Euro08: Tag 1 | Bombenalarm in Luzern

Seit gestern läuft die Euro08 in der Schweiz und Österreich. Dass ich als Zugbegleiter ganz nah dran bin am Geschehen ist Grund genug, (wenn möglich) täglich hier auf schweizweit.net über meine Euro08-Erlebnisse zu berichten. Heute folgt die Zusammenfassung des gestrigen Tages. Sämtliche Artikel dieser Euro08-Serie sind unter folgendem Link abrufbar: http://schweizweit.net/euro08/
So, ein intensiver erster Euro-Arbeitstag liegt hinter mir und nun freue ich mich auf die zahlreichen kommenden Tage. Der gestrige Tag stand von A bis Z unter dem Thema Euro; angefangen in Chur, wo mir auf meinem Arbeitsweg von der Altstadt zum Bahnhof hunderte von Rotweiss-Fans entgegen liefen, auf dem Weg zur UBS-Arena bis hin zum Schluss, wo ich die letzten Fans nach Hause brachte.
Auffallend am ganzen Tag war die ausserordentlich gute Stimmung unter den Fans. Egal ob Schweizer, Tschechen, Türken oder Portugiesen, jeder verstand sich mit jedem und ich sah auch nach (!) dem Spiel Schweiz - Tschechien noch Fans beider Nationen, welche in den Zügen zusammen sassen, Bier tranken und anscheinend eine “riesen Gaudi” hatten. Wäre toll, wenn dies weiterhin so bleibt.
Ein wenig Hektik kam jedoch schon kurz nach dem Arbeitsbeginn auf, als ich in letzter Minute den Zug wechselte. Das kam so: Eigentlich wäre ich auf jenem Zug als Verstärkung eingeteilt gewesen, welcher Chur um 16:16 Uhr Richtung Zürich verlässt. Auf diesem Zug waren jedoch bereits drei Zugbegleiter, so dass mir der Zugchef vorschlug, doch auf den Intercity zu wechseln, welcher Chur bereits um 16:09 verlässt. Der 16:16-Zug hatte nur wenige Wagen und so machte es wirklich keinen Sinn, wenn wir uns dort zu viert eh immer nur im Weg stehen. Deshalb: Kurzer Sprint zum Intercity (um 16:07.30 Uhr), kurze Nachfrage, ob die Zugchefin einen zusätzlichen Mitarbeiter brauchen könne, aufatmendes Kopfnicken ihrerseits, rein in den Zug. Und schon fuhren wir. Sowas geht natürlich nur, wenn man als Verstärkung (”Dienstfahrt”) eingeteilt ist und die restliche Tour schlussendlich wieder aufgeht.
Die Fahrt verlief ganz ruhig, einziges Manko war, dass wir wegen einer Fahrleitungsstörung in Horgen rund sieben Minuten Verspätung hatten. War jedoch halb so wild, da in Zürich alle Anschlüsse gewährleistet werden konnten. (Trotz Euro-Verkehr!) In Zürich HB staunte ich dann über die unzähligen Info-Leute, welche für die Fahrgäste bereit standen. Da hat sich die SBB echt Mühe gegeben, über fehlende Information wird sich in den nächsten drei Wochen wohl niemand beklagen können.
Ebenfalls auffallend und bereits hier im Blog erwähnt: Das ausserordentlich hohe Sicherheitsdispositiv. Ich hielt mich insgesamt rund 30 Minuten im HB auf (inkl. Pause im Personalrestaurant) und dabei sah ich nebst den vielen Sicherheitsleuten im HB selber auch noch einen Helikopter der Polizei (plus einen mit einer Kamera, vermutlich Fernsehen, Verkehrsüberwachung oder so…), ein Schiff mit Polizisten auf der Limmat, zwei Fahrzeuge der Militärpolizei auf dem SBB-Parkplatz auf Seite Landesmuseum und im Bereich zwischen HB, Landesmuseum und Brücke über die Limmat mehrere Gruppen von Polizisten in den gelben Leuchtwesten. Mal schauen, ob das Sicherheitsdispositiv nur an den Wochenendspieltagen so hoch ist oder auch unter der Woche.
Kurz darauf fuhr ich mit meinem nächsten Zug nach Luzern und zurück, und brachte auf dem Hinweg auch gleich etliche Türken nach Zug, wo sie dann sehr wahrscheinlich in die UBS-Arena gingen. Im Zug waren sie noch frohen Mutes, dass sie das Spiel gewinnen werden… Leider hatten sie dann aber ebenso wenig Glück wie unsere Nati.
In Luzern schliesslich kam rund 10 Minuten vor der Abfahrt ein Herr in heller Aufregung auf mich zu: “Da hat soeben eine Frau einen Koffer in den hintersten Wagen gestellt und ist dann wieder gegangen! Sie schaute aus wie eine aus Sri Lanka! Der Koffer schaut ganz komisch aus!” Ich sagte ihm, dass wir noch drei, vier Minuten warten würden und wenn die Dame bis dahin nicht zurückgekehrt sei, würde ich so handeln, wie es in einem solchen Fall vorgeschrieben sei. (In einem der Info-Büchlein, welches wir im Vorfeld erhalten haben, ist die Vorgehensweise klar definiert.) Doch bereits zwei Minuten später kam die Dame zurück. Sie hat den Zug nur rasch verlassen, um ihre Mehrfahrtenkarte entwerten zu gehen.
Auch wenn ein Anschlag nicht unmöglich ist, darf man meiner Meinung nach nicht schon beim kleinsten Verdacht überreagieren. Am Donnerstag brachte die 3sat-Sendung “nano” einen interessanten Vergleich: Seit 2001 gab es in Europa rund 2,000 Lottomillionäre, in der gleichen Zeit sind 256 Menschen durch einen Anschlag umgekommen. Und jährlich sterben in Europa mehr Menschen durch Naturkatastrophen als durch Anschläge.
Naja, die Fahrt nach Zürich verlief danach ganz ruhig und dann kam auch schon der letzte Zug, auf welchem ich noch arbeiten musste durfte: Der erwähnte Entlastungszug von Zürich HB nach Buchs SG (mit Zwischenhalt in Sargans). Eigentlich hätte es diesen Zug gar nicht gebraucht: Wir hatten Platz für rund 150 Personen (90 Betten, 60 Sitzplätze) und effektiv belegt waren gerade einmal ein Bett und 19 Sitzplätze. Aber natürlich habe ich auch nichts dagegen, wenn ich es mal ein wenig ruhiger angehen kann. :)
Eigentlich ging ich in Buchs davon aus, dass der Tag gelaufen sei und ich ihn erfolgreich hinter mich gebracht habe. Doch man soll sich nie zu früh freuen…!
Mit dem Regio (Thurbo) ging es zuerst von Buchs SG nach Sargans und danach mit einem anderen Regio nach Chur. Es hatte einige Jugendliche im Zug, was an einem Samstagabend nichts ungewöhnliches ist. Diese verhielten sich vorerst auch ganz friedlich. In Landquart stieg eine weitere Gruppe ein. Ich sah zwar noch, dass sie im Wagen vor mir irgendwas “sperriges” einluden, konnte jedoch vorerst nicht erkennen, was es war. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Chur liefen sie an mir vorbei. Ich wunderte mich, wo sie ihr Sperrgut gelassen haben und als sich hinter mir die Übergangstür zum hinteren Wagen schloss, ging ich nach vorne, um nachzuschauen. Zuerst glaubte ich meinen Augen nicht: Da hatten sie doch tatsächlich einen SBB-Ständer (mit Betonsockel, ca. 1.50 Meter hoch) eingeladen, welcher für wichtige betriebliche Informationen vorgesehen war!!! Sofort ging ich zurück, um die junge Gruppe aufzusuchen und zur Rede zu stellen. Natürlich stritten sie alles ab und stellten sich doof. Naja, Beweise im eigentlichen Sinn hatte ich zwar keine in der Hand, aber ich wusste ja schliesslich, was ich gesehen habe. Und abgesehen von dieser Gruppe sassen im hinteren Wagen keine anderen Jugendlichen mehr. “Keine Ahnung, wo deine *Täter* hin sind.”, sagte eine Dame leicht spöttisch. “Wir waren es in jedem Fall nicht.”
Ich verlangte die Fahrausweise, in der Hoffnung, dass jemand ohne Billett fuhr und ich so an die Personalien gelangte. Leider hatten alle ein Gleis 7…
Nun konnte ich nur noch hoffen, dass in Chur eine Patrouille der Bahnpolizei in Sichtweite ist. Dann hätte ich die Personalien der Jugendlichen feststellen lassen können und die ganze Geschichte mit meiner Aussage und der Aussage der Jugendlichen an den Rechtsdienst weitergeleitet. Dummerweise war beim Aussteigen weit und breit keine Bapo zu sehen, so dass ich die Jugendlichen wohl oder übel springen lassen musste.
Naja, nun habe ich daraus gelernt. Wenn ich das nächste Mal etwas ungewöhnliches beobachte, schaue ich gleich direkt nach. So reicht dann auch die Zeit, um allenfalls entsprechende Telefonate mit der Einsatzzentrale der Bapo zu tätigen und das Empfangskomitee in Chur bereit zu stellen.
Klar, es geht “nur” um einen Metallständer, trotzdem darf man sowas meiner Meinung nach nicht ungestraft lassen. Wer weiss, was sonst noch passiert. Heute laden sie den Metallständer ein, das nächste Mal werfen sie ihn vor den einfahrenden Zug. Besoffene Jugendliche kommen manchmal auf die dümmsten Gedanken. Und solche Gedanken muss man im Keim ersticken.
Bild © Schweizer Fernsehen SF / Dieter Seeger

Michi am 08.06.2008 um 11:49
Wie schön dass es so gut abgelaufen ist. Hier im Nordosten habe ich ebenfalls nichts schlechtes gehört. Allerdings ist man hier auch ziemlich weit weg vom Rummel der Euro. Störungen bei den Stellwerken gabs hier auch keine und so konnte ich mir in Ruhe das Spiel im TV angucken.
Alexander Müller am 08.06.2008 um 13:04
Ihr Beispiel mit den Lottomillionären hinkt. Lotto wird nämlich regelmässig gespielt. Terroranschläge erfolgen jedoch meist nur an speziellen Orten zu einer speziellen Zeit. Z.B. an Orten, an denen sich z.B. wegen einem Fest Menschenmassen sammeln.
Hoffen wir, das nichts passiert. Allerdings ist mir jemand, der übervorsichtig ist lieber als jemand, der leichtfertig ist und die Probleme auf dieser Welt wegen dem Fussballkommerz verdrängt.
Andreas Hobi | schweizweit.net am 08.06.2008 um 13:12
Ich denke, man sollte weder übervorsichtig noch zu leichtfertig sein. Wozu es führen kann, wenn man sich vom Terrorismus zu sehr einschüchtern lässt, wurde im erwähnten nano-Film sehr gut dokumentiert: In den USA stiegen einige Leute nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vom Flugzeug aufs Auto um, wenn es um mittlere Distanzen ging. Dadurch kam es zu zusätzlichen Unfällen mit bisher über 1,000 Toten. Die “Übervorsicht” hat also zu mehr Toten geführt als die Anschläge selbst.
Eine Zusammenfassung der Dok gibt es unter diesem Link: http://www.3sat.de/nano/bstuecke/66420/index.html