Eine Nacht mit Kondukteuren in der Zürcher S-Bahn
ZVV March 5th. 2008, 14:11Am Montag sind gleich in zwei Tageszeitungen Reportagen über S-Bahn-Zugbegleiter der SBB erschienen: Im Tages-Anzeiger unter “Auf Nachtpatrouille in der Zürcher S-Bahn” und im Blick mit dem Titel “BLICK unterwegs mit der Party-S-Bahn”. Blick hat ausserdem auf seiner Webseite ein Video dieser Zugbegleitung online gestellt. (Links am Ende dieses Artikels.)
Gumbo hat daraufhin in einem Kommentar nach meiner Meinung zu diesen beiden Artikeln gefragt. Insbesondere wollte er wissen, wieso man in einem Fall auf das Bezahlen des Nachtzuschlags bestand, während man im anderen Fall einen Schwarzfahrer springen liess.
Als erstes darf ich feststellen, dass der Blick- und er TA-Reporter miteinander die beiden Kondukteure begleitet haben. (Seit wann arbeiten Ringier und Tamedia zusammen..?)
TA: “Sonntagmorgen um 1.11 Uhr. Die Nacht-S-Bahn SN7 fährt im Hauptbahnhof ab Richtung Bassersdorf. (…) Thomas B. und ein Kollege bilden in dieser Nacht das uniformierte Zugbegleiter-Team.”
Blick: “Zugchef Thomas B. (41) betritt den ersten Doppelstockwagen der Nacht-S-Bahn SN7. (…) Es ist Sonntagmorgen kurz nach 1 Uhr. Der Zug hat den Zürcher Hauptbahnhof eben Richtung Bassersdorf ZH verlassen.”
Erstaunlich, oder? :)
Und es waren nebst den Zugbegleitern nicht nur die beiden Reporter auf dem Zug. Hier das ganze Team:
- Thomas B. (Zugchef S-Bahn)
- Andi R. (Zugchef S-Bahn)
- Stefan Hohler (Journalist TA)
- Thomas Burla (Fotograf TA)
- Lukas Füglister (Journalist BLICK)
- Paolo Foschini (Fotograf BLICK)
- Parick Caprez (Video-Journalist BLICK)
Ich finde es toll, dass die SBB ihre “Mitarbeiter an der Front” ab und zu von Journalisten begleiten lässt, so dass die Leser auch mal unsere Seite sehen. Normalerweise kennt man den Kondukteur ja nur aus der Kundensicht.
Die Texte in den beiden Zeitungen ähneln sich recht stark. (Kein Wunder, alle haben ja das Gleiche erlebt.) Es geht um betrunkene, angeheiterte Jugendliche, Pöbeleien und tätliche Übergriffe.
Und dann ist da eben dieser von Gumbo angesprochene Nachtzuschlag: Vor der Fahrt auf einer Nacht-S-Bahn (SN) muss man einen Zuschlag von 5 Franken lösen. Dieser Zuschlag ist dann zwölf Stunden lang gültig. Alternativ gibt es auch die Möglichkeit, eine Multikarte mit 6 Nachtzuschlägen zum Preis von CHF 27.- zu kaufen. Inhaber einer zkbnightcard bezahlen keinen Zuschlag.
Im TA wird der Zugbegleiter Thomas B. folgendermassen zitiert: “Beim Nachtzuschlag drücken wir kein Auge zu, wir behandeln alle Fahrgäste gleich.”
Im Blick hingegen lässt sein Kollege jemanden springen, der keinen Zuschlag gelöst hat. “Weshalb?”, mag sich der Blick-Leser nun fragen.
Zuerst hier das Zitat aus dem Blick:
Andi R. erklärt dem jungen Mann bestimmt, er könne im Zug keinen Zuschlag kaufen. Doch der hört nicht zu, wird lauter und lauter. Kontrolleur Andi R. bleibt ruhig. Gelassen wiederholt er seine Botschaft - ein zweites und ein drittes Mal.Schliesslich gibt Andi R. ihm Wechselgeld. [Anmerkung von mir: Der Kunde gab zuvor an, nicht über genügend Kleingeld zu verfügen.] Und lässt ihn in Oerlikon aussteigen - ohne Busse. Der nächste Zug fährt in einer Stunde. Andi R. ist sich sicher: “Das nächste Mal wird er den Zuschlag lösen, bevor er in den Zug steigt.”
Übersetzt heisst das für mich: Andi R. hat den “Fahrgast” in Oerlikon aus dem Zug geschmissen.
Ohne jetzt die Situation bis ins Detail zu kennen, gehe ich davon aus, dass er richtig gehandelt hat. So wie der Fahrgast im Blick beschrieben wurde, hatte er ein gewisses Aggressionspotential und hätte den Nachtzuschlag nicht einfach so ohne weiteres bezahlt.
In solchen Situationen bin ich (und auch die meisten anderen Zugbegleiter) darauf bedacht, den Kunden nicht zu sehr zu provozieren. Selbstschutz geht vor. Und ausserdem entsteht der SBB ein geringerer finanzieller Schaden, wenn ich einen Fahrgast springen lasse als wenn ich eine Woche demoliert im Spital liege.
Der Blick bringt es in seinem Artikel auf den Punkt:
“Im richtigen Moment wissen, wie handeln. Das macht einen guten Kontrolleur aus.”
Niemand lässt einen Schwarzfahrer gerne springen, aber in manchen Situationen ist dies einfach die beste Lösung.
Natürlich wird man zuerst einmal versuchen, die Bahnpolizei beizuziehen, wenn jemand ein überdurchschnittlich hohes Aggressionspotential an den Tag legt. Nur ist dies in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht ganz so leicht, da die Polizisten da sonst schon genügend Arbeit haben.
Klar, auch Rausschmeissen ist nicht immer ganz ungefährlich. Anscheinend hat es in diesem Fall jedoch funktioniert.
Persönlich finde ich es nicht wirklich toll, dass der BLICK diesen Fall publik gemacht hat. Nun denkt sich vielleicht der eine oder andere Blickleser: “Also muss ich nur ein wenig aggressiv auftreten und schon fahre ich gratis.” Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders…
- Tages-Anzeiger: “Auf Nachtpatrouille in der Zürcher S-Bahn”
- Blick: “Ihr gehört doch schon lange ins Bett!” (Mit Video)
Gefällt Dir dieser Artikel? Dann werden Dich vielleicht auch andere Berichte interessieren. Hier sind die Top 10 der schweizweit.net-Artikel. Mehr über mich und diesen Blog erfährst Du unter About / Info.
Wurde Dein Interesse geweckt? Dann abonniere den kostenlosen E-Mail-Newsletter und wir schicken Dir zukünftige ähnliche Artikel per Email zu! (Bereits haben sich über 200 Personen eingetragen.)
Alternativ kannst Du auch den RSS-Feed abonnieren.
Mehr Informationen zu den Abonnements...
Ähnliche Artikel:
- Probleme mit der SBB?
- Fledermäuse auf S-Bahn-Zügen: Vampires Are Alive!
- Ein Blick hinter die Kulissen der SBB
- SBB bezahlt für Rütli
- Lesetipp: Blick am Abend | Leserkolumne
- Der geschäftstüchtigste Kondukteur der Schweiz
- Erfolge der Bahn werden unterschätzt
- Nachtnetz Basel / Aargau / Solothurn
- Geht der SBB pünktlich ein Lichtlein auf?
- Was verdient ein Kondukteur?



March 5th, 2008 at 15:26
Ob der Nachtvogel nicht ohnehin in Oerlikon raus musste, ist aber im Artikel nicht beschrieben. Für mich als neutralen Beobachter stehen die beiden Fälle im Widerspruch. Die Bahn muss alle Leute bzw. Schwarzfahrer gleich behandeln. Wenn man nur ein wenig bedrohlich tun muss, damit man um die 80 Franken Zuschlag herumzukommen, ist es ja nicht unbedingt nötig, dass dies im Stammtisch-Blatt noch brühwarm kommuniziert werden muss. Sorry, ich verlange, dass man den Tarif nötigenfalls mit Polizeigewalt durchsetzt, sonst ist die ganze Kontrolliererei nichts wert. Jeder “Softie”, der leer schluckt und seine 80 Stutz schön einzahlt, ist der Gelackmeierte. Dafür habe ich dann schon erlebt, dass ein an Stöcken gehendes 91-jähriges Mütterlein, das sich in die 1. Klasse verirrt hatte im Stress, knallhart gebüsst wurde. So nicht, meine Herren! (Verzeiht meinen bösen Ton.)
Gumbo
March 5th, 2008 at 21:22
Ich verstehe Deinen Ärger, Gumbo. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn die Bahnpolizei den Zug begleitet hätte. Aber wie gesagt: Es gibt nicht genügend Polizisten, um eine flächendeckende Begleitung zu gewährleisten. Wünschen würde ich es mir natürlich.
Im Artikel wird der eine Zugbegleiter zitiert mit “Der nächste Zug fährt in einer Stunde.” Demnach gehe ich davon aus, dass der Fahrgast noch weiter fahren wollte…
Grundsätzlich gilt jedoch, wie Du richtig sagst: Alle Fahrgäste werden gleich behandelt.
Ausnahmen bestätigen die Regel… Die Fälle, wo jemand ohne zu Bezahlen weg kommt, sind jedoch äusserst selten. Schade, dass dies genau dann passieren musste, als die Presse auf dem Zug war.
March 6th, 2008 at 12:20
Ich kann mir vorstellen, dass Kondukteur einer S-Bahn (z. B. im Raum ZVV) interessanter ist, als der in einer ländlichen Region. Würdest du lieber ein Zugsbegleiter in einer Agglomeration sein wollen oder weiterhin hier in der Ostschweiz?
March 6th, 2008 at 19:39
Mir gefällt es ganz gut so, wie es jetzt ist. :) In der ganzen Deutschschweiz herumfahren, mal nach Luzern, mal nach Basel, Schaffhausen oder Biel, mal über die Grenze nach Konstanz oder auch nur bis St. Gallen oder Zürich…
Aber wer weiss, was in einigen Jahren sein wird. :)
March 11th, 2008 at 22:41
[...] ich am letzten Mittwoch von Andreas gehört hatte, haben der Blick und der Tages-Anzeiger am selben Tag eine Reportage über zwei S-Bahn [...]