Website in Gebärdensprache: Wo ist der Sinn dahinter?

Um es vorweg zu nehmen: Ich finde es toll, dass immer mehr Webseiten barrierefrei gestaltet werden. Barrierefrei heisst unter anderem, dass auch Menschen mit einer körperlichen Behinderung die Seiten anschauen können.
Besonders zu begrüssen ist die Barrierefreiheit bei öffentlichen Verkehrsbetrieben. Die Bahnhöfe und Züge der SBB zum Beispiel sind (zum grössten Teil) behindertengerecht gestaltet.
Nun sah ich, dass die Österreichischen Bundesbahnen ihre Internetpräsenz mit Videos in der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) ausgestattet haben. (Beispiel…)
Grundsätzlich ist dies ja eine tolle Sache, nur: Wo ist der Sinn dahinter? Vielleicht habe ich etwas übersehen oder weiss zu wenig über Gehörlose Bescheid, aber ich war bis anhin der Annahme, dass Gehörlose durchaus in der Lage sind, geschriebene Texte zu lesen. Nicht umsonst werden einige TV-Sendungen mit Untertiteln unterlegt. So gesehen sollten Gehörlose die Websiten auch ohne ÖGS-Videos verstehen können.
Wäre es vielleicht nicht klüger gewesen, man hätte das Geld dafür ausgegeben, die ÖBB-Seiten besser für Blinde zugänglich zu machen? Dann hätte man zum Beispiel eine Programmierung in Auftrag geben können, mit welcher es Sehbehinderten möglich wäre, die Websiten zu besuchen. Die Seiten hätte man dann mit Hilfe einer professionellen Sprecherin vertont (wurde ja bereits für die ÖGS-Videos gemacht) und mit einfachen Tastatur-Shortcuts hätten die Menschen durch die verschiedenen Seiten surfen können.
Oder aber man hätte mit der Firma IHACA zusammengearbeitet, so dass oebb.at besser mit deren Hilfsmitteln zugänglich wäre.
Wie gesagt: Die Tondateien der Sprecherin sind in den Videos enthalten; nur wird es Sehbehinderten unter Umständen schwer fallen, auf den richtigen Link zu klicken…
Fazit:
Die Bemühungen der ÖBB sind sehr zu begrüssen, aber unter Umständen wurde da zu wenig weit gedacht oder das Geld am falschen Ort ausgeben. Nichtsdestotrotz ist die ÖBB in Sachen Barrierefreiheit vorbildlich!

Sara am 06.08.2008 um 14:39
In letzter Zeit fällt mir immer wieder auf, wie hier in der Schweiz zu wenig an behinderte Menschen gedacht wird. Wie kaufen Leute die an den Rollstuhl gebunden sind ein, wenn der Käse im obersten Regal ist. Diese Menschen wollen auch selbstständig sein.
Auch beim Zugfahren finde ich, ist es viel zu wenig rollstuhlgängig. Es gibt die neue S-Bahn da, bei der die Höhe des Zuges und des Gleises gleich hoch ist, die fährt aber nicht in dieser Umgebung…Da fände ich echt noch Verbesserungen notwendig…
Mark am 06.08.2008 um 19:25
Wenn dann das neue Behindertengesetz in Kraft tritt, werden alle Stationen Behindertengerecht, also mit hohem Perron, sein müssen. Da sich aber an vielen kleinen Haltestellen mit sehr wenig Passagieraufkommen neue Perrons nicht lohnen vermute ich mal, dass dann viele solche einfach geschlossen werden, ist viel billiger. Das Gesetz ist wirklich sehr sinnvoll…
Shef am 07.08.2008 um 05:12
In den USA sollten sämtlicher öv behindertenzugänglich sein. Die Busse haben deshalb spezielle Rampen für Rollstühle, und wo die Subway keinen Lift hat, fahren extra Behindertenbusse auf abruf. Die USA haben für das ein eigenes Gesetz. Die Behinderten müssen übrigens ohne fremde Hilfe einsteigen können, deshalb haben auch Niederflurbusse Rampen.
Andreas Kyriacou am 10.08.2008 um 22:35
Gebärdensprache basiert nicht auf geschriebener oder gesprochener Sprache. (Es gibt zwar sehr wohl Gebärden zum ‘Ausbuchstabieren’ von Begriffen, die bilden aber nicht den Kern von gewöhnlichen Dialogen.) Gebärdensprachen haben nicht nur ihren eigenen Wortschatz sondern auch ihre eigene Grammatik. Für jemanden, der zeitlebens taub war, ist das Erlernen von Hochdeutsch (oder einer anderen Schriftsprache) keine einfache Sache, entsprechend gibt es versiertere und weniger versierte Leser unter den Gebärdensprechenden.
Die Synchronfassung einer Website in Gebärdensprache ist mit Sicherheit für viele Gehörlose eine willkommene Hilfe - besonders wenn sie voller Jargon ist, wie die verlinkte ÖBB-Seite.