..::: Weshalb fahren so viele Touristen in Schweizer Taxis? :::..
Kaum ein anderes Land hat einen so effizienten und gut ausgebauten ÖV wie die Schweiz. (Ich betone es immer wieder gerne. *g*) In kaum einem anderen Land wird so oft Zug, Bus und Schiff gefahren, wie hier.
Die Einheimischen wissen dies (und manche schätzen es auch), doch einigen Touristen ist dies scheinbar noch nicht bekannt. Zwar benutzen sie für weitere Distanzen meistens den Zug (zum Beispiel um von Zürich Flughafen nach Chur zu gelangen), doch innerhalb der Städte fahren sie dann Taxi.
In Chur habe ich dies schon öfters beobachtet. (Doch in anderen Städten wird sich kein wirklich anderes Bild zeigen.) Der Zug kommt an, die Leute steigen aus. Manche gehen auf einen Anschlusszug, manche gehen auf das Postautodeck (wo die Postautos in die Bündner Destinationen abfahren) und manche gehen auf den Bahnhofplatz, wo die Stadtbusse warten. Und dann gibt es noch eben diese Gruppe, die direkt zu den Taxi-Stehplätzen geht. Diese Gruppe scheint zum grössten Teil aus Touristen zu bestehen.
Weshalb verhalten sie sich so? Ganz klar ist auf jeden Fall: Den Touristen kann man keine Schuld geben. Die Ursache liegt woanders.
- Sind die Fahrpläne der Stadtbusse zu kompliziert? (Beispiel siehe unterhalb der Fragen)
- Sind die Stadtbusse zu teuer?
- Dauert die Fahrt mit dem ÖV zu lange?
- Sind die Stadtbusse zu unkomfortabel?
- Ist die gewünschte Destination nicht mit dem ÖV erreichbar?
- Hat das Reisebüro, in welchem die Touristen ihre Schweiz-Ferien gebucht haben, nicht auf den ÖV hingewiesen?
- Hat das Schweizer Hotel seine Gäste nicht auf den hervorragenden ÖV hingewiesen?
Gehen wir die Möglichkeiten doch mal durch:
Sind die Fahrpläne der Stadtbusse zu kompliziert?
Ich denke nicht, dass die Darstellung zu unübersichtlich oder kompliziert ist. Ein Manko haben sie jedoch ganz klar: Es gibt sie nur auf deutsch! Englisch sprechende Touristen werden Mühe haben mit Ausdrücken wie “Fahrweg A siehe rechts”, “Nur bis Postplatz” und “Via Fontanaspital, ohne Berggasse”. In dieser Hinsicht besteht noch Verbesserungspotential.
Sind die Stadtbusse zu teuer?
Ein Einzelbillett für das Stadtnetz (30 Minuten gültig) kostet tagsüber CHF 2.50. Mit diesem Preis können die Taxis nicht mithalten. Eine Tageskarte erhält man für CHF 6.00, auch dies ein fairer Preis. (Das Churer Taxi-Unternehmen Rosamilia (nach eigenen Angaben “Die Nr. 1 in Chur”) verlangt als Grundtaxe CHF 8.00 (inkl. 1.5 km), pro weiterem Kilometer CHF 3.50 und pro Minute Wartezeit wird CHF 1.- berechnet.)
Dauert die Fahrt mit dem ÖV zu lange?
Das Taxi fährt über den direktesten Weg, der Bus nicht. Ausserdem hält der Bus zwischendurch immer mal wieder kurz. Trotzdem denke ich nicht, dass es sich lohnt, wegen den eingesparten Minuten auf das deutlich teurere Taxi auszuweichen. An der Fahrtdauer wird es also auch nicht liegen, dass einzelne Touristen das Taxi bevorzugen.
Sind die Stadtbusse zu unkomfortabel?
Die Churer Busse sind bezüglich Komfort Spitze und liegen meiner Meinung nach über dem Schweizer Durchschnitt. Das Interieur ist in bestem Zustand und modern, Flachbildschirme an der Decke informieren über den nächsten Halt, das Wetter und das aktuelle Kinoprogramm (und nerven mit der immer gleichen Casino Bad Ragaz-Werbung…) und auch die Haltestellen sind in einem guten Zustand. (Vandalismus-Schäden werden rasch beseitigt.)
Ist die gewünsche Destination nicht mit dem ÖV erreichbar?
In Chur gibt es kaum einen Punkt, der nicht in der Nähe einer Bushaltestelle liegt, wie man auf folgendem Bild erkennt:
Die meisten Gebäude sind also innert weniger Minuten zu Fuss von einer Bushaltestelle erreichbar.
Hat das Reisebüro, in welchem die Touristen ihre Schweiz-Ferien gebucht haben, nicht auf den ÖV hingewiesen?
Da ich noch nie im Ausland in einem Reisebüro war, kann ich nicht beurteilen, wie die dort arbeiten. Gehen wir jedoch mal davon aus, der Tourist kommt aus den USA. In den Staaten ist der ÖV vielerorts so gut wie gar nicht vorhanden. Falls man nicht mit dem eigenen Auto unterwegs ist, nimmt man oft das Taxi.
Wenn das Reisebüro seinen Kunden nun nicht darauf hinweist, dass dies in der Schweiz nicht nötig sei, sprich, dass man hier ohne weiteres den ÖV nehmen kann, dann wird er sich vermutlich zumindest zu Beginn gleich verhalten, wie in seinem Heimatland: Er schaut sich bei der Ankunft direkt nach einem Taxistand um.
Es liegt nun an den Schweizer ÖV-Unternehmen und an Schweiz Tourismus, hier anzusetzen und die Reisebüros besser zu informieren. Das Engagement könnte sich durch zusätzliche Billetteinnahmen lohnen.
Und auch wir Zugbegleiter könnten einen Teil dazu beitragen, indem wir in den Endbahnhöfen und in den wichtigsten Unterwegsbahnhöfen die Anschlüsse durchgeben. “Die Stadtbusse verkehren ab dem Bahnhofplatz.” Oder so ähnlich. Einigen Einheimischen wird dies mit Sicherheit nicht gefallen, da sie der Meinung sind, die Durchsagen seien bereits heute zu lang, doch den Touristen wird dies sicherlich eine Hilfe sein. :)
Hat das Schweizer Hotel seine Gäste nicht auf den hervorragenden ÖV hingewiesen?
In vielen, aber noch lange nicht allen Hotels liegen Fahrpläne für den ÖV auf. Auch hier liegt es in den Händen der städtischen Verkehrsbetriebe und der Eisenbahnen, die Hotels mit den Fahrplänen zu versorgen.

Das grösste Problem sehe ich jedoch in einem ganz anderen Bereich: Es ist die Unsicherheit.
Die Touristen befinden sich in einem fremden Land, eventuell in einer fremden Kultur und sie fühlen sich hier im ersten Moment unsicher. Da greift man nur allzu gerne auf Bewährtes zurück. Und das Bewährte ist in diesem Fall das Taxi. Denn dieses kennen sie bereits aus ihrem Heimatland und vorallem wissen sie, “wie es funktioniert”: Man steigt ein, nennt dem Fahrer sein Ziel, dort angekommen bezahlt man und verlässt das Taxi.
Beim Bus ist dies alles ein weniger komplizierter: Muss ich meine Fahrkarte schon vor der Fahrt lösen? Aber bei der Haltestelle hat es ja gar keinen Automaten! Hätte ich irgendwo in der Stadt in ein Büro gehen müssen, um eine Fahrkarte zu kaufen? Aber vielleicht kann ich ja ein Billett beim Chauffeur lösen… Und was, wenn nicht? Wann fährt überhaupt der nächste Bus? Muss ich irgendwo drücken, damit der Bus an meiner Haltestelle hält? Was ist, wenn ich in den falschen Bus steige? Fragen über Fragen…
Wie wäre es also, wenn Schweiz Tourismus die Reisebüros im Ausland mit kleinen “HowTos” ausrüstet, welche erklären, wie der ÖV in der Schweiz funktioniert? Dies könnte dazu beitragen, dass noch mehr Touristen den Schweizer ÖV nutzen und somit die Umwelt schonen.



Oliver am 07.05.2008 um 14:30
Andreas, hast du auch daran gedacht, dass es schwierig sein könnte ein Billett für den Bus zu erwerben? Zumindest in Zürich ist der VBZ/ZVV Automat ein richtiger Knackpunkt, der Chauffeur verkauft keine Billette, das mag in Chur vielleicht anders sein. Zumindest bekommt dann der Tourist im Hotel in Zürich relativ einfach eine Tageskarte zum Stempeln.
Ich finde den regionale öV in Städten, dich ich neu besuche meistens relativ „kompliziert“…..
joerg am 07.05.2008 um 16:04
Hmmm… Busse brauch ich im Ausland in den Ferien auch eher selten, Tram, Metro, Standseil- und Seilbahnen und Schiff, alles kein Problem, aber Busse… Ist immer irgendwie ein zu grosser Aufwand und irgendwie weiss man doch nie so recht welcher bis wohin und dann noch ohne Durchsage der Haltestellen und so… Ich hab mal bei gefühlten 50 Grad im Schatten eine Stundelange betend an der Bushaltestelle auf einen Bus in die richtige Richtung gewartet, ohne Landessprachenkenntnisse und keiner Lingua Franca und KEIN Fahrplan angeschlagen, war das bekommen von Informationen eher schwierig und wirklich von der Haltestelle weg konnte man auch nicht, der Bus konnte ja jederzeit kommen…
Pascal am 07.05.2008 um 18:12
Bezüglich dem tollen “dr Bus vu Chur” (deutsche fragen vielleicht: ‘warum heisst denn der bus “Doktor Bus von Chur”?’) kann ich dir nur recht geben.
Bei Rosamilia kannst du allerdings nicht mal den Kiosk gebrauchen, ebenso die anderen Taxis. Viel zu teuer und unfreundlich.
Lukas am 07.05.2008 um 18:22
Also ich nehme im Ausland (vorallem Deutschland) auch gern das Taxi. Meistens sitze ich schon mehr als 6h im Zug und möchte dann nur noch so schnell wie möglich aufs Schiff. In Deutschland, Österreich, Ungarn… sind die Taxis auch wirklich günstig. Es ist schlichtweg die Bequemlichkeit die ein dazu anspornt.
Wobei auch der Fahrplan und die Sprache haben mich letztes Wochenende in Budapest davon abgehalten mit dem Bus zu fahren. Ich war auf der Buda-Seite (da wo das Palast steht) und wollte nach Pest-Seite (da wo das Parlament steht). Doch Weil der Automat noch Mechanisch zu funktionieren schien, der Fahrplan nur auf ungarisch vorhanden war und ich es nicht riskieren wollte mit einem Ungarischen Kontrolleur/Polizist stress zu kriegen hab ich halt die 15min Fussmarsch auf mich genommen.
In der Schweiz bin ich (soviel ich weiss) nur zwei mal Taxi gefahren.
1. Meine Tante hat ein Taxiunternehmen, und die hat mich mal mitgenommen.
2. Morgens um zwei, bei Schneesturm mit einem grossen Koffer. Vom Bahnhof nach Hause. Doch das kostete 28Fr. Für die gleiche Strecke hätte ich in Deutschland um die 3€uronen bezahlt.
So, das ist die Erklärung warum Touristen öfters Taxis als ÖV nehmen.
Lukas
Sandra-Lia am 07.05.2008 um 21:37
du hast eine These vergessen:
vllt werden die Reisebüros von den Taxen gesponsert, jaaah nichts zu sagen.
Im übrigen, wenn ich mir zb. Solothurn ansehe, wundert mich nicht, das man mit der Taxe fährt. Und ich glaub, so ein Liniennetz ist für alle unübersichtlich, die noch nie da waren. Kann ich grad von mir sagen, da ich grad in Polen war. Und glaub mir, wenn du dich wo nicht auskennst… dann nehme man ein Taxi!
Pascal am 07.05.2008 um 21:40
Und wenn Busfahrpläne usw. im Ausland auf Englisch stünden, würde man die Taxis fast nicht mehr benötigen. Das ist doch voll anti-wirtschaftlich (oder so) ;)
Adrian am 07.05.2008 um 22:24
Es wäre eigentlich schon lange an der Zeit ein Zonennetz Schweiz einzführen. Dann wären mal die Probleme zu den Tickets behoben.
Aber es ist schon auch so, dass Informationen in englischer Sprache sicher hilfreich wären. Wieweit da ein Infoschalter auch noch weiterhelfen würde, wäre sicher noch zu analysieren.
Aber die Taxifahrer an den grösseren Bahnhöfen müssen ja auch etwas verdienen. Am HB reihen sich diese ja massenhaft auf.
John am 07.05.2008 um 23:38
Die Fahrpläne mit Bahn- und Bus/Postauto-Verknüpfungen sind zu wenig transparent für Gelegenheitsreisende wie Touristen, das heisst der SBB-Fahrplan gibt andere Bus-Linien-Nummern an als manche Bus- oder Postautolinienbetreiber in der Anschrift verwenden! Dies führt zu Verwirrung, Suchen und einem Hin-und-Her und schliesslich sitzt man im falschen Bus weil verschiedene Linien am gleichen Ziel enden, nicht aber klar ersichtlich ist welche Route befahren wird. Für Touristen - und selbst für mich als GA-Besitzer - oft eine grosse Herausforderung und Zumutung! Dies fördert das Umsteigen, jedoch zum Taxi!
Honigbaerli am 08.05.2008 um 00:06
wusste ich gar nicht das die touristen in der schweiz so viel taxfahren.
Also ich machs wenn ich reise so, dass ich mich im internet mal schlau mache wie ich an den ort komme, wenn ich nicht ganz an den ort komme mit den öffentlichen mache ich mit den leuten aus das ich am bahnhof abgeholt werde, was vielfach auch angeboten wird!
z.b. in deutschland gibt es an diverse orte hin keine anständige öv verbindung weder mit bus noch mit der Bahn!
Ich finde die reisebüros wären gefordert in der schweiz den touristen mitzuteilen wie sie mit öffentlichen stadtbetrieben fahren und wie sie zu fahrkarten kommen..desweiterem könnte man bei der hotelbuchung oder bei der reisebuchung tageskarten für den öv stadtbetrieb ausgeben!!
das ist meine meinung zum thema!
Michael am 08.05.2008 um 00:37
Persönlich benutze ich eigentlich auch im Ausland den Bus. Irgendwie kann man sich sprachlich immer durchschlagen. Das Problem ist aber, dass das mit Aufwand und jenachdem mit Risikobereitschaft verbunden ist. Ich stand auch schon 20 Minuten in Mallorca am Bahnhof und habe verzweifelt auf den Bus gewartet, der gemäss Fahrplan alle paar Minuten hätte fahren sollen. Den Hinweis, dass der Bus nur unter der Woche fährt - ich war an einem Wochenende dort - fehlte. Abgesehen davon muss man im Ausland oft erstmal mit dem Fahrplan klarkommen. Und leider ist auch nicht überall die Beschilderung zu gebrauchen. Ein Richtungsziel bringt mir nichts, wenn ich nicht weiss, wo der Bus wirklich hinfährt und vorallem über welche Route. Schön sind da Linienfarben. Dumm nur, wenn diese auf der Matrixanzeige nicht zu finden sind. Und wie von anderen schon gesagt, im Ausland ist eine Taxifahrt oft sehr günstig. Fahre ich hier mit dem Bus vom Bahnhof zu mir (eher selten, die 10 Minuten Fussmarsch sind durchaus im Rahmen des Möglichen), so bezahle ich EUR 2,30 und habe dann immer noch 4 Minuten Fussmarsch vor mir (egal welche Haltestelle ich benutze - meine Wohnung liegt ziemlich schön in der Mitte). Das Taxi gibts für unter 5 Euro und ich stehe direkt vor meiner Tür.
Peter am 09.05.2008 um 00:43
Ich fahre auch höchst selten Bus im Ausland. Das hat verschiedene Gründe:
a) Wenn ich endlich an der Destination angekommen bin, möchte ich möglichst schnell ins Hotel. Kann ja sein, dass man beim Einchecken nochmals warten muss (Moskau bis zu eine Stunde !)
b) Mit dem Gepäck will ich nicht sieben Mal hin- und herlaufen bis ich dann endlich die richtige Haltestelle gefunden habe.
c) Ich will möglichst keine Zielscheibe für Taschen- und Trickdiebe sein, also möglichst schnell mit dem Gepäck verschwinden.
Im Ausland gibt es auch ganz andere Ansichten zum Thema ÖV. Ich kann mich an zwei erschöpfte Amerikaner erinnern, die am Sonntagabend in endlich in Kassel eingetroffen sind nachdem sie für eine Strecke von 100 km vier Stunden umhergeirrt sind. Der Grund: ihr Reisebüro hat ihnen nahegelegt statt mit dem ICE von Frankfurt nach Kassel zu fahren einen Flug nach Paderborn zu nehmen und von dort mit dem Mietwagen zu fahren - es könnte ja sein dass am Sonntag keine ICE Züge von Frankfurt nach Kassel fahren!
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