Die Voralpenexpress-Schwarzfahrerin
Ich fuhr mit dem Rheintalexpress von Chur nach St. Gallen, als kurz vor St. Gallen das Handy läutete. Am anderen Ende der Leitung war der Zugchef des Voralpenexpress (Luzern - St. Gallen - Romanshorn).
Er sei mit seinem Zug kurz vor St. Gallen und habe eine Kundin, welche angeblich ihr GA zuhause vergessen habe. Diese Kundin könne sich nicht ausweisen. Bei der Überprüfung der Personalien habe er auf die von der Kundin angegebene Festnetznummer angerufen, um mit den Eltern zu sprechen und sich so zu vergewissern, dass die Dame im Zug (um die 16 Jahre alt) auch wirklich die ist, welche sie angibt zu sein.
Die Mutter jedoch versicherte ihm am Telefon hoch und heilig, ihre einzige Tochter, diejenige die er angeblich im Zug habe, sitze gerade zwei Meter neben ihr auf der Wohnzimmer-Couch. Es müsse sich wohl um eine “Verwechslung” handeln.
Nun, “Verwechslung” war in diesem Fall wohl das falsche Wort; viel eher war es ein Missbrauch. Leider reichte dem Voralpenexpress-Zugchef nach eigener Angabe die Zeit nicht mehr, um die Polizei zu verständigen, weshalb er mich anrief. (Ich bin jedoch überzeugt, dass die Zeit gereicht hätte…) Die Dame wolle nach Heerbrugg und somit wohl auf meinen Zug. Er überlasse es mir, ob ich gleich sofort die Polizei verständige, damit sie unterwegs zusteige, oder ob ich zuerst abwarte, ob die Dame wirklich auf meinen Zug kommt.
Ich dankte ihm für den Hinweis und verabschiedete mich von ihm. Inzwischen befand ich mich auch schon in St. Gallen, stand vor dem Zug und überlegte, während ich die Bremsprobe durchführte, wie ich nun vorgehen sollte. Plötzlich kam eine Bahnpolizei-Patrouille die Treppe hinauf aufs Perron und lief direkt auf mich zu.
“Seid ihr wegen dem Voralpenexpress-Mädchen hier?”, fragte ich sie. Sie wussten von nichts. Ich erklärte ihnen die Geschichte und in diesem Moment huschte ein Lächeln über deren Lippen. Sie teilten mir mit, dass sie geplant hätten, mit meinem Zug nach Heerbrugg zu fahren, um dort nach dem Rechten zu sehen. Dass sie bereits unterwegs zu ihrem Einsatzort “etwas zu tun bekämen”, sei umso besser.
Kurz darauf näherte sich auch schon der Voralpenexpress auf den Nachbargleis und die Polizisten begaben sich in meinen Zug, um nicht aufzufallen.
Bis Rorschach hatten ich und die beiden anderen Kondukteure zusammen mit der Bapo den gesamten Zug kontrolliert, leider ohne auf die Dame zu stossen. Schade, wir hatten uns schon so darauf gefreut, dass sie uns ins offene Messer laufen wird.
Vermutlich hat die Dame in St. Gallen Lunte gerochen und ist deshalb nicht in unseren Zug gestiegen. Leider wissen wir somit auch nicht, in welcher Beziehung die Dame mit der wirklichen GA-Besitzerin steht. Sind es Kolleginen, und die GA-Besitzerin hat ihr ihre Personalien überlassen, damit sie gratis (bzw. für 5 Franken) Zug fahren kann? Oder wusste die GA-Besitzerin gar nichts vom Treiben der anderen Dame?
Vielleicht wird sich der Rechtsdienst der SBB mal bei der GA-Besitzerin melden, um die Sache zu klären und sie über den Vorfall aufzuklären. Deren Name ist uns nun bekannt, so dass wir in Zukunft gleich handeln können und werden, wenn wieder einmal ein Mädchen in einem unserer Züge sitzt und angibt, diese Dame zu sein.
Dieses Mal ist uns die Schwarzfahrerin entwischt, beim nächsten Mal hat sie hoffentlich weniger Glück. Dann wird sie eine saftige Rechnung erhalten, genau so wie es bei den beiden Damen der Fall war, von denen ich im Artikel “Wenn zwei Damen mit dem gleichen GA im gleichen Zug fahren wollen” erzählte.
Bild © (cc) stejan (flickr.com)


mirach am 11.01.2008 um 16:40
Schon ein bisschen bieder, sich diebisch zu freuen, jemanden abzustrafen.
Dies fährt mir ein bisschen schräg ein, obwohl ich Schwarzfahren entschieden verurteile, handelt es sich doch um die Löhne der Angestellten, die man nicht gewillt ist zu bezahlen.
Aber ich schlag mich auch nicht täglich mit solchen Leuten rum, ich kann schon reden, gell.
Michi am 11.01.2008 um 18:06
Ich finde es gar nicht so falsch, sich zu freuen, wenn jemand bestraft wird, der versucht zu betrügen. Das, was sie gemacht hat, bzw. versucht hat, ist Betrug. Also soll sie auch dafür bestraft werden. Andere Leute halten sich an die Gesetzte/Regeln, bezahlen die Fahrt/haben ein GA. Und andere sind sich zu schade, zu bezahlen. Solche Leute soll man bestrafen. Ganz klar.
loner am 11.01.2008 um 18:15
Also meines Erachtens muss gegen Schwarzfahrer mit aller Härte durchgegriffen werden. Da darf doch bei den Leuten, welche damit zu tun haben, schon etwas Genugtuung aufkommen.
Ich für meinen Teil ärgere mich jedes Mal, wenn ich an meinem Zusteigebahnhof der S-Bahn Bern sehe, dass eine Dame einsteigt, welche bei einer Stichkontrolle wegen “Reiseverbots” bei der BLS aus dem Zug gewiesen wurde. Die Frau hat absolut keinen Skrupel und fährt trotzdem weiterhin Bahn, obwohl sie Hausverbot hat - schade, dass es nicht öfter Stichkontrollen gibt… Ich fühle mich jedenfalls von dieser Frau betrogen, denn man hat nicht Zug zu fahren, wenn man wohl genug oft schwarz gefahren ist, damit es für einen Verweis gereicht hat.
Andreas Hobi (schweizweit.net) am 11.01.2008 um 19:09
@ mirach:
“Freuen” ist vielleicht ein falsches Wort dafür; aber eine gewisse Genugtuung ist mit Sicherheit dabei. Ich denke, das ist bei jedem so, der im Beruf eine Art “Kontrollfunktion” hat. In diesem Fall wird meine Arbeitgeberin betrogen, also würde ich mich freuen, wenn die Betrügerin gefasst wird.
Ebenso würde ich mich (wenn wir das mal aufs Privatleben übertragen) darüber “freuen”, wenn diejenige Person gefasst wird, welche in meine Wohnung eingedrungen ist oder welche mein Fahrrad gestohlen hat. Denn auch das ist eine Art von “Betrug”. Ich kenne niemanden, bei dem es nicht auch genau so wäre…
(Es ist weder bei mir eingebrochen worden, noch ist das Velo abhanden gekommen; dies war nur ein Beispiel.)
Technorati | stejan’s Baustelle am 11.04.2008 um 00:39
[...] http://www.readers-edition.de/2007/09/22/abschaffung-der-anonymitaet-mit-kanzlerin-merkel/ http://schweizweit.net/2008/01/11/die-voralpenexpress-schwarzfahrerin/ http://www.klima-der-gerechtigkeit.de/kanzlerin-der-deutschen-industrie/ Posted in Allerlei RSS [...]