Morgen erscheint das Buch “Führen, Gestalten, Bewegen” des Dalai Lama. Der Dalai Lama (Tenzin Gyatso) ist das religiöse und politische Oberhaupt Tibets und sein neues Buch ist aktueller denn je. Das Buch erscheint zwar erst morgen, aber bereits heute findet ihr einen kleinen Auszug hier auf schweizweit.net.

In diesem Auszug geht es darum, wie der Buddhismus zum Thema Unternehmensgewinn steht. Diese paar Worte des Dalai Lama lege ich nicht nur (aber auch) einigen SBB-Managern ans Herz. Denn ich habe das Gefühl, dass solche Grundsätze je länger je weniger beachtet werden. In vielen Firmen geht es nur noch darum, wie man noch mehr Gewinn macht und noch mehr Kosten einspart. Oftmals geschieht dies zu Lasten des Personals. In anderen Fällen leidet die Umwelt unter dem Gewinnstreben der Manager, weil umweltschonende Produktion teuer ist und weniger Gewinn zulässt.

Hier folgt nun das Zitat aus der Feder des Dalai Lama:

Die buddhistische Tradition nimmt eine eindeutige Haltung zum Gewinn ein. Gewinn ist ein ehrenwertes Ziel, solange er mit ehrlichen Mitteln erreicht wird. Die Aussage, dass die Aufgabe eines Unternehmens darin besteht, Gewinn zu erzielen, ist ungefähr genauso sinnvoll wie die Aussage, dass die Aufgabe eines Menschen darin besteht zu essen oder zu atmen. Wenn ein Unternehmen Verlust macht, stirbt es, genau wie ein Mensch, der nichts mehr isst. Das bedeutet aber nicht, dass der Sinn des Lebens aus Essen besteht.

Ich fände es sinnvoll, wenn Unternehmen ihre Aufgabe als “Gewinnung und Befriedigung von Kunden” definierten und auf dem Weg dorthin verantwortlich handelten, statt sich auf die Maximierung des Aktionärsvermögens zu beschränken. Zu verantwortlichem Handeln gehört auch, einen gesunden Gewinn zu erzielen und zufrieden stellende Zuwächse des Aktionärsvermögens zu erwirtschaften. Wird der Gewinn dagegen zum wichtigsten Ziel, können Verhältnisse entstehen, die zu Gesetzesbruch führen und vielen Menschen unnötiges Leid verursachen.

Natürlich wollen Mitarbeiter nicht für ein Unternehmen arbeiten, das rote Zahlen schreibt, denn dies stellt eine Gefahr für ihre Arbeitsplätze dar. Doch sie wollen für ein Unternehmen arbeiten, auf das sie stolz sein können, ein Unternehmen, das einen guten Ruf als Hersteller von qualitativ hochwertigen und nützlichen Produkten beziehungsweise Dienstleistungen geniesst. Umso wichtiger ist es, die Rolle des Unternehmens in positiver und motivierender Weise zu definieren.

Leider werden diese Grundsätze in je länger je weniger Unternehmen beachtet. Der Gewinn steht über allem.

Was mich auch stört ist, wie viele Unternehmen mit Gewinn und Verlust umgehen. Macht die Firma einen Verlust, werden Mitarbeiter an der Front entlassen, um Kosten einzusparen und im nächsten Jahr aus den roten Zahlen herauszukommen. Macht die Firma jedoch einen Gewinn, ist dies natürlich ausschliesslich der Verdienst der Top-Manager. Diese erhalten saftige Boni, während für die Leute an der Front nichts herausschaut. Klar, die haben ja auch nichts zum Gewinn und zum Erfolg des Unternehmens beigetragen, oder? Schade, dass dieses Denken inzwischen anscheinend auch bei der SBB langsam Einzug hält. Noch ist es nicht ganz so weit, aber der Trend geht in diese Richtung.

Gestern erfuhr ich, dass in unserem Zugpersonal-Depot in Chur einige Leute gekündigt haben. Gleichzeitig schauen sich etliche andere Mitarbeiter nach einer neuen Stelle um. In unserem Depot arbeiten rund 60 Personen, von welchen rund 12 Personen entweder bereits gekündigt haben oder gedenken, dies zu tun. Dies sind 20% der Belegschaft; eine Zahl, welche die Verantwortlichen aufschrecken sollte.

Unbestätigten Quellen zufolge erhält man CHF 2,500.- bar auf die Hand, wenn man der SBB jemanden bringt, der bereit ist bei der Zürcher S-Bahn als Zugbegleiter zu arbeiten. Denn dort ist die Fluktuation noch deutlich höher als bei uns im Fernverkehr. Vielleicht sollte ich ja auch kündigen und mich als Stellenvermittler betätigen. Zwei vermittelte Personen pro Monat würden reichen, um meinen aktuellen Lohn halten zu können. Dies müsste doch zu bewerkstelligen sein. ;)

Nein, Spass beiseite, grundsätzlich gefällt es mir (noch) bei der SBB. Doch ich hatte auch schon mehr Freude an meiner Arbeit als jetzt im Moment. Leider verstehen es gewisse Vorgesetzte sehr gut, ihre Leute zu massregeln und ihnen auch noch das letzte Fünkchen Motivation zu rauben. Schade, denn so bringt man es rasch fertig, dass die Mitarbeiter nur noch “Dienst nach Vorschrift” tun. Und das ist gefährlich.

Vielleicht kriegen sie noch die Kurve. Ich hoffe es. Vielleicht aber werden sie gewisse Fehler erst einsehen, wenn ich bereits in der Privatwirtschaft bin.

Link zum Buch des Dalai Lama:

Führen, gestalten, bewegen: Werte und Weisheit für eine globalisierte Welt

Bild © (cc) Christopher Chan (flickr.com)