Mehr Züge dank moderner Software

In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erschien ein Beitrag, der sich mit den Kapazitätsproblemen der Schweizer Eisenbahnen befasst. Laut NZZ ist es möglich, “die Kapazität durch gezielte Optimierungen mittels Elektronik beträchtlich [zu] erhöhen”.
Als Beispiel wird der Lötschberg-Basistunnel genannt:
Schlüssel dafür, dass vor diesem Flaschenhals keine Staus entstehen, ist das Leitsystem AF, das ausgehend von einer fortlaufenden Analyse der Betriebslage absehbare Konflikte an Schnittstellen entschärft, indem es die Lokomotivführer betroffener Züge zu Beschleunigung bzw. Verlangsamung anhält.
Durch diese Massnahmen können bis zu 20 Prozent mehr Züge durch den Tunnel geschleust werden.
Die SBB versucht ähnliches unter dem Titel “Puls 90″. Mit diesem Programm soll es möglich sein, die Zuggeschwindigkeiten so zu steuern, dass sich die einzelnen Züge möglichst wenig in die Quere kommen. Das Programm generiert basierend auf dem eigentlichen Fahrplan und auf dem Standort und der etwaigen Verspätung der Züge einen optimierten “Ist-Fahrplan”.
Durch gezielte Beschleunigung und Verlangsamung der Züge soll der Verkehr flüssiger und der Stromverbrauch gesenkt werden. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass die SBB damit ihren Kunden vermutlich früher und genauer sagen kann, welche Anschlusszüge die Verspätung abwarten.
Zum Artikel der Neuen Zürcher Zeitung: Mehr Software, nicht nur Heavy Metal…

christoph am 05.08.2008 um 16:32
der Artikel mag ja gut und recht sein… ich arbeite in einem Fernsteuerzentrum der SBB und muss beinahe täglich die Auswirkungen einer kleinen Betriebsstörung (Isolierstörung, Achszählerstörung) miterleben. Auf gewissen Strecken ist der Verkehr Heute bereits so dicht dass aufgrund einer solch banalen Störungen die ersten S-Bahnen gewendet und ein Busersatz aufgeboten werden muss. Möchte mir nicht ausmahlen was eine Störung auf einem Netz in welches man nch mehr Züge zu pumpen versucht verursachen würde.
Michael am 05.08.2008 um 17:18
Was der Artikel beschreibt praktiziert die SBB schon an nicht wenigen Orten. Vorallem auf der Ost-West und der Nord-Süd Achse. Die numerischen Signale können im Gegensatz zu konventionellen Signalen, welche nur 4 Geschwindigkeiten Signalisieren können, einige Geschwindigkeiten mehr. Vom Stromverbrauch und dem Verschleiss der Bremsen her ist es für die SBB zusätzlich sehr interessant die Züge nicht anhalten zu lassen. Lieber etwas langsamer fahren und dann nicht vor einem roten Signal stehen. Diese Entwicklung benötigt aber neuere Stellwerke und einen sehr gut ausgetüftelten Fahrplan. Da Relaisstellwerke schneller sind als die elektronischen, könnte es aber schwierig werden bei Bahnhöfen mit sehr hohem Verkehrsaufkommen eine optimale Lösung zu finden.
christoph am 05.08.2008 um 18:24
mit den nummerischen Signalen kann ich dir voll und ganz zustimmen, aber weshalb sollten relais stellwerke schneller sein? Ich habe bei meiner Arbeit eher das gefühl das eStw schneller sind, der Unterschied liegt jedoch im Sekundenbereich
Michael am 05.08.2008 um 19:29
Die Relaisstellwerke können die Fahrstrassen viel schneller einlaufen lassen, da die benötigten Relais alle auf einmal ziehen können. Ein elektronisches Stellwerk muss zuerst einmal alle benötigten Zustände abfragen und gibt die Befehle dann aus. Ok, ich muss noch erwähnen dass die neusten elektronischen Stellwerke bei kleinen und mittleren Bahnhöfen wohl in etwa gleichschnell sind. Bei Bahnhöfen mit vielen Durchfahrten z.B Zürich Oerlikon sind die Datenmengen und verschiedenen Möglichkeiten aber so gross das ein Relaisstellwerk einiges schneller ist. Dafür sind diese Stellwerke aber auch grösser, halten dafür aber auch mehr als doppelt so lange wie ein elektronsiches Stellwerk.
Elektronische Stellwerke sind dafür komfortabler da man sie beim Fahrdienst einfacher und vielseitiger programmieren kann.
Ein Relaisstellwerk à la Domino 96 lässt ein Elektra 1 oder 2 oder ein Simis C Stellwerk bei der Geschwindigkeit alt aussehen. Wies mit dem neuen Simis W aussieht weiss ich nicht.
Michael am 05.08.2008 um 19:31
Da hat sich oben noch ein Fehler eingeschlichen, natürlich sollte es Domino 67 bzw 69 und nicht 96 heissen.
Adrian am 05.08.2008 um 22:09
Dabei muss noch im Moment berücksichtig werden, dass die Technologie der ESTW nicht mit den neusten Superprozessoren arbeitet. Die Geschwindigkeit ist also nur noch eine Frage der Zeit bis die Entwicklung auch hier nachgezogen hat.
Der Vorteil bei den numerischen Signalen ist primär auch der kürzere Blockabstand, was eine dichtere Zugfolge erlaubt, bzw dieser Vorteil wird vor allem bei dieser Signalart richtig genutzt. Mir ist aber aufgefallen, dass Stellwerke auch heutzutage nicht grundsätzlich nach Reihe N umgebaut werden. Es würde mich nicht wundern, wenn mit der DML die Einfahrt Oerlikon nach wie vor mit den bestehenden Signalen versehen wird.
Die Tendenz die sich abzeichnen wird, ist eher, dass dem Lokführer direkt die Information übermittelt wird, wo die Möglichkeit besteht, dass dieser nicht zu stark aufläuft. Andererseits wiederspricht sich dies dann, an Stellen wenn der Zug dann zu lange eine Fahrstrasse blockiert und die nachfolgenden Züge nicht einfädeln können, oder die Fahrstrasse überqueren müssten.
Im SER 7/08 ist ja indirekt im Artikel für das Energiesparen auch auf die möglichen Optimierungen hingewiesen worden. Wenn ein Zug nicht zu stark abbremsen muss, oder optimaler Bremsen kann, dass dann natürlich Energie gespart werden kann. Der Lokführer braucht aber eine Hilfe, ob er nun etwas langsamer fahren kann, da dieser andauernd auf den vorlaufenden Zug aufläuft, oder das Tempo behalten kann.
ein LF am 05.08.2008 um 23:22
Mit PIK FARE (Pünktlichkeit im Kernnetz, Fartenregelung) wurde doch in letzter Zeit in diese Richtung Tests gemacht?! Die Information über die Geschwindigkeit wird dem Lf direkt in den Führerstand übermittelt.
Dies verringert nicht nur den Materialverschleiss und den Stromverbrauch, sondern wirkt sich auch positiv auf die Sicherheit im Betrieb aus. “Warnung” und “Halt” zeigende Signale sind ja immer eine gewisse Gefahr. Je weniger “Warnung” und “Halt” ich sehe, desto sicherer und entspannter wird meine Fahrt!
Gumbo am 06.08.2008 um 09:09
Schade, dass mit den vielen zusätzlichen Bahnfahrten und -fahrern nicht gleichzeitig weniger Benzin verpufft wird in diesem Land. Das wäre dann gleichzeitig ein Bonus für die Umwelt.
Andreas Hobi am 06.08.2008 um 14:01
Es ist in allen westlichen Ländern so, dass die Mobilität als Ganzes zunimmt. (Und auch in immer mehr Entwicklungsländern sehen wir diese Tendenz.)
Für die SBB eigentlich eine tolle Sache, nur stösst sie damit irgendwann an ihre Kapazitätsgrenzen.