Kondukteure entdecken das Plus
Uncategorized January 15th. 2008, 14:11Es war eines der Themen, über welche die Medien in den letzten Tagen am meisten berichteten: Der Bund will zusammen mit Schweiz Tourismus eine Gastgeberinitiative starten, eine Charmoffensive für die Euro08-Gäste.
(Am 19. Juni 2007 habe ich bereits darüber geschrieben: Jeder ist ein Euro08-Fremdenführer)

Veranschlagt ist die Aktion auf 12.5 Millionen Franken (über eine halbe Million Franken pro Euro-Spieltag). Mit diesem Geld sollen diejenigen Schweizer auf Freundlichkeit getrimmt werden, welche in direktem Kontakt mit den Fussballfans stehen: Polizisten, Grenzwächter, Flugangestellte, Verkäufer, Gastwirte und natürlich auch die Zugbegleiter. Insgesamt um die 50,000 Personen. Diese erhalten einen “Gastgeberpass”, Sprachschilder (?) und dürfen sich Motivationsvideos anschauen. Mal schauen, was das bringen soll…
Ein Teil des Geldes wird auch für Plakate verwendet. An diversen Orten (unter anderem bei der Einfahrt in den Zürcher HB) hängen sie schon. Auf den Plakaten werden die Fans der teilnehmenden Teams in ihrer jeweiligen Landessprache willkommen geheissen. Ausserdem werden mit dem Geld eine Roadshow und diverse Events mit der Uefa finanziert.
Ob die zwölfeinhalb Millionen Franken wirklich gut investiertes Kapital sind, kann ich als Marketing-Laie nicht beurteilen. Irgendwie behagt mir der Gedanke jedoch nicht, dass die Schweizer “zur Freundlichkeit gezwungen” werden. Schweizer sind nun mal so, wie sie sind und sie lassen sich auch nicht verbiegen. Deshalb gilt wohl: Entweder man nimmt uns so, wie wir sind oder man lässt es bleiben…
Es gibt jedoch auch ein paar Seiten an der “Entdecke das Plus”-Schulung (Dauer: 1 Tag), die ich toll finde:
Informationen über die Euro08
Nicht jeder Zugbegleiter ist auch gleich ein Fussballfan. Deshalb ist es toll, dass man uns die wichtigsten Infos rund um die Euro08 mit auf den Weg gibt. Schliesslich wollen wir unsere Fahrgäste auch in dieser Hinsicht in gewohnter Qualität informieren.
Informationen über das Sicherheitskonzept
Wir arbeiten an der Front. Das heisst: Wir sind mittendrin, wenn etwas geschieht. Umso wichtiger ist es, dass wir wissen, was im “Ereignisfall” zu tun ist und wie das Sicherheitskonzept ausschaut. An wen können wir uns wenden, wenn randalierende Fussballfans den Zug besteigen (bisherige Bapo-Telefonnummer oder spezielle Hotline)? Wie können wir die “normalen” Fahrgäste vor aggressiven Fussballfans schützen? Ab welchem Punkt dürfen wir jemanden die Weiterfahrt verbieten? Diese Fragen werden an der Schulung hoffentlich geklärt.
Schulungsort
Jörg Krebs, Leiter Standortmarketing Euro 2008, sagte in der Pendlerzeitung NEWS vom 10. Januar: “Die Motivationskurse finden in den Stadien statt - damit man das Gras auch riechen kann.” Naja, auf das riechende Gras kann ich verzichten, ich zähle mich nicht zu den Kiffern. Jedoch finde ich es toll, dass ein etwas spezieller Schulungsort gefunden wurde. Das macht den Tag schonmal ein wenig interessanter.
Gastgeberpass
Wohl das beste an der ganzen Schulung ist der (hoffentlich handliche) Pass. Er enthält alle wichtigen Infos zu Spielzeiten und -paarungen und vorallem einen Mini-Sprachguide. Ein “Harteliik welkom!” für die Oranjes und “приветствовать” für die Russen, damit können wir bestimmt punkten. :) Ausserdem nützt uns der Sprachguide nicht nur während der Euro. Auch danach haben wir immer mal wieder Gäste aus Ländern, in welchen nicht Deutsch, Englisch oder Französisch die Landessprache ist. Das heisst: Wir können die einzelnen Ausdrücke auch dann immer wieder verwenden.
Natürlich soll es nicht daraus hinauslaufen, dass wir alle diese fremdsprachigen Ausdrücke lernen müssen. Es soll selbstverständlich auf freiwilliger Basis geschehen. Demnächst stehen beim Zugpersonal mal wieder die jährlichen Qualifikationsgespräche mit den Vorgesetzten an, bei welchen wir auch jeweils ein persönliches Jahresziel formulieren müssen (nach dem SMART-Grundsatz: Spezifisch, Messbar, Anspruchsvoll, Realistisch, Terminiert). Mal schauen, was der Chef zu meinem Euro-Sprachguide-Vorsatz meint…
Ich bin auf die Euro08 gespannt; denn einfach wird es nicht, wie auch der oberste SBB-Chef Andreas Meyer kürzlich in der internen SBB-Zeitung sagte: “Ich mache keinen Hehl daraus: Es wird für uns alle eine Herausforderung.” Auf die Frage, wie er seinen Mitarbeitern “ein Lächeln auf die Lippen zaubern wolle” antwortete er: “Da muss man nicht zaubern, das erlebe ich heute schon häufig. Beispielsweise bei Zugbegleiterinnen und Zugbegleitern, die stolz sind auf die SBB und auf ihren Beruf.”
Bild © (cc) Dan Kamminga (flickr.com)
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