Kondukteure müssen präsent sein

von Andreas Hobi am 21. März 2008 · 10 Kommentare

Bei der SBB, aber auch bei anderen Bahnen im In- und Ausland gibt es je länger je weniger Kontrolleure pro Fahrgast. Während die Anzahl Züge und beförderter Fahrgäste von Jahr zu Jahr steigt, stagniert die Zahl der Kontrolleure oder sie sinkt sogar.

Der deutsche Kriminologe Claudius Ohder (Infos per PDF) sagt in einem Interview mit dem Tagesspiegel, dass dies der falsche Schritt sei:

“Wir brauchen wieder mehr Vertreter der Verkehrsbetriebe in Bahnhöfen, Bussen und Bahnen. Sie müssten klar erkennbar, kompetent und hilfreich sein. Allein deren Präsenz würde bewirken, dass sich selbst potentielle Affekttäter mehr an die Norm halten.”

Ich glaube ihm gerne, wenn er sagt, Überwachungskameras & Co. seien zwar ein gutes Mittel, um Taschendiebe und ähnliche Kleinkriminelle abzuschrecken, doch sie verhindern keine Tätlichkeiten. Denn tätliche Übergriffe werden nicht selten von Jugendlichen ausgeführt und es ist bekannt, dass Jugendliche die Folgen ihrer Tat nicht ganz abschätzen können. Diese Fähigkeit ist erst bei Erwachsenen voll ausgebildet.

So gesehen nützen Kameras zwar bei der Aufklärung der Fälle, sie verhindern sie jedoch nicht.

Ich habe absolut nichts dagegen, dass Bahnhöfe und Züge mit Kameras ausgestattet werden, hoffe jedoch, dass die Anzahl der Mitarbeiter auf den Zügen und in den Bahnhöfen ebenso zunimmt wie momentan die Kameras.

Umfrage

Früher war es kein Problem, jeden einzelnen Fahrgast im Zug zu kontrollieren. Dies bestätigen mir langjährige Kondukteure immer wieder. Heute ist dies oft anders.

Dies ist eine Schätzung von mir, wie viele Prozent der Reisenden ich in einem durchschnittlichen Zug kontrollieren kann:

Rheintalexpress Chur – St. Gallen
Die Fahrzeit zwischen den Stationen beträgt teilweise nur 3-4 Minuten. Oft sind wir auf diesen Zügen alleine unterwegs. Meine Schätzung: Rund 70% der Reisenden werden kontrolliert, die anderen (immerhin etwa ein Drittel) reisen unkontrolliert.

Interregio Chur – Zürich HB (Doppelstock, 8 Wagen, viele Zwischenhalte)
Hier sind wir noch oft zu zweit, der Trend geht aber auch hier in Richtung Alleinbegleitung. In den vier Wagen, welche ich zu kontrollieren habe, überprüfe ich rund 85% der Reisenden.

Intercity Chur – Zürich (Doppelstock, 8 Wagen, wenige Zwischenhalte)
Von den Reisenden, welche nach Sargans noch im Zug sind, werden 100% kontrolliert, da der Zug von Sargans nach Zürich ohne Halt fährt. Hängt am Zug jedoch noch ein sogenanntes “Modul” (=ein paar einstöckige Wagen, ohne Durchgang vom Modul zu den Doppelstock-Wagen), werden die Reisenden in diesem Modul nur zwischen Chur und Sargans kontrolliert, danach bis Zürich nicht mehr.

Um mir ein Bild davon zu schaffen, wie akut die Situation wirklich ist, folgt hier eine kleine Umfrage:

Gerne dürft ihr auch in den Kommentaren von euren Erlebnissen erzählen.


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Chris März 22, 2008 um 10:45

Es kommt – wie du bereits erwähnst – sehr auf Strecke, Zwischenhalte und Tageszeit an. Wobei ich in der letzten Zeit festetellen musste, dass ich schon ausserhalb der Stosszeit Bern-Langenthal (mit Halt in B’dorf, Wynigen und H’Buchsee) gefahren bin und nicht kontrolliert wurde.
Oder auch Olten-Langenthal gab es das schon. Aber gründsätzlich werde ich fast immer kontrolliert.
Ausser in Stosszeiten, da kann es sein, dass der KOndi nicht alles hinbekommt ;)

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Stefan März 22, 2008 um 11:12

Bei mir kam es auch schon vor, dass im EC von Basel nach Zürich kein Zugbegleiter kam, obwohl dieser Zug diese Strecke ohne Halt gefahren ist. Dagegen kommt er im ICE immer, obwohl diese auch 7 Wagen 2. Klasse haben. Beim TGV kam bei mir sogar einer der SNCF. (Vielleicht ist er auch von der SBB, aber auf dem Namenschild stand TGV Lyria).

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Sandra-Lia März 22, 2008 um 12:30

Was mich erstaunt, ist, das man zb. von Basel nach Olten so wie von Olten nach Solothurn so gut wie nie kontrolliert wird. Kann zur Folge haben, das jemand mit einem lange gültigen Auslandticket quasi legal Schwarz fährt…

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Andy März 22, 2008 um 21:14

Zwischen Bern und Thun ist die Chance kontrolliert zu werden deutlich kleiner als 50%. Und dies auch während den Randzeiten.

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Mark März 24, 2008 um 14:07

Letzte Fahrt war Olten – Bern direkt, ich wurde im IC 2000 AD nicht kontrolliert. Aber bei Strecken über 30 Min. dünkt mich, wird man meistens schon kontrolliert. Andererseits ist auch schon zwischen Zürich und Bern nicht kontrolliert worden.
Es hängt halt wohl stark davon ab, ob und wieviele Fahrgäste noch lange Fragen stellen oder Billette im Zug lösen. Ich fände es aber schön, wenn bei langen Strecken ohne Halte, z. B. eben Zürich – Bern, die Kontrolle jeweils in der 1. Klasse beginnen würde, es scheint aber eher Zufall zu sein, manchmal kommt der Kondi schon in Schlieren, manchmal in Olten oder, in letzter Zeit immer öfter, erst kurz vor Bern.
In einem Modul Zürich – Bern habe ich schon Leute reden gehört, die absichtlich schwarz fuhren, “es kommt hier ja kein Kondi vorbei”.

Im TGV Zürich – Basel kam bei mir letztes mal ein SNCF-Kontrolleur der offenbar nicht ganz so gut Deutsch konnte, sodass ich ihm erklären musste was ein Monatsklassenwechsel ist…

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Martin März 25, 2008 um 08:41

Ich fahre jeden Morgen die Strecke Olten-Biel im ICN. Schätzungsweise werde ich höchstens einmal die Woche kontrolliert.

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Andreas Hobi | schweizweit.net März 25, 2008 um 10:46

@ Mark

es scheint aber eher Zufall zu sein, manchmal kommt der Kondi schon in Schlieren, manchmal in Olten

Was mich anbelangt: Ich kontrolliere mit Absicht nicht immer nach dem gleichen System; es kann bei mir also durchaus mal vorkommen, dass ich an einem Tag am Anfang des Zuges mit der Kontrolle beginne, an einem anderen Tag in der Mitte… Mal so, mal anders. Ansonsten “wissen” die Leute plötzlich, wo man sitzen muss, um nicht kontrolliert zu werden und nutzen dies dann entsprechend für sich aus.

In einem Modul Zürich – Bern habe ich schon Leute reden gehört, die absichtlich schwarz fuhren

Uns vom Zugpersonal ist dieses Problem bekannt. Da wir nicht gleichzeitig im (meistens sehr kleinen) Modul und in der (meistens grossen) Stammkomposition sein können, haben wir solches Feedback schon öfters an die zuständigen Stellen weitergeleitet; ohne Erfolg. :-/

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Gumbo März 25, 2008 um 11:15

In der 1. Klasse beginnen wäre wohl eh lukrativ – hier gibt es viele Graufahrer, die darauf spekulieren, den Zuschlag nicht bezahlen zu müssen, weil keine Kontrolle kommt. Dies ist schade, vor allem unfair gegenüber denjenigen, die schon im Voraus für 1. Klasse bezahlt haben.
Gumbo

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Andreas Hobi | schweizweit.net März 25, 2008 um 11:36

Die erste Klasse ist nicht nur in gut besetzten (Pendler-)Zügen sowie bei Messen und Grossanlässen wirklich lukrativer. Zwischen den Spitzenzeiten gibt es in der zweiten Klasse fast “mehr zu holen”. :)

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