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Man erlebt ja schon vieles in meinem Beruf als Reisezugbegleiter. Aber auf sowas war ich nun trotzdem nicht gefasst:

Der Herr sass in meinem Zug und hatte kein Billett. Alles kein Problem, im Fernverkehr kann man ja noch nachlösen. Dummerweise hatte er zuwenig Geld dabei. Aber auch das ist kein Problem, da ich ihm eine Rechnung schreiben kann.

Alles in allem belief sich der Rechnungsbetrag auf knapp CHF 40.-. Daran wird wohl niemand finanziell zugrunde gehen. In diesem Moment gestand mir der Fahrgast, dass er bereits am Morgen in der S-Bahn ohne Billett erwischt worden sei und dort schon eine Rechnung für CHF 80.- erhalten habe; und da diese morgendliche Schwarzfahrt auch nicht seine erste in dieser Woche war, werde er wohl mehr als nur die CHF 80.- bezahlen müssen und dann seien ja auch noch die 80 Stutz von seiner vorletzten Schwarzfahrt… Nun komme auch noch meine Rechnung hinzu.

Er habe im Moment gerade finanzielle Probleme und könne doch alle diese Rechnungen nicht bezahlen. Mit feuchten Augen legte er mir dar, dass er eine Familie zu ernähren habe und deshalb froh sei um jeden Rappen, den er für seine Familie behalten könne.

Da ich mir solche herzzerreissende Stories von meinen Fahrgäste gewohnt bin, beharrte ich natürlich auf meiner Forderung. Schliesslich mache ich auch nur meinen Job und sollte alle Leute gleich behandeln.

Daraufhin erklärte er mir, er werde sich umbringen, wenn ich diese Rechnung nicht storniere. Er könne doch nicht nach Hause gehen und seiner Frau und seinen vier Kindern gegenüber zugeben, dass er dreimal ohne Billett erwischt worden sei. Seine Ehre wäre ruiniert. Und in zwei Monaten stünden bereits schon wieder die Weihnachten vor der Türe. Er wolle doch seinen Kindern etwas schenken. So wie alle anderen Väter auch etwas zu schenken hätten. “Weisch Man, han Familie man, verstosch??”, sagte er immer wieder.

Naja, dass er eine Familie zu ernähren hat, das hätte er sich schon vorher überlegen müssen, bevor er ohne Billett in die diversen Züge stieg. Da kann ich nun beim besten Willen nichts dafür. Und wenn er deshalb Probleme bekommt… Jänu denn halt. Und wenn er sich deswegen umbringen will: Wäre schade um ihn und seine Familie täte mir leid, aber verhindern kann ich es nicht.