Der öffentliche Verkehr auf Mallorca
Dieser Artikel ist ein Teil der Serie “ÖV im Ausland” und wurde von Michael Schmocker geschrieben.
Zugegeben, ich mag Mallorca. Dies liegt nicht unbedingt daran, dass ich in Deutschland lebe, von wo wohl die meisten Mallorca-Urlauber stammen. Vielmehr fasziniert mich die wunderschöne Landschaft. Von Buchten und Hafenanlagen, die an James Bond-Filme erinnern, über pulsierende Städte und weitläufige Feldlandschaften bis hin zu hohen, steil abfallenden und gelegentlich auch schneebedeckten Bergen bietet Mallorca so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Durch genau diese einmaligen Landschaften, die vorallem im Frühjahr ihre vollste Pracht entfalten, führen verschiedene Bahn- und Buslinien.
Im Eisenbahnbereich sind durch die 914mm-Spur britische Einflüsse zu spüren. Wobei, eigentlich waren sie eher zu spüren. Denn zwischen Mitte der 60er und Anfang der 80er Jahre hat man bis auf zwei Strecken das komplette Netz stillgelegt. Seit der Jahrtausendwende gibt es aber auf Mallorca einen wahren Eisenbahnboom. Man hat sich zum Ziel gesetzt, viele stillgelegte Strecken neu aufzubauen, teilweise allerdings mit neuer Streckenführung. Bereits seit 2001 bzw. 2003 sind zwei neu aufgebaute Strecken in den Nordosten sowie in den Südosten der Baleareninsel in Betrieb.
Als Tourist sieht man aber in Mallorca als allererstes den Linienbus. Vorausgesetzt man hat keinen all-inclusive-ich-hol-mir-einen-Sonnenbrand-und-fress-mich-voll-Urlaub gebucht, welcher den Transfer vom Flughafen bis in die Urlaubsvollzugsanstalt 5-Sterne-Hotelanlage per Reisecar beinhaltet. Obwohl, die Abfahrtsplätze der Transfercars befinden sich direkt neben der Bushaltestelle der Flughafenlinie. Letztere erwartet einen mit einem Citaro, welcher spezielle Ablagen für den Gepäcktransport bietet. Bezahlt wird beim Fahrer, der sich in jedem Fall weigern wird englisch zu sprechen, sollte man ihn auch nur ansatzweise danach fragen. Einfach englisch zu sprechen erzeugt hingegen eine ebenfalls englische Antwort. Der Fahrpreis wird pauschal pro Fahrt erhoben, egal wie weit sie führt. Allerdings gibt es preisliche Unterschiede zwischen manchen Linien. So kostet die 15-minütige Fahrt vom/zum Flughafen deutlich mehr als eine Fahrt innerhalb von Palma selbst. Dafür kann man dort erleben was aus so einem Citaro alles rauszuholen ist.
In der Stadt angekommen landet man an der Plaça Espanya. Hier findet sich ein zentraler Umstiegspunkt zwischen Stadtbus, Überlandbus, Eisenbahn und U-Bahn. Im neuen, unterirdischen und optisch etwas überdimensionierten Bahnhof befinden sich die Gleise für die neue, elektrisch betriebene U-Bahn. Sie führt zur Universität von Palma und ermöglich so den Inselbewohnern einen schnellen und bequemen Weg in die Innenstadt. Bis auf ein kurzes Stück verläuft sie komplett unterirdisch. Allerdings ist die U-Bahn zur Zeit nicht in Betrieb, da im Herbst des letzten Jahres nach einem starken Regenschauer Wasser in den Tunnel geflossen ist und sich dort gestaut hat. Angeblich sollen Baumängel der Grund dafür sein.
Gleich nebenan finden sich die Bahnsteige der Transport de les Illes Balears (tib). Diese finden sich hier in Form von zwei in den 90er-Jahren auf Meterspur umgebauten und mit britisch anmutenden, jedoch in Spanien gebauten Dieseltriebwagen befahrenen Linien. Das erste, doppelspurige Streckenstück bis Inca wird von beiden Linien benutzt. Von Inca, welches im Mittelbereich der Insel liegt, führt eine Strecke in den Nordosten nach Sa Pobla und eine weitere in den Südosten nach Manacor. Beide werden ungefähr jede Stunde befahren, was im Hauptabschnitt bis Inca einen ungefähren Halbstundentakt ergibt. Zudem verkehren werktags einige zusätzliche Züge bis nach Marratxi, einem Vorort von Palma.
Liniennummern sucht man übrigens vergebens. Dafür haben alle Züge eine Anzeige hinter der Frontscheibe, auf welcher das aktuelle Ziel und somit auch die Linie ersichtlich sind (im vor Ort ausgehängten Fahrplan haben die verschiedenen Linien zwecks der Übersichtlichkeit die Farben blau, beige und hellblau). Dafür gibt es im Fahrzeuginnern eine grafische Linienanzeige, die mit einem Leuchtpunkt jeweils den aktuellen Standort anzeigt. Wenn man sich diese Einrichtung genauer anschauen oder je nachdem auch mitfahren möchte, so benötigt man einen Fahrschein, den man am Schalter oder, wenn man unterwegs einsteigt, beim Schaffner erhält. Ohne Fahrkarte durch die Gegend zu reisen sollte man lieber bleiben lassen. Denn kontrolliert wird hier immer. Schwarzfahren lohnt sich bei den günstigen Fahrpreisen nicht.
Wie erwähnt starten am zentralen Bahnhof an der Plaça Espanya auch die Überlandbusse, die die kleinen Dörfer an die Stadt anbinden. Das Netz ist sternförmig aufgebaut, was dazu führt, dass die einzelnen, stark verstreuten Dörfer kaum untereinander verbunden sind. Dafür sind die Tarife sehr günstig und die Fahrtdauer angenehm (in Mallorca liebt man es eben schnell…). Gefahren wir fast ausschliesslich mit modernen Reisebussen.
Bewegt man sich beim neuen Bahnhof einmal über die Strasse, so findet man leicht versteckt den Bahnhof des bekannten Ferrocarril de Sóller. In gemächlicher Fahrt fahren von hier die von Siemens gebauten und mit einem Holzkasten versehenen Triebwagen mit ihren Zügen über die 27 Kilometer lange Strecke bis ans nördliche Inselufer. Das heisst, das Ufer erreicht die Bahn eigentlich nicht. Dazu gleich mehr. Hinter Palma geht es erst über ziemliche flaches, eintöniges Gelände leicht steigend bis nach Bunyola, welches am Fusse einer über 1000 Meter hohen Bergkette liegt. Letztere wird kurz hinter dem Bahnhof durch einen knapp drei Kilometer langen Scheiteltunnel unterquert wird. Im Anschluss führt die Strecke über Brücken und durch einen Kehrtunnel hinunter nach Sóller. Hier befindet sich auch die Depotanlagen der Bahn, welche für die 4 vorhandenen Triebwagen etwas überdimensioniert wirkt. Dies tut es jedoch nur auf den ersten Blick. Schaut man nämlich genauer hin, so stellt man fest, dass eines der grossen Gebäude die Wagenhalle der Strassenbahn ist, welche zum Hafen führt. Sie ist mit einem Gleis, welches durch die Halle führt an die Bahn aus Richtung Palma angebunden. Einen Fahrzeugdurchlauf gibt es aber nicht.
Die Haltestelle der Strassenbahn befindet sich auf dem idyllischen, unterhalb des Aufnahmegebäudes gelegenen kleinen Bahnhofplatz. Hier startet die Fahrt durch enge Gassen, Orangenhaine und kleine Äcker bis direkt an die Küste. Richtig, die Gleise liegen im letzten Abschnitt direkt an der Quaimauer. Bei entsprechendem Wellengang bedeutet dies für die alten Wagen eine kostenlose Aussenwäsche – wenn auch nur einseitig. Nach knapp 5 Kilometern ist dann der Hafen erreicht. Neben einem kleinen Bistro befindet sich mitten in der Strasse die Endhaltestelle. Ein kleines Reststück einer ehemaligen kurzen Weiterführung bis ans Hafenende dient heute noch zum Umsetzen des Triebwagens. Denn hier fährt man noch in alter Manier mit einem Beiwagen. Und von Niederflur und Rollstuhlrampen ist – in diesem Fall erfreulicherweise – auch weit und breit nichts zu sehen. Man fühlt sie wie in frühere Zeiten versetzt. Das Bimmel der Strassenbahn holt einen dann aber zurück in die Realität, welche eine Rückfahrt zu den modernen Citaro-Bussen in Palma bereithält…
Übrigens: Wer Interesse hat an einer Reise nach Mallorca, der kann sich dieses Angebot mal anschauen: www.bahnforum.org/sommer







Gumbo am 04.03.2008 um 16:44
Mallorca hat nicht nur den Ballermann. Ich gehe im April wieder hin, weit weg vom Pöbel-Tourismus. Ich werde mir wieder nicht entgehen lassen, mit dem “Roten Pfeil” (der zwar braun ist) nach Soller zu fahren. Ich habe schon viele Bähnchen gesehen, aber diese Linie ist etwas besonderes. Auch das Tram, das von Soller Stadt zum Hafen fährt, ist empfehlenswert. Im Frühling war der Duft der Orangenhaine, die es gemächlich durchquerte, in der Luft, und es war warm genug, dass man auf den offenen Plattformen stehen konnte.
Unbedingt sehen!!!!
Gumbo
Michael am 04.03.2008 um 19:44
Die gezeigten Bilder sind übrigens im März 2004 entstanden. Auch da waren die Orangen- und Zitronenplantagen schon schön bunt.
@Andreas: Mach mal einen schönen Strich durch das Wort “Urlaubsvollzuganstalt”, danke :-) .
Andreas Hobi | schweizweit.net am 04.03.2008 um 21:37
Wurde natürlich gleich gemacht; muss es davor irgendwie übersehen haben… :)