Oft erreichen mich Mails von Lesern mit Fragen zu allen möglichen Aspekten der SBB. Meistens lassen sich diese Mails in wenigen Sätzen beantworten und werden hier im Blog nicht weiters erwähnt. Anders sieht es mit dem Mail aus, welches mir Silvan von durchzug.info vor einigen Tagen schickte:

Hallo Andreas

Ich lese seit kurzem deinen Blog – bin nämlich via Swissstartups.com auf Schweizweit gekommen (Logo aus Indien :-)) Ich finde die Blogidee sehr spannend, sehr gut realisiert! Ich möchte mich kurz vorstellen: Ich bin ein SBB Fan der „neuen Generation“ , ich interessiere mich sehr für euer Durchsagesystem im Zug (Railvox) und am Bahnhof (Dispras).

Zusammen mit einem Kollegen sind wir schon bei der Ascom gewesen, die als Hersteller uns ein wenig instruierten. Leider habe ich von seitens der SBB nie eine genaue Antwort erhalten – ich fand nie den richtigen Ansprechpartner…

Ich pendle täglich auch zwischen Sissach / Basel und bin immer gespannt, wie sich die Zugbegleiter durchschlagen müssen, sei es mit den Passagieren oder mit.. den Ansagen. Nun habe ich eine Frage: Wie läuft das bei euch mit den Systemen? Soweit ich informiert bin, gibt es mehrere Systeme: Das Railvox (Blauer Kasten mit Telefonhörer) und das Apricot. Welches ist wo installiert? Im ICN und IR Doppelstöckler sind meineswissens die Railvox in Betriebe. Wie läuft das mit den Zugnummern, müssen diese vor Abfahrt an einem bestimmten Punkt eingegeben werden?

Müssen in gewissen Zügen die Ansagen manuell ausgelöst werden?

Ich freue mich sehr von dir zu hören!

Bester Gruss

Silvan

Da ich davon ausgehe, dass sich viele meiner Leser solche Fragen auch schon gestellt haben, entschloss ich mich, die Antwort gleich hier in einem eigenen Artikel zu geben. Im Mailverkehr mit Silvan hat er mich dann auch gleich auf seine Seite durchzug.info hingewiesen. Ich will jetzt in diesem Artikel nicht weiters auf diese Seite eingehen, denn ich denke, sie ist es durchaus wert, in einem weiteren separaten Artikel ausführlicher behandelt zu werden. :)

Also zuerst einmal vielen Dank für die Komplimente! (”sehr spannend, sehr gut realisiert”) Sowas hört man immer wieder gerne! :)

Um es vorweg zu nehmen: Da ich im Zug arbeite und nicht im Stellwerk / Fahrdienst kann ich auf das System Dispras nicht näher eingehen. Ich vermute mal, Du weisst über dieses System sogar mehr als ich. Was das Railvox anbelangt, sieht es natürlich vollkommen anders aus!

bin immer gespannt, wie sich die Zugbegleiter durchschlagen müssen, sei es mit den Passagieren oder mit.. den Ansagen

Ja, manchmal ist es echt übel: Da sind wir mitten im Wagen bei der Kontrolle und sollten dann aber auch schon bereits die Durchsage für die nächste Station ausgelöst haben. So entstehen dann eben jene Situationen, in welchen die Durchsage erst kommt, wenn der Zug bereits im Bahnhof still steht… Sehr zum Ärger der Fahrgäste.

Das Railvox (Blauer Kasten mit Telefonhörer) und das Apricot

Das Railvox ist in allen Doppelstockzügen, ICN, EW IV (AD) und in den Gepäckwagen (D) installiert. Das Steuergerät befindet sich dabei immer im AD (Erste Klasse + Gepäckabteil) oder im D (Gepäckwagen).

Railvox im Gepäckwagen

Bei Zügen mit älterem Wagenmaterial befindet sich das Railvox im Gepäckwagen (falls vorhanden). Wo kein Gepäckwagen, da kein Railvox mit computergenerierter Ansage. Sprich: Wenn kein Railvox vorhanden ist, müssen wir Live-Durchsagen “von Hand” machen.

Im Gepäckwagen geben wir jeweils die Zugnummern für den aktuellen Zug und bis zu zwei weitere Züge ein. Danach müssen wir jeweils vor jeder Station die Durchsagen per Knopfdruck auslösen. Sollten wir dies einmal vergessen oder sollten wir anderweitig verhindert sein, müssen wir zurück in den Gepäckwagen, um die Ansage wieder zu justieren. (Oder Live-Durchsagen machen.)

Bei den Live-Durchsagen haben wir auch die Möglichkeit, nur im aktuellen Wagen (in welchem wir uns gerade befinden) eine Ansage zu machen.

Railvox im Doppelstock-Zug

Bei den Doppelstockzügen haben wir schon mehr Möglichkeiten. Dort können wir zusätzlich noch die speziellen Aussenanschriften für die einzelnen Wagen programmieren. Zum Beispiel:

  • Wagen 1: Businessabteil
  • Wagen 2: Ruheabteil unten
  • Wagen 3: Reservierte Plätze
  • Wagen 4: Wagen geschlossen
  • Wagen 5: Reservierte Plätze
  • Wagen 6: Ruheabteil unten

Zudem haben wir im Doppelstöcker die Möglichkeit, nur in einem bestimmten Bereich des Zuges Durchsagen zu machen, so zum Beispiel nur in der ersten oder nur in der zweiten Klasse, nur im Speisewagen, nur in der Stammkomposition / Verstärkungseinheit oder nur in allen Nicht-Doppelstockwagen.

Railvox im ICN

Ganz modern schaut es im ICN aus. Dort müssten wir theoretisch nur noch einmalig am Morgen die erste Zugnummer eingeben, danach “weiss” das Railvox selber, welche Züge als nächstes folgen, so dass wir während des ganzen restlichen Tages keine weiteren Eingaben tätigen müssten. Da die Zusammenstellungen jedoch immer mal wieder geändert werden, (während der RushHour zwei Kompositionen, ansonsten eine, etc) müssen wir trotzdem immer wieder ins Railvox eingreifen. Ausserdem lösen wir jede Begrüssungsdurchsage (”Wir begrüssen Sie im ICN nach…”) selber aus. Die Unterwegshalte werden dann automatisch durchgesagt, ohne das wir uns darum kümmern. Vorallem in Pendlerzügen während der RushHour sind wir dankbar für diese Hilfe! ;o)

Sollte der Zug mal eine Viertelstunde still stehen, ändert sich die Anzeige ausserhalb des Zuges automatisch auf “bitte nicht einsteigen”.

Auch im ICN können wir wenn nötig ausschliesslich in einem bestimmten Teil des Zuges oder nur in der vorderen / hinteren Komposition (bei Doppel-ICN) eine Durchsage zu machen.

Im ICN haben wir ausserdem noch die Möglichkeit, automatisierte Durchsagen auszulösen. So zum Beispiel für die Frequenzerhebung (”Heute finden nebst der Fahrausweiskontrolle auch Erhebungen über die Art und die Benützung der Fahrausweise statt. Wir bitten Sie deshalb…”) oder für die Suche nach einem Arzt (”Diese Durchsage richtet sich an einen Arzt, eine Ärztin, eine Krankenschwester oder einen Krankenpfleger. Bitte begeben Sie sich…”). Vorteil dieses netten Features:

  • Durchsage erscheint automatisch in deutsch, französisch, englisch (teilw. italienisch)
  • Die Innenanzeige gibt die Durchsage auf verkürzte Art weiter, so dass man auch dann, wenn man die Ansage nicht gehört hat, weiss, was los ist

Allgemein

Mit dem Railvox können die Züge, welche über eine Aussenanzeige verfügen, auch als Extrazüge, Pressefahrt oder ähnliches beschriftet werden. Ausserdem verfügt jeder Bahnhof über einen Zahlencode, mit welchem wir die Aussenanzeige mit dem Namen eines bestimmten Bahnhofes beschriften können. Beispiel: “ZÜRICH HB”

Apricot

Das Apricot ist nur im Regionalverkehr im Einsatz; in jenen Zügen, welche generell nicht von Zugbegleitern begleitet werden. Den einzigen Hinweis auf Apricot habe ich in dieser im Internet frei verfügbaren Bedienungsanleitung gefunden.

Noch Fragen? Die Kommentare stehen für alle Leser offen!

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