Prügel-Züge bei der SBB: Wie ein Kondukteur darüber denkt
Uncategorized February 12th. 2008, 12:42Die Schweizer Tageszeitung BLICK ist bekannt dafür, “aussagekräftige” und einprägsame Begriffe für ihre Schlagzeilen zu verwenden. In der Berichterstattung rund um die Gewalt gegenüber SBB-Mitarbeitern hat der BLICK deshalb den Begriff “Prügel-Zug” etabliert. Sowohl im Artikel von gestern Montag wie auch im neuen Online-Artikel von heute morgen wurde dieser Begriff verwendet.
In den beiden Artikeln wurden Dinge angesprochen, welche ich auch hier auf schweizweit.net schon thematisiert habe: Problemzüge nach dem Ausgang der Jugendlichen, Tätlichkeiten gegenüber Zugpersonal, Drohungen und Belästigungen.
Wie schlimm ist es wirklich? Ich bin der Meinung, dies kann niemand besser beurteilen, als jemand vom Zugpersonal. Wenn Mediensprecher der SBB behaupten, die Gewaltbereitschaft der Fahrgäste steige nicht, wirkt das auf das Zugpersonal unglaubwürdig. Viele Zugbegleiter (inklusive mir) empfinden das anders.
Vorallem verbale Belästigungen und kleinere Tätlichkeiten, welche nie zur Anzeige gebracht werden (Schubsen, Zurückhalten, Drohungen) nehmen in Besorgnis erregendem Masse zu.
Doch auch von grösseren Tätlichkeiten hört man je länger je mehr. Zugbegleiter, welche längere Zeit krank geschrieben werden, Zugbegleiter, welche sich in ärztliche Behandlung begeben müssen, Zugbegleiter, welche sich einen neuen Job suchen. Die Fluktuationsrate bei den S-Bahn-Begleitern spricht für sich.
Dazu auch mal kurz die Zahlen der letzten Jahre: (Aufgeführt sind nur Übergriffe, welche dazu führten, dass der Mitarbeiter krank geschrieben wurde.)

Wie viele werden es in diesem Jahr sein?
Zum Diagramm muss ich noch hinzufügen, dass die Anzahl der Übergriffe im 2004 bei 285 lag und danach gesunken ist. Inzwischen nehmen die Übergriffe jedoch leider wieder von Jahr zu Jahr zu.
Lösungsansätze
Wie könnte man dem Problem entgegenwirken? Eine Möglichkeit wären Einstiegskontrollen, so wie sie bereits heute vereinzelt bei speziellen Anlässen durchgeführt werden. (Beispiel: Churer Fest im August) Das würde bedeuten: Zugbegleiter stehen zusammen mit Bahnpolizisten vor dem Zug. Jeder, der den Zug betritt, muss sein Billett / Abo vorweisen. Hat er keinen gültigen Fahrausweis, wird er nicht in den Zug gelassen und an den Billettautomat verwiesen.
Wie gesagt, am Churer Fest wird dies bereits erfolgreich praktiziert und es kam danach meines Wissens nie zu Tätlichkeiten im Zug.
Denn nach meiner Erfahrung gehen Tätlichkeiten gegenüber dem Zugpersonal vielfach nicht von betrunkenen Jugendlichen aus, wie der Blick suggeriert, sondern von betrunkenen Jugendlichen ohne Billett (welche nicht bereit sind, im Zug nachzulösen). Nur sehr vereinzelt kommt es vor, dass das Zugpersonal von Personen angegriffen wird, welche ein Billett haben.
Auch ich wurde schon dreimal tätlich angegriffen und durfte danach zur Polizei, um Anzeige zu erstatten. Glücklicherweise kam ich bisher immer ohne bleibende Schäden davon. Alle drei Angreifer hatten keine gültigen Fahrausweise.
Wie ich heute morgen bereits geschrieben habe, findet in der Westschweiz zurzeit ein Versuch statt, welcher noch bis zum Herbst dauert. (Doppel-Zugbegleitung in den Morgenzügen.) Ich bin gespannt auf das Ergebnis und hoffe, dass dies (spätestens im Herbst, lieber früher) auch in anderen Regionen praktiziert wird.
Zum Abschluss will ich noch ein paar Reaktionen erwähnen, welche ich auf blick.ch zum Thema gefunden habe.
Reaktionen der Blick Leser
Patrick Wiederkehr aus Bern glaubt nicht, dass es in den SBB-Zügen solche Probleme gibt: “Ich fahre jeden Tag Zug - in der ganzen Schweiz. Ich habe noch nie ein Problem gehabt. Aber man kann natürlich Probleme suchen. Wer sucht, der findet…” Und auch RF aus GR meint: “Hatte noch nie Probleme im Zug, denke man muss da etwas relativieren. “
Völlig anders sieht dies Jürg Frey aus Teufen: “2 Zugsbegleiter sind nach wie vor ein Hohn um gegen Prügeljungs, meist in grösseren Gruppen auftretend anzukommen. Eigentlich brauchte jeder Wagen 2 Begleiter in der 2-ten Klasse oder volle Video-Überwachung. Anders gehts nicht mehr. Und die SBB sollten handeln wie im Strassenverkehr. Wer negativ auffällt Billet - Entzug. Sollen laufen die Unverbesserlichen und vor allem für den Schaden aufkommen. Für Jugendliche haften deren Eltern. Saftige Bussen schaffen Abhilfe, vielleicht auch in Sachen Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kids. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.” Peter-AG aus Baden fügt dem gleich hinzu: “Es ist mittlerweile haarsträubend, wenn man sich nachts durch Zürich oder eine andere grösser Stadt begibt - die Jugendlichen kenne weder Anstand noch Respekt - es geht nur noch ums Saufen. Mein Vorschlag - Kontrollen vor dem Einsteigen in die Nachtzüge - wer zuviel konsimiert hat (zu voll ist) und sich nicht mehr unter Kontrolle hat, den sollte man am Bahnsteig stehen lassen. An anderen Orten kommt solche Typen ja auch nicht mehr rein - warum nicht auch bei der SBB.”
Michael aus Winterthur hat auch schon Erfahrungen mit Jugendlichen gemacht: “Ich fahre jedes Wochenende berufsbedingt mit dem Nachtzug zurück nach Winterthur. Es wird gepöbelt, geraucht, gekotzt. Letzthin wurde ein älterer Herr von einer Gruppe mit Balkan-Slang angemacht und als Sauschweizer betittelt.” Gleich darauf berichtet Mettheo aus der Westschweiz: “Genf-Lausanne ist wirklich ziemlcih übel - ganz viele Rappers mit Wurzeln im Maghreb südlich davon. Und die sind meist ziemlich aggro drauf - möchte kein Billet kontrollieren wollen…”
Stefan aus St. Gallen hat da gleich eine “kreative” Idee auf Lager: “meiner meinung nach wären 2 zugbegleiter, ausgebildet in selbstverteidigung und bewaffnet mit pfefferspray und elektroschock, die beste lösung.” Naja, das würde die Gewalt vermutlich mehr fördern als reduzieren. Pfefferspray finde ich eine tolle Lösung. Aber E’schock? Naja… :)
Da sehe ich gerade: Wisperer aus Zürich will in die gleiche Richtung wie Stefan: “Setzt Hunde und Taser gegen Asoziale ein.”
Roman aus Zürich bemängelt die Arbeitsweise der SBB und schreibt: “Um davon abzulenken, tischt sie den Bürgern Horrorgeschichten von verprügelten Mitarbeitern auf.” Auch Manu Kalberer aus Bern ist dieser Meinung: “Die SBB ist selber Schuld! Wären die Kondukteure freundlicher, die Wagen nicht überfüllt und die Preise tiefer würde sich auch niemand aufregen. Die Oberen der SBB checken das wohl nie.”
Das Schlusswort gebührt Hans aus Grabs: “Nicht mehr Zug fahren! Die Preise sind eh zu hoch und rauchen darf man auch nicht!” :)
Weiterführende Artikel
- Kondukteure trauen sich nicht mehr allein in Prügel-Züge | Blick
- Der schlimmste Prügel-Zug der Schweiz | Blick
- Brutaler Angriff auf SBB-Zugbegleiter | schweizweit.net
- Zugbegleiter getreten und geschlagen | schweizweit.net
- Rabiater Schwarzfahrer | schweizweit.net
- Ich hatte Todesangst | heute
Gefällt Dir dieser Artikel? Dann werden Dich vielleicht auch andere Berichte interessieren. Hier sind die Top 10 der schweizweit.net-Artikel. Mehr über mich und diesen Blog erfährst Du unter About / Info.
Wurde Dein Interesse geweckt? Dann abonniere den kostenlosen E-Mail-Newsletter und wir schicken Dir zukünftige ähnliche Artikel per Email zu! (Bereits haben sich über 200 Personen eingetragen.)
Alternativ kannst Du auch den RSS-Feed abonnieren.
Mehr Informationen zu den Abonnements...
Ähnliche Artikel:
- Wochenrückblick 18/08
- Geht der SBB pünktlich ein Lichtlein auf?
- Wie wird das Zugpersonal der SBB eingeteilt?
- Zugpersonal zieht Notbremse / Was ist Tilidin?
- Wie kann man den Einsatz des SBB-Zugpersonals verbessern?
- Brutaler Angriff auf SBB-Zugbegleiter
- Mystery Shopper bei der SBB
- Sicherheit im Zug / Gewaltbereitschaft der Jugendlichen
- Kondukteure müssen präsent sein
- Euro08: Wie die SBB hunderttausende Fans lenkt


February 28th, 2008 at 10:46
[...] verstehe, wenn das Zugspersonal andere Sorgen hat und m