SBB-Präsident: Arroganz pur?
Wie der Sonntagspresse zu entnehmen war, kam es letzte Woche in der Westschweiz zu folgendem Ereignis:
SBB-Verwaltungsratspräsident Thierry Lalive d’Epinay stieg ohne sein Erstklass-GA* in den Zug ein und wurde prompt kontrolliert. Mit Ach und Krach versuchte er zu verhindern, ein Billett kaufen zu müssen.
“Je suis le président de CFF!”, drohte er dem Kondukteur. Doch der erwiderte nur: “Tut mir leid, ich kenne Sie nicht.”
Mal vorausgesetzt, diese Geschichte habe sich tatsächlich so wie beschrieben abgespielt: Auf mich wirkt ein Verhalten, wie es Lalive d’Epinay hier an den Tag gelegt haben soll, extrem arrogant.
Aber vielleicht hat es der VR-Präsi gar nicht so böse gemeint. Ehrlich gesagt kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass “unser” VR-Präsident gegenüber “seinen” Mitarbeitern so auftritt. Doch es ist nun mal eine Tatsache, dass die Geschichte genau so in den Zeitungen steht.
Nachdem die Story im Sonntagsblick und in anderen Blättern zu lesen war, wurde unter den Kondukteuren eifrig darüber diskutiert, wie wir in solchen Fällen (Chefetage ohne Billett) vorgehen würden.
Ich bin bekannt für meine klare Linie und im oben geschilderten Fall würde das so aussehen:
Ich würde Lalive d’Epinay mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erkennen. Dies trifft auch auf Andreas Meyer, sowie Blumenthal (Personenverkehr) und Perrin (Cargo) zu. Mehr Mühe hätte ich mit Hess (Infrastruktur) und Schlegel (Immobilien).
Mal angenommen, Lalive d’Epinay sitzt im Zug und hat sein GA schon wieder vergessen. Natürlich muss er bei mir kein Billett nachlösen, da ich ihn erkenne. Aber er muss tun, was alle seine GA-Kunden auch tun müssen, wenn diese ihr GA vergessen: Er zahlt für das vergessene Abo eine Gebühr von CHF 5.-. Wieso sollten für ihn andere Regeln gelten als für die SBB-Kunden und die SBB-Mitarbeiter? Denn auch die Bähnler müssen bezahlen, wenn diese ihren Personalausweis zu Hause liegen lassen.
Doch zurück zu der Geschichte von letzter Woche: Ich frage mich, wieso Lalive d’Epinay sich so Mühe gab, kein Billett bezahlen zu müssen… Denn leisten sollte er es sich doch können, bei einem Lohn von CHF 283′000 für ein 60%-Pensum.
Und falls die Kosten für das Billett seine finanziellen Möglichkeiten wider Erwarten überschreiten sollten: Er ist Stiftungsrat bei der “Stiftung Hoffnung für Menschen in Not”. Ich bin mir sicher, dass diese Stiftung auch ihm aus seiner Not geholfen hätte. :)
* Im Artikel wurde der Einfachkeit halber geschrieben, dass SBB-Mitarbeiter im Besitze eines “GA” sind. Dies stimmt so nur ungefähr. Richtig ist: Die SBB-Mitarbeiter erhalten ein Abo, welches sich “FVP” nennt, dem GA jedoch gleicht. Da dieser Begriff jedoch einige meiner Leser verwirren könnte, werde ich hier im Blog weiterhin von “GA” sprechen.

Tinu am 16.07.2008 um 14:56
Ach so, der Blick hat berichtet… Ja, wir sind eindeutig in der Saure Gurken Zeit angekommen.
Andreas Hobi am 16.07.2008 um 15:03
Unter anderem der Blick. Auch SonntagsZeitung und andere Blätter haben berichtet.
Tinu am 16.07.2008 um 15:33
Um so Schlimmer.
Sandra-Lia am 16.07.2008 um 17:02
Der ist ja sowas von arrogant. ich schreib dem seiner Stiftung mal nen Brief, sie sollen ihn bitte besser unterstützen.
Titus am 16.07.2008 um 17:33
Andreas, eine Nach-Frage: Wozu dient der Fünf-Franken-Zuschlag und was geschieht dann weiter? Oder anders gefragt: Kann jeder in den Zug sitzen, sagen, er hätte sein GA vergessen und zahlt dann nur fünf Franken? (oder gibt’s da eine telefonsische Personalien-Abklärung und man zahlt die fünf Franken für diesen Abklärungsaufwand)?
Fredy Rom am 16.07.2008 um 18:14
Ich habe diese merkwürdige Geschichte in der Sonntagspresse auch gesehen.Folgende Fragen drängen sich auf: 1. Wie und warum kommt so eine private Geschichte in die Sonntagspresse? Hat der SBB Präsident nicht ein Recht auf eine Privatsphäre ?
Offenbar wurde diese “Nachricht” absichtlich gestreut. Ausserdem ist die Geschichte äusserst undglaubwürdig. Jeder Kondukteur kann ja bekanntlich mit seinem Billetkomputer online feststellen, dass ob ein Fahrgast ein gültiges GA besitzt oder nicht.In diesem Fall wurde dies offenbar nicht gemaht. Ausserdem wäre es auch keine Staatsaffäre gewesen wenn man dem SBB Präsident die CHF 5.- erlassen hätte.
Tinu am 16.07.2008 um 18:24
Zur Zeit sind private Geschichten in der Schweizer Medienwelt total in Mode - in der Saure Gurken Zeit sollen solche Geschichten sogar zu Staataffären hochgeschaukelt werden.
Andreas Hobi am 16.07.2008 um 18:27
@ Titus:
Ja genau, wir überprüfen, ob wirklich ein GA für diese Person vorhanden ist und erheben dafür die Gebühr von fünf Franken.
@ Fredy Rom:
Ja richtig, wir können dies bei GA-Kunden überprüfen. Die Mitarbeiter-Abos der Bähnler jedoch sind (aus welchen Gründen auch immmer) nicht im System. Deshalb müssen wir dort die Personalien aufschreiben und der Mitarbeiter muss auf den beiden Belegen, die dann ausgedruckt werden, unterschreiben. Ein Beleg wird von uns eingeschickt, mit dem anderen Beleg geht der Mitarbeiter am Bahnschalter vorbei und weist ihn zusammen mit dem Abo vor.
Andreas Hobi am 16.07.2008 um 18:31
@ Tinu:
Die Nachfrage regelt den Markt und nicht umgekehrt. :)
Würden die Leser solche Geschichten nicht wollen, würden die Zeitungen sie auch nicht schreiben. Es ist also jedem Leser selbst überlassen, welche Zeitung er kauft und welche Art von Journalismus er damit unterstützt.
Boulevard, Skandale, Morde und Sex. Dies sind Dinge, die viele Leute interessieren. Man kann dies gut finden oder auch nicht, es ändert aber nichts daran, dass nach solchen Geschichten (nicht nur im Sommerloch) eine grosse Nachfrage besteht.
Tinu am 16.07.2008 um 18:35
Wenn es nur die Zeitungen wären? Die Online Medien sind auch überfüllt mit dem Zeugs, nicht zu letzt auch die Blogsphäre. Mit dem Argument “Markt” kann man alles “erklären” - das reicht mir nicht. Irgendwo müsste es auch noch ein Ethik in der Medienwelt geben. Aber die scheint verloren zu sein. Heute gehts kaum mehr um Information, sondern um reinen Kampagnen-Journalismus - aus einem Floh einen Elephanten zu machen und die Optik auf die wirklich wichtigen Dinge total zu vernebeln.
Titus am 16.07.2008 um 18:42
Hmmm… das heisst, Du klärst dann etwas ab, von dem Du z. B. im Falle von Andreas Meyer weisst, dass er ein GA haben MUSS und verlangst dann fünf Franken?
Versteh’ mich nicht falsch: Ich gehöre auch zu den ersten, die Ungleichbehandlungen zwischen Teppich- und niederen Etagen verurteilt. Aber wenn man weiss, wer der andere ist…
Andreas Hobi am 16.07.2008 um 19:17
Nein, wenn ich die Person kenne, muss ich ja nichts abklären. Doch für ein vergessenes Abo zahlt man grundsätzlich immer die fünf Franken.
Ansonsten kann man die Vorschriften gleich in den Abfalleimer werfen und nur noch nach Gutdünken arbeiten: Diese junge Dame um die 20 Jahre gefällt mir, die lasse ich heute mal gratis fahren, der alte Mann dort drüben, der soll ruhig noch ein bisschen draufzahlen und dort im nächsten Wagen sitzt mein Kollege, der hat zwar nur ein Billett für die zweite Klasse, aber weil wir uns so gut verstehen, darf er heute in die Erste Klasse sitzen, kein Problem, und dieser Herr hier müsste eigentlich 15 Franken für ein Billett zahlen, er gibt aber nur 7 dafür verlangt er keine Quittung…
Soweit darf es nicht kommen. Deshalb bin ich dafür, dass wir uns an die Vorschriften halten.
pattex am 16.07.2008 um 22:37
Ich gehöre auch zu den “Hardcore” Pendlern.Auch mir passierte es,dass ich das ganze Portemonaie im Übergewand vergass.Prommt kam der Stich um zu kontrollieren. Eine kurze Erklährung zur Sachlage und es war erledigt.Konnte daher auch keine 5 Franken berappen. Ich bin auch Überzeugt,dass es auf den Umgangston ankommt wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen.Hätte auch am anderen Tag das GA am Bahnhof gezeigt und die fünf Franken gezahlt.Es wäre mir schlicht peinlich wegen so einer Bagatelle in die Zeitung zu kommen.
Shef am 16.07.2008 um 23:58
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen FVP und dem GA? Ich meine den Gültigkeitsbereich. Hab mal gehöhrt, dass das FVP in mehr Bergbahnen gültig ist, stimmt das?
Titus am 17.07.2008 um 01:24
@ Andreas
Klar, alles OK. Natürlich darf es keine parteiische Handhabung geben, wir möchten ja schliesslich alle gleich behandelt werden.
@ Tinu/Andreas
Die Reaktion von Andreas’ Kollegen finde ich absolut OK und umgekehrt die Aussage von Lalive d’Epiney etwas naiv: Wenn ihn der Kontrolleur schon nicht erkennt, braucht er keine weiteren Erklärungen abzugeben. Genauso gut hätte er sagen können, er wäre der König von Spanien… Es hat in dem Falle schon etwas Überhebliches.
Die Rolle der Medien ist eine andere Frage. Es wird wohl täglich irgendwo eine öffentliche bekannte Person “ins Netz gehen” und trotzdem hört man nichts davon.
Irgendwo habe ich einmal den Satz aufgeschnappt: “…und keiner fragt den Leser, was er eigentlich lesen will.” Im Gegensatz zu den Online-Medien kann man bei den “alten” Medien eben nicht permanent messen, wer was und wie lange liest. Folgedessen weiss man auch nicht, ob am nächsten Tag überhaupt noch jemand die Geschichte X oder Y weiterliest…
Andreas Hobi am 17.07.2008 um 06:00
@ Shef:
Ja die Gültigkeiten sind leicht unterschiedlich. Zusammen mit dem FVP erhältst Du ein Booklet, in welchem genau aufgeführt ist, wo das Abo gültig ist und wo nicht.
Tinu am 17.07.2008 um 08:15
Man könnte die Geschichte ganz gut auch in die Tendenz des aufkommenden Feudalismus einordnen: Wenn die “Herren da oben” mit ihren grossen Löhnen Fehler machen, will der Plebs das natürlich wissen - so sehen sich die Medien verpflichtet, diesem Ansinnen gebührend Rechnung zu tragen.
Honigbaerli am 17.07.2008 um 12:25
mal grundsätzlich: als chef hat man vorbildfunktion!
und ich finde das gut das uns die presse das meldet wenn wieder mal ein geldsack meint nur weil er chef sei gelten für ihn die vorschriften nicht.
wird ja sonst schon bei den chefs mit anderen ellen gemessen..z.b. herr ospel darf geld vernichten und wird für verantwortung bezahlt muss aber die verantwortung dann doch nicht übernehmen!!