Euro08: Wie die SBB hunderttausende Fans lenkt
SBB June 24th. 2008, 14:11© Foto SBB

Ich weiss, dass sehr viele meiner Leser gerne einen Blick hinter die Kulissen der SBB werfen. Diese Möglichkeit bieten diverse Medien immer wieder, so auch letzte Woche der Tages-Anzeiger.
Andreas Valda besuchte für den Tagi das Operation Center Personenverkehr (OCP) in Bern und durfte live miterleben, wie hektisch es dort zu und her geht.
Wir Zugbegleiter kennen das OCP nur “von der anderen Seite”; es ist unsere Ansprechstelle für Auskünfte oder Meldungen von Schäden am Rollmaterial. Ausserdem schickt uns das OCP jeweils ein SMS, wenn irgendwo in der Schweiz eine Betriebsstörung ist, wenn schweizweit das Computersystem für die Billettautomaten zusammengebrochen ist und wir die Billette im Zug ohne 5-Franken-Zuschlag verkaufen sollen oder wenn sonst etwas wichtiges geschieht.
Deshalb war es auch für mich interessant zu sehen, wie es im “Hirn der SBB” zu und her geht.
Und der Tagi-Artikel beginnt auch gleich schon spannend: Es ist 17:00 Uhr und eine Streikwarnung der Pariser Fluglotsen trifft ein. Es besteht die Gefahr, dass 1,200 französische Fans nicht in ihre Heimat fliegen können und in Zürich stranden. Schnell wird geprüft, ob man den Nacht-TGV doppelt führen kann, um so die Franzosen doch noch ins Hexagon zu schicken. Nun muss geklärt werden, ob die Komposition vorhanden ist und ob man überhaupt einen Lokführer und Zugbegleiter findet.
Um 18:15 schliesslich wird die Betriebslage angeschaut. Wie läuft es in den Host Cities? Sind viele Fans unterwegs? In Liestal hat ein Lokführer vergessen zu halten? Man stellt fest, dass alles rund läuft und die Züge kaum an ihre Kapazitätsgrenzen stossen. Die Rush Hour neigt sich nun dem Ende zu.
Danach zeigt Andreas Valda in seinem Artikel auf, wie rasch die SBB einen Cisalpino wieder zu fahren bringt, bei welchem in Lausanne ein Puffer gerissen ist. Blitzschnell wurde eine Rangierlok organisiert, mit der man den defekten Wagen aus dem Zug nahm. Mit nur 15 Minuten Verspätung konnte der Cisalpino die Fahrt fortführen.
Kurz vor 20 Uhr wird dann noch ein Ersatzzug für den Eurocity Brüssel - Chur organisiert. Der Zug ist rund eine halbe Stunde verspätet, weshalb eine Extrakomposition für das Churer Zugpersonal und die Fahrgäste bereit gestellt wird. So, wie es schon öfters geschehen ist beim “Brüsseler”. Auch ich war schon ein paar Mal davon betroffen. Bisher hat die Sache mit dem Ersatzzug immer ganz gut geklappt.
21:15 Uhr, das Spiel zwischen Rumänien und Italien endete unentschieden. Weder die Rumänen noch die Italiener werden gross feiern und so treten sie die Rückreise rasch und vorallem gleichzeitig an. Deshalb kommt auch gleich die Meldung aus Zürich: “S-Bahn zu 80 Prozent ausgelastet.”
Rund zwei Stunden später gewinnt Holland gegen Frankreich mit 4-1. Die holländische Speakerin macht sich im OCP bereit für die Ansagen in den Extrazügen.
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June 25th, 2008 at 08:55
Der Extrazug von Basel (Abfahrt 23.36) nach Zürich - St. Gallen war nach dem Spiel Schweiz - Portugal zu 250% ausgelastet. Ich stand in einem übervollen 1. Klasswagen bis Zürich, dort stiegen dann viele aus, so dass danach nur noch sämtliche Sitzplätze besetzt waren. Ich habe etwas Zweifel, ob alle, die in diesem Wagen sassen, auch wirklich ein entsprechendes Billet besassen, doch mein Problem ist das nicht und es kontrollierte auch niemand. Dafür fuhr die Railbar durch den Zug. Sie verkaufte nur Bier, so dass ein Mann nichts für seinen kleinen Sohn kaufen konnte.
Etwas schwach fand ich, dass die SBB unmittelbar nach dem Spiel nur ein einstöckiger (!) Extrazug nach Zürich fahren liess und auch keine direkt vom Stadion. So gab es im Bahnhof SBB getränge, wie ich es noch fast nie sah. Richtung Luzern fuhr immerhin ein Doppelstockzug.
Ich stand am Perron, als der Zug in den Bahnhof gefahren wurde, doch trotzdem fand ich keinen Sitzplatz mehr. Ich erinnerte mich, dass ein zweiter Zug ohne Halt bis Zürich am 10 vor 12 fahren wird. Doch dieser Zug fand ich nirgends, so ging ich zum übervollen, ersten Zug zurück und fand eine kleine Lücke im Getränge eines 1. Klasswagens am Zugsanfang.
Da man wirklich noch froh sein musste, um einen Stehplatz ergattern zu können, waren viele unzufrieden und überlegten, wo man das nächste Mal das Auto in sicherer Entfernung zum Stadion parkieren könnte.
Fazit: Das Konzept mit dem stündlichen Extrazug nach dem Spiel geht sicher auf, so lange es keinen Schweizermatch ist und nicht ein grosser Teil der Fans unmittelbar nach dem Spiel in eine andere Stadt möchten. Doch wenn über 10′000 Fans auf einmal Zugfahren wollen, dann sind die Züge hoffnungslos überlastet.
June 25th, 2008 at 15:05
Das Problem besteht vor allem darin, dass kaum jemand warten möchte und alle sich auf den erstbesten Zug drängen. Wie Du richtig sagst:
Wer ein Spiel besucht, sollte nach dem Match genügend Zeit einplanen, so dass er nicht unmittelbar zurück reisen muss.
In den Zügen von den Spielorten in andere Schweizer Städte hätte es insgesamt genügend Plätze für alle, jedoch reichen die Plätze von einem oder zwei Zügen nicht für alle Zuschauer.
Dass die Züge nicht direkt von den Stadien fahren, ist aus Sicherheitsgründen bewusst so geplant. Egal ob Du in Zürich, Basel oder in einer anderen Stadt einen Match besuchst, Du wirst immer zuerst in die Hauptbahnhöfe gehen müssen, um zum Zug zu kommen. Vereinzelt gibt es jedoch Shuttlezüge zwischen Stadion und Hauptbahnhof.
Ich denke, genau so voll wie die ersten Züge, waren auch die Parkplätze im grösseren Umkreis rund um die Stadien. Ob es wirklich so sinnvoll ist, mit dem Auto anzureisen, wage ich zu bezweifeln. Um Erfahrungsberichte bin ich immer dankbar! :)
June 26th, 2008 at 09:28
Timon
Wenn du für die SBB ein Rezept hast, wie man auf ohnehin ausgelasteter Infrastruktur und voll im Einsatz stehenden Rollmaterial NOCH mehr Extrazüge zu den vom Publikum gewünschten Zeiten und ohne Stehplätze organisieren kann, dann teile dies der Bahn umgehend mit. Ich wäre gespannt, wie dies gehen sollte. Und wo die plötzlich noch mehr Doppelstockzüge finden sollten, die den Rest des Jahres ungenutzt herumstehen müssen.
Ich würde sagen, am “Getränge” war das Tschuttifest und nicht die Bahn schuld.
June 26th, 2008 at 11:36
@gumbo
mir ist schon klar, dass selbst die SBB nicht zaubern kann… Ich wunderte mich zuerst aber recht, warum ausgerechnet für Luzern ein IC2000 bereit stand. Den zuerst wollten alle in den zürcher Zug, der am gleichen Perron stand. Als dann aber die Züge abfuhren, war auch der luzerner Zug mit Stehplätzen voll.
Zur ausgelasteten Infrastruktur: Nachts wird die Bözbergstrecke vor allem mit Güterzüge befahren. Und von mir aus könnte man Richtung Ostschweiz auch über Laufenburg -Eglisau - Bülach fahren…
@ Andreas: die meisten im Zug mussten, so weit ich das vernahm, am nächsten Tag auch mal arbeiten gehen
June 27th, 2008 at 09:03
.
Naja, es ist doch so: Wenn ich am nächsten Tag arbeite, dann muss ich unter Umständen auf die eine oder andere Aktivität, auf den Ausgang oder auf den späten Kinobesuch verzichten. Man kann nicht immer alles haben, auch wenn viele Schweizer “dä Füüfer und z’Weggli” wollen.
Die SBB kann nun wirklich beim besten Willen nichts dafür, dass einige am nächsten Tag arbeiten müssen. :)
Wie schon gesagt: Bei einem solchen Grossanlass kann man nicht damit rechnen, dass man gleich 30 Minuten nach Ende der Veranstaltung in einem Zug sitzt.
Und auch mit dem Auto fährt man da nicht besser. Der Rückstau im Bereich der Stadien und Autobahn-Einfahrten hat mit Sicherheit auch eine Weile gedauert.