Am Montag sind gleich in zwei Tageszeitungen Reportagen über S-Bahn-Zugbegleiter der SBB erschienen: Im Tages-Anzeiger unter “Auf Nachtpatrouille in der Zürcher S-Bahn” und im Blick mit dem Titel “BLICK unterwegs mit der Party-S-Bahn”. Blick hat ausserdem auf seiner Webseite ein Video dieser Zugbegleitung online gestellt. (Links am Ende dieses Artikels.)

Gumbo hat daraufhin in einem Kommentar nach meiner Meinung zu diesen beiden Artikeln gefragt. Insbesondere wollte er wissen, wieso man in einem Fall auf das Bezahlen des Nachtzuschlags bestand, während man im anderen Fall einen Schwarzfahrer springen liess.

Als erstes darf ich feststellen, dass der Blick- und er TA-Reporter miteinander die beiden Kondukteure begleitet haben. (Seit wann arbeiten Ringier und Tamedia zusammen..?)

TA: “Sonntagmorgen um 1.11 Uhr. Die Nacht-S-Bahn SN7 fährt im Hauptbahnhof ab Richtung Bassersdorf. (…) Thomas B. und ein Kollege bilden in dieser Nacht das uniformierte Zugbegleiter-Team.”

Blick: “Zugchef Thomas B. (41) betritt den ersten Doppelstockwagen der Nacht-S-Bahn SN7. (…) Es ist Sonntagmorgen kurz nach 1 Uhr. Der Zug hat den Zürcher Hauptbahnhof eben Richtung Bassersdorf ZH verlassen.”

Erstaunlich, oder? :)

Und es waren nebst den Zugbegleitern nicht nur die beiden Reporter auf dem Zug. Hier das ganze Team:

  • Thomas B. (Zugchef S-Bahn)
  • Andi R. (Zugchef S-Bahn)
  • Stefan Hohler (Journalist TA)
  • Thomas Burla (Fotograf TA)
  • Lukas Füglister (Journalist BLICK)
  • Paolo Foschini (Fotograf BLICK)
  • Parick Caprez (Video-Journalist BLICK)

Ich finde es toll, dass die SBB ihre “Mitarbeiter an der Front” ab und zu von Journalisten begleiten lässt, so dass die Leser auch mal unsere Seite sehen. Normalerweise kennt man den Kondukteur ja nur aus der Kundensicht.

Die Texte in den beiden Zeitungen ähneln sich recht stark. (Kein Wunder, alle haben ja das Gleiche erlebt.) Es geht um betrunkene, angeheiterte Jugendliche, Pöbeleien und tätliche Übergriffe.

Und dann ist da eben dieser von Gumbo angesprochene Nachtzuschlag: Vor der Fahrt auf einer Nacht-S-Bahn (SN) muss man einen Zuschlag von 5 Franken lösen. Dieser Zuschlag ist dann zwölf Stunden lang gültig. Alternativ gibt es auch die Möglichkeit, eine Multikarte mit 6 Nachtzuschlägen zum Preis von CHF 27.- zu kaufen. Inhaber einer zkbnightcard bezahlen keinen Zuschlag.

Im TA wird der Zugbegleiter Thomas B. folgendermassen zitiert: “Beim Nachtzuschlag drücken wir kein Auge zu, wir behandeln alle Fahrgäste gleich.”

Im Blick hingegen lässt sein Kollege jemanden springen, der keinen Zuschlag gelöst hat. “Weshalb?”, mag sich der Blick-Leser nun fragen.

Zuerst hier das Zitat aus dem Blick:

Andi R. erklärt dem jungen Mann bestimmt, er könne im Zug keinen Zuschlag kaufen. Doch der hört nicht zu, wird lauter und lauter. Kontrolleur Andi R. bleibt ruhig. Gelassen wiederholt er seine Botschaft - ein zweites und ein drittes Mal.Schliesslich gibt Andi R. ihm Wechselgeld. [Anmerkung von mir: Der Kunde gab zuvor an, nicht über genügend Kleingeld zu verfügen.] Und lässt ihn in Oerlikon aussteigen - ohne Busse. Der nächste Zug fährt in einer Stunde. Andi R. ist sich sicher: “Das nächste Mal wird er den Zuschlag lösen, bevor er in den Zug steigt.”

Übersetzt heisst das für mich: Andi R. hat den “Fahrgast” in Oerlikon aus dem Zug geschmissen.

Ohne jetzt die Situation bis ins Detail zu kennen, gehe ich davon aus, dass er richtig gehandelt hat. So wie der Fahrgast im Blick beschrieben wurde, hatte er ein gewisses Aggressionspotential und hätte den Nachtzuschlag nicht einfach so ohne weiteres bezahlt.

In solchen Situationen bin ich (und auch die meisten anderen Zugbegleiter) darauf bedacht, den Kunden nicht zu sehr zu provozieren. Selbstschutz geht vor. Und ausserdem entsteht der SBB ein geringerer finanzieller Schaden, wenn ich einen Fahrgast springen lasse als wenn ich eine Woche demoliert im Spital liege.

Der Blick bringt es in seinem Artikel auf den Punkt:

“Im richtigen Moment wissen, wie handeln. Das macht einen guten Kontrolleur aus.”

Niemand lässt einen Schwarzfahrer gerne springen, aber in manchen Situationen ist dies einfach die beste Lösung.

Natürlich wird man zuerst einmal versuchen, die Bahnpolizei beizuziehen, wenn jemand ein überdurchschnittlich hohes Aggressionspotential an den Tag legt. Nur ist dies in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht ganz so leicht, da die Polizisten da sonst schon genügend Arbeit haben.

Klar, auch Rausschmeissen ist nicht immer ganz ungefährlich. Anscheinend hat es in diesem Fall jedoch funktioniert.

Persönlich finde ich es nicht wirklich toll, dass der BLICK diesen Fall publik gemacht hat. Nun denkt sich vielleicht der eine oder andere Blickleser: “Also muss ich nur ein wenig aggressiv auftreten und schon fahre ich gratis.” Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders…