Man kann es nie allen recht machen

von Andreas Hobi am 7. August 2008 · 2 Kommentare

Schon öfters kam es vor, dass sich Fahrgäste über das mangelnde Platzangebot beschwerten. Sie waren der Meinung, dass man an ihrem Zug doch durchaus mehr Wagen hätte anhängen können. Manchmal beanstandeten sie das Platzangebot zu Recht, manchmal jedoch beschwerten sie sich schon, obwohl der Zug noch nicht einmal zu 50 Prozent ausgelastet war.

Eigentlich weiss ich ja durch meinen Job, dass man es bei einer so grossen Firma nie allen Recht machen kann. Trotzdem hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass sich auch einmal jemand über zu viele Wagen beschweren würde. ;o)

Doch genau dies ist im Zürcher Hauptbahnhof geschehen. An einen Pendlerzug hängten wir diesmal vier zusätzliche Wagen an, da diese in Basel gebraucht wurden. Ich freute mich schon darauf, dass sich heute wohl niemand bei mir beschweren würde, als ein Herr mittleren Alters auf mich zukam.

“Ja gopfertammi! Chönt ihr eigentli nöd na meh Wäge ahänge! Bis i döt vorne bin, bin i jo fascht dä halb Weg uf Basel gloffe!”

Ich verstand die Welt nicht mehr. Wollte der mich jetzt auf den Arm nehmen oder wie meinte er dies? Ich nahm mir vor, ihn bei der Kontrolle darauf anzusprechen.

Der Fahrgast sass im vordersten Wagen. Platz hätte es für über 80 Personen, besetzt war er mit gerade einmal 12 Reisenden. Auch die Wagen dahinter waren nur schwach besetzt.

“Wer hat Ihnen denn gesagt, dass Sie bis zum vordersten Wagen gehen müssen? In den hinteren Wagen hätte es noch genügend Platz gehabt, so dass Sie sich den weiten Weg hätten sparen können.”, sprach ich ihn an.

“Ja, wissen Sie”, antwortete er mir. “Mich dürfen Sie nicht ernst nehmen. Aber schauen Sie [er zeigt auf die Sitznummer oben beim Kleiderhaken] Platz 38! Mein Stammplatz ist immer im vordersten Wagen bei Platz 38. Und da Sie heute mehr Wagen angehängt haben, musste ich um die 100 Meter weiter laufen als sonst. Also ich sage Ihnen, dass finde ich denn eine Sauerei!” Dabei musste er laut lachen.

Und ausserdem habe er schon öfters miterlebt, wie das Zugpersonal von Reisenden wegen jedem noch so kleinen “Henneschiss” beschimpft werde; da habe er einfach mal Lust gehabt, auch eine solch böser Fahrgast zu sein. ;)

Hatte ich es mir also gedacht! Er meinte es anscheinend gar nicht so, wie es anfangs rüber kam.

Ich verabschiedete mich von ihm, konnte es mir jedoch nicht verkneifen, mich schonmal dafür zu entschuldigen, dass er nach dem Aussteigen in Basel einen 100 Meter längeren Weg zu seinem Arbeitsplatz habe als sonst… ;o)

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Andreas Hobi arbeitet seit 2001 bei der SBB und dort seit 2004 beim Zugpersonal. In seiner Freizeit schreibt er auf schweizweit.net von seinen Erlebnissen und über andere spannende Stories aus der Welt des öffentlichen Verkehrs.

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Sandra-Lia August 7, 2008 um 16:03

Immerhin hat er so auch noch was für seine Fitness getan.

Anmerken möchte ich jedoch, das man für grosses Gepäck selten genügend Platz hat. Das find ich weniger gut.

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Silvia August 18, 2009 um 23:07

liebe Sandra-Lia,
wie das Flugzeug ist auch der Zug nur für Handgepäck eingerichtet. Grosses Gepäck sollte man aufgeben.Viele packen gleich ihre Wohnung ein um zu verreisen und wundern sich, dass es nicht genug Platz hat, weil sich auch viele von der gleichen Sorte eingefunden haben:-). Im Uebrigen verzögert sich oft die Abfahrtszeit eines Zuges, weil es seine Zeit dauert, das Ganze ein- und wieder auszuladen. Als Zugbegleiterin traf ich doch hin und wieder Reisende an, die so ihre Umzüge günstiger über die Runde bringen wollten.

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