Gleise überschreiten ist (k)eine Straftat!


Gestern Abend kurz nach 23:30 Uhr: Ich und der Zugchef stehen im zweithintersten Wagen, der Zug befindet sich etwa 200 Meter vor dem Bahnhof Landquart. Plötzlich höre ich den Lokführer hupen. Der Zugchef hat davon nichts mitbekommen, sagt, ich hätte mir das nur eingebildet.

Doch ich bin mir sicher, dass ich mich nicht verhört habe. Landquart ist dafür bekannt, dass immer wieder Menschen über die Gleise springen, um eine Abkürzung vom Parkplatz zu den Perrons zu nehmen. Deshalb war mein erster Gedanke, dass genau dies wieder geschehen ist. Doch der Zugchef ist anderer Meinung.

Kurze Zeit später befinden wir uns auf dem Perron in Landquart, als beim Zugchef das Telefon läutet. “Das ist sicher der Lokführer, wegen vorhin.”, sage ich. “Quatsch!”, meint der Zugchef. Doch meine Vermutung bestätigt sich. Zwei Personen hätten die Gleise überschritten, rund 50 Meter vor dem fahrenden Zug.

“Ok”, sage ich zum Zugchef nachdem wir wieder abgefahren sind. “Schauen wir uns die beiden mal an, notieren die Personalien und leiten dies weiter. (“ESI-Meldung”)”

“Nein, das ist nicht nötig.”, meint der Zugchef daraufhin. “Es reicht, wenn wir ihnen sagen, es sei nicht in Ordnung, die Gleise zu überschreiten und sie sollen dies in Zukunft bitte lassen.”

Ich erwidere, dass sie beim nächsten Mal genau gleich wieder die Gleise überschreiten werden, wenn sie merken, dass dies keine Konsequenzen hat. Zudem gehöre es zu unseren Aufgaben, solche Dinge zu melden. Die Gleise zu überschreiten sei schliesslich eine Straftat.

Der Zugchef lässt nicht locker. Nun gut, machen wir es halt so, wie er es will, auch wenn mir dies ganz und gar nicht gefällt.

Der Zugchef von gestern ist dafür bekannt, Probleme jeweils auf die “liebe” Art und Weise zu “lösen”. Wenn jemand die Gleise überschreitet oder kein Billett hat bestätigt er sich gerne als Psychologe und spricht mit den Übeltätern über deren Vergehen. Er ist der Meinung, dies nütze mehr, als wenn man sie bestraft oder im Falle einer Schwarzfahrt zur Kasse bittet.

Ich bin da anderer Meinung und versuche deshalb tagtäglich, meine Arbeit ordentlich und gewissenhaft zu erledigen. Aber da ich gestern nur der “Kondukteur” war und er der “Zugchef”, zählt meine Meinung ja nicht.

Bild © (cc) josef.stuefer (flickr.com)

20 Kommentare zu “Gleise überschreiten ist (k)eine Straftat!”

  1. mds am 19.11.2007 um 11:31

    «Es ist allen nicht zum Bahndienst gehörigen Personen verboten, ohne Erlaubnis der Bahnverwaltung oder ohne eine auf privatrechtlichem Titel beruhende Berechtigung an andern als an den ihrer Bestimmung nach dem Publikum geöffneten Stellen das Gebiet einer dem Betriebe übergebenen Eisenbahn oder ihrer Zugehören zu betreten.» (Art. 1 Abs. 1 Bahnpolizeigesetz)

  2. Steffi am 19.11.2007 um 11:49

    Hallo?? Der Z hatte wohl noch nie einen Personenunfall… Ich kann das einfach nicht verstehen… Er ist Verantwortungslos, eigentlich müsste man schon fast Melden, dass er nichts gemeldet hat! Anscheinend ist er unfähig Konflikte zu lösen!

    Ich hätte das Ding durchgezogen, auch wenn ichs alleine hätte machen müssen. Da wäre es mir dann auf gut Deutsch sch**** egal, wer Z und wer K ist…

    Ich hatte schon mal einen Personenunfall und der (Ex-) Typ (viel war nicht mehr zu erkennen, die Polizei brauchte zwei tage um die Identität zu klären!!!!) war über 3 Gleise verteilt… beim zurück in den Bahnhof laufen sah ich den Fuss und halt am Zug überall Hautfetzen etc. Anscheinend lagen auch Innereien rum, die hatte ich aber zum Glück nicht gesehen…

    Mal abgesehen von der Person die drunter ging, sahen dies noch Junge im Bahnhof, eine befand sich eine Woche später noch in psychologischer Behandlung im Spital…

    Ausserdem hatte der Steuerwagen einen Totalschaden, war nichtmehr fahrtauglich.

    Sorry, wenn der Z lieber Psychologe spielt, dann soll er dies sonstwo machen, aber nicht das Gefühl haben, dass er ein Problem, dass es schon sehr lange (wahrscheinlich ja schon seits die Bahnen gibt) gibt…

    Er kann froh sein, dass nicht ich sein K war, ich wäre glaubs komplett ausgerastet! Das gibts doch garnicht! Kanns nicht verstehen…

  3. Andreas (schweizweit.net) am 19.11.2007 um 12:03

    @ mds: Dieser Artikel ist mir bekannt. Anscheinend jedoch nicht auch allen anderen Zugbegleitern.

    @ Steffi: Ich fahre heute, übermorgen und auch in der nächsten Woche nochmals mit ihm. Deshalb wollte ich ihn nicht zu sehr provozieren. Wäre ich alleine gewesen oder hätte nicht den Fehler gemacht, das Vorgehen mit ihm absprechen zu wollen, dann hätte ich ganz klar eine ESI-Meldung geschrieben.

    Obwohl ich diesen Zugchef schon lange kenne und obwohl mir bekannt war, dass er sehr sanft mit den Fahrgästen umgeht, war ich doch erstaunt, dass er sogar diese beiden Personen springen liess.

    (Der Lokführer des gestrigen Zuges hat übrigens auch nur den Kopf geschüttelt, als ich ihm die Geschichte erzählte.)

  4. Steffi am 19.11.2007 um 12:09

    @ Andreas: Kann dich ja auch verstehen. Da sieht man wieder einmal den Nachteil eines “kleinen” Depots…

  5. RAFF am 19.11.2007 um 13:01

    Das Traurigste an dieser Geschichte ist doch eigentlich das, egal ob man dafür bestraft wird oder nicht, es gibt immer wieder so dumme Leute, die die Gleise überqueren. Das ist wohl das, was der Zugchef eben auch weis und daher auch die Sinnlosigkeit der Bestrafung einsieht.

  6. Andreas (schweizweit.net) am 19.11.2007 um 13:33

    Der Anteil der Schwarzfahrer im Regionalverkehr ist gesunken, als die SBB begann, stärker gegen sie vorzugehen. (Erhöhte Bussen beim zweiten und dritten Mal, Anzeige nach drei mal schwarz fahren etc.)

    Demnach machen Bussen und Bestrafungen durchaus Sinn. Klar gibt es immer Leute, für die sich das Risiko lohnt, allenfalls eine Busse zu erhalten.

    Der Grossteil der Menschen jedoch wird durch Strafen abgehalten, eine Straftat zu begehen.

    Wie würde unsere Welt wohl aussehen, gebe es keine Gesetze? Jeder könnte auf den Strassen so schnell fahren, wie es das Auto erlaubt, jeder könnte sein Haus dorthin bauen, wo es ihm beliebt (ungeachtet von Landwirtschafts- und anderen -zonen), jeder könnte seine Rechnungen dann begleichen, wenn er gerade Lust dazu hat und muss keine Angst vor Betreibungen oder ähnlichem haben.

    Nein, so würde die Welt nicht funktionieren. Es braucht Gesetze und Vorschriften, die das Zusammenleben regeln. Und es braucht Konsequenzen, die folgen, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.

    So sehe ich das. Mir ist jedoch auch klar, dass es Leute gibt, welche das leicht anders sehen.

  7. RAFF am 19.11.2007 um 13:58

    Meine Kinder wissen auch genau was sie dürfen und was nicht, halten sich aber nicht immer daran. Soll ich sie konsequent bei jedem Überschreiten der Regeln betrafen? Oder soll ich nicht eher darauf eingehen, warum das geschehen ist und manchmal auch sagen: „der Schreck sitzt so tief dass dies Strafe genug ist“?

    Wie würde die Welt wohl aussehen, wenn man nur nach Gesetz- und Regelbuch handelt und nie den gesunden Menschenverstand einsetzt? Auch Gesetze machen manchmal in gewissen Situationen keinen Sinn, so gut sie auch gemeint sind,

    Vielleicht haben die „Gleisüberschreiter“ einen genug grossen Schreck gehabt?

    Zudem wenn du schon schreibst: „Landquart ist dafür bekannt, dass immer wieder Menschen über die Gleise springen, um eine Abkürzung vom Parkplatz zu den Perrons zu nehmen.“ Dan wäre es doch höchste Zeit, dass die SBB bauliche Massnahmen unternimmt, um dies zu verhindern!
    Manchmal muss man die Ursachen, nicht die Symptome bekämpfen.

  8. Andreas (schweizweit.net) am 19.11.2007 um 14:22

    In Landquart gibt es zwei Unterführungen plus einen Bahnübergang mit Schranke, welche zum erwähnten Perron führen.

    Die Unterführungen sind immer geöffnet, der Bahnübergang ist bis wenige Minuten vor Ein- / Ausfahrt des Zuges ebenfalls frei passierbar. Die einzige “bauliche Massnahme” wäre also eine Überführung. Ob die mithelfen wird, das Problem zu entschärfen, bezweifle ich.

  9. RAFF am 19.11.2007 um 14:27

    Und zwischen Gleis und Parkplatz einen hohen Zaun?

  10. Steffi am 19.11.2007 um 14:37

    Man könnte auch die ganze welt zupflastern mit zäunen, mauern etc….weil mit gesundem menschenverstand hat gleise überschreiten nichts zu tun!!!

    wenn dabei nicht ein lokführer + zp, rettungskräfte, bestatter, der die teile zusammensammeln muss, (…) rollmaterial und schlussendlich auch die reisenden in mitleidenschaft gezogen würden, wärs mir echt egal wenn die idioten drunter kommen. allerdings gäbe es weitaus “sauberere” methoden sich das leben zu nehmen…

  11. RAFF am 19.11.2007 um 14:45

    Siehst du, dann wäre doch das errichten eines Zaunes genau dort eine einfache und saubere Problembekämpfung. :-)

  12. Steffi am 19.11.2007 um 15:13

    :-) ja klar hast du recht. wäre sicher auch einfacher als über oder unterführungen zu bauen, nur das problem ist, dass mann dann bei allen bahnhöfen und haltestellen das selbe machen müsste, was mit der zeit dann bald schonmal knastähnlich aussieht… eigentlich tragisch wenns so weit kommen müsste…

    ich meine, wenn einer sich das leben nehmen will ist das noch was anderes, aber wenns nur drum geht, nicht eine halbe stunde zu warten, weil man zu hause 5 minuten zu spät abgefahren ist (oder halt in stau gekommen ist, eigentlich ja egal wo man aufgehalten wird…) jedenfalls wenn man dann die (letzte) bekanntschaft mit einer lok macht, ist fraglich ob sich das lohnt. denn in den seltensten fällen überlebt man unverletzt. und wegen 5 minuten resp. 30 minuten ohne beine dazu…naja -(nichtmehr)stehen…

    wenn man bedenkt, dass eine lok alleine schon 80t wiegt…jetzt könnte man einen mathematiker fragen, was das für eine wucht ergibt, wenn die nur schon mit 30-40km/h angefahren kommt…

    ich kann nur sagen, “mein” steuerwagen hatte eine zünftige beule, brems und speise-leitung (nein da fliesst kein essen… ;o) ) waren komplett abgejagt, leitungen waren futsch… (wir kamen mit 120)

    was auch zu sagen ist, mit einer vollbremsung (mit magnetschienenbremsen) bei 120km/h brauchten wir vom aufprall 400 Meter bis wir standen (die bremsung wurde schon kurz vor dem aufprall eingeleitet) , und das bei steigendem “gelände” (weiss nicht wieviele promille)… es seien nur noch funken geflogen….

  13. RAFF am 19.11.2007 um 15:27

    Warum bei allen Bahnhöfen? Das ist doch wohl nicht überall so, dass man vom Parkplatz ungehindert über die Gleise kann? Kaum oder?

    Man könnte mit einem anderen Beispiel sagen: Alle Kreisel, die jetzt fast überall an Kreuzungen gebaut werden, sind doch überflüssig. Die Verkehrsregeln sind doch klar und wer sich nicht daran hält, wird bestraft. Fertig Schluss.
    Doch dank den Kreisel, geschehen zwar nicht wirklich weniger Unfälle, allerdings sind sie viel weniger schwer und somit mit weniger Personenschaden verbunden.

    Was ist nun wirklich schlauer? Nur auf Gesetz, Regel und Bestrafung zu setzen oder Massnahmen ergreifen, die es gar nicht so weit kommen lassen, dass was Schwerwiegendes geschieht?

    Das Thema war ja: Sollen diejenigen (Gleisüberquerer) nun bestraft werden oder nicht? Und was bringt es? Dass eine Begegnung der „bumsenden“ Art (Pardon) mit einem fahrenden Zug nicht angenehm ist, bezweifelt wirklich keiner. ;-)

  14. Andi am 19.11.2007 um 17:13

    @ Raff:
    Bist Du Dir bewusst, dass die meisten Gleisüberschreitungen nicht von Parkplatz zum Perron, sondern von Perron zu Perron gemacht werden? Willst Du wirklich immer einen Zaun vor dem Kopf haben, wenn Du zum Zugfenster herausschaust?

    Und zu Deinem Beispiel mit dem Strassenverkehr: Wieviele Schweizer sterben jährlich, weil sie von einem angetrunkenen Autofahrer angefahren werden? Willst Du da auch die Täter schonen, und den Verkauf von Alk in der Schweiz unterbinden?

    Man kann (leider) nicht alles Schlechte unterbinden und verhindern, aber Gesetzeswidrige sollen bestraft werden.

  15. RAFF am 19.11.2007 um 19:45

    @Andy:
    Es geht hier um die zwei Personen die in Landquart die Geleise überschritten haben und darum ob es hier in diesem Fall richtig war vom Zugschef, auf eine Anzeige zu verzichten. Ein Zaun würde dort in Landquart einige Gleisüberschreitungen wahrscheinlich verhindern. Lies bitte vorher oben den Beitrag „Gleise überschreiten ist (k)eine Straftat!“ und nicht nur die Kommentare.

    Zum Autoverkehr:
    Was ist den deine Logik? Weil besoffene Autofahrer Unfälle verursachen, sollen wir keine Kreisel fahren?

  16. Andreas (schweizweit.net) am 20.11.2007 um 00:58

    Interessant, welche Diskussionen sich hier entwickeln während ich am arbeiten bin (Chur - Biel - Chur). :)

    Klar, Zäune wären vom Nutzen her eine perfekte Lösung; rein optisch hingegen würde ich sie nicht empfehlen. Weder in Landquart noch sonstwo. Das würde absolut nicht toll aussehen.

    Zu den Beispielen, die Steffi ins Spiel gebracht hat:
    Ich staune immer wieder, was Menschen teilweise riskieren, nur um eine halbe Stunde früher am Ziel anzukommen. Da erlebt man teilweise schon sehr halsbrecherische Aktionen. Ich spreche hier nicht nur vom Gleise überschreiten sondern auch vom Aufspringen auf abfahrende Züge. Sowas kann verdammt weh tun und es gibt viele, die davon ein Liedchen singen können.

  17. Andi am 20.11.2007 um 04:57

    Auch nach dem 2. Durchlesen des Berichts bin ich immernoch der Meinung, es geht darin um das Überschreiten von Geleisen und deren Andung, egal wo und wann. Nicht nur in Landquart, nicht nur zu den Parkplätzen.

    Und in meinem Beispiel aus dem Strassenverkehr habe ich nichts von Kreiseln geschrieben (soviel zum Thema lesen ;-) ). Es war lediglich ein anderes Beispiel zur Ursachenbekämpfungs-Thematik. Nur einfach eines, das etwas auf die Spitze getrieben wurde…und bei dem die Bekämpfung der Ursache alle betreffen würde. Sorry, kam wohl zu wenig rüber.

  18. RAFF am 20.11.2007 um 08:32

    @Andi:
    Sorry, wir reden wohl irgendwie aneinander vorbei.

    Ich bin mit meiner Argumentation bezüglich Zaun, auf den spezifischen Fall von Landquart (was ja der Auslöser für diesen Beitrag im Blog war) eingegangen und du hast es allgemein gehalten. Ich will nur sagen das in diesen besagten Fall ein Zaun eine Lösung sein könnte. Bei Überschreitungen von Perron zu Perron (woher kommt eigentlich der Begriff Perron?) ist das was anderes.

    Zum Verkehr:
    Du schreibst: “Und zu Deinem Beispiel mit dem Strassenverkehr” also reagierst du mit deiner Argumentation bezüglich der alkoholisierten Autofahrer auf mein Beispiel mit dem Kreisel.

    Kurzgefasst: Ich bin der Meinung das es durchaus auch andere Massnahmen gib und braucht, um solche Probleme anzugehen und das Strafen alleine nichts bringt. Im Falle Landquart hätte ich auch wie der Zugführer gehandelt.

  19. Andreas (schweizweit.net) am 28.11.2007 um 11:16

  20. Gumbo am 18.07.2008 um 18:00

    Geleise überschreiten ist, abgesehen davon, dass dies nur Volldeppen tun, denen ihr eigenes Leben nichts wert ist, halt trotzdem eine Straftat (Störung des Bahnverkehrs).
    Seit die Perrons höher sind, machen es eher nur noch Jugendliche, um sich den Weg durch die Unterführung zu ersparen. Früher sah man ganze Auswandererfamilien samt Gepäck über die Karrenübergänge wandern. Horror!!!!

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