakt ganztags eingeführt werden.
- Am rechten Zürichseeufer (Stäfa, Meilen, Küsnach ZH) sollen zusätzliche Züge in den Hauptverkehrszeiten zur Entlastung der S7 angeboten werden.
Doch nicht nur der S-Bahn- sondern auch der Fernverkehr soll profitieren. So werden die Verbindungen auf der West- / Ost-Achse (also zwischen Genf - Lausanne - Biel / Bern - Zürich - St. Gallen) verbessert. Die Reisezeit soll um bis zu 30 Minuten verkürzt werden. Dazu werden auch die neuen Doppelstock-Züge beitragen.
Durchmesserlinie Abschnitt 1 | Brückenbauwerke in Richtung Altstetten
Zwischen dem Zürcher Hauptbahnhof und Altstetten entstehen zwei neue Brücken: Die Kohlendreieck- und Letzigrabenbrücke.
Diese beiden Brücken werden in Zukunft von den Schnellzügen befahren, welche den HB in Richtung Altstetten verlassen.
Um die Brücken zu bauen, müssen die bestehenden Gleise teilweise umgebaut werden. Eine schwierige Angelegenheit, da der Betrieb weiterhin normal laufen sollte.
- Länge Kohlendreieckbrücke: 394 Meter
- Länge Letzigrabenbrücke: 1′156 Meter
- Pfeilerhöhe: 6 - 16 Meter
Geschwindigkeiten:
- Kohlendreieckbrücke: 80 km/h
- Letzigrabenbrücke: 120 km/h
- Max. Steigung: 27‰
- Max. Gefälle: 40‰
Durchmesserlinie Abschnitt 2 | Durchgangsbahnhof Löwenstrasse
16 Meter unter den heutigen Gleisen 4 - 9 bei laufendem Betrieb einen neuen Bahnhof bauen: Eine Meisterleistung!
Da die SBB auf keine der oberirdischen Gleise verzichten kann, wird in einer sogenannten “Deckelbauweise” gebaut: Jeweils zwei Gleise werden um 100 Meter verkürzt (momentan sind dies Gleis 3 + 4), danach werden mit Schlitzbaggern bis zu 30 Meter tiefe und 1 Meter breite Gruben ausgehoben, die ausbetoniert werden und die Wände des zukünftigen Bahnhofs bilden. Darüber wird ein Deckel betoniert. Unter diesem Dach wird dann das Erdreich ausgebaggert, während oben bereits wieder Züge fahren. Tönt nicht nur kompliziert, sondern ist es auch.
Eine besondere Herausforderung stellt die Sihl dar, welche zukünftig zwischen den oberirdischen Gleisen und dem Bahnhof Löwenstrasse fliessen wird. Im “Erdgeschoss” befinden sich also die oberirdischen Gleise, im “1. UG” fliesst die Sihl und im “2. UG” findet man den Durchgangsbahnhof.
Kosten für den Bahnhof: 660 Millionen Franken
Durchmesserlinie Abschnitt 3 | Der doppelspurige Weinbergtunnel
Der 5 Kilometer lange Weinbergtunnel verbindet den Durchgangsbahnhof Löwenstrasse mit Oerlikon. Der Tunnel unterquert (in teils sehr geringem Abstand) Liegenschaften mit “sensibler Nutzung” wie die ETH Zürich, das Universitätsspital, das Radiostudio DRS und verschiedenen bestehende Tunnelbauwerke.
Der Weinbergtunnel erhält eine schotterlose Fahrbahn. Ausserdem wird das Fundament auf Gummimatten gelegt, um Erschütterungen zu reduzieren. Damit der Tunnelquerschnitt so klein wie möglich gehalten werden kann, wird eine Platz sparende Stromschiene anstelle einer konventionellen Fahrleitung eingebaut.
Durchmesserlinie Abschnitt 4 | Einbindung Oerlikon
Der Weinbergtunnel verbindet den Hauptbahnhof mit Oerlikon. Damit führen zwei zusätzliche Gleise nach Oerlikon und die müssen nun in das bestehende Gleisfeld eingefügt werden. Dazu wird das Gleisfeld um bis zu 18 Meter verbreitert.
Die Durchmesserlinie in Zahlen | Abschnitt 3 (Weinbergtunnel)
Weinbergtunnel:
- Länge: 4′540 Meter
- Ausbruch: 480′000 m3
Flucht- und Rettungsstollen:
- Länge: 4′892 Meter
- Ausbruch: 80′000 m3
Bahntransporte:
- Ausbruchabtransporte: 1′500′000 Tonnen ( = ca. 27′000 Bahnwagen)
- Kiesantransporte: 275′000 Tonnen ( = ca. 5′000 Bahnwagen)
Arbeitskräfte:
- Poliere, Fach- und Bauarbeiter: 40
- Technisches Büro und Bauführung: 8
- Maschinen- und Elektrotechnik: 15
- Kaufmännisches Büro: 2
- Bauleitung: 5
Die Durchmesserlinie in Zahlen | Abschnitt 4 (Einbindung Oerlikon)
Arbeitskräfte:
- Bauarbeiter, Maschinisten: 80 - 90
- Bauführung: 8 - 12
- Projekt- und Bauleitung: 20 - 25
Geräte:
- Kranmontagen: 5 Stück
- Bagger über 30t: 3 Stück
- Bagger unter 30t: 4 Stück
- Raupentrax: 3 Stück
- Bohrgeräte: 7 Stück
Weiterführende Informationen
- Website zur Durchmesserlinie
- Film über die Durchmesserlinie
- Fotos “Tag der offenen Baustelle”
- Fotos der Durchmesserlinie
- NZZ-Artikel: Parade der technischen Giganten






Honigbaerli am 12.08.2008 um 15:14
ja da tut sich einiges im zürcher untergrund…wusste gar nicht das es so aufwendig ist und was daran hängt!
danke für die infos!
subt am 12.08.2008 um 17:05
Zürich höhlt den ganzen Untergrund aus während das Herzstück in Basel kaum vom Fleck kommt…
Schade geht es bei uns nicht so schnell vorwärts…
Andreas Hobi am 12.08.2008 um 18:28
@ subt:
Hängt wohl ein Stück weit auch vom jeweiligen Kanton ab. Der Kanton Zürich investiert immer wieder sehr viel Geld in den ÖV, während in Basel das Geld wohl eher in die Pharma-Industrie investiert wird, so dass diese nicht abwandern…
Adrian am 12.08.2008 um 21:26
Sagen wir es mal so: Obwohl der Kanton Zürich über die Finanzen jammert, oder sagen wir mal gewisse politische Kreise, ist die ÖV freundlichkeit doch noch gegeben.
Und der grösste Teil für die DML schiesst der Kanton Zürich dem Bund vor!
Der Kanton hat auch schon die Vorfinanzierung für den Deckelbau vor ein paar Jahren gemacht, als es darum ging diesen im Bereich des Bahnhof “Nebenwil” zu erstellen. Auch die Verbreiterung der Westunterführung (Sihlpost) wurde vorfinanziert.
Adrian am 12.08.2008 um 21:38
Btw den eindrücklichsten Teil der Bauarbeiten entlang der Baustelle kann man gar nicht mehr richtig sehen. Die Stützmauer in der Nähe des Bahnhof Oerlikon ist schon so weit hochgezogen worden, dass man von unten gar nicht mehr sieht wie nah an den Häusern entlang die Grabarbeiten getätigt wurden.
Von der DML Baustelle habe ich noch ältere Bilder
http://railimages.senn.ch/fotos/2008/20080409/
http://railimages.senn.ch/fotos/2008/20080617/
und vom Bahnhof Löwenstrasse an der Limmat
http://railimages.senn.ch/fotos/2008/20080603/?g2_page=10
Andreas Hobi am 12.08.2008 um 21:42
Interessante Bilder! So sieht man die Baustelle auch mal aus anderen Perspektiven.
Martin am 13.08.2008 um 11:36
@Andreas: http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/das_jahrhundertprojekt_basler_s-bahn_1.799451.html (auch in Basel gibt man viel Geld für den ÖV aus!)
subt am 14.08.2008 um 09:09
Ja die Planungen exisitieren schon lange, nur sollte man langsam mal mit der Realisierung vorwärts machen. Nur bei solch einem “Mammut”-Projekt ist es halt nicht ganz einfach, vor allem da ja mehrere Kantone, sogar Länder (mit)finanzieren sollten.
Man sollte diese Chance jetzt nützen, nicht wenn dann das Verkehrsnetz schon kollabiert ist…
Andreas Hobi am 14.08.2008 um 11:59
War auch mein Gedanke: Den Worten sollten vielleicht mal Taten folgen. :) Es gibt auch andere Städte und Kantone, in denen “Pläne” vorhanden sind. Nur nützen diese der Bevölkerung erst, wenn sie auch umgesetzt werden.
Titus am 15.08.2008 um 01:21
Apropos grosse und grossartige Bauwerke der Bahn: Diesen Sonntag bringt NZZ Format eine interessante Sendung über den Bau der Gotthardbahn.
Andreas Hobi am 15.08.2008 um 01:29
Werde ich bestimmt schauen. :)