Woher kommen die SBB-Ansagen?

von Andreas Hobi am 29. Oktober 2007 · 14 Kommentare

Oft erreichen mich Mails von Lesern mit Fragen zu allen möglichen Aspekten der SBB. Meistens lassen sich diese Mails in wenigen Sätzen beantworten und werden hier im Blog nicht weiters erwähnt. Anders sieht es mit dem Mail aus, welches mir Silvan von durchzug.info vor einigen Tagen schickte:

Hallo Andreas

Ich lese seit kurzem deinen Blog – bin nämlich via Swissstartups.com auf Schweizweit gekommen (Logo aus Indien :-)) Ich finde die Blogidee sehr spannend, sehr gut realisiert! Ich möchte mich kurz vorstellen: Ich bin ein SBB Fan der „neuen Generation“ , ich interessiere mich sehr für euer Durchsagesystem im Zug (Railvox) und am Bahnhof (Dispras).

Zusammen mit einem Kollegen sind wir schon bei der Ascom gewesen, die als Hersteller uns ein wenig instruierten. Leider habe ich von seitens der SBB nie eine genaue Antwort erhalten – ich fand nie den richtigen Ansprechpartner…

Ich pendle täglich auch zwischen Sissach / Basel und bin immer gespannt, wie sich die Zugbegleiter durchschlagen müssen, sei es mit den Passagieren oder mit.. den Ansagen. Nun habe ich eine Frage: Wie läuft das bei euch mit den Systemen? Soweit ich informiert bin, gibt es mehrere Systeme: Das Railvox (Blauer Kasten mit Telefonhörer) und das Apricot. Welches ist wo installiert? Im ICN und IR Doppelstöckler sind meineswissens die Railvox in Betriebe. Wie läuft das mit den Zugnummern, müssen diese vor Abfahrt an einem bestimmten Punkt eingegeben werden?

Müssen in gewissen Zügen die Ansagen manuell ausgelöst werden?

Ich freue mich sehr von dir zu hören!

Bester Gruss

Silvan

Da ich davon ausgehe, dass sich viele meiner Leser solche Fragen auch schon gestellt haben, entschloss ich mich, die Antwort gleich hier in einem eigenen Artikel zu geben. Im Mailverkehr mit Silvan hat er mich dann auch gleich auf seine Seite durchzug.info hingewiesen. Ich will jetzt in diesem Artikel nicht weiters auf diese Seite eingehen, denn ich denke, sie ist es durchaus wert, in einem weiteren separaten Artikel ausführlicher behandelt zu werden. :)

Also zuerst einmal vielen Dank für die Komplimente! (“sehr spannend, sehr gut realisiert”) Sowas hört man immer wieder gerne! :)

Um es vorweg zu nehmen: Da ich im Zug arbeite und nicht im Stellwerk / Fahrdienst kann ich auf das System Dispras nicht näher eingehen. Ich vermute mal, Du weisst über dieses System sogar mehr als ich. Was das Railvox anbelangt, sieht es natürlich vollkommen anders aus!

bin immer gespannt, wie sich die Zugbegleiter durchschlagen müssen, sei es mit den Passagieren oder mit.. den Ansagen

Ja, manchmal ist es echt übel: Da sind wir mitten im Wagen bei der Kontrolle und sollten dann aber auch schon bereits die Durchsage für die nächste Station ausgelöst haben. So entstehen dann eben jene Situationen, in welchen die Durchsage erst kommt, wenn der Zug bereits im Bahnhof still steht… Sehr zum Ärger der Fahrgäste.

Das Railvox (Blauer Kasten mit Telefonhörer) und das Apricot

Das Railvox ist in allen Doppelstockzügen, ICN, EW IV (AD) und in den Gepäckwagen (D) installiert. Das Steuergerät befindet sich dabei immer im AD (Erste Klasse + Gepäckabteil) oder im D (Gepäckwagen).

Railvox im Gepäckwagen

Bei Zügen mit älterem Wagenmaterial befindet sich das Railvox im Gepäckwagen (falls vorhanden). Wo kein Gepäckwagen, da kein Railvox mit computergenerierter Ansage. Sprich: Wenn kein Railvox vorhanden ist, müssen wir Live-Durchsagen “von Hand” machen.

Im Gepäckwagen geben wir jeweils die Zugnummern für den aktuellen Zug und bis zu zwei weitere Züge ein. Danach müssen wir jeweils vor jeder Station die Durchsagen per Knopfdruck auslösen. Sollten wir dies einmal vergessen oder sollten wir anderweitig verhindert sein, müssen wir zurück in den Gepäckwagen, um die Ansage wieder zu justieren. (Oder Live-Durchsagen machen.)

Bei den Live-Durchsagen haben wir auch die Möglichkeit, nur im aktuellen Wagen (in welchem wir uns gerade befinden) eine Ansage zu machen.

Railvox im Doppelstock-Zug

Bei den Doppelstockzügen haben wir schon mehr Möglichkeiten. Dort können wir zusätzlich noch die speziellen Aussenanschriften für die einzelnen Wagen programmieren. Zum Beispiel:

  • Wagen 1: Businessabteil
  • Wagen 2: Ruheabteil unten
  • Wagen 3: Reservierte Plätze
  • Wagen 4: Wagen geschlossen
  • Wagen 5: Reservierte Plätze
  • Wagen 6: Ruheabteil unten

Zudem haben wir im Doppelstöcker die Möglichkeit, nur in einem bestimmten Bereich des Zuges Durchsagen zu machen, so zum Beispiel nur in der ersten oder nur in der zweiten Klasse, nur im Speisewagen, nur in der Stammkomposition / Verstärkungseinheit oder nur in allen Nicht-Doppelstockwagen.

Railvox im ICN

Ganz modern schaut es im ICN aus. Dort müssten wir theoretisch nur noch einmalig am Morgen die erste Zugnummer eingeben, danach “weiss” das Railvox selber, welche Züge als nächstes folgen, so dass wir während des ganzen restlichen Tages keine weiteren Eingaben tätigen müssten. Da die Zusammenstellungen jedoch immer mal wieder geändert werden, (während der RushHour zwei Kompositionen, ansonsten eine, etc) müssen wir trotzdem immer wieder ins Railvox eingreifen. Ausserdem lösen wir jede Begrüssungsdurchsage (“Wir begrüssen Sie im ICN nach…”) selber aus. Die Unterwegshalte werden dann automatisch durchgesagt, ohne das wir uns darum kümmern. Vorallem in Pendlerzügen während der RushHour sind wir dankbar für diese Hilfe! ;o)

Sollte der Zug mal eine Viertelstunde still stehen, ändert sich die Anzeige ausserhalb des Zuges automatisch auf “bitte nicht einsteigen”.

Auch im ICN können wir wenn nötig ausschliesslich in einem bestimmten Teil des Zuges oder nur in der vorderen / hinteren Komposition (bei Doppel-ICN) eine Durchsage zu machen.

Im ICN haben wir ausserdem noch die Möglichkeit, automatisierte Durchsagen auszulösen. So zum Beispiel für die Frequenzerhebung (“Heute finden nebst der Fahrausweiskontrolle auch Erhebungen über die Art und die Benützung der Fahrausweise statt. Wir bitten Sie deshalb…”) oder für die Suche nach einem Arzt (“Diese Durchsage richtet sich an einen Arzt, eine Ärztin, eine Krankenschwester oder einen Krankenpfleger. Bitte begeben Sie sich…”). Vorteil dieses netten Features:

  • Durchsage erscheint automatisch in deutsch, französisch, englisch (teilw. italienisch)
  • Die Innenanzeige gibt die Durchsage auf verkürzte Art weiter, so dass man auch dann, wenn man die Ansage nicht gehört hat, weiss, was los ist

Allgemein

Mit dem Railvox können die Züge, welche über eine Aussenanzeige verfügen, auch als Extrazüge, Pressefahrt oder ähnliches beschriftet werden. Ausserdem verfügt jeder Bahnhof über einen Zahlencode, mit welchem wir die Aussenanzeige mit dem Namen eines bestimmten Bahnhofes beschriften können. Beispiel: “ZÜRICH HB”

Apricot

Das Apricot ist nur im Regionalverkehr im Einsatz; in jenen Zügen, welche generell nicht von Zugbegleitern begleitet werden. Den einzigen Hinweis auf Apricot habe ich in dieser im Internet frei verfügbaren Bedienungsanleitung gefunden.

Noch Fragen? Die Kommentare stehen für alle Leser offen!

© Foto SBB


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{ 13 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

bd Oktober 29, 2007 um 13:23

Eine urbane Legende erzählt, dass Jugendliche in einem offenbar älteren Zug die Lautsprecherdurchsage missbrauchten, da einer über den entsprechenden «Schlüssel» verfügte, um die Passagiere aus dem Zug zu jagen. Dichtung oder Wahrheit?

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Andi Oktober 29, 2007 um 14:24

Pfuuuh ihr armen… wusste gar nicht, dass das in älteren Kompositionen so ein mühsames Unterfangen ist. Ideal wäre natürlich eine “Fernauslösung” über eine Art Fernbedienung von jedem Ort im Zug aus, oder via SMS – aber die alten Kisten werden wohl kaum entsprechend umgerüstet…

Nun gut – so gravierend wie vor 15 Jahren ists auch nicht mehr: Ich erinnere mich noch an mein Pendlerdasein als Schüler zwischen Liestal und Itingen, da gabs um 12.28 Uhr ab Liestal einen 3-Wagen-Regio nach Olten mit vorgespannter Ae 4/7 und Wagen mit Türen in der Wagenmitte, die der Zugbegleiter alle manuell schliessen musste, wenn es mal Nicht-Stammpassagiere gab, welche die Türen hinter sich zu schliessen vergessen hatten! Heute müsste man für diesen Zug wohl einen Nostalgie-Aufschlag bezahlen…

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Andreas (schweizweit.net) Oktober 29, 2007 um 15:05

@ bd: Ganz klar Wahrheit: Man kann mit jedem Vierkantschlüssel die Kästen öffnen und schon hat man das Mikrofon in der Hand… Habe davon auch schon gehört, ist jedoch halb so wild; man macht dann halt selber kurz eine Durchsage, dass jemand das Durchsage-System missbrauche und man die Lautsprecherdurchsagen dieser Personen nicht beachten solle. Und dann hören die Täter auch von selbst wieder auf, weil sie ihr Ziel somit nicht mehr erreichen können.

Manchmal gibt es dann auch noch Fahrgäste, welche uns sagen können, wer es war und dann werden diese Personen zur Rechenschaft gezogen.

@ Andi: In Zukunft soll es möglich sein, via Handy im Zug Durchsagen zu machen. Immerhin etwas. ;o) Die Deutsche Bahn kennt das System mit einer Fernbedienung bereits.
Aber: Noch mehr Geräte mit mir herumschleppen? Nein danke!

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Silvan Oktober 29, 2007 um 16:01

Hallo Andi
Vielen Dank für diesen informativen Beitrag ;-), endlich tolle Informationen “aus erster Hand”. @bd: Es gibt einen Clip auf Youtube, in dem Jugendliche mit einem 4-Kantschlüssel das Railvox misbrauchen, um den Fahrgästen Freibier im Restaurant anzubieten…

@Andi: Du sprichst diese Durchsagen im ICN für Ärzte an, die kenne ich noch gar nicht. Werden diese auch von dieser tollen R-Rollenden Dame gesprochen?

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Andreas (schweizweit.net) Oktober 29, 2007 um 17:30

Die Stimme ist die gleiche wie bei den anderen Durchsagen. Ich weiss das, weil ich diese Arzt-gesucht-Durchsage einmal aus Versehen ausgelöst habe… *schäm* ;o)

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loner Oktober 29, 2007 um 17:51

Die Durchsage mit dem Arzt wird, jedenfalls wenn es so ist wie bei der BLS, von Irina Schönen gesprochen. Dort gibts auch noch ganz andere Durchsagen, die ich mal per glücklichen Zufall aufzeichnen konnte. Frohe Festtage und Co. waren da nur einige Müsterchen.

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Andreas (schweizweit.net) Oktober 29, 2007 um 18:10

Frohe Festtage und Co. waren da nur einige Müsterchen.

Wo kann ich diese Ansagen anhören? Hast Du die irgendwo auf Deinem Blog oder auf einer anderen Website?

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loner Oktober 29, 2007 um 18:19

Bei mir auf dem Blog gibts nur Standard-Durchsagen, die im Alltag auch zu hören sind (die waren eine Zeit auch auf durchzug zu hören, jetzt aber aus triftigen Gründen nicht mehr). Mit den nicht ganz alltäglichen Railvox-Durchsagen ist es so eine Sache… schreib mir doch bei Interesse mal eine Mail, damit ich mehr sagen kann.

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Chris Oktober 30, 2007 um 00:21

Lustig ist es dann, wenn ihr beim RailVox-System wo ihr die Ansagen noch drücken müsst, falsch klickt ;-) Dann treffen wir in Langenthal in Herzogenbuchsee ein ;-)

Seh ich das richtig, dass du immer einmal mehr dein Knöpfchen drücken musst für die ansage? Bzw das System dann eins weiter springt? Also wenn du eine nachricht überspringen willst zweimal drückem musst? oder wie kommen falschaussagen zustande?

Antworten

Andreas (schweizweit.net) Oktober 30, 2007 um 01:55

Wir müssen entweder direkt beim Railvox einmal einen Knopf drücken oder (wenn wir in einem anderen Wagen sind) beim Sicherungskasten viermal einen Knopf drücken.

Überspringen können wir jedoch nur am Railvox direkt. Deshalb habe ich oben auch erwähnt:

Danach müssen wir jeweils vor jeder Station die Durchsagen per Knopfdruck auslösen. Sollten wir dies einmal vergessen oder sollten wir anderweitig verhindert sein, müssen wir zurück in den Gepäckwagen, um die Ansage wieder zu justieren. (Oder Live-Durchsagen machen.)

Aber das tönt komplizierter als es ist. ;o)

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Andreas Hobi | schweizweit.net Mai 1, 2008 um 14:22

Linktipp: So denkt ein Fahrgast über die deutsche “SBB-Stimme” –> http://metro-m1.de/mm1/?p=56 ;o)

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Johannes Düring November 24, 2008 um 17:34

Zum System bei der Deutschen Bahn: Da kommen nur die Ansagetexte per SMS aufs Handy (Also in der Art: “Werte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Stuttgart Hbf auf Gleis 5. Dort erhalten sie Anschluss: … Wir bedanken uns für ihre Reise mit der Deutschen Bahn AG und wünschen ihnen noch einen schönen Tag/Abend, auf Wiedersehen” – zur Sprechstelle gehen muss man dann schon noch selber ;)

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eisenbahnkönig März 23, 2009 um 18:40

auch zum DB-System: Bei einer meiner Bahnfahrten (ICE 1608 München-Berlin-Hamburg[ICE T/BR 411]) habe ich bereits einmal den Zugchef mit dem Mobilteil des Telefons an Bord die Ansage ansagen gesehen und gehört. Deshalb muss ich Johannes Düring teilweise widersprechen: Natürlich könnte er auch ältere ICEs bzw. ICs gemeint haben. Jedoch ist die Ansage des Zugchefs im ICE T definitiv mit dem Mobilteil (Siemens glaub ich) von jeder Stelle im Zug auslösbar.

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