Dieser Artikel ist ein Teil der Serie “ÖV im Ausland” und wurde von Ralf Zimmermann geschrieben.

Im Jahre 2004 wollten wir mal nach Malta und standen vor einem Problem: Wie kommt man dort von einem Ort zum nächsten?

Auf Malta kann man auf verschiedenste Art und Weise vorwärts kommen: Man könnte sich einen Mietwagen leihen. Die auf Malta geltende Strassenverkehrsordnung begünstigt Kontinentaleuropäer, die Linksverkehr nicht gewohnt sind. Die Höchstgeschwindigkeiten sind 40 km/h innerorts und 60 km/h ausserhalb. Dem entgegen stehen allerdings die Fahrgewohnheiten der Malteser (der Malteser fährt nicht Links oder Rechts, sondern da wo Schatten ist).

Man könnte auch mit dem Fahrrad (Velo) fahren. Fahrräder sind allerdings auf Malta eher selten anzutreffen und ob es welche zu mieten gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber auch hier gilt es die malteser Fahrgewohnheiten zu berücksichtigen. Und Fahrradwege sucht man sowieso vergeblich.

Wer vor hat Malta zu Fuss zu erkunden, muss masochistisch veranlagt sein, denn was auf der Karte wie 10 km (Luftlinie) aussieht, kann sich durchaus mal als 25 km (und mehr!) realer Strecke herausstellen. Also heben wir beschlossen: Wir fahren Bus!

Entscheidend für unsere Entscheidung war unter anderem: Die Busse fahren überall hin, die Preise sind unschlagbar (genauso genommen treiben einem Hamburger die Fahrpreise Tränen der Rührung in die Augen) und die Taktzeiten sind auch in Ordnung. Und wir fahren mit Oldtimer! Die meisten Busse stammen nämlich aus den 50ziger und 60ziger Jahren und es sind solche Marken, wie A-Star, Bedford usw.

Allerdings gibt es einige Besonderheiten, die es zu berücksichtigen gilt. Zuallererst: Wo gibt es eigentlich Fahr- und Streckenpläne? Auf keinem Fall gibt es sie im Hotel oder sonst wo käuflich zu erwerben. Der Fahr- und Streckenplan liegt ausschliesslich an grösseren Bushaltestellen als hektographierte DIN A4-Blatt aus, wo man den sich einfach mitnimmt. In dieser Beziehung hatten wir schon mal Glück, da wir in Qwawra (gesprochen Aura) wohnten und die nächste grössere Haltestelle in Buggiba (5 min Weg) war.

Nach Studium dieses Planes (unten dargestellt) wird man feststellen müssen, wer keine sehr guten Augen hat, sollte sich über die Beschaffung einer Lesebrille nachdenken. Und wieso „Public Transport Association“ mit ATP abgekürzt wird wissen auch nur die Malteser.

Feststellen wird man auch, das die Insel Malta in die Tarifzonen A, B und C unterteilt ist. Selbstverständlich gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme. Die Ausnahme hier ist die Sonderzone Mosta (Tarifzone A). Mosta liegt so ziemlich in der Mitte der Insel Malta und ist ein Knotenpunkt diverser Buslinien. Ausserdem beherbergt Mosta die drittgösste freitragende Kuppelkirche der Welt, in der sich ein echtes Wunder verbirgt. Für Mosta gilt: Wer aus Tarifzone B oder C kommt oder wer von Mosta nach den B und C will, zahlt nur eine bzw. zwei Zonen. Das steht allerdings nicht im Plan.

Ausserdem kann man dem Plan entnehmen, dass es eigentlich zwei verschiedene Bussysteme gibt: „Normale“ Linienbusse und Direktbusse Nachtbusse lassen wir mal aussen vor). Der Unterschied? Erstmal der Preis. Für Direktbusse gibt es keine Zonentarife, sondern es gilt ein (teurerer) Einheitstarif von 40 Cent (1 €) pro Fahrt. Auch fahren Direktbusse nicht zwingend von und nach Valletta (Linienbusse immer!). Und das touristisch interessante Ziele ausschliesslich von Direktbussen angefahren werden, da denken wir uns mal nichts bei.

Der grosse Kreis oben links auf dem Plan ist übrigens der Busbahnhof von Valletta.

Das Wunder von Mosta:

Nun fahren wir mal mit dem Bus los. Bezahlt wird generell beim Fahrer (der Fahrkartendrucker ist im Oldtimer das einzige moderne Gerät), und das auch möglichst passend. Wer sich am Automaten eine Zeitkarte erwirbt, ist selber Schuld, Zeitkarten rechnen sich einfach nicht. Auch haben wir niemanden gesehen der eine hätte. Den Aussteigewunsch verkündet man in modernen Bussen, ja die gibt es auch, wie gewohnt mittels Knopfdruck und es leuchtet beim Fahrer ein Licht auf. Also wie von zuhause gewohnt. Bei den Oldtimern läuft etwas anders, man steht erstens auf, greift zweitens nach oben, wo an der Decke ein Seil verläuft und zieht kurz daran. Das jetzt vorne ertönende Glöckchen zeigt den Fahrer an, das er an der nächsten Haltestelle anhalten sollte. Der Platz des Fahrers ist übrigens mit Heiligenbildchen und anderen religiösen Symbolen üppig verziert.

Auch verfügen alle Busse, wirklich alle, über eine “Klimaanlage”. Dies bedeutet nach malteser Lesart: Tür vorn links und Fenster hinten rechts sind offen. Immer! Bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Das auch die modernen Niederflurbusse, die ja eine richtige Klimaanlage haben, ebenfalls so herumfahren, muss wohl die Macht der Gewohnheit sein.

Gewisse Fahrgewohnheiten der Fahrer muss wohl einer, sagen wir mal, gewissen südländischen Lässigkeit geschuldet sein. Der Griff zur (sehr lauten) Hupe ist da als angeborener Reflex zu betrachten. Wenn ein Auto auch nur den Anschein erweckt, es könnte die freie Fahrt des Busses möglicherweise behindern, landet die Hand sofort, quasi prophylaktisch, auf der Hupe. Dies gilt allerdings nur für Autos. Fussgänger werden etwas anders behandelt. Da wird die Hupe erst im letzten Augenblick betätigt. Vorher gilt: Der Bus ist gross, der Bus ist laut, und wer blind und taub ist hat auf der Strasse nix zu suchen.

Wer nicht an einer der grösseren Haltestellen, sondern von unterwegs einsteigen möchte, lernt eine weitere Besonderheit von Maltabus kennen: Bushaltestellen! Die gibt es in zwei verschiedenen Ausführungen. Rote und Blaue. Theoretisch bedeutet dies, dass der Bus an den roten Haltestellen immer hält, und an den blauen nur dann, wenn man den Mitfahrwunsch durch Winken anzeigt. Soweit die Theorie, praktisch bedeutet das, dass man an den roten Haltestellen winkt, und man sich an den blauen Haltestellen am besten vor den Bus wirft. Meistens verfügen die Haltestellen über ein kleines Wartehäuschen. Einen Namen der Haltestelle sucht man aber vergeblich und einen Fahrplan findet man in den seltensten Fällen. Wozu auch, der Fahrplan hat eher den Charakter einer unverbindlichen Richtlinie und die Busse besitzen nur eine Nummer. Streckenplan im Bus? Fehlanzeige.

Aber wir hatten ja unseren Plan. Dass die Fahrer diesen Plan eher als unverbindliche Richtlinie betrachteten, mussten wir an der Haltestelle am Tempel von Hagar Qim erfahren. Dort warteten wir gemütlich auf den Bus nach Valletta als uns zwei Schweizer (!) fragten, ob und wann denn hier der Bus nach Valletta führe. Dass der Bus nach Valletta hier abfährt sei sicher, aber wann der fährt, sei etwas unbestimmt, aber bald, meinten wir.

Dass dies ein schwerer Irrtum war merkten wir dann sehr schnell, als an der Haltestelle gegenüber ein Bus anhielt und der Fahrer aus seinem Fenster rief, ob wir nach Valletta wollten, wenn ja, sollten wir bei ihm einsteigen. Allerdings war dann auch seine Streckenführung etwas anders, als wir sie in Erinnerung hatten. An irgendeiner Haltestelle, wo auch ein Kaffee war, machte der Fahrer dann auch erstmal Pause. Naja Pause muss ja mal sein, zumal es dann auch nach 15 min weiterging.

Auf allen längeren Strecken finden übrigen auch Fahrkartenkontrollen statt. Warum die aber ausschliesslich in Direktbussen stattfanden (wir erinnern uns: das sind die mit dem Einheitspreis) ist auch ein Geheimnis der ATP.

Eines Tages hatten wir beschlossen, mal zu den Nachbarinsel Gozo und Comino zu fahren. Dazu ist es notwendig zum Fährhafen Cirkewwa zu fahren. Soweit ist das kein Problem. In Cirkewwa angekommen steigt man aus dem Bus und geht zur Fähre und steigt ein. Falls der Leser nix von Bezahlen der Fähre gelesen hat, so ist das richtig. Die Kasse für die Fähre befindet ausschliesslich in Gozo, dort bezahlt man allerdings für beide Richtungen. Aber in Cirkewwa haben wir dann allerdings auch gesehen warum sich an jeder grösseren Bushaltestelle einige Personen in einer ATP-Uniform mit einer Pfeife befanden. Wir haben die als so eine Art Supervisor betrachtet. Für die Busse an der Fähre ist nämlich nicht unbedingt der Busfahrplan bindend, sondern sie haben auf die Ankunft der Fähre zu warten. Davon schien ein Fahrer allerdings entweder nichts gewusst haben oder er hat es schlicht ignoriert.

Jedenfalls, die Fähre war beim Anlegen und der Fahrer fuhr los. Der Supervisor rannte laut auf seiner Trillerpfeife trillernd hinterher. Erwähnte ich, dass es genau der Bus war, mit dem wir mitfahren wollten? Jedenfalls kam der Fahrer samt Bus reumütig wieder zurück.

Jedenfalls ist das Bussystem auf Malta ganz interessant.

Bilder © Ralf Zimmermann